Computerspiele

Minecraft: Spielend fit für die digitale Welt

PC-Spiele lösen bei vielen Eltern Ängste aus. Sie machen süchtig und aggressiv, heißt es. Wir haben genauer hingeschaut

Kinder spielen Minecraft in der Ufa Fabrik

Kinder spielen Minecraft in der Ufa Fabrik

Foto: David Heerde

Wir stehen in der Ufa-Fabrik in Tempelhof. Hier findet gerade das „Summer Coding Camp“ statt. Aus ganz Deutschland sind Schüler zusammengekommen, um gemeinsam zu programmieren, Projekte vorzustellen und sich über ihr Hobby, das Programmieren, auszutauschen. Heute allerdings geht es auch ums Spielen und Spaß haben. An den bereitgestellten Laptops sitzen Kinder im Grundschulalter, schauen gebannt auf die Bildschirme, tippen auf den Tastaturen und fahren mit der Maus umher. Ein Bild wie im heimischen Kinderzimmer. Computerspiele, wie z.B. Minecraft, ob am PC, auf dem Tablet oder auf dem Smartphone, sind beim Nachwuchs beliebt. Aber was spielen die Kinder da eigentlich?

„Bis vor einem halben Jahr war Minecraft das Spiel für Mädchen und Jungen zwischen acht und zwölf, das alle kannten und spielten“, sagt Thomas Schmid von „Code your Life“, einer Initiative, die Kindern und Jugendlichen das Programmieren näherbringen will. „Aber jetzt wurde Minecraft von Fortnite abgelöst“, ergänzt er und runzelt sorgenvoll die Stirn. „Leider ist das ein ,Ballerspiel‘. Man kann nur hoffen, dass das nur eine Welle ist.“ Derzeit feiert das Spiel mit der ansprechenden Comic-Optik aber auch im realen Leben noch große Erfolge: Die trendigen Bewegungen der Fortnite-Spielfiguren werden gerne auf Schulhöfen und Fußballfeldern nachgetanzt.

Doch trotz der Beliebtheit – Minecraft ist mehr nach Schmids Geschmack. Im Jahr 2014 wurde Minecraft für 2,5 Milliarden Dollar an den Microsoft-Konzern verkauft. Thomas Schmid ist mit „Code your Life“ Microsoft-Partner und deshalb kein ganz unabhängiger Experte. Seine Mission, Kinder und Jugendliche unbeschadet in die digitale Ära zu begleiten, verkörpert er aber glaubhaft. Dafür geht er in Schulen oder kommentiert wie jetzt auf dem Sommercamp mit Herzblut ein Roboter-Fußballspiel, das einige Jugendliche selbst programmiert haben. An Minecraft gefällt Schmid der pädagogische Anspruch. Computerspiele, sagt er, dürften nicht in einen Topf geworfen werden, und Eltern sollten sie nicht als unnütze Zeitfresser abtun. „Spiele wie Minecraft sind eine Chance, Kinder für die Welt des Digitalen zu begeistern“, so der Pädagoge.

Am PC spielen macht nicht zwingend einsam

Auf dem Sommercamp gastiert auch der Minecraft-Stammtisch, der normalerweise im Microsoft-Stammhaus Unter den Linden stattfindet. Dort können sich Interessierte einmal pro Woche treffen und gemeinsam unter Anleitung von erfahrenen Minecraftern und Medienpädagogen spielen. Anders als viele Mütter und Väter sich das vorstellen, ist Minecraft kein Spiel, das Nerds einsam hinter dem Bildschirm spielen. Im Gegenteil: Zusammen, versichern die Spieler, macht es viel mehr Spaß.

Die kleinen Besucher des Sommercamps stürzen sich mit Begeisterung auf die Laptops. Minecraft startet mit scheinbar fertigen Welten, in denen sich aber unendlich viele Möglichkeiten verbergen. Das Design mutet altmodisch-pixelig an: Würfelförmige Blöcke, vorwiegend in Braun, Grau und Grün, bilden auf dem Bildschirm eine Landschaft. Es gibt Bäume, Gräser und sogar Margeriten. Aus Blöcken geformte Schafe tauchen auf. Diese friedliche Schäferlandschaft gefällt auch mir. Aber es regnet und über der Szenerie hängt Nebel. „Wie geht dieser Regen weg?“, frage ich. „Kein Problem!“, meint ein älterer Junge und gibt souverän über eine etwas umständlich wirkende Steuerung den Befehl „/weather clear“ ein. Schon hört es auf zu regnen. Eine quadratische Sonne erscheint am blauen Himmel.

Die Kinder spielen im Kreativ-Modus. So müssen sie nicht in Höhlen, Unterwelten und den namensgebenden Minen buddeln, um Steinblöcke für einen Unterschlupf abzubauen. Das Inventar ist prall gefüllt mit unterschiedlichsten Baustoffen, die Kinder können gleich loslegen. Einige bauen, andere erkunden die Welt. Für manche Kinder ist das hier die erste Begegnung mit dem Spiel. Andere wie die neunjährige Klara aus Rheinbach bei Köln haben schon etwas Erfahrung. Sie hat zum Beispiel schon einen Pferdehof mit Tieren gebaut. Die Tiere hat sie sich als Ei aus dem Inventar geholt und spawnen, also erscheinen lassen. Dann, sagt sie, könne man die Pferde zähmen, satteln und reiten.

Minecraft – ein digitaler Sandkasten

Klingt einfacher, als es ist. Weil ich vergesse, zuerst einen Zaun zu bauen, laufen mir meine Pferde sofort davon. Und weil sie grün sind, kann ich sie im grünen Wald kaum wiederfinden. Der zehnjährige Sixtus aus Berlin zeigt mir, wie es geht: Seine Pferde sind schwarz-weiß gefleckt. Und er erklärt mir, dass man zum Zähmen eine Privatsphäre braucht, damit die Tiere nicht entwischen. Dafür baut er ein paar Blöcke ab, sodass eine Grube entsteht. Herzchen steigen auf: Er füttert die Pferde mit Weizen. Ein paar Klicks später hat eines der Pferde einen Sattel und eine Rüstung. Sixtus reitet mit Galopptönen durch die Welt und baut ganz nebenbei eine Rampe, über die er das Pferd springen lässt.

Als Minecraft-Noob, also Anfängerin, kann ich da nur staunen. Und das hier ist nur der Kreativ-Modus. Wie würde es mir erst im Überleben-Modus gehen? Da kann man nicht einfach ein Pferd aus dem Inventar spawnen, man muss es suchen. Um es zu zähmen, muss man vorher Zuckerrohr abbauen und Äpfel pflücken. Für einen Sattel verhandelt man mit Dorfbewohnern, für einen Strick muss man in Sümpfen nach Schleim fischen und Spinnen töten. Dafür ist das Reiten dann die schnellste und beste Möglichkeit, sich im Überleben-Modus zu bewegen und vor Skeletten und Zombies zu flüchten.

Minecraft gilt als digitaler Sandkasten. Man muss sich aber einen hochkomplexen Sandkasten vorstellen mit vielen Ebenen und Schichten, mit unendlich vielen Baustoffen, Lebewesen und Fantasiegestalten, allen voran dem Creeper, der auch das Logo des Spiels ist. Er explodiert, wenn man ihm zu nahe kommt.

Ab welchem Alter und wie lange?

Viele Eltern erlauben ihren Kindern nur den Kreativ-Modus, weil da nicht gekämpft wird und sie keine Angst vor Monstern haben müssen. Das ist für Sechsjährige auch sinnvoll. Aber es ist wie im richtigen Leben: Kinder sind verschieden. Arne Busse ist Fachbereichsleiter für zielgruppenspezifische Angebote der Bundeszentrale für politische Bildung, zu deren Offerten auch die Plattform spielbar.de gehört. Sie informiert über Computerspiele und erstellt pädagogische Beurteilungen. Busse möchte Eltern nichts vorschreiben: Sie sollten selbst herausfinden, was für ihr Kind ab welchem Alter gut ist. Er plädiert dafür, die Tür zum Kinder- und Jugendzimmer offen zu halten, um in Kontakt zu bleiben. Außerdem bietet er Veranstaltungen an, bei denen Eltern die Spiele kennenlernen können und pädagogisches Orientierungswissen vermittelt bekommen. Hier lernen sie auch, wie man mit dem leidigen Zeitproblem umgehen soll.

Laut Busse macht es keinen Sinn, dem Kind zu sagen, es müsse in fünf Minuten Schluss mit einem PC-Spiel machen, wenn es gerade mit einer neuen Runde angefangen habe. Besser man sage: „Eine Runde noch“. Grundsätzlich sei am besten, keine Regeln vorgeben, sondern diese gemeinsam zu erstellen. „Medienerziehung ist Erziehung zur Selbstkontrolle, die Kinder müssen lernen, selbst aufzuhören“, sagt Busse. Nützlich findet er ein wöchentliches Zeitbudget, das ältere Kinder selbst verwalten könnten.

