Pilgerreisen

Wo Langsamkeit erlaubt ist

Irmgard Jehle ist Reisebegleiterin beim Bayerischen Pilgerbüro. Hier spricht sie über Facetten des Pilgerns und beliebte Routen

Irmgard Jehle ist Reiseleiterin bei Pilgerreisen

Irmgard Jehle ist Reiseleiterin bei Pilgerreisen

Foto: privat

Irmgard Jehle ist Vizepräsidentin des Bayerischen Pilgerbüros und dort seit mehr als 40 Jahren als Reisebegleiterin tätig. Das Bayerische Pilgerbüro wurde 1925 gegründet und bietet weltweit Pilgerreisen an, die von Reiseleitern und Geistlichen begleitet werden. Hier berichtet Irmgard Jehle von ihren Erfahrungen beim Pilgern und mit Pilgern.

Frau Dr. Jehle, der Trend zum Pilgern ist ungebrochen. Was ist das Faszinierende daran?

Irmgard Jehle: Was die Menschen beim Pilgern in den Bann zieht, ist das Unterwegssein. Und zwar das Unterwegssein zu einem ganz bestimmten Ort. Pilgerorte werden nicht von oben verordnet, von der Kirchenspitze, sondern sie entstehen von unten her. Weil die Menschen spüren: Dieser Ort ist wichtig für mich. An dieser Quelle, in dieser Höhle oder Kathedrale kann ich etwas Wichtiges erleben.

Allerdings haben Pilgerorte wie Santiago de Compostela ja eine lange Tradition im Christentum …

In allen Religionen gibt es heilige Orte. Im Christentum ist es aber kein Muss, Wallfahrtsorte aufzusuchen. Das ist im Islam anders, wo der Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, zur Pflicht eines Gläubigen gehört.

Viele Menschen brechen ja auch gar nicht aus religiösen Gründen zum Pilgern auf, oder?

Das stimmt. Einige laufen los, weil sie einfach nur den berühmten Jakobsweg kennenlernen wollen. Sie interessieren sich für die sportliche Herausforderung oder für die Kultur. Doch im Laufe des Weges merken sie: Hoppla, da ist was, da ist mehr. Und das Wandern wird zum Pilgern.

Was ist denn das „Da ist mehr“?

Das ist schwer zu erklären. Es kann sich zum Beispiel einstellen, wenn man unterwegs in eine Kapelle tritt und den Weihrauch riecht. Das kann einen tief bewegen. Ich selbst habe es erlebt in Santiago de Compostela. Dieser Ort hat mich mäßig interessiert, Rom und Lourdes waren für mich wichtigere Orte. Doch dann musste ich beruflich dorthin. Und da kamen dort die ganzen Pilger an mit ihren großen Emotionen. Dem kann man sich kaum entziehen, das ist überwältigend.

Das klingt wunderbar.

Ja! Aber natürlich ist das Unterwegssein nicht immer nur schön. Auf dem Jakobsweg gibt es auch öde Streckenabschnitte. Auf denen läuft man und läuft man und läuft man … das kann sehr ermüdend und herausfordernd sein. Nicht nur körperlich! Man wird auf dem Weg mit sich selbst konfrontiert. Man kann sich selbst nicht ausweichen, beginnt, sein Leben zu reflektieren.

Wie schafft man zermürbende Wegstrecken?

Es ist verrückt, aber beim Gehen lösen sich Gefühle wie Verzweiflung oder Wut oder Selbstzweifel häufig einfach auf. Der Gedanke „Ich will das!“ trägt einen. Ich habe beim Pilgern ja ein Ziel, das ich erreichen will. Dafür nimmt man viel in Kauf.

Gerade Schmerzen sind es, die viele Pilger in ihren Berichten als läuternd herausstreichen. Was ist da dran?

Klar bekommt man mal Blasen, die richtig wehtun. Aber es ist auch schön, wenn man sich spürt. Und es bringt tolle Erlebnisse mit sich, etwa wenn man seine geschwollenen Füße in einem Bach kühlt oder sich Trinkwasser aus einer Quelle schöpft. Das sind Kleinigkeiten, die man entdeckt und genießt und für die man sich im Alltag nicht die Zeit genommen hätte. Beim Pilgern ist Langsamkeit erlaubt. Abends ist man dann positiv erschöpft und müde. Man ist stolz, dass man es geschafft und nicht aufgegeben hat.

Pilgern zu zweit – ist das auch ein Test für die Beziehung?

Freundschaften können wie bei jeder Reise auch mal auseinander gehen. Aber beim Pilgern geht man nicht den ganzen Tag nebeneinander her. Jeder hat eine andere Kondition und man will auch mal allein sein und in Ruhe seinen Gedanken nachhängen. Pilgern ist keine Dauerbespaßung. Es hat auch viel mit Schweigen zu tun. Das kommt ganz automatisch, ob man nun allein oder zu zweit geht.

Welche Pilgerrouten sind gerade besonders beliebt?

Im Trend ist der Franziskusweg von La Verna bis Rom. Die Spiritualität des Heiligen Franziskus, seine Naturverbundenheit, seine Auseinandersetzung mit der Kirche machen ihn zu einem Heiligen für unsere Zeit, der gerade auch Jugendliche interessiert. Das kommt natürlich auch durch Papst Franziskus. Im Heiligen Land wird der Jesus Trail zwischen Nazareth und dem See Genezareth sehr gern gegangen. Es ist die größte Faszination, auf den Spuren von Jesus zu wandeln. Als ich diese Reise mit Familien gemacht habe, wurden auch die anfangs eher skeptischen Teenager irgendwann reingezogen. Wir saßen viel im Freien unterm Sternenhimmel, haben gemeinsam gesungen oder die absolute Stille in der Wüste erlebt. Da konnte man Weihnachten im Sommer erleben. Das Schweigen und Nachklingenlassen finde ich beim Pilgern sehr wichtig. Solche Impulse versuche ich auch bei Pilgerreisen mit dem Bus zu setzen.

Pilgern per Bus – geht das überhaupt?

So schön das Pilgern zu Fuß ist: Das kann nicht jeder. Daher haben wir auch viele Busreisen im Angebot. Hier ist der Vorteil, dass die Menschen fast noch intensiver in den Austausch kommen. Überhaupt sind für mich die Begegnungen etwas ganz Wesentliches beim Pilgern und immer wieder erstaunlich. Da treffen sich so viele Nationen, man respektiert sich und lernt sich kennen. Man sitzt locker und friedlich zusammen und hat das Gefühl: Es ist stimmig. Man ist sich auf eine seltsame Weise vertraut. Und man umarmt sich auch mal, selbst wenn man müffelt. Das ist völlig egal.

Wie sollte man sich auf das Pilgern vorbereiten?

Man sollte sich gerade am Anfang des Weges nicht übernehmen und die passende Jahreszeit wählen: weder zu heiß noch zu kalt. Viele trauen sich nicht, allein loszuziehen, etwa weil sie Sicherheit schätzen. Dann sollten sie lieber eine organisierte Reise mitmachen. Wer den ganzen Tag denkt: „Hoffentlich finde ich heute Abend einen Schlafplatz“, der kann sich den Weg kaputt machen.

Was halten Sie von Klosteraufenthalten als Alternative zum Pilgern?

Es ist spannend, mit dem Klosterleben in Berührung zu kommen, das für uns oft unverständlich ist. Ein Klosteraufenthalt bietet aber eher den Weg nach innen, man konzentriert sich aufs Innerliche. Ich persönlich schätze die Ortswechsel und die Inspiration, die diese mit sich bringen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.