Sprechstunde

Meine Enkelin isst wie ein Spatz. Wie bekommt sie mehr Appetit?

Gertrud F. aus Buckow: Meine dreijährige Enkelin Emma entwickelt sich eigentlich prächtig. Sie war auch noch nie schwer krank. Aber das Essen ist ein riesiges Problem - zumindest aus meiner Sicht als Großmutter. Sie will nie essen, obwohl ich Sie immer sehr verwöhnen möchte, und isst immer so kleine Spatzen-Mahlzeiten. Ich finde sie auch sehr dünn, Was kann ich denn da machen?

Viele Eltern und Großeltern machen sich Sorgen, dass Ihre Kinder und Enkel nicht genügend essen. In den allermeisten Fällen ist aber die Sorge nicht begründet, und die Kinder essen so viel, wie sie selbst für eine normale Entwicklung und ein normales Wachstum benötigen. Es ist faszinierend, wie gut die Menge an Kalorien, die ein Kind zum Wachsen benötigt, tatsächlich täglich aufgenommen wird. Müssten wir als Eltern und Großeltern jeden Tag darauf achten, dass Kinder die Nahrungsmenge, die sie für ihren Bedarf benötigen, auch wirklich essen, wäre das eine schwierige Situation. Glücklicherweise wird die tägliche Nahrungsaufnahme durch eine "innere Waage" genau geregelt. Die Kinder nehmen individuell sehr unterschiedlich viel zu sich, so verspeist jedes Kind automatisch die richtige Menge. Die Natur hat das sehr gut eingerichtet, sodass wir im täglichen Leben nicht "verhungern", nur weil wir vergessen zu essen - oder dadurch, dass Emma als Kind nicht weiß, wie viel sie essen sollte. Prinzipiell gilt: Gesunde Kinder, die genügend Nahrung angeboten bekommen, verhungern nicht!

Es gibt natürlich viele Erkrankungen, die dazu führen, dass Kinder keinen Appetit mehr haben und Gewicht verlieren. Zum Beispiel haben viele Kinder mit chronischen Erkrankungen einen schlechten Appetit, das gilt besonders für Erkrankungen des Magen-Darmtraktes, aber auch für Nierenerkrankungen. Auch kann es extreme psychische Belastungssituationen geben, in denen Kinder weniger essen und abmagern. Die Magersucht der jugendlichen Mädchen ist auch eine solche Erkrankung, bei der eine Störung der Essverhaltens zur Unterernährung führt. Aber diese Kinder sind, anders als Ihre Enkelin Emma, so krank, dass man schnell erkennt, dass sie eigentlich ein anderes Problem haben.

In den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen der Kinderärzte werden immer das Gewicht und die Größe gemessen und in die Normalwertkurven eingetragen, die sogenannten Perzentilen. Hierbei sehen wir, wie Kinder wachsen und wie sie an Gewicht zunehmen. Das kann bei eher kräftigen Kindern auf einem hohen Niveau sein oder bei eher dünnen Kindern auf einem niedrigen, aber normalen Gewichtniveau sein. Wichtig ist, dass sie in ihrem individuellen Bereich gleichmäßig wachsen und zunehmen. Bei Emma im Alter von drei Jahren ist etwa die Gewichtszunahme nur sehr gering im Verhältnis zum Längenwachstum, sodass alle Kinder in diesem Alter viel dünner erscheinen als noch mit ein bis zwei Jahren, als sie sich ihren Babyspeck angefuttert hatten. Solange die Kinder auf diesen "Normallinien" für Wachstum und Gewicht liegen, können Sie sich beruhigen und Emma so viel essen lassen, wie sie möchte, auch wenn es Ihnen so wenig erscheint. Dann passt die Nahrungsaufnahme genau zu ihrem Bedarf. Nur wenn Kinder von diesen Linien abweichen, muss man sich Sorgen machen und die Ursache herausfinden.

Heiko Krude ist Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin