Ratgeber

Unsere Tochter spricht nicht mit Erwachsenen

Unsere elfjährige Tochter spricht kein Wort mit der Lehrerin. Tatjana spricht schon seit dem Kindergarten nicht viel und ist auch in der Grundschule sehr schweigsam. Mit anderen Kindern spricht sie manchmal, mit uns Erwachsenen fast gar nicht. Wir fragen uns, wie es nach der Grundschule weitergehen soll. Carina S., Lichterfelde

Dieses Verhalten wird als "elektiver Mutismus" bezeichnet. Häufig sind die betroffenen Kinder sehr intelligent, leiden aber an einer schweren emotionalen Störung mit Schwierigkeiten in den kommunikativen Bestrebungen und den allgemeinen Möglichkeiten, sich auszudrücken und in eine soziale Gruppe einzubringen. Die Kinder suchen sich oft einzelne Personen, zu denen sie ein exklusives Verhältnis pflegen. Die Behandlung muss oftmals stationär erfolgen, weil die Problematik sehr hartnäckig ist. Zu Hause haben sich ungünstige Verhaltensmuster stark eingeschliffen. Auf der Station lernen die Kinder, im Alltag zunächst mindestens kommunikative Gesten einzusetzen, um ihre Wünsche und Ziele erfüllen zu können. Es muss aber bald versucht werden, dies durch sprachliche Äußerungen zu ersetzen. Dieser Prozess dauert sehr lange, weil es schwerfällt, das notwendige Vertrauen aufzubauen. Außerdem muss die Familie eng in die Therapie eingebunden werden.

Obwohl die Erkrankung recht selten vorkommt, ist sie doch wegen des langen Verlaufs von großer Bedeutung. Deshalb rate ich Ihnen, über längere Zeit eine ambulante psychotherapeutische Betreuung einzuleiten. Normalerweise zeigt sich die Störung zwischen dem viertem und dem achten Lebensjahr, sodass Tatjana schon recht "alt" dafür ist. Weil langfristig aber auch im erwachsenen Alter bei diesen Kindern Passivität und eine Scheu gegenüber anderen Menschen bestehen bleibt, sollten Sie rasch, intensiv und nachhaltig handeln.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

Morgen berät Sie Dr. Heidemarie Arnhold zu Erziehungsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an: familie@morgenpost.de