Ratgeber

Ist psychologische Hilfe beim Abnehmen wirklich nötig?

Unsere Tochter Melanie (11) war schon immer ein "Pummelchen". Jetzt hat der Kinderarzt zu einer Behandlung in einer speziellen Ambulanz für übergewichtige Kinder geraten, weil er bei der Blutuntersuchung Veränderungen im Stoffwechsel festgestellt hat. Gleichzeitig hat er zu psychologischer Hilfe geraten. Ist das nun eine körperliche oder eine seelische Krankheit? Wir denken, Melanie muss einfach abnehmen! Familie S. aus Mitte

Ja, wenn das so einfach wäre! Übergewicht (Adipositas) ist ja nur das sichtbare Zeichen einer komplizierten Problematik, die sowohl mit körperlichen als auch mit psychologischen Faktoren zu tun hat.

Sie beobachten schon länger, dass Melanie Gewichtsprobleme hat. Vermutlich hat sie selbst schon lange damit zu kämpfen, als "Pummelchen" bezeichnet zu werden. Das ruft erhebliche Frustration und Ärger hervor, die betroffenen Kinder wollen das natürlich nicht. Nun gibt es leider eine einfache Lösung, um die unangenehmen Gefühle wegzumachen: Essen. So wenig, wie dies wirklich eine Lösung ist, so ist es auch mit der Behandlung: "einfach nur abnehmen" ebenso zu kurz gegriffen... Wir sehen einen Teufelskreis aus Übergewicht-Frust-Essen, der sich seit langem eingeschlichen hat. Natürlich spielen auch körperliche Bedingungen eine Rolle. Genetische Faktoren sind für eine Neigung zum Dickwerden fast immer beteiligt, allerdings nur sehr, sehr selten der alleinige Grund. Die Veränderungen im Stoffwechsel (metabolisches Syndrom), die der Kinderarzt festgestellt hat, sind aber wahrscheinlich eher Folge als Ursache. Eine körperliche Erklärung, die alleine die Fehlfunktion von Hormonen oder Organen beschreibt ist also nicht ausreichend. Die Tatsache, dass Diätpläne alleine meist nicht helfen oder sogar verschlimmern ("Jojo-Effekt") weist tatsächlich auf psychologische Faktoren hin: Welche Strategien haben Kinder, um mit Frustration umzugehen? Können sie auch einmal "etwas aushalten"? Haben sie ein gesundes Körpergefühl? Wie steht es um das Selbstwertgefühl, unabhängig von der körperlichen Erscheinung und um den Willen, sich angemessen auszudrücken?

Dabei geht es ein wenig so wie mit der Henne und dem Ei: Die körperlichen Neigungen und die seelischen Gewohnheiten führen zu einer gegenseitigen negativen Verstärkung. Aufgabe der Spezialambulanz ist es, Melanie und ihren Eltern zu helfen, beide Aspekte gleichwertig zu betrachten.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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