Ratgeber

Mein Sohn (4) will auf die Windel nicht verzichten

Anton ist jetzt vier Jahre alt und geht immer noch nicht alleine zur Toilette. Er verlangt konsequent eine Windel für sein großes Geschäft. In der Kita haben die Erzieherinnen diesbezüglich keine Probleme, weil er dort gar nicht muss. Allerdings zeigt er sich oft sehr widerspenstig, besonders wenn es um Anforderungen geht oder um Konflikte mit anderen Kindern. Simone P., per E-Mail

Zunächst muss vom Kinderarzt abgeklärt werden, dass keine körperliche Ursache für die Probleme vorliegt. Häufig neigen Kinder mit diesem Verhalten allerdings zur Verstopfung. Dennoch kann man an diesem Beispiel gut beobachten, wie seelische Regungen sich in körperlichen Symptomen ausdrücken: Das Zurückhalten von Stuhl und die Schwierigkeiten, nur unter besonderen Umständen zur Toilette gehen zu können weisen auf Probleme hin, die mit Anpassung an Regeln und soziale Gewohnheiten zu tun haben. Das sieht man bei Anton auch an seinen zusätzlichen Auffälligkeiten im Sozialverhalten. Es geht nun darum, herauszufinden warum das Kleinkind oppositionell reagiert, sich selbst andauernd Ärger mit seiner Umgebung einhandelt und schließlich sogar körperlich leidet, denn oft führt der krampfhafte Stuhlverhalt ja zu Schmerzen und Beschwerden, es kann sogar dazu kommen, dass der Stuhl unbeabsichtigt in die Hose geht. Häufig erscheinen die betroffenen Kinder eigensinnig und stur, was leider oft zu Machtkämpfen mit den Eltern und Erzieher führt. Dahinter steht meist aber eine große Unsicherheit im Umgang mit sich selbst und anderen. Sie empfinden das "Abgeben" und das Aushandeln von Kompromissen als einen Verlust von Teilen von sich selbst. Wenn sie sich auf Vorgaben und Hinweise von Erwachsenen einlassen, befürchten sie den Verlust von Eigenständigkeit und Selbstbestimmung. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Selbstbestimmung ist ja gerade die Fähigkeit, auf kleine Dinge zu verzichten (zum Beispiel zu bestimmen, wo Anton seinen Stuhl absetzt oder was gespielt wird) um Wichtigeres zu gewinnen (gute Beziehungen sind eigentlich das größte Ziel für Kinder). Anton wird das besser verstehen und annehmen können, wenn sie als Eltern gemeinsam mit den Erzieherinnen auf Machtkämpfe nicht eingehen und Anton auf anderen Wegen Gelegenheit geben, seine Selbstbestimmung zu fördern.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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