Problem Pubertät

Wenn die Pubertät zuschlägt: Hilfe, Teenie im Haus!

Wenn aus niedlichen Kindern Halbwüchsige werden, stellen sie ihre Eltern auf eine harte Probe. Die lustigsten Anekdoten.

Daddeln statt Hausaufgaben: eine der vielen Herausforderungen von Eltern mit Teenagern

Daddeln statt Hausaufgaben: eine der vielen Herausforderungen von Eltern mit Teenagern

Foto: Mito Images / mauritius images

Berlin. Wann fängt das eigentlich an, also die Pubertät? Vielleicht ist es soweit, wenn morgens das ganze Haus nach diesem vermeintlich maskulinen Männerdeo stinkt. Wenn das Weglassen desselben aber auch keine Lösung ist, weil man dann später am Tag das Gefühl hat, geruchstechnisch in einem Raubtierkäfig zu sitzen. Vielleicht ist es soweit, wenn die Dusche über Stunden blockiert ist, weil selbstverständlich täglich die langen Haare gewaschen werden müssen und nach diesem Ritual keine Bürste mehr im Haus zu finden ist. Selbst die nicht, auf der mit Edding geschrieben steht: „Die gehört Mama“.

Sehr wahrscheinlich ist es soweit, wenn der prall gefüllte Kühlschrank innerhalb kürzester Zeit gähnend leer ist, aber der Nachwuchs mit brüchiger Stimme schreit, wann es endlich mal was Richtiges zu essen gibt. Es ist soweit, wenn die Eltern nicht mehr lieb und toll, sondern peinlich und ururalt sind. So was wie Mumien aus einer anderen Galaxie. Und ganz sicher ist es soweit, wenn das Smartphone am Kind quasi angewachsen ist, im Sekundentakt blinkende Signale abgibt und mit ihm das ganze Leben geregelt wird – mit einer Ausnahme: Wenn Eltern anrufen, geht keiner ran. Aber das ist ja das Problem der Eltern, die ständig was von den Kindern wollen, anstatt sie einfach mal in Ruhe sich entwickeln zu lassen. Genau, Mama, chill doch mal.

Also, um es vorweg zu nehmen: Das Problem Pubertät lässt sich nicht lösen. Man muss als Mutter und Vater da durch. Irgendwie. Mit Durchwursteln. Mit Hamsterkäufen im Supermarkt, um die Brut wenigstens satt zu bekommen. Mit ständigem Über-den-Haufen-Werfen von Erziehungsgrundsätzen. Und auch mal mit dem Schlimmsten: Handyentzug.

Eltern nerven – weil sie zu viele Fragen stellen

Von Annette Kuhn

Eltern von pubertierendem Nachwuchs wissen: Humor ist nützlich – und ein dickes Fell. Also tief Luft holen, wenn man im Bad, im Flur, im Kinderzimmer durch eine Schicht Kleidung watet, die genau dort liegt, wo sie dem Pubertierenden vom Körper gefallen ist. Wenn man verkrustete Teller und Gabeln unterm Bett findet, die, nach der Härte der Kruste zu urteilen, dort schon Tage, gar Wochen liegen müssen. Wenn die Kinder morgens endlos trödeln. Oder wenn das eigene Fahrrad aus dem Keller verschwunden ist, dafür aber das der Tochter noch da ist, allerdings mit plattem Reifen und einem Zettel: „Sorry“.

Aber die Pubertät ist ja nicht nur für Eltern eine Herausforderung. Ich habe meine Kinder gefragt, was sie denn eigentlich so schlimm finden, also an den Eltern, in der Pubertät. Hm, gar nicht so leicht, darauf zu antworten, denn die Antwort lautet: „Eigentlich alles“. Aber vor allem, dass das Handy an allem schuld sein soll. Dabei würden sie doch damit vor allem Hausaufgaben machen und Termine koordinieren… Ja, sie halten mich wirklich für doof und ururalt! Und noch etwas finden meine Kinder besonders scheußlich: die vielen Fragen. Auf die sie mit Vorliebe antworten: „Mama, nerv’ doch mal nicht“. Meine Tochter hasst es besonders, dass ich angeblich immer so viel mit dem Besuch rede, den sie zu uns nach Hause mitbringt. „Du willst immer unmögliche Sachen wissen“, findet sie, also: den Namen zum Beispiel.

Aber wenn ich ehrlich bin: Diese Fragerei fand ich früher auch furchtbar. Mein Vater war darin Spezialist. Jeder, der sich nicht schnell an ihm vorbeigemogelt hatte, wurde vier Dinge gefragt: Welchen Beruf hat dein Vater? Spielst du ein Instrument? Lernst du Latein? Und, jetzt kommt’s: Kennst du den Unterschied zwischen ionischer, dorischer und korinthischer Säule? War das peinlich! Wusste natürlich auch keiner. Wozu auch?

Also, liebe Kinder, ich versuche jetzt mal, weniger zu fragen. Unter einer Bedingung: Ihr räumt eure dreckige Wäsche ab sofort immer weg, verlasst an Schultagen morgens pünktlich das Haus und geht ans Handy, wenn ich anrufe. Und wenn nicht? Dann frage ich nächstes Mal euren Besuch, ob er die antike Säulenordnung kennt.

Unsere Tricks gegen die Handysucht

Von Anette von Nayhauß

Bis vor ein paar Monaten lächelte ich nur milde, wenn andere Eltern klagten, wie viel Zeit ihre Söhne mit Computerspielen verdaddeln. „Meiner spielt nicht“, sagte ich und fügte hinzu: „Glück gehabt“. Während ich heimlich natürlich doch überzeugt war, dass wir das wahnsinnig gut hinbekommen hatten mit der Erziehung. Dann kam die Konfirmation, ein sehr großzügiger Patenonkel – und der Teenie hatte ein iPad.

In den Wochen danach wunderte ich mich, dass mein Sohn und seine Freunde so viel Zeit in seinem Zimmer verbrachten. Bis eine Kollegin erzählte, es gebe da so ein Spiel, das wirklich alle spielten. Bei der nächsten Teeniezimmerrunde machte ich einfach mal die Tür auf und fragte: „Und? Spielt ihr Fortnite?“ Die Jungs guckten mich verdattert an, einer fragte: „Woher kennst DU das denn?“ Und mein Sohn war plötzlich ein Zocker.

Was ich ja noch gar nicht so dramatisch gefunden hätte – es gibt genügend Menschen, die überzeugt sind, dass Computerspiele den Gehirnen von Jugendlichen kein bisschen schaden. Wenn es nicht bedeutet hätte, dass man mit dem Kind eigentlich gar nicht mehr reden kann, weil schlicht keine Zeit bleibt. Nach der Schule hängt es über dem Handy, um sich bei YouTube auf dem Laufenden zu halten („Es gibt so ein lustiges neues Video von Luca“), danach muss es kurz bei Instagram reinschauen („Aaaawwww, so ein süßes Elefantenvideo“) und Nachrichten auf WhatsApp verschicken („Geht echt nur um die Hausaufgaben, Mama.“) Und schon ist die erste Stunde rum, die Freunde klingeln, Fortnite wartet.

Wir haben es mit Verboten versucht. Nur blöd, wenn keiner da ist, um sie zu kontrollieren. Außerdem, man ist ja kein Anfänger, mit Apps, die den Handykonsum kontrollieren. Das Kind hielt dagegen: Es sei ausschließlich deshalb am Handy gewesen, um für das nächste Referat zu recherchieren. Und die Zeit auf WhatsApp? Na, die Hausaufgaben, wie gesagt.

Als dann das große Kind noch mit leicht herablassendem Lächeln darauf hinwies, wie leicht die Kontroll-App auszutricksen sei, hissten wir die weiße Pädagogikfahne. Für diese Situationen haben Eltern ja zum Glück einen Satz, der immer passt: „Ich glaube, das ist nur eine Phase.“

Erst einmal freuen wir uns jetzt auf den gemeinsamen Urlaub. Dann wird sich der Teenie endlich wieder mit uns unterhalten müssen und vielleicht sogar ein Buch lesen. Wir haben ein Ferienhaus ohne WLan gemietet.

Versöhnung mit dem Deutsch-Rap

Von Frank Lehmann

Morgens um 6.45 Uhr schlurfe ich in die Küche. Erstmal einen Kaffee und dazu Radio Eins hören, ist mein Gedanke. Ich klicke die Sonos-Boxen an und mir schallt ein Rap-Song entgegen. Wer hat denn da wieder seine Playlist in der Küche gehört? Einer meiner Jungs muss es gewesen sein. Ich tippe auf Alex, denn ich höre im Halbschlaf die langsamen vibes von Money Boy, den verehrt er richtig. Schnell wegschalten – diesen Wiener Rapper ertrage ich nicht. Doch das WLan hakt und so muss ich mir noch einen Reim anhören: „ Baby ich bin da. Chill beim BMW-Händler. Du fährst VW – ich kauf mir nen BMW, Penner.“ Gruselig! Schlimmer ist nur der zweitliebste Held meines 18-Jährigen: Medikamenten-Manfred. Kürzlich überraschte mich Alex in einem neuen T-Shirt. Auf dem stehen nur die Buchstaben MDKMNTNMNFRD. Okay, da hat Medikamenten-Manfred wohl ein paar Euro an Alex verdient.

Alex ist 18 und Stefan 16. Sie hören gerne den härtesten Deutsch-Rap, Bands wie K.I.Z., Azad, Haftbefehl und natürlich Farid Bang und Kollegah. Ich höre ganz gerne Sido. „Bilder im Kopf“, „Astronaut“ und „Papa ist da“: Das gefällt mir. Doch mit Sido kann ich bei meinen Nachkommen nicht landen. Diese Lieder sind irgendwie nicht hart genug und für sie einfach zu Mainstream.

Ich überlege, ob ich meine Aufgabe als Erziehungsberechtigter besser erfüllen muss und höre mir mehr von ihrer Art Musik an, doch schnell gebe ich auf. Der Sound gefällt mir nicht und die Aneinanderreihungen von Gewaltfantasien und Schimpfwörtern und die Vergötterung von schnellen Autos sind mir zu einfallslos. Soll ich ihnen diese Musik verbieten? Quatsch, dann hören sie sie erst recht. Außerdem: Die Musik, die ich von 30 Jahren gehört habe, war auch nicht wirklich jugendfrei. Bei den Sex Pistols oder dem Deutschpunk von den Straßenjungs ging es auch nicht nur um Teetrinken im Sonnenuntergang, sondern um Provokation auf Teufel komm raus.

Das liefern die Deutschrapper heute eben auch, und ich muss zugeben, dass ihre Musik auch nicht anspruchslos ist. Ich ziehe meinen Hut, wenn ich doubletime oder tripletime Rap höre, das ist echte Sprachakrobatik. So denke ich mir: Lasst den Kids ihre Musik, die wissen schon, was sie tun.

Plötzliche Ordnung im Puma-Käfig

Von Antje Hildebrandt

Neulich tat ich etwas, was Eltern niemals tun dürfen: Ich öffnete die Tür zum Zimmer meines 14-jährigen Sohnes. So ein Teenie-Zimmer ist ja ein Kosmos für sich. Ein Puma-Käfig. Eine Spielhölle. Eine Black Box. Die Fenster sind Tag und Nacht abgedunkelt, damit den Sohn bei der Jagd nach virtuellen Terroristen am PC nichts ablenkt. Und die Fenster sind immer geschlossen. Mir ist das ganz recht. So bleibt den Nachbarn das Chaos verborgen, das in diesen vier Wänden herrscht. Und sie hören auch nicht das Knattern der Kalaschnikow, begleitet von den Schreien, die mein Sohn vor dem PC ausstößt: „Jetzt knall ihn endlich ab!“

Der Ausnahmezustand – er ist hier die Regel. Normalerweise. Doch an diesem Tag war alles anders. Die Gardinen waren geöffnet, alle Fenster standen auf Kipp. Ein Hauch von Febrèze hing in der Luft. Und: Das Zimmer war tiptop aufgeräumt. Keine Teller mit angetrockneten Ketchup-Resten. Keine Cola-Dosen. Keine leeren Chipstüten. Sogar die Haufen von Jeans, T-Shirts und Boxershorts, die – so mein Verdacht – inzwischen vom Aussterben bedrohte Tierarten beherbergen, waren über Nacht vom Boden verschwunden. Ich legte dem Kind reflexartig die Hand auf die Stirn. Fieber? Nein, alles im grünen Bereich.

Eine Freundin? Es soll Jungs geben, die plötzlich aufräumen, wenn Mädchen zu Besuch kommen. Mein Sohn zählt nicht zu dieser Spezies. Besuche von kichernden Blondinen haben bislang nicht dazu geführt, dass das Chaos verschwand. Die Mädchen kamen allerdings auch nur einmal – und dann nie wieder. Meine Warnung, dass er eines Tages als Junggeselle in einer Messie-WG enden werde, wenn er sein Zimmer weiter verwahrlosen lasse, verhallte ebenfalls ungehört. „Räum erstmal dein Büro auf“, sagt der Sohn, wenn ich ihn zur Ordnung ermahne.

Dass er jetzt sein Zimmer freiwillig entrümpelt hat, verdanke ich Frau S. Frau S. ist seine Klassenlehrerin. Eine Frau mit Blick fürs Wesentliche. Zum Geburtstag backt sie jedem Kind einen Kuchen. Elterngespräche führt sie lieber zu Hause bei den Schülern als im Klassenraum.

Ich weiß nicht, ob sie dabei unauffällig mit dem Finger über Regale fährt, um Noten für Sauberkeit zu verteilen. Aber falls das so ist, haben wir den Test wohl bestanden. „Schön haben Sie es hier“, schwärmte sie und gratulierte uns zu unserem „wohlgeratenen Kind“. Kaum war sie weg, gab ich dem Sohn ein High-Five. Puuuh, das war knapp!

Wenn die Kinder den Sex entdecken

Gerlinde Unverzagt

„Da ist ein Mädchen drin!“, wispert mein Jüngster und reißt die Augen auf. Um mir diese ungeheuerliche Neuigkeit mitzuteilen, ist er extra nochmal aufgestanden, der gute Junge. Mit dem Kinn deutet er finster auf die verschlossene Zimmertür seines großen Bruders. „Waaas?“ Er nickt eifrig. „Ja, aber ich soll’s dir nicht sagen!“ Courage, Mutter. Einmal tief durchatmen ist immer eine gute Idee. „Sie haben abgeschlossen!“, flüstert der Kleine und beweist damit einmal mehr, dass er meine Gedanken lesen kann, noch bevor ich sie ganz fertig gedacht habe.

Dann legt er den Finger auf den Mund und wir gehen beide auf Zehenspitzen rückwärts in die Küche zurück, schließen die Tür. „Was machen wir denn jetzt?“, fragt er mitfühlend. „Gar nichts. Du gehst ins Bett und ich muss nachdenken.“ Er seufzt. „Wenn du reden willst, ich bin immer für dich da.“ Danke, mein Schatz – und das war doch eigentlich mein Satz?

Ich gehe in der Küche auf und ab und suche nach etwas Brauchbarem im Durcheinander streitender Stimmen, die mir den Kopf immer voller füllen. „Ist doch nichts dabei! Jungs sind so“, schrillt es. „Also wirklich, muss das denn jetzt sein!“, ereifert sich’s. Von irgendwoher tönt es schrill: „Hallo! Stell dich nicht so an. Besser er macht’s hier zuhause als in irgendwelchen finsteren Ecken!“

Plötzlich quietscht eine weibliche Stimme sehr hoch, rast wie ein Blitz durch die geschlossene Tür in die Küche und schlägt direkt in meinem Herzen ein. Während ich zu Boden gehe, fallen mir die Klagelieder befreundeter Mütter anderer fast 16-jähriger Jungen ein, bei denen es längst passiert ist, dass plötzlich ein Mädchen im Zimmer ist. Dann, sagen sie, geht der Stress erst richtig los: Stöhnen, Quietschen, Schreien, Schnaufen – man mache sich ja gar keine Vorstellung. Dass Kinder Widerwillen empfinden, wenn sie sich ihre Eltern als sexuelle Wesen vorstellen, gebongt. Kann man verstehen und hält sich eben zurück. Aber viel schlimmer ist doch der umgekehrte Fall: wenn Eltern unter den sexuellen Wesen leiden müssen, als die sich ihre süßen Babys eines Tages entpuppen.

Man versteckt sich im hintersten Winkel der Wohnung, schaltet Radio und Fernseher ein und setzt Kopfhörer auf, bügelt beklommen und versucht, sich nicht vorzustellen, was die eigentlich machen. Bloß nichts sehen, hören und denken müssen.

Es beginnt mit dem Moment, in dem man seinen Sohn an ein Mädchen verliert, das einen breiten Gürtel als Rock trägt, wie ein Waschbär geschminkt ist und einem praktisch jederzeit in entnervend winzigen Slips über den Weg läuft. Über diese Seelenpein darf man kein Wort verlieren, sagen meine Freundinnen: Dann würde man ja das Kind in seiner gesunden sexuellen Entwicklung behindern und sich obendrein als die verklemmte, herzlose Alte präsentieren, die man all die Jahre unter der Maske mitfühlender Madonnenhaftigkeit verborgen hat.

Will ich das? Nein, will ich nicht. Im Grunde bin ich ja auch sehr tolerant. Und großzügig. Genaugenommen bin ich meinen Kindern die Art von Mutter, die ich mir selbst gewünscht hätte. Als der Junge zum ersten Mal betrunken nach Hause kam, habe ich mir alle Tiraden verkniffen und auf Callcenter-Freundlichkeit umgeschaltet. „Herzlich willkommen zu Hause! Mein Name ist Mama. Was darf ich für Sie tun?“ Als ich ihn und seinen Kumpel beim Rauchen erwischte, habe ich die jungen Herren nonchalant ins Wohnzimmer gebeten. „Hey, setzt euch doch, hier ist ein großer Aschenbecher, ihr müsst doch nicht hinterm Haus rumstehen. Vielleicht ein Gläschen dazu? Bitteschön, hier ist eine ganze Schachtel Zigaretten, die rauchen wir jetzt gemeinsam, denn Rauchen ist eine tolle Sache.“ Gesagt, getan. Nach der zweiten Zigarette war den Jungs so kotzübel, dass sie das Zeug nicht wieder angerührt haben – und so haben sie das Rauchen schon mit 12 drangegeben.

Beim Frühstück am nächsten Tag druckse ich einleitend ein bisschen herum und komme dann beinhart zu Sache: „Wenn jemand in dieser Wohnung Sex hat, dann ich! Klar soweit?“ Mein Ältester grinst breit, hakt die Daumen in die Hosentaschen. „Du? Iiieeeh!“ Seine Schwester fragt schnippisch: „Echt jetzt? Du willst doch wohl nicht, dass ich’s unter der Brücke mache?“ Ich mustere sie mit zusammengekniffenen Augen. Was, die auch schon? Jetzt brummt der Große versöhnlich: „Chill mal, Mama, ist gebongt. Kommt nicht wieder vor, wenn du zu Hause bist.“ Seine Augen blitzen unternehmungslustig. „Und was ist mit Kiffen?“

Wie unser Sohn die Welt verbessert

Von Daniela Noack

Philipp hat sich auf dem Flohmarkt eine Jeansjacke gekauft. Für 35 Euro. Ein ordentlicher Preis für einen 14-Jährigen. Als er mir seinen Kauf stolz vorführt, konstatiere ich mütterlich miesepetrig: seltsamer Schnitt und zwei Nummern zu groß! Aber immerhin, Philipp denkt praktisch: „Im Winter kann ich alle meine Pullover darunterziehen“, sagt er. Und seine Freunde sind begeistert. „Cool!“ – „Wo hast du die Jacke gekauft?“ – „Darf ich die mal anziehen?“ Kaum zu glauben. Wie konnte mir das entgehen? Anscheinend bin ich inzwischen modisch hinterm Mond. Und mein Sohn auf dem Weg zum Trendsetter.

Die Jacke ist offenbar nicht nur modisch top, dank diverser Aufnäher ist sie auch ein politisches Manifest. Vom Weiten könnte man Philipp für eine wandelnde Litfaßsäule halten. Auf den Schultern zwei Zeichen, die vor Atomenergie warnen. Bei oberflächlichem Hinsehen erinnern die gelb-schwarzen Symbole an Blindenzeichen. Zwischen die Peacezeichen auf der Vorderseite hat sich altersgerecht ein Alien verirrt. Dann, oben auf dem Rücken, mit zwei Nadelstichen notdürftig befestigt: die Regenbogenfahne. Etwas weiter unten ein Aufkleber: „8. März Internationaler Frauenkampftag“. Ich sage: „Toll! Da kannst du deine neuen Erkenntnisse gleich umsetzen und mir in der Küche helfen.“ Das versteht Philipp nicht. „Was hat das damit zu tun?“ Immerhin ist er rhetorisch geschult. Mit seinem besten Freund geht er regelmäßig zu politischen Diskussionsveranstaltungen. Und als ich mit den beiden kürzlich auf einem Zeltplatz war, übernahmen sie sogar freiwillig den Abwaschdienst. Ihre Idee: Wenn wir das schmutzige Geschirr in den Regen stellen, wäscht es sich von alleine. Leider hat es an diesem Tag nur genieselt. Theorie und Praxis passen eben nicht immer zusammen.

