Ratgeber

Unser Sohn hat sich völlig zurückgezogen

Unser Sohn Johann (15) macht uns zunehmend Sorgen. Er war schon immer ein stiller Typ, jetzt zieht er sich noch mehr von uns und seinen Freunden zurück. Wir wissen zwar, dass viele Jugendliche ausgiebig mit dem PC spielen, aber bei ihm geht das so tief bis in die Nacht, dass er immer öfter morgens den Schulanfang verpasst. Essen und Trinken, Körperpflege - es scheint ihm alles egal zu sein. Johann hat nie viel über seine Gefühle gesprochen, aber jetzt wirkt er richtig unglücklich. Mit uns will er nicht darüber reden. Wir kommen nicht mehr an ihn heran. Carsten P., per Email

Das hört sich sehr verzweifelt an... Sie beschreiben eine Situation, die sich über längere Zeit hingezogen hat. Dadurch ist Ihre große Ratlosigkeit verständlich, weil es offensichtlich keinen konkreten Ausgangspunkt für die Probleme gibt und die Situation sich schleichend verschlechtert hat. Sie beschreiben eine chronische Form von Stimmungsstörung, die schwer zu erkennen ist im Gegensatz zu einer akuten Phase mit Traurigkeit, Antriebslosigkeit und sozialem Rückzug, die klar vom sonstigen Verhalten abzugrenzen ist. In diesem Fall sprechen wir von einer "depressiven Episode" mit relativ klarem Beginn und Ende. Der chronisch-schleichende Verlauf bei Johann macht es nötig, dass Sie einen Arzt oder Psychologen aufsuchen, der verschiedene Testuntersuchungen durchführt. Medikamente helfen eher nicht, sondern regelmäßige Gespräche im Rahmen einer Psychotherapie. Dort wird es darum gehen, dass Johann wieder eine andere Person als "Gegenüber" kennen lernt, von der er wieder erfahren kann, dass der Mensch zunächst ein Seelenwesen ist, dass auf emotionale Nahrung angewiesen ist. Aber auch eine körperliche Untersuchung durch den Hausarzt ist notwendig. Hilfreich sind auch Sport und aktive Freizeitgestaltung, er braucht eine Tagesstruktur. Meist können die Eltern das nicht so gut vermitteln, deshalb würde man auch über den Einsatz einer sozialpädagogischen Familienhilfe nachdenken. Es bleibt zu hoffen, dass durch diese Reihe von Maßnahmen Johann wieder den Weg zu sich selbst und in die Gemeinschaft findet.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

Morgen berät Sie Dr. Heidemarie Arnhold zu Erziehungsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an: familie@morgenpost.de