Idole

Der Wunsch, über sich selbst hinauszuwachsen

Fast jeder von uns hat ein Idol – warum? Psychologe Philipp Stahl im Gespräch über Leitfiguren und heimliche Sehnsüchte

Philipp Stahl ist Coach in Berlin Mitte

Philipp Stahl ist Coach in Berlin Mitte

Foto: Privat

Warum haben wir die Sehnsucht, zu jemandem aufzuschauen? Wieviel Begeisterung ist normal, ab wann wird es krankhaft? Über Träume und Traumwelten, über Schwärmerei und Besessenheit sprachen wir mit dem Berliner Diplom-Psychologen Philipp Stahl.

Herr Stahl, es wird behauptet, das Wort Fan käme von Fanatismus. Stimmt das?

Vom Wortursprung kommt es aus dem Lateinischen. „Fanaticus“ heißt so viel wie „göttlich inspiriert“. Zu jemandem aufschauen zu wollen und auf der Suche nach einer Leitfigur zu sein: Das ist durchaus etwas Positives. Es erfüllt das menschliche Bedürfnis nach Orientierung, Entwicklung, Zugehörigkeit und Transzendenz. Es ist der Wunsch, über sich selbst hinauszuwachsen. Schwierig wird es erst, wenn diese ganz normalen Versuche der Bedürfniserfüllung eine Form des Besessenseins annehmen und darüber Wichtiges wie Schule, Beruf, Selbstfürsorge, Sozialleben und die Familie vernachlässigt werden.

Gehören Idole und Vorbilder im Jugendalter nicht sogar dazu, als Mittel zur Selbstfindung?

Auf jeden Fall. Jugendliche befinden sich in einem Prozess des Umbruchs, körperlich und seelisch. Es geht darum, eine eigenständige Persönlichkeit zu finden. Bei der Ablösung von den Eltern helfen Identifikationsfiguren. Diese gehören häufig zu den Kategorien „Der ideale Partner“ oder „Das ideale Selbst“.

Was meinen Sie damit?

Beim „idealen Selbst“ geht es um die Frage: Wie möchte ich sein? Bei Jungen sind das oft Figuren, die stark und mutig sind. Sie dienen der Inspiration und sind Ansporn, genauso gut zu sein wie das Idol, ob im sportlichen oder im künstlerischen Bereich. Es geht darum, seine Träume zu verwirklichen. Der imaginierte „ideale Partner“ ermöglicht das Ausleben starker Gefühle, ohne sich ihnen stellen zu müssen. Die Jugendlichen können sich gefahrlos ausprobieren.

Hysterisch kreischende Mädchen bei einem Popkonzert sind also auf dem Weg zur Selbstfindung?

Hier muss man unterscheiden zwischen gesunder Schwärmerei und Flucht. Hysterische Kreischerei gehört mitunter dazu. Problematisch wird es, wenn die Identifikation zu stark wird oder das Ganze dazu dient, Problemen aus dem Weg zu gehen. Wenn die „Liebe“ lebensbeherrschend wird und der Betroffene sich immer mehr abkapselt. Die guten Gefühle, die die Flucht aus der Realität beschert, sind leider nur von kurzer Dauer. Sobald die Traumwelt Brüche bekommt, wird man wieder konfrontiert mit allen Schwierigkeiten.

Ab wann ist man „krankhaft“ verliebt in einen Filmstar oder TV-Moderator?

Bewunderung kann krankhafte Züge annehmen. Die Konfrontation, wie sie in realen Beziehungen stattfindet, wird vermieden. Es ist einfacher, für eine Fantasiefigur zu schwärmen, als sich mit einem realen Menschen auseinanderzusetzen. Das wird vermieden aus Angst vor Ablehnung oder Kränkung. Mit dem Traumpartner ist alles schön. Blumen fallen vom Himmel. Ein sicheres Terrain mit Schutz vor Kontrollverlust.

Gibt es Menschen, die besonders anfällig dafür sind?

