Sprechstunde

Mein Sohn wächst so schnell - muss ich mir Sorgen machen?

Sabina S. aus Mitte fragt: Mein zwölfjähriger Sohn Heinrich wächst gerade so schnell. Es scheint mir, dass mit dem beginnenden Frühling wie die Pflanzen auch mein Sohn plötzlich in die Höhe sprießt. Die ganzen alten Sommersachen aus dem vergangenen Jahr passen auch nicht mehr. Heinrich war schon immer groß - so wie wir: Ich bin 170 cm und sein Vater ist 190 cm. Ist so ein Wachstumsschub normal?

Wie ich schon einmal in dieser Kolumne geschrieben habe, ist das normale Längenwachstum bei Kindern und gerade im Alter Ihres Sohnes sehr unterschiedlich. Der Normalbereich der Körpergröße im Alter von zwölf Jahren umfasst ca. 30 cm, so dass der kleinste und der größte "normale" zwölfjährige Junge sich um eine ganze Kopflänge unterscheiden können. Gerade im Alter Ihres Sohnes spielt für das Wachstum vor allem auch die einsetzende Pubertät eine entscheidende Rolle.

Im Verlauf der körperlichen Reifung wird in der Pubertät das Wachstum durch die Pubertätshormone stark beschleunigt. Das Wachstum verläuft auch nicht ganz gleichmäßig. Sehr genaue tägliche Messungen des Wachstums haben gezeigt, dass das Längenwachstum in Schüben von mehreren Monaten verläuft, ohne dass wir wissen, wie diese Unterschiede zustande kommen. Es gibt also viele Gründe, die erklären können, dass Ihr Sohn gerade jetzt in seinem Alter von 12 Jahren bei der wahrscheinlich begonnenen Pubertät einen solch kräftigen Wachstumsschub erlebt hat.

Um das Wachstum besser beurteilen zu können, werden die Längendaten der Kinder und Jugendlichen bei den Vorsorgeuntersuchungen in das "Gelbe Heft" eingetragen, so auch bei den seit einiger Zeit etablierten Jugendvorsorgeuntersuchungen. Aus diesen Eintragungen kann man leicht ablesen, ob das Wachstum aus dem Rahmen fällt - wir sprechen von den Wachstumsperzentilen - und ob Ihr Sohn überproportional schnell gewachsen ist und sich jetzt tatsächlich weiter vom normalen Bereich des Wachstums entfernt hat. Auch spielt die Elterngröße eine wichtige Rolle bei der Beurteilung des Wachstums. Generell gilt, dass große Eltern auch eher große Kinder bekommen. Man kann die rein statistische Größenerwartung eines Kindes anhand der Elterngröße errechnen: Für Ihren Sohn ergibt das eine statistisch zu erwartende Endgröße von 186,5 cm. Wie gesagt, das ist eine rein statistische Aussage, wovon es viele Ausnahmen gibt. Aber es hilft uns, das Wachstum der Kinder besser zu beurteilen. Erst im Fall einer überproportionalen Beschleunigung des Wachstums oder eines Wachstums, das weit oberhalb der statistisch zu erwartenden Größe liegt, würden wir uns als Kinderärzte Sorgen machen und über eine mögliche Erkrankung nachdenken. Es gibt sehr seltene Störungen, die zu einem beschleunigten Wachstum führen; zum Beispiel kann ein gutartiger Tumor der Hirnanhangdrüse vorliegen, der zu viel Wachstumshormon ausschüttet, oder es kann eine Bindegewebeerkrankung vorliegen, bei der die Kinder weiche, überstreckbare Gelenke haben, sehr schlank sind und schnell wachsen, das sogenannte Marfan-Syndrom. Diese Störungen sind aber sehr selten und liegen sehr wahrscheinlich bei Ihrem Sohn nicht vor.

Heiko Krude ist Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin