Papas und Opas

Opa und Enkel - abenteuerliche Fahrradtour zum Bäcker

Unsere gemeinsame Fahrradtour zum Bäcker wird manchmal zum Abenteuer. Besonders, wenn es geregnet hat, schreibt Dietmar Wenck.

Dietmar Wenck

Dietmar Wenck

Foto: Dietmar Wenck / BM

Es gehört zu unseren schönsten Ritualen, dass Linus und ich frühmorgens gemeinsam Brötchen holen, wenn er zu Besuch ist. Wir sind beide eher bettflüchtig veranlagt, darum passt das. Gleich unsere erste gemeinsame Frühstücksbeschaffungsmaßnahme begann spektakulär.

Linus saß nämlich auf dem Gepäckträger meines Fahrrades und klammerte sich einfach an mir fest – so wie Menschen in der Steinzeit, also in meiner Jugend, auch mal Rad gefahren sind. Die Älteren werden sich vielleicht erinnern. Wir hatten einen Heidenspaß. Bis wir an einer Dame vorbeikamen, die auf der anderen Straßenseite stand.

Nach meiner subjektiven Schätzung war sie sogar noch etwas älter als ich. Die früheren Zeiten hatte sie aber ganz offensichtlich vergessen, deshalb zeterte sie so etwas wie „unverantwortlich“, „gefährlich“, „was da passieren kann“. Ich wurde immer kleiner und fuhr immer schneller. Linus flüsterte „Opa, Opa“ und kicherte leise vor sich hin. Ganz offensichtlich amüsierte er sich gar nicht über die Dame. Er fand es einfach lustig, dass ausgerechnet sein Raben-Opa so gnadenlos ausgeschimpft wurde. Ist klar: Seitdem habe ich natürlich einen Kindersitz für mein Fahrrad.

Denn trotz dieses Rückschlags sind wir nun nicht auf Behäbigkeit umgestiegen. Auto oder Fahrrad? Wenn ich meinen Kindern diese Wahl lassen würde, wäre die Antwort immer: Auto, was sonst. Linus dagegen steht total auf Zweiradantrieb. Bei sich zu Hause fährt er mit seinem blauen Puki seit einiger Zeit stolz zur Kita. „Ohne Stützräder, Opa!“

In Berlin gefällt es ihm noch besser. Sein körperlicher Einsatz ist dabei ja auch minimal, nur Großvater strampelt wie verrückt. Und Linus genießt hinter mir die Aussicht. Schöne Sache eigentlich, so ein Kindersitz.

Immer die gleiche Strecke

Meinem Enkel ist dabei wichtig, dass wir immer die gleiche Strecke fahren. „Feuerwehr“, ruft er begeistert, wenn wir an einem ganz bestimmten, großen, roten Auto vorbeiradeln. „Feuerwehr?“, staunt er, wenn das rote Auto mal nicht zu Hause ist. Schlage ich, nur um ihn ein klitzekleines bisschen zu ärgern, ausnahmsweise eine andere Richtung ein, fragt er sehr zaghaft: „Warum, Opa?“ Ich wende dann sofort. Ohne Worte, voller Reue.

Wir nähern uns jetzt unserem Ziel, und ich merke, wie Linus erwartungsfroh hin- und herrutscht. Nicht wegen der Brötchen, die können warten. Ich bin traurig, dass ich ihn gleich enttäuschen muss. „Sind da Pfützen?“, fragt er hoffnungsvoll. Der Parkplatz vor der Bäckerei ist riesig und schön schlecht gepflastert.

Wenn es also mal richtig geregnet hat, steht die halbe Fläche unter Wasser. Dann verfahren wir uns immer auf dem Parkplatz und können einfach den Bäcker nicht finden, sondern müssen Runde um Runde drehen. Eine herrliche Sauerei ist das.

Ich als sonst sehr vernünftiger Erwachsener mache das natürlich nur, um Linus eine Freude zu machen. Der kleine Junge dankt es jauchzend, während ich uns später schon mit gesenktem Blick vor unseren Regierungen stehen sehe, wenn wir erklären müssen, warum Schuhe und Hosen bis hoch zu den Knien nass sind. Heute entgehen wir aber diesem Tribunal, denn es ist trocken. Schade.

In der Bäckerei

Wir schlurfen in die Bäckerei. Dort ist das Prozedere auch immer sehr ähnlich. Ob er noch wisse, was er sagen müsse, frage ich ihn, während wir langsam in der Schlange vorrücken. Linus ist jetzt hochkonzentriert. „Kann ich einen Keks?“, wispert er mir ins Ohr. Genau, mein Junge, flüstere ich zurück, aber mit einem „Bitte“ steigen die Chancen. „Okay!“, verspricht er leise. Als wir dran sind und ich ihn hochhebe, damit er sein Sprüchlein aufsagen kann, hält ihm der freundliche Verkäufer die Süßigkeit schon unter die Nase. Man kennt sich. Linus grinst. Erst ihn an. Dann mich.

Während er seinen Keks mampft, sagt er beiläufig: „Käsebrötchen.“ Nicht, dass ich das vergesse. Ohne Käsebrötchen kann es für Linus kein perfektes Frühstück werden. Nicht mal nach einem so schönen Ausflug.

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