Gesellschaft

Warum wir selten zu unseren Fehlern stehen

Ob Missgeschick, Patzer oder Verbrechen: Nur ungern übernehmen Menschen freiwillig die Verantwortung für ihr Tun. Woran liegt das?

Peng! Klirr! Beim Kicken ist das Glas kaputt gegangen. Der Übeltäter verharrt noch eine Schrecksekunde, seine Freunde flüchten. Bloß schnell weg hier!

Peng! Klirr! Beim Kicken ist das Glas kaputt gegangen. Der Übeltäter verharrt noch eine Schrecksekunde, seine Freunde flüchten. Bloß schnell weg hier!

Foto: sturti / Getty Images

Laut krachend zerspringt der Blumentopf auf dem Asphalt. Rote Geranienblüten zittern zwischen tausend Scherben, die Erde spritzt umher. Mit der ganzen Wucht des Fluges von oben ist der Topf auf dem Gehweg der Motzstraße in Schöneberg gelandet, genau an der Stelle, auf die Christiane gerade ihren linken Fuß setzen wollte, einen Sekundenbruchteil später wären Kopf und Körper gefolgt. Entsetzt zuckt sie zurück, hält die Luft an, schaut auf den Scherbenhaufen vor ihren Füßen und dann nach oben. „Wer war das?!“, entfährt es ihr – und im gleichen Moment schießt ihr durch den Kopf, dass es eigentlich völlig egal ist, wer das war.

Wie eine Chiffre für den abwesenden Täter klafft auf der Balkonbrüstung im vierten Stock eine Lücke zwischen den Töpfen. War’s der Wind, der Wind, das himmlische Kind, wie Hänsel und Gretel auf die Frage der Hexe antworteten, die wissen wollte, wer an ihrem Knusperhäuschen genascht hat? Doch an diesem sonnigen Frühsommertag steht die Sonne hoch und es rührt sich kein Lüftchen. Christiane seufzt und rollt mit den Augen. „Genaugenommen hat man ja gar nichts davon, wenn man weiß, wer den Blumentopf vom Balkon geworfen hat. Genaugenommen kann man sich nur darüber freuen, dem Unglück knapp entronnen zu sein“, sagt sie und fährt sich mit der Hand durch die langen dunklen Haare.

Es dauert eine Weile, bis Christiane das Ganze als Glücksfall nehmen kann. Zunächst hat es ihr die Sprache verschlagen. Einmal mehr, als sich einen Augenblick später der Verursacher dann doch noch zu Wort meldet. Aber dass die Frage nach dem Schuldigen niemals gelassen oder auch nur halbwegs sachlich gestellt wird, liegt auch daran, dass man die Antwort schon im Voraus weiß. Sie lautet in 99 von 100 Fällen: „Weiß ich doch nicht. Ich war’s jedenfalls nicht.“

Es lag am System, wird gern behauptet

Ob FIFA-Skandal, das Debakel um den ADAC, Beschaffungsskandale bei der Bundeswehr, der Betrug um die Diesel-Abgaswerte oder die Reaktion des Regisseurs Dieter Wedel auf den Vorwurf sexueller Übergriffe, ob im Kleinen oder im Großen: Wo auch immer sich die Scherbenhaufen türmen, findet sich selten jemand, der die Verantwortung für sein Tun übernimmt. Wer war das und muss deshalb Konsequenzen ziehen? Jeder Beteiligte weist jede Schuld von sich und behauptet wie der ertappte Dreijährige, dem noch die Schokolade an den Mundwinkeln klebt: „Ich war’s nicht.“

Scheitern und Fehler zeigen in unserer Kultur selten ein Gesicht. Die Ursachen für Fehlverhalten liegen angeblich an den Umständen, der Überforderung oder dem System. Von kriminogenen Strukturen sprechen Soziologen, um Fehlverhalten zu erklären: Man kann doch gar nicht anders als zugreifen, wenn die Gelegenheit so günstig ist. Wer könnte dem Selbstbedienungsangebot widerstehen? Und so dürfen sich sogar Täter ein bisschen wie Opfer fühlen.

