Papas & Opas

Wenn ein Tandem kein Fahrrad mehr ist

Wer mit seinen Kindern Lateinvokabeln paukt, kann in die eigene Vergangenheit reisen. Das ist nicht immer lustig, findet Felix Müller.

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Hat eine Tochter und einen Sohn: Felix Müller

Foto: Reto Klar

Ich hatte kurz überlegt, diese Kolumne auf Lateinisch zu schreiben. Mein Sohn hat die Schule gewechselt, Latein ist bei uns daheim gerade das große Ding. Die Lehrerin sagte, die Schüler müssen jetzt Vokabeln lernen, das sei ganz wichtig. Also saßen wir auf dem Bett und ich fragte ihn ab.

„Okay. Was bedeutet tandem?“

„Keine Ahnung.“

„Das bedeutet endlich. Du kennst doch diese Doppelfahrräder?“

„Ja klar, Tandems. Was haben die damit zu tun?“

„Weiß ich nicht. Aber das schreibt sich genauso. Stell dir einfach vor, es ist Weihnachten, du bekommst ein Tandem und denkst: endlich ein Tandem.“

„Das würde ich niemals denken. Wehe, ihr schenkt mir das.“

„Es ist doch nur eine Eselsbrücke.“

Das mit der Eselsbrücke funktionierte dann, aber schon beim nächsten Wort musste ich aufgeben. Es lautete itaque. Das bedeutet daher, deshalb oder deswegen. Zu itaque wollte mir beim besten Willen keine Eselsbrücke einfallen. Stattdessen dachte ich an den Italiener von gegenüber und wurde hungrig..

Später am Abend, als die Kinder schon schliefen, blätterte ich noch ein bisschen im Lateinbuch meines Sohnes herum. In den ersten Kapiteln ging es noch ziemlich einfach zu, ich bekam gute Laune. Populus clamat: Das Volk oder die Menge ruft oder schreit. Victor venit: Der Sieger kommt. Ach wie leicht, dachte ich und blätterte lächelnd weiter nach hinten. Dort stieß ich auf den Satz: Romulus pastoribus iam antea imperaverat; itaque in ea pugna pastores ei statim paruerunt.

Mir wurde schlecht.

Der Satz sah nun wirklich mal nach harter Arbeit aus. Plötzlich stand mir alles wieder klar vor Augen: Wie ich mich vor vielen Jahren an heißen Sommernachmittagen mit dem Ablativus absolutus herumgequält hatte. Wie mein Nachhilfelehrer Adam, der sich dabei literweise grünen Tee aus einer Thermoskanne eingoss, Caesars „Gallischen Krieg“ in einem Tempo übersetzte, das bei mir Schwindelgefühle auslöste. Und wie er mit den Augen rollte, weil ich es einfach nicht kapieren wollte.

„Latein wird eine harte Nuss“, sagte ich zu meiner Frau.

„Ich glaube, wir haben noch Glück gehabt“, sagte sie.

„Warum?“

„Ich hab vorhin eine Freundin getroffen, ihre Tochter geht auf ein anderes Gymnasium. Dort herrscht Lehrermangel. Deshalb haben sie einen 70-jährigen Lateinlehrer aus dem Ruhestand zurückgeholt. Der ist wohl streng. Sehr streng.“

Das tat mir leid. Strenge ist viel leicht manchmal nötig, um Disziplin herzustellen. Ich werde auch schnell schneidend im Ton, wenn ich den hundertsten feuchten Pfirsichkern aus dem Sofa klauben muss.

Beim Lernen halte ich von Strenge allerdings nicht allzu viel. Ich hatte mal einen Französischlehrer, nennen wir ihn Herrn Wilhelm. Herr Wilhelm hatte offenbar viel Freude an Chansons und Camembert, dafür umso weniger am Unterrichten. Missmutig saß er vor uns Schülern und schien die Tage bis zu seinem nächsten Urlaub an der Côte d’Azur zu zählen.

Er zitierte uns an die Tafel und ließ uns dort Vokabeln hinschreiben. Wenn es nicht gut klappte, schrie er herum.
Wir Schüler nannten seine Stunden deshalb nicht „Französisch“, sondern „La Qual“.

Es ist keine faule Ausrede, wenn ich Herrn Wilhelm als Grund dafür nenne, warum ich viel zu spät auf Reichtum und Schönheit der französischen Sprache aufmerksam wurde. Es fehlte mir ganz einfach an Spaß – und das viele Jahre lang. Ohne Spaß und Begeisterung
lernt es sich aber ganz schlecht. Und Strenge ist kein guter Ersatz für Spaß,
sie ist geradezu das Gegenteil.

In der nächsten Kolumne lesen Sie dann, wie ich die überraschend spaßige Seite am Plusquamperfekt entdeckte. Wenn ich sie denn finden sollte.

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