In letzter Zeit denke ich oft an meinen eigenen Opa. Dank ihm kann ich einen Star von einer Amsel unterscheiden.

Seit ich Opa bin, denke ich natürlich ganz oft an meinen Enkel Linus. Wann er endlich wieder zu Besuch kommt, was wir dann anstellen, wen wir eventuell gemeinsam ein bisschen ärgern könnten und so. Immer häufiger erwische ich mich allerdings dabei, dass mir noch ein anderer durch den Kopf geht, jemand, der schon vor vielen Jahren gestorben ist und den ich fast vergessen hatte. Nämlich mein eigener Großvater.

Ich erinnere mich nur an eine Oma und einen Opa, beide mütterlicherseits. Das waren Omi und Opi. Linus ist dagegen in einer wahren Luxus-Situation. Er hat noch: zwei Urgroßmütter, einen Urgroßvater, zwei Großväter, zwei Großmütter. Wissenschaftler haben ja dankenswerterweise herausgefunden, dass in unseren Kulturkreisen die Menschen heutzutage meist länger leben, was für alle Beteiligten eine erfreuliche Entwicklung ist. Nicht zuletzt für Linus. Dieser Generationenreichtum ist schon unter dem Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk-Aspekt sehr attraktiv.

So viel zu dem Gequengele, dass früher angeblich alles besser war. Blödsinn. Unsere Vorfahren waren noch eine sehr stark vom Aussterben bedrohte Spezies. Derartige Sorgen muss Linus sich nicht machen. Selbst seine Ur-Oldies sind herrlich fit und immer unternehmungslustig. Wenn man sie mal trifft, sind sie jederzeit bereit, als Erzähl- oder Spielpartner einzuspringen.

Natürlich könnte ich nun das Klagelied anstimmen, wie schwer wir es als Kinder hatten, weil wir ja auf diese schöne Konstellation verzichten mussten. Enkel-Opa-Experten fänden womöglich in jenem dramatischen Zuneigungsmangel erste Ansätze für spätere gesellschaftliche Fehlentwicklungen wie die gnadenlose Schaffung von Pflegeheimen. Oder kehrt man lieber den negativen Punkt heraus, dass heute ja ein knüppelharter Konkurrenzkampf um das (Ur-)Enkelkind besteht? Auch Quatsch, wenn Sie mich fragen. Es bleibt für alle genug von Linus übrig. Für mich zumindest. Und das ist immer noch die Hauptsache.

Zurück zu meinen Großeltern. Eine Weile habe ich bei ihnen in der Lüneburger Heide gelebt. Es war die Gummibärchen-, Capri-Eis- und Zitronenlimonade-reichste Zeit meines Lebens. Meine Oma war der sanfteste Mensch, den man sich vorstellen konnte; ihr schlimmster Wutausbruch war ein Kopfschütteln. Sie sprach nicht viel und wenn, dann eher leise. „Jungchen“, musste sie leider häufig sagen, „was haste nu wieder ausjefressen!“

Meinen Opa fand ich auch lieb. Er war ein großer Mann mit Hosenträgern und Hut. Er roch sehr gut nach Zigarren und hatte meistens eine im Mund. Jemand hatte ihm eines der damals angesagten hölzernen Wandbilder geschenkt mit dem Sinnspruch: „Gott erhalte mir meine Gesundheit und die Arbeitskraft meiner Frau“. Das war ein bisschen fies, doch er vertrat humorvoll seine Lebensphilosophie: „Arbeit ist für mich das Schönste auf der Welt – ich könnte stundenlang dabei zusehen“. Das musste er mir immer wieder vorsagen, denn ich fand es so lustig. Ich weiß auch noch, wie er und ich im Winter oft aus der warmen Küche nach draußen geschaut und die Vögel im Garten beobachtet haben. Opi kannte sie alle. Deshalb kann ich heute einen Dompfaff von einem Rotkehlchen unterscheiden und einen Star von einer Amsel.

Wie ich mich so daran erinnere, kommt mir plötzlich ein anderer Gedanke. Was wird Linus wohl später einmal erzählen, also, sagen wir, in fünfzig Jahren? „Mein Opa war der liebste Mensch, den man sich vorstellen konnte“? Nana, nicht schwindeln, Linus! Vielleicht: Er konnte ziemlich gut mit den Ohren wackeln. Er konnte Nudeln mit leckerer Tomatensoße. Er konnte einem selbst die beknackteste Geschichte mit einem solchen Gesichtsausdruck erzählen, dass man sie beinahe doch tatsächlich geglaubt hätte. Und er hat diese Kolumne hier geschrieben.

Was für eine schöne Vorstellung.

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