Die Geschichte des Leugnens reicht bis zur der Irrfahrt des listenreichen Odysseus zurück, der den einäugigen Riesen Polyphem blendete, um zu entkommen. Auf die wütende Frage des Zyklopen, wer ihn geblendet habe, antwortete Odysseus: „Niemand, niemand hat dich geblendet!“ Auch am Urgrund des christlichen Sündenfalls will es niemand gewesen sein. „Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du sollst nicht davon essen?“, fragt Gott Adam. Der versteckt sich hinterm Busch und redet sich heraus: „Die Frau gab mir von dem Baum.“ Gott fragt Eva: „Warum hast du das getan?“ Und auch Eva weist die Schuld weit von sich: „Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.“

Wer frei sein will, muss auch Verantwortung tragen

Ich? Nein! Ich war das nicht. Der Satz eint Könige und Kinder, Politiker, Ehemänner wie Ehefrauen, Konzernmanager, Verdächtige und Angeklagte vor Gericht. Es ist ein zeitloser Satz. Eltern, Lehrer, Polizisten und Richter hören ihn wohl besonders häufig. Warum nur fällt es uns so schwer, selbst kleine Fehler zuzugeben und für Missgeschicke geradezustehen?

Für mögliche Erklärungen muss man weit zurückgehen. Seit den Menschen mit der Aufklärung die Antworten Gottes und seiner irdischen Stellvertreter nicht mehr reichten, machten sie sich selbst auf die Suche nach Antworten. Dabei fanden sie die Verantwortung – und ihre schillernde Schwester, die Freiheit. Seither haben wir selbst einzustehen für das, was wir tun oder unterlassen. Ständiges Sünden- und Schuldbewusstsein hat die Psychologie längst als religiöse Neurose enttarnt, die zu schüren den Machtbedürfnissen der Kirche entgegenkam. Die Mauern dieses Schuldempfindens sind brüchig geworden. Die gewonnene Freiheit, selbst zu entscheiden, was wir tun und was nicht, ist uns viel wert.

Doch wer die Freiheit wählt, der wählt Verantwortung gleich mit. Wo sie beginnt, wo sie endet: eine leidige Frage, die noch immer nicht abschließend beantwortet ist. Die Fähigkeit, Fehler wahrzunehmen, einzugestehen und auch vor anderen offen zuzugeben, hängt am strahlenden Gedanken der Freiheit wie der Schweif am Kometen. Ohne Verantwortung ist Freiheit nicht zu haben. Das Eingeständnis, einen Fehler gemacht zu haben, hört man jedoch selten. Der Satz ist kurz und kompakt, aber offenbar so tonnenschwer, dass er kaum den Weg über die Lippen findet: „Ich war’s.“ Oder: „Ich bin schuld, ich habe einen Fehler gemacht, ich hab’s vermasselt, ich habe das getan, ich bin verantwortlich“.

Wer einen Fehler zugibt, gilt schnell als schwach

In einem Umfeld, in dem das Verleugnen und Verdrängen vor allem in der Politik zur psychischen Grundausstattung gehört, gilt es als Schwäche, einen Fehler zuzugeben. Die Angst vor Verlust der Autorität, des Prestiges, der Macht ist groß. Sie bedient sich routiniert des Passivs als sprachlichem Vehikel der Unbelangbarkeit. Die Systemformel „Es wurden Fehler gemacht“ mit dem kleinmütigen Zusatz „... aber nicht von mir“ soll beschwichtigen, wo nichts mehr zu vertuschen ist, zugleich jedoch die Spuren persönlicher Verantwortung verwischen.

An die Stelle des neurotischen Schuldbewusstseins ist eine Art neurotisches Unschuldsbewusstsein getreten. Ich war’s nicht! Ich kann nichts dafür! Schuld sind die Umstände, die Verhältnisse, der Zwang, die Verführung, das System. Tief haben wir verinnerlicht, dass nicht wir für unsere Taten verantwortlich sind, sondern dass da die schwere Kindheit war, der sadistische Lehrer, die falschen Freunde, die widrigen Umstände.

Wenn Paare sich trennen, ist sowieso immer der andere schuld. Wer Menschen misshandelt, gibt nur die Gewalt weiter, die er selbst erfahren hat. Wer klaut, wurde verführt. Der Kapitalismus ist schuld, wenn einer Steuern hinterzieht. Und der Konkurrenzdruck im Berufsleben zwingt einen ja geradezu, den Kollegen auszutricksen, um auf der Karriereleiter voranzukommen.

Wie unser Gehirn die Selbsttäuschung fördert

Wenn die Gelegenheit so günstig ist, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, wäre man doch blöd, sich als Verursacher zu bekennen. Und schon schrumpft die Fahrerflucht auf allen Wegen unserer Gesellschaft zum Kavaliersdelikt. Erinnerungsverzerrungen, Gedächtnisverlust, Justizirrtümer, Kunstfehler von Ärzten und Therapeuten, aber auch das große Privatgelände der Seitensprünge und Familienfehden – sie alle verbindet der rote Faden der Selbstrechtfertigung.

Psychologen und Neurowissenschaftler führen als eine Erklärung für ein solches Verhalten den „confirmation bias“ ins Feld, einen entscheidenden Aspekt der selektiven Wahrnehmung. Unter „confirmation bias“, zu deutsch: Bestätigungsfehler, versteht man die Neigung des denkenden Gehirns, Informationen zu suchen, die unsere Meinung bestätigen und widersprechende Informationen zu ignorieren. Diese Tendenz lässt uns in vielen Situationen fehlende Beweise so deuten, als wären sie ein Beleg für unsere Meinungen. Leicht erliegt man auf diese Weise einer Selbsttäuschung, ja sogar Selbstbetrug.

Der Mechanismus ergibt sich aus einem Zustand der Anspannung, wenn sich im Kopf zwei Kognitionen wie Ideen, Wahrnehmungen oder Meinungen widersprechen. Die Anspannung ruft negative Gefühlszustände hervor, die vom leisen Zwicken des schlechten Gewissens bis zu tiefen Angstzuständen reichen. Es entsteht eine sogenannte kognitive Dissonanz. Sie ist die Triebfeder der Selbstrechtfertigung – ein Prozess, der automatisch abläuft und nicht unbedingt die Bewusstseinsschwelle überschreitet. Er zielt aber immer darauf ab, unser positives Selbstbild zu schonen und die gute Meinung, die man von sich selbst hat.

Der Versuch, unser positives Selbstbild zu erhalten

„Dieser Impuls soll uns vor der bitteren Erkenntnis schützen, etwas falsch gemacht zu haben“, erklären die Sozialpsychologen Carol Tavril und Elliot Aronson und verweisen auf eine Reihe von Erkenntnissen aus neurowissenschaftlichen Experimenten. Dissonante Informationen führen demnach dazu, dass der Teil des Gehirns, der mit logischem Denken zu tun hat, weniger aktiv wird – mit der Folge, dass wir Informationen nicht unbedingt logisch verarbeiten und dazu neigen, unsere Handlungen im Nachhinein zu rechtfertigen. Dissonanz ist immer unangenehm, wird aber richtig unerfreulich, wenn ein wichtiger Teil des Selbstkonzepts in Frage gestellt wird. Die meisten Menschen haben ein leidlich positives Selbstkonzept und halten sich für kompetent, moralisch und klug – unfehlbar im Konjunktiv: „So etwas würde ich niemals tun!“

Der Versuch, dissonante Gefühle zu reduzieren, soll das positive Selbstbild erhalten. Je berühmter, selbstsicherer und mächtiger eine Person ist, umso weniger ist sie geneigt, einen Fehler einzugestehen. Zu viel von dem guten Eindruck, den sie von sich selbst hat und behalten will, steht auf dem Spiel. „Dissonanzminderung funktioniert wie ein Thermostat“, sagen Tavril und Aronson. „Sie hält unsere Selbstwahrnehmung hoch.“ Das funktioniert auch bei geringem Selbstwertgefühl: „Wer sich für einen Dummkopf oder Gauner hält, empfindet keine Dissonanz, wenn er betrügt.“

Wir lügen also nicht, wenn wir sagen: Ich war’s nicht. Wir rechtfertigen uns nur vor uns selbst und entwickeln ein elastisches Verhältnis zu den Tatsachen. Uns selbst zuliebe bagatellisieren wir das Ausmaß des Problems und den entstandenen Schaden. Wir räumen ein: Es wurden Fehler begangen. Von den anderen. Aber nur von einigen wenigen. Das Gedächtnis hilft uns dabei, indem es die Falten der Dissonanz glättet und intensiv nach Informationen sucht, die unser gutes Selbstbild bestätigen. Abweichende Informationen blenden wir aus. Wird ein Fehler offenbar, gibt unser Gedächtnis die beruhigende Auskunft, dass diese von jemand anderem gemacht wurden. Wenn ich überhaupt dabei war, dann nur als unschuldiger Zuschauer – wie Adam, der Feigling, der sich hinterm Busch versteckt und die Schuld auf Eva schiebt. Wenn ich das wirklich getan haben sollte, hat mich jemand dazu verleitet – wie Eva, die die Schuld der Schlange anlastet.

Je häufiger wir uns selbst täuschen, umso leichter fällt es

Probate Strategien, die wir anwenden, um Dissonanz zu reduzieren, sind laut Carol Tavril und Elliot Aronson Schwindeleien, Verzerrungen und schlichtes Vergessen. Diese seien „die Fußsoldaten unseres Gedächtnisses. Sie werden an die Front geschickt, wenn das totalitäre Ich uns vor dem Kummer und der Verlegenheit bewahren will, die wir unweigerlich verspüren, wenn wir etwas getan haben, dass nicht zu unserem Selbstbild passt“. Auch Friedrich Nietzsche beschrieb diesen Vorgang: „Das habe ich getan, sagt das Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt der Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“

Und das passiert nicht nur einmal: Der erste Schritt in Richtung Selbstrechtfertigung macht jeden weiteren einfacher. Tatsächlich verstärkt sich laut Tavril und Aronson die Motivation, einen solchen Schritt zu wiederholen. Denn wenn man es nicht täte, würde man damit – zumindest vor sich selbst – eingestehen, dass man schon beim ersten Mal falsch gehandelt hat.

Ehe man sich versieht, weicht man auch schon in weniger eindeutigen Fällen von den Fakten ab. Die ichstärkende Erinnerungsverzerrung hat das Ruder übernommen, die Kettenreaktion von Tun und Rechtfertigung läuft, zusätzlich geschmiert von den Einflüsterungen der hochgradigen Fehlerphobie in unserer Gesellschaft. Fehler werden nur von inkompetenten und dummen Leuten begangen, sind wir überzeugt. Deshalb geben wir Fehler nicht zu, selbst wenn wir sie bei uns selbst bemerkt haben, weil wir uns sonst als Idioten betrachten müssten oder jedenfalls die hohe Meinung von der eigenen Intelligenz deutlich nach unten korrigieren müssten.

Warum ein reifes Schuldbewusstsein erstrebenswert ist

Doch es geht auch anders. Ein Beispiel aus dem Medizinwesen: Aus Angst vor Autoritätsverlust pflegte die Ärzteschaft jahrelang das Image der Unfehlbarkeit, ein Verhalten, das Patienten wiederum als arrogant oder herzlos empfanden. Mit dem Mut zur Transparenz und dem Versuch, eine neue Fehlerkultur zu etablieren, konnte die Ärzteschaft Ansehen zurückerobern. Ärzte gaben plötzlich ihre Fehler offen zu und bekundeten ihre Bereitschaft, daraus lernen zu wollen. Was passierte? Kompetente Ärzte, die zu Fehlern standen, wurden immer noch als kompetente Ärzte wahrgenommen, wenn auch mit menschlichen Fehlern behaftet wie wir alle. Das Eingeständnis der Fehlbarkeit half, Vertrauen aufzubauen.

Es ist eine reife Form des Schuldbewusstseins, das um seine Freiheit weiß und ihren Preis nicht leugnet: Wer Entscheidungen trifft, kann sich irren. Frei zu entscheiden bedeutet, möglicherweise falsche Entscheidungen zu treffen – mal mit den besten Absichten, mal aus Faulheit oder Schlampigkeit. Doch ein reifes Schuldbewusstsein fragt im Vorhinein nach den Folgen des persönlichen Handelns, es macht sich empfindlich für die Leidtragenden und fähig, den Schmerz auszuhalten, wenn eine Entscheidung sich als falsch herausstellt und Leid verursacht.

Es fragt auch kritisch, innerhalb welcher Verstrickungen unschuldige Handlungen schuldhafte Folgen haben können: der Flug in den Urlaub angesichts des Klimawandels etwa oder der Kauf der Billigjeans im Bewusstsein der Arbeitsbedingungen in Bangladesch und anderswo. Dieses Bewusstsein weiß, dass es Schuld nicht vermeiden und auch nicht ungeschehen machen kann. Aber es weiß auch um die Verantwortung, die daraus erwächst, und sucht nicht im Nachhinein nach selbstwertschonenden Ausflüchten. Wer keine Schuld eingestehen kann, muss sie immer von sich weisen und anderen zuschieben.

Um sich zu ändern, braucht man Größe und guten Willen

Es kann etwas sehr Befreiendes haben, wenn wir die Verantwortung für unser Tun und Lassen übernehmen. Margot Käßmann hat diese Art Größe bewiesen. In ihrer kurzen Zeit als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirsche in Deutschland stellte sie sich nach ihrer Alkoholfahrt der Öffentlichkeit und bekannte: Ich war’s. Es gibt nichts zu entschuldigen und nichts zu relativieren. Und ich ziehe die Konsequenz, statt nach Wegen zu suchen, den Posten irgendwie zu behalten; ich trete zurück. Ihr Fehler wurde dadurch nicht kleiner oder ungeschehen gemacht. Aber jemand behielt im Bekenntnis seiner Schuld seine Würde.

Doch wenn es so befreiend ist, sein Gewissen zu erleichtern, warum tun es dann nicht mehr Menschen? „Wenn wir begreifen, warum unser Kopf so funktioniert, wie er es nun mal tut, lässt sich die Kettenreaktion von Tun und Rechtfertigen aushebeln“, schreiben Tavril und Aronson. „Wir müssen genau auf unser Verhalten und unsere Beweggründe achten. Dazu brauchen wir guten Willen, Reflexion und Zeit.“

Es gibt durchaus ein echtes Bedürfnis nach Ehrlichkeit und Integrität, das empfindlich reagiert. Im „Tatort“, der die Kunst, es nicht gewesen zu sein, jeden Sonntagabend neu erfindet, erfahren wir tiefe Beruhigung, weil am Ende die Rechtmäßigkeit der Verhältnisse wiederhergestellt ist und der Verbrecher seiner gerechten Strafe entgegensieht. Im „Tatort“ kommt der Verbrecher – anders als im wirklichen Leben – mit seinem Vergehen niemals davon.

Unsere Bedürfnisse wollen befriedigt werden

„Wir haben moralische Bedürfnisse“, sagt Susan Neiman, Philosophin und Direktorin des Potsdamer Einstein Forums. „Etwa das Bedürfnis, Ehrfurcht zu äußern, das Bedürfnis, Empörung auszudrücken, das Bedürfnis, Dinge bei ihren Namen zu nennen.“ Wo Lügen immer mehr zur Normalität würde, schwinde Vertrauen und das leiste weiteren Lügen Vorschub. Susan Neiman spannt den Bogen in ihrem Buch „Moralische Klarheit“ noch weiter: „Wenn diese Bedürfnisse nicht auf eine ernsthafte und reflektierte Weise befriedigt werden, dann laufen die Menschen zu Demagogen über – ob das nun Tea Parties sind oder Al Kaida. Beides ist Ausdruck einer Unzufriedenheit mit rein materialistischem Denken, das Sinn durch Konsum erfüllen will. Wir wissen, dass das nicht funktioniert. Aber trotzdem haben wir immer noch Berührungsängste mit jenen Begriffen, die unser Leben mit Sinn erfüllen.“

Susan Neiman nennt zwei Faktoren, die uns zu denken geben sollten: „Die Fülle der Lügen ist quantitativ einfach viel größer als irgendein vernünftiger Mensch übersehen kann, auch wenn er sein ganzes Leben damit verbringen würde. Wir glauben, dass die einzig wirklichen Werte Machtwerte sind. Ich glaube, das haben wir noch nicht wirklich kapiert. Dass das auch nicht nur unsere Wirtschaft beeinflusst, unser soziales Leben, sondern auch unser Denken. Es scheint heutzutage peinlich zu behaupten, dass es Werte gibt, die nicht Markt-Werte sind.“

Bei großen Institutionen müssen externe Faktoren die Kontrolle der Macht leisten. Bei uns selbst sind wir auf uns allein gestellt. Wir brauchen ein wenig Aufmerksamkeit, was uns selbst angeht.

Der erste Schritt zur Besserung ist der Satz „Ich war’s!“

Wenn wir erst einmal erkennen, wie und wann wir Dissonanz mindern, werden wir wachsam und können über den Automatismus der Selbstrechtfertigung hinauswachsen. Dazu müssen wir begreifen, wie sehr unser Gehirn nach Konsonanz strebt, wie entschieden es alles ablehnt, was unsere Ansichten und Vorlieben in Frage stellt. Und dann müssen wir handeln. Der Mechanismus, Dissonanz zu vermeiden, mag angeboren sein. Die Haltung Fehlern gegenüber lässt sich korrigieren.

Ein Fehler hat den Sinn, das innere Wachstum zu ermöglichen. Die ersten Schritte der Kunst, es gewesen zu sein, beginnen so: Ich war’s. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich möchte begreifen, woran das lag, weil ich denselben Fehler nicht noch einmal machen will.

Schön wär’s ja. Weniger beherzten Charakteren steht unter dem Druck, einen Fehler oder ein Missgeschick einzuräumen und Wiedergutmachung anzubieten, auch noch die Taktik der aggressiven Vorwärtsverteidigung zur Verfügung. So macht man das Opfer sprachlos und erspart sich damit laute Vorwürfe und Anklagen.

„Ich habe noch einmal etwas länger nach oben geschaut“, erinnert sich Christiane nach dem Zerspringen des Geranientopfes auf dem Gehweg vor ihren Füßen. „Plötzlich erschien das Gesicht einer mittelalten Frau über der Balkonbrüstung, die kurz erschrak. als sie mich sah. Doch bevor ich etwas sagen konnte, rief sie: „,Bringen Sie mir den Topf schnell hoch, wenn er noch heile ist?’“

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