Gesellschaft

Zu Besuch bei Pflegeeltern

Mama, Papa, zwei Kinder: Das ist der Klassiker. Doch Familie geht auch ganz anders. Eine Pflegefamilie erzählt

Gemeinsam Spaß haben: So sieht der Traum von Familie aus

Gemeinsam Spaß haben: So sieht der Traum von Familie aus

Foto: DanielBendjy / Getty Images

Neulich fuhr Leila (13) auf Klassenfahrt. Andere Kinder in ihrem Alter können es kaum erwarten. Endlich mal raus, weg von den Eltern. Doch Leila konnte sich nicht freuen. „Geh nicht weg, Mama!“, flehte sie im Auto und weinte. Da, sagt Monika Claassen*, seien ihr auch die Tränen in die Augen geschossen.

Leila ist nicht ihr leibliches Kind. Das Mädchen war zweieinhalb Monate alt, als es als Pflegekind zu den Claassens kam. Heute sagt Leila „Mama“ und „Papa“ zu Monika und ihrem Mann Stefan. Sie hat sogar ihren Familiennamen angenommen. Ihr Bild hängt in der Küche, zwischen den Fotos der anderen Kinder. Neun sind es insgesamt, sechs eigene und drei Pflegekinder. Justin, Nicoletta, Alex, Ben, Friederike, Deborah, Miriam, Lillith und Rahel.

Ein Zuhause geben

Die Claassens sind keine gewöhnliche Familie – und doch eine Familie wie aus dem Bilderbuch. Aber was genau ist überhaupt Familie? Der Begriff ist dehnbar geworden, seit immer mehr Kinder in Patchwork-Konstellationen aufwachsen und die Ehe für alle gilt. Monika Claassen beschreibt das, was das Besondere ihrer Familie ausmacht, so: „Wir geben Kindern ein Zuhause, die aus dem Nest gefallen sind.“

Das klingt, als sei es die leichteste Sache der Welt. Doch wer die Claassens besucht, erfährt, dass es nicht so leicht ist. Familie, das ist eben nicht nur die Packung Taschentücher für den Abschied bei der Klassenfahrt oder die heiße Milch mit Honig gegen Erkältung. Es ist eine zarte Pflanze, die langsam wächst. Und sie zu pflegen bedeutet Arbeit, viel Arbeit.

Die Claassens bewohnen ein riesiges Haus im Speckgürtel von Berlin, mit Pool und Trampolin im Garten. An diesem warmen Sommerabend sitzen die Eltern Monika (58) und Stefan (57) auf einer Holzbank, zwischen sich Nicoletta (6), ein zarter Wirbelwind. Monika streichelt Nicoletta über den geschwollenen Handrücken. Heute morgen im Kindergarten hat eine Biene Nicoletta gestochen. „Den Stachel habe ich ganz allein rausgezogen“, erzählt die Kleine stolz.

Gemeinsam lachen und musizieren

Nicoletta ist das Nesthäkchen der Familie. Wenn man die Pflegeeltern fragt, warum sie nach acht Kindern noch einmal von vorne anfingen und und ein Kind aufnahmen, obendrein eines, das mit zehn Monaten weder krabbeln noch sitzen konnte und den ganzen Tag schrie, müssen sie weit ausholen.

Monika und Stefan Claassen sind gläubige Christen. Beide sagen, sie hätten schon als Kinder von einer großen Familie geträumt. Ein Haus voller Leben und Kinderlachen. Eltern, die da sind, wenn man sie braucht. Die aber nicht wie Glucken über den Nachwuchs wachen. Sich streiten und vertragen. Gemeinsam musizieren. Solche Sachen. Sie sagt: „Ich bin behütet aufgewachsen, aber als Einzelkind.“ Er sagt, er habe sich oft allein gefühlt. Sein Vater verließ die Familie, als er neun war. Die Mutter schuftete den ganzen Tag, um die Familie durchzubringen. Die Geschwister