Ratgeber

Heile Familie - woher kommen die Selbstmordgedanken?

In unserem Bekanntenkreis gibt es eine sehr nette Familie, von denen ich jetzt gehört habe, dass die 14-jährige Tochter Selbstmordabsichten geäußert hat. Das ist mir sehr nahe gegangen, denn ich hatte das gar nicht vermutet, weil das Mädchen immer einen sehr stillen, aber freundlichen Eindruck gemacht hat und die Eltern sehr liebevoll sind. Die Familie funktioniert sehr gut und hat keine sozialen Probleme. Birgit P., per E-Mail

An dem Beispiel ihrer Freunde sehen Sie, dass die Seele ein geheimer Ort ist, der - natürlich - nicht alles nach außen trägt. Es ist ja gerade die Kunst, das notwendige Maß der Preisgabe zu finden, damit unsere Beziehungen zu anderen lebendig und fruchtbar sind, aber gleichzeitig die innere Freiheit und Selbstständigkeit zu bewahren. Es versteht sich von selbst, dass dies vom materiellen und sozialen Stand unabhängig ist! Mir ist immer wieder wichtig, dass auch die Menschen aus so genannten "guten Verhältnissen" psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfen in Anspruch nehmen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass diese Gesellschaftskreise insofern richtiggehend benachteiligt sind. Falsch verstandene Moralvorstellungen und die dazugehörige Scham sorgen dafür, dass dieser Zustand der Unterversorgung erhalten bleibt. Sie können sich selbst vorstellen, welche schlimmen Folgen das im Fall ihrer Freunde haben könnte: der Selbstmord ist bei Kindern und Jugendlichen eine der häufigsten Todesursachen! Andererseits kommen lebensmüde Gedanken in der Pubertät häufig vor, und deshalb ist es wichtig, dass für die von Ihnen beschriebene Jugendliche rasch fachliche Klärung erfolgt. In ganz Deutschland ist dazu die psychiatrische Versorgung in Regionen eingeteilt, und die jeweils zuständigen Kliniken müssen Jugendliche nicht nur "geschlossen unterbringen", wenn sie gefährlich für andere sind, sondern auch einen Schutzraum für die stillen Probleme bereitstellen. Der Weg für ihre Freunde dorthin wird umso leichter, je mehr die nicht betroffenen "Bekannten" - und damit wir alle - das Vorurteil abarbeiten, die Psychiatrie sei ein Ort für sozial Schwache und "Verrückte".

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

Morgen berät Sie Dr. Heidemarie Arnhold zu Erziehungsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an: familie@morgenpost.de