Sprechstunde

Muss mein Sohn kortisonhaltige Sprays benutzen?

Miriam B. aus Zehlendorf fragt: Mein Sohn Bruno ist sieben Jahre alt. Unser Kinderarzt hat bei ihm Asthma diagnostiziert und empfohlen, ihn mit kortisonhaltigen Sprays zu behandeln. Mein Mann und ich sind irritiert und planen den Arzt zu wechseln, wissen wir doch um die schweren Risiken einer Kortisonbehandlung.

Das kindliche Asthma bronchiale, eine der häufigsten chronischen Erkrankungen im ersten Lebensjahrzehnt überhaupt, ist charakterisiert durch eine chronische Entzündung der Atemwege, die durch Erkältungen, Kontakt mit allergieauslösenden Stoffen aus der Umwelt ebenso verstärkt werden kann wie durch längere körperliche Belastung nach Sport in der Schule oder im Verein. Die Krankheit tritt phasenweise auf und zeigt sich durch episodenhaften Husten, leichte oder auch schwer erträgliche Luftnot.

Während früher bronchial-erweiternde Medikamente mit meist nur kurzfristiger Wirkung im Mittelpunkt der antiasthmatischen Behandlung standen, sind es heute Stoffe, die vor Ort, d.h. auf der bronchialen Schleimhaut den Entzündungsprozess kontrollieren und damit die Asthmabereitschaft vorbeugend vermindern. Hier haben sich in den letzten vier Jahrzehnten Weiterentwicklungen des schon länger bekannten Kortisons nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Schulkinder und Kleinkinder bewährt.

Aus der Vergangenheit wissen Ärzte, dass die längerfristige Gabe hoher Dosen von Kortison gerade bei wachsenden Organismus Risiken mit sich bringen kann. Die eigene Hormonsekretion beim Kind kann ungünstig beeinflusst werden, das Wachstum ist in Abhängigkeit von Dauer und Intensität der Behandlung unter Umständen vermindert.

Bei Kenntnis aller Risiken war es in den 70e-Jahren geradezu sensationell zu beobachten, dass bestimmte Weiterentwicklungen aus der Kortisonfamilie, die man über die Atemwege direkt auf die Bronchien bringen konnte, all diese Nebenwirkungen nicht mehr auftreten ließen. Die Behandlungsprinzipien wurden in den letzten 30 Jahren weiter verbessert, so dass wir heute glücklich sind, von einem Durchbruch in den Behandlungsmöglichkeiten sprechen zu können.

Zwar ist nach wie vor das kindliche Asthma mit die häufigste chronische Kinderkrankheit. Gleichwohl gelingt es bei gut gesteuerter vorbeugender Inhalationsbehandlung, für die oft nur niedrigste Dosen dieser neuen Generation von Medikamenten erforderlich sind, für Kinder und deren Familien eine ungestörte Nachtruhe zu erzielen, eine normale Aktivität im Schul- und Freizeitbereich und gleichzeitig eine völlig normale körperliche Entwicklung und Persönlichkeitsreifung. Auch wenn es Risiken gibt, die vor allem für Kinder mit höherer Dosis mitunter beobachtet werden, so sehen wir Kinderärzte diese in erfreulicher Seltenheit und meist harmloser Ausprägung.

Erfahrene Kinderärzte sind geübt im sorgfältigen Abwägen von Risiken und jedweder Behandlung. Am Ende ist entscheidend, dass mit Hilfe der modernen Medizin die Lebensqualität des betroffenen Kindes günstig beeinflusst werden kann. Eine kritische Durchsicht der Ergebnisse vieler weltweiter Studien aus den letzten zwei Jahrzehnten lässt uns heute mit großer Erleichterung feststellen, dass die vorbeugende Inhalationsbehandlung mit modernen niedrig dosierten Kortisonsprays oder Pulverpräparaten ganz eindeutig mehr Hilfe und Nutzen für die Betroffenen verspricht als Risiken. Ihr Kinderarzt hat dies sorgfältig erwogen und Sie richtig beraten.

Ulrich Wahn Facharzt für Kindermedizin und Allergologie