Wer noch im Erwachsenenalter in so einer Traumwelt lebt, hat häufig starke Verletzungen erlebt und Probleme mit dem Selbstwert. Im Extremfall lebt der Betroffene nur noch in der fiktiven Welt und nimmt die reale Person nicht mehr wahr. Jede Form von Grenzsetzung wird dann ignoriert. Ein Stalker glaubt, dass der andere sich mit ihm genauso verbunden fühlt wie er sich mit ihm.

Wann sollten Eltern hellhörig werden?

Wenn es zu einer Vernachlässigung von anderen Lebensbereichen kommt. Wenn die Bewunderung des Idols auf Kosten von Freundschaften, Familie, Schule geht und sich alles nur noch um die eine Person dreht. Handeln sollten Eltern, wenn der Jugendliche sich isoliert und nicht mehr erreichbar ist. Stimmungsschwankungen aus einem Mix von Euphorie und Depression können auftauchen, die an die Symptomatik einer Suchterkrankung erinnern. Die Gefahr, dass das passiert, ist größer, wenn das Lebensumfeld nicht stabil ist und es dem Jugendlichen an Selbstvertrauen fehlt.

Aber auch erwachsene Fans verhalten sich bisweilen „unreif“. Was ist zu tun, wenn Realität und Traum verschwimmen?

Fan sein alleine ist noch nicht verrückt. Auch wenn die Bewunderung zu einer anderen Person womöglich skurrile Züge hat, ist das in Ordnung, solange es keinen Leidensdruck gibt. Schwierig wird es da, wo der Alltag nicht mehr zu bewältigen ist und der Betroffene durch psychische Probleme, Ängste und Depressionen für das Umfeld nicht mehr erreichbar ist. Eine „Tunnelrealität“ kann bis zum Selbstmord führen. Das ist dann schon eine wahnhafte Störung. Dafür muss aber auch eine Anlage zu einer psychischen Erkrankung vorhanden sein.

Wie kann man „Liebeskranken“ helfen?

Durch Psychotherapie zum Beispiel. Dort können sie lernen, sich ihre Bedürfnisse auf erwachsene Weise zu erfüllen. Im Traum dagegen bleibt das Gegenüber fehlerfrei, was Schutz vor Enttäuschung bietet, die die Betroffenen oft schon in der Kindheit erlebt haben. Mit Hilfe einer Therapie können sie üben, anderen Menschen im wahren Leben auf Augenhöhe zu begegnen.

Ein Mädchen postete auf Facebook eine Fotomontage, die sie zusammen mit Justin Bieber zeigt. Untertitel: „Mein unproblematischer Ehemann“. Steckt dahinter die unrealistische Sehnsucht nach dem „Bilderbuch-Leben“?

Justin Bieber dient hier nur als Projektionsfläche. Der Star bekommt alle wichtigen Eigenschaften des perfekten Partners zugeschrieben. Für einen Teenager ist dieses Verhalten in Ordnung. Aber irgendwann sollte diese Phase zu Ende gehen. Wenn man einen anderen auf ein unerreichbar hohes Podest stellt, zeigt das, dass man sich seiner eigenen Größe und Stärke nicht bewusst ist und in sich selbst nicht findet – und diese deswegen nach Außen projiziert.

Wie geht es eigentlich dem Objekt der Begierde?

Fans und ihre Idole haben mehr gemeinsam, als man vermuten könnte. Auch Stars können ein sehr niedriges Selbstwertgefühl haben. Hinter dem Wunsch, etwas Besonderes zu sein, steckt häufig eine Problematik. Was auf der Bühne gezeigt wird, entspricht oft nicht dem, was im Innersten wahrgenommen wird. Wer ein gesundes Selbstwertgefühl hat, darf ein ganz normaler Mensch sein mit Fehlern, Ängsten und Schwächen. Er muss nichts Großartiges leisten, um sich als wertvoll zu erleben.

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