Unter der Jeansjacke trägt Philipp seinen Anti-Homophobie-Kapuzen-Pulli. An den Füßen uralte Sportschuhe, bei denen die Sohle nur noch von Paketband gehalten wird. Mit Textilstift hat er auf seine revolutionären Treter geschrieben: „Stopp Kapitalismus“ und „Kick Nazis“. Mit den „guten“ Schuhen, die wir ihm aufgeschwatzt haben, lassen sich Botschaften, die die Welt zu einem besseren Ort machen sollen, längst nicht so gut transportieren. Einziger Wermutstropfen: Es sind Markenschuhe. Und Marken und großen Unternehmen steht Philipp kritisch gegenüber. Bei jedem Joghurt, Keks oder Müsli kontrolliert er vorher, ob diese nicht möglicherweise von einem bekannten Schweizer Konzern sind. Er glaubt, dort würden die Arbeiter nicht fair genug behandelt, Landschaften und die lokale Wirtschaft aus reiner Profitgier zerstört.

Plötzlich befinden sich eigentlich überall politische Parolen. Sogar im Badezimmer stehen Sprüche wie: „Netter als die Polizei erlaubt“. Das Fußballmotiv auf dem Kulturbeutel ist überklebt von einem abgegriffenen Zettel mit der bundeswehrkritischen Aufschrift: „Kein Werben fürs Sterben“. Oder: „Das schöne Leben schlägt Wellen“ und „G 20 fluten“ womit die Linksjugend Solid zum Widerstand gegen den G20-Gipfel in Hamburg aufrief.

Apropos Wellen schlagen und fluten. Während ich mit Philipp im Badezimmer diskutiere, merke ich, wie plötzlich meine Socken klitschnass werden. Der Junge hat nach dem Duschen wieder nicht aufgewischt. Philipp sieht, dass ich kalte Füße bekomme, und beugt sich verschwörerisch zu mir: „Mama, du hast es doch lieber, wenn ich auf Demos gehe, als wenn ich Drogen nehme?“

Lernen statt Party: Was einen Vater auch beunruhigen kann

Von Dirk Jordan

Ein sonniger Sonnabendnachmittag. Ich klopfe an Nikis Zimmertür und meine, ein leises „Jaha“ zu hören, ganz schwach. Zwar ein „Ja“, trotzdem irgendwie abweisend. Ich öffne die Tür, es ist dunkel, die Jalousien sind heruntergelassen, nur in der Ecke scheint das kalte Licht der Schreibtischlampe. Ich gehe hinein, stolpere über Bücher, stapel sie wieder auf. Bücher, lauter Bücher über Bienen. „Nicht auf das Mindmap treten!“, ruft die Teenie-Tochter alarmiert.

„Hey, es ist super Wetter da draußen! Ich wollte fragen, ob wir an den See fahren und ein Eis essen.“ Keine Antwort, ich höre nur ein Kritzeln. Gehe zum Schreibtisch und beuge mich darüber. Niki beschreibt Karteikärtchen mit binomischen Formeln. Neben ihr liegt ein ganzer Stapel davon, beschrieben mit klitzekleiner Schrift und beklebt mit Post-it-Zettelchen. So geht das ständig – aber jetzt sage ich mal was.

Ich höre mich im Oberlehrerton davon reden, dass das zu viel Lernerei sei und dass sie doch endlich mal ihr tolles junges Leben genießen solle. Niki malt einen Pfeil auf der Karteikarte rot aus. „In deinem Alter habe ich die Hausaufgaben in der Pause vor der Unterrichtsstunde auf dem Klo gemacht“, sage ich. Sie antwortet: „Ich muss noch die Powerpoint für den Bienenvortrag machen. Auf dem Klo gibt’s keine Steckdose und kein Internet.“

Na gut, dann anders. „Okay, dann gehste heute Abend mal mit deinen Mädels aus und ihr trinkt einen Cocktail“, ermuntere ich sie. „Alkohol schmeckt mir nicht“, erwidert sie. Ich versuche, witzig zu sein: „Mit 14 war ich das erste Mal richtig voll und habe in die Badewanne meiner Eltern gekotzt.“ Sie schaut mich mäßig amüsiert an: „Armer Paps – siehste, das haste davon!“ Da erinnere ich mich daran, dass in Nikis unangetastetem Sektglas zu ihrer Jugendweihe am späten Abend eine tote Biene schwamm.

„Ach, wenn du wieder rausgehst, kannst du mir meine Ausdrucke aus dem Drucker bringen?!“ Ich gehe zum Drucker, die letzte Seite eines dicken Stapel wird gerade fertig. Als der Drucker verstummt, höre ich die Bienen summen.

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