Ratgeber

Von der Mutter krank gemacht: Wie erklären wir das dem Pflegekind?

Vor einem Jahr haben wir einen Zehnjährigen als Pflegekind aufgenommen. Fritz kam zu uns, weil seine Mutter ihm über Jahre Medikamente gegen Epilepsie gegeben hatte, die gar nicht nötig waren. Er macht sich große Sorgen über seine Gesundheit und möchte immer wieder zum Arzt Außerdem vermisst er seine Mutter sehr und sagt, sie habe sich besser um ihn gekümmert. Wir wissen aber, dass ein Münchhausen-Stellvertretersyndrom vorliegt, was die Trennung von der Mutter notwendig machte. Was sollen wir tun? Familie S., per E-Mail

Das Münchhausen-Stellvertretersyndrom ist eines der schwersten kinder- und jugendpsychiatrischen Krankheitsbilder, es kann nur schwer diagnostiziert werden. Es zieht sich oft über viele Jahre hin, sodass die Kinder fest in der "Münchhausen-Welt" verankert sind und schwer herausfinden. Daher hat die Störung ja auch ihren Namen. Diese besondere Form des Kindesmissbrauchs besteht ja darin, dass das blinde Vertrauen des Kindes in seine Eltern ausgenutzt wird. Für uns alle ist es schwer zu verstehen, dass die betroffenen Mütter einen emotionalen Gewinn davon haben, ihre Kinder für krank zu erklären und endlos Ärzten vorzustellen. Fritz hat von Anfang an gedacht, er habe eine Epilepsie, und deshalb fällt es ihm schwer, jetzt zu glauben, dass er keine Medikamente braucht. Außerdem besteht einer der wenigen "Nachteile" des menschlichen Bindungsverhaltens darin, dass ein Kind sich zunächst immer und unkritisch auch an missbrauchenden Bindungspersonen festhält. Zunächst sollten Sie versuchen, ihn in seiner, von der Mutter verdrehten, Welt verstehen zu lernen und "abzuholen". Man kann ihm erklären, dass sein Drang zu Ärzten dadurch begründet ist, dass er so sehr daran gewöhnt wurde, fast wie bei einer Sucht. Gerade dadurch ist das Suchen nach seiner Mutter verständlich, die diesem Drang immer nachgegeben hat. Er kann aber auch verstehen, dass Ärzte, Sozialarbeiter und Jugendamt sich viele Gedanken gemacht haben und die Entscheidung für die Pflegefamilie nicht zu Unrecht gefallen ist. Erst später wird er einsehen können, dass seine Mutter ihrem eigenen Drang nachgegeben hat, nicht seinen Bedürfnissen.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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