Ratgeber

Meine Tochter klagt über Schmerzen, aber die Ärzte finden nichts

Ich weiß mit meiner Tochter Janina nicht mehr weiter. Ständig klagt sie über Schmerzen in den Armen und Beinen. Wir waren schon oft beim Arzt, und es wurde nichts gefunden. Sogar in der Kinder-Rheumasprechstunde waren wir, aber dort hat man uns zu einer Psychologin geschickt. Was soll das nützen?

Ich glaube manchmal, dass Janina mich ärgern will, weil sie meist klagt, wenn ich gerade wegwill oder mich nicht sofort um sie kümmern kann. Als Alleinerziehende habe ich viele Verpflichtungen, und es ist sowieso alles schlimmer geworden, seit mein Ex-Mann uns vor drei Jahren verlassen hat.

Sarah S., Lankwitz

Leider schreiben Sie gar nicht, wie alt Ihre Tochter ist. Vielleicht ist das auch nicht so wichtig, denn das Thema der Schmerzen scheint schon längere Zeit in der Beziehung zu Ihrer Tochter eine große Rolle zu spielen. Zwischen Ihren Zeilen kann man vermuten, dass sich ein mühevoller und beschwerlicher Alltag eingespielt hat. Es wäre ganz und gar ungewöhnlich, wenn ein Kind diesen Zustand im Ernst aufrechterhalten möchte, wie Sie vermuten, um Sie zu ärgern. Wahrscheinlicher ist es, dass eine seelische Belastung nicht richtig verarbeitet wurde.

Es kommt sehr häufig vor, dass Menschen unangenehme Erlebnisse nicht gerne vor Augen haben, dass sie versuchen, diese schnell zu verdrängen. Insbesondere Trennungen werden auf sehr verschiedene Art und Weise bewältigt, und bei manchen spielt der Ausdruck von Trauer in körperlichen Symptomen eine große Rolle. Vielleicht drückt Janina den inneren Schmerz als körperliches Erleben aus. Vielleicht fühlt sie sich auch so eng mit der Mutter verbunden, dass sie das für Sie mit übernimmt? So gesehen können Sie Janina dankbar sein, dass sie Sie immer daran erinnert, dass noch etwas zu erledigen ist. Die Schmerzen könnten dann auch bedeuten, dass Ihre Tochter bereit ist, etwas auszuhalten, wenn Sie als Mutter sich intensiver mit Ihrer Familiengeschichte beschäftigen. Ich vermute, es würde das Kind entlasten.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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