Schüler werden zu Experten

Beim Sommercamp gibt es keine Diskussionen: Um 18 Uhr werden die Computer ausgemacht. Doch nehmen Schüler wie Lehrer viele Ideen mit nach Hause. Etwa die, etwas mit einer Ressource namens Redstones zu entwickeln. Mit ihr lassen sich Schaltkreise bauen, um Automaten oder Fahrzeuge zu konstruieren, die sich selbstständig bewegen. Auch Aufzüge oder Fallen für Inventardiebe können automatisiert werden. Diese Anwendung lässt Physiklehrer hellhörig werden: Hier lässt sich andocken und das Expertenwissen der Schüler nutzen. Deshalb gibt es von Minecraft mittlerweile auch eine Lehr-Edition, die von Lehrern entwickelt wurde, um in Schulen Minecraft-Projekte durchzuführen.

Eine weitere Modifikation ist das „Chemistry Update“. Ein YouTuber namens OneklickLP gibt in Videos Einblicke in diese Anwendung, die für die Lehr-Edition entwickelt wurde, nun aber auch im normalen Minecraft verfügbar ist. Hier steht im Inventar das Periodensystem zur Verfügung. Die Elemente kann man sich mit einem Elementkonstruktor aus Protonen, Neutronen und Elektronen zusammenstellen und so ganz nebenbei erfahren, was ein Atom ist.

Der YouTuber OneklickLP hat eine chemische Verbindung für Bleichmittel erschaffen, mit dem er die Wolle der Schafe bleicht, genauso wie Instant-Ice, um in der Wüste Wasser in Eis zu verwandeln. So wird der Sandkasten zum Chemiebaukasten. Wenn man etwas falsch zusammenmischt, explodiert der Block und verbrennt. Das kommt in der Minecraft-Szene an: 42.000 Abonnenten hat OneklickLP auf YouTube. Der „Redstones“-Tüftler und angehende Lehrer namens Thejoycraft hat sogar mehr als dreimal so viele. Der Kanal von OneklickLP ist allerdings gerade gesperrt, offenbar geht es um Urheberrechtsverletzungen.

Auf YouTube wurde das Spiel erst richtig groß

Wer Minecraft spielt, kommt an YouTube nicht vorbei. Viele Eltern klagen: Das Spielen sei ja o.k., aber ständig schaue der Nachwuchs so grässliche Videos, in denen junge Männer mit merkwürdigen Begriffen wie „lol“, „nice“ und „als opp“ um sich werfen würden. Willkommen bei den Let’s Playern! So heißen YouTuber, die Spiele aufnehmen und kommentieren.

Weil Minecraft keine Anleitung kennt, bietet es sich an, Möglichkeiten des Spiels anderen vorzuführen. Die YouTuber geben eine Orientierung, sie schließen sich zu Projekten zusammen, kreieren Modifikationen und stellen ihre Bauwerke vor. Minecraft ist ohne Let’s Player nicht denkbar: Sie haben das Spiel erst groß gemacht. Und einige der Stars wie Gronkh sind durch das Spiel berühmt geworden.

Auch Medienexperte Arne Busse schaut sich die Let’s Player gerne an. Aber klar, es gebe eine Gefahr für jüngere Kinder. Ob Bildinhalte, die über Minecraft hinausgehen, für eine gewisse Altersklasse geeignet sind, wird nicht kontrolliert. Muss auch nicht, denn der Betreiber Google erlaubt den Zugang erst ab 13 und aktiviert automatisch für unter 18-Jährige den Altersschutz. Laut Umfragen sind Let’s-Player-Videos aber auch bei jüngeren Kindern beliebt. Sie schauen diese über den Elternaccount. Da hilft nur gemeinsam schauen, nachfragen, sich interessieren. Das macht auch deshalb Sinn, weil viele Let’s Player weit über das Phänomen Minecraft hinausgewachsen sind.

Lustige Videos

Leute wie ConCrafter Luca und Paluten alias Patrick Mayer sind Stars der Szene. Zusammen haben sie beinahe sechs Millionen Abonnenten. Beide sind charmante Quassler. Schaut man ihnen länger zu, verwandeln sie sich in Kumpels. Mehr über sie erfahren kann man in Vlogs, das sind Videoblogs, die aus dem Leben der YouTuber erzählen und mittlerweile das Programm von vielen Let’s Playern ergänzen.

ConCrafter Luca hat einmal gesagt, Minecraft sei nur sein Hobby. Acht Stunden seines Tages gehörten seinem BWL-Studium, vier Stunden den Videos und dem Spielen, der Rest sei Freizeit. Aktuell hat er das Studium abgeschlossen und produziert Kleine-Jungen-Träume. Er bestellt sich in seinen Videos Riesenburger oder ein Bällebad fürs Wohnzimmer, spielt „Wer als erstes lacht“ mit seinen Freunden oder testet, ob er einen Tag als Veganer durchhält. Hier blitzt ein bisschen Botschaft durch. Luca findet das vegane Essen o. k. und fordert seine Zuschauer auf, nicht immer gegen Veganer zu lästern. Die Videos werden in Stefan-Raab-Manier von lustigen wiederkehrenden Einspielern unterbrochen. „Zehntausend Jahre später“ aus Spongebob ist so ein Klassiker.

Spieler werden zu Stars

Paluten ist gerade dabei, sein neues Spielzimmer einzurichten. Der Trend geht zum Spiel im Spiel. Es gibt Server, auf denen man Murder, Mario Party oder sogar Fortnite in Minecraft nachspielen kann. Mario-Party-Minecraft spielt Paluten gerne mit dem geheimnisvollen Germanletsplay, der nie sein Gesicht zeigt, aber dennoch sehr erfolgreich ist. Das Spiel setzt sich aus mehreren Minispielen zusammen, auch Quizfragen müssen beantwortet werden. Paluten weiß, wie viele Meter eine Meile hat, muss aber passen, wenn es um den Schöpfer der Mona Lisa geht. Manchmal spielen sie auch Masterbuilders. Hier ist ein Thema vorgegeben, das in einer bestimmten Zeit aus Minecraftklötzen gebaut werden muss. Die Ergebnisse werden von den Mitspielern bewertet und kommentiert.

Paluten scheint sich seiner Verantwortung Kindern gegenüber bewusst zu sein. Vielleicht hat er deshalb auch ein Kinderbuch geschrieben. „Die Schmahamas-Verschwörung“ erzählt eine Geschichte aus seinem Minecraft-Projekt „Freedom“. Das hindert ihn aber nicht daran, GTA zu spielen. Laut spielbar.de gehört dieses Action-Spiel nur in die Hand von Erwachsenen. Genauso wie The Forest, ein Horror-Survival-Game, das einige YouTuber auch real nachspielen. Beide Spiele werden im eingeschränkten Modus für unter 18-Jährige geblockt.

Berlin nach eigenem Geschmack gestalten

Die Welt von Minecraft wirkt unendlich groß, tatsächlich sollen es 60.000 mal 60.000 Quadratkilometer sein. Zum Vergleich: Berlin hat 891 Quadratkilometer. Wer es also bei Minecraft etwas kleiner und gemütlicher haben möchte, kann sich das Berliner Zentrum zwischen Potsdamer Platz und Alexanderplatz als Karte laden. Benjamin Seidel von der Technologiestiftung Berlin freut sich über Uploads (www.technologiestiftung-berlin.de). Die Vorlage entstand im Rahmen eines Sozialprojekts der Stiftung in Zusammenarbeit mit den Joblingen, einer Initiative gegen Jugendarbeitslosigkeit. Dafür wurden Geodaten von Berlin in Minecraft geladen, sodass Mitte dort geklötzelt neu auferstand. Jeder, der sich über die Gestaltung etwa des Alexanderplatzes ärgert, kann ihn nun in seinem Sinne virtuell umgestalten.

Das Projekt mit jugendlichen Schulabbrechern war sehr erfolgreich. Sie konnten, da Minecraft-affin, als Experten starten und fühlten sich ernst genommen. Ähnliches gab es vor zwei Jahren in Gropiusstadt. Jugendliche wurden zu einem Wettbewerb aufgefordert. Sie sollten die Gropiusstadt nach ihren Vorstellungen in Minecraft gestalten. Beide Projekte sind schöne Beispiele für das spielbasierte Lernen.

Computerspielen gehört heute zur Realität von Kindern und Jugendlichen. Laut JIM-Studie spielen 70 Prozent der Zwölf- bis 13-Jährigen täglich, bei Jungen ist der Prozentsatz noch höher. Warum diesen Umstand nicht nutzen? Benjamin Seidel sieht ihn als Chance. „Von alleine geht es aber nicht“, meint er: „Man muss das Spiel in einen pädagogischen Zusammenhang einbetten.“ Eltern bleibt also nichts anderes übrig, als sich für das, was ihre Kinder am Computer oder am Smartphone machen, etwas mehr zu interessieren.

Auf spielbar.de können sich Eltern über Computerspiele informieren. Bei Computersucht hilft die Caritas-Initiative Lost in Space (www.internetsucht-berlin.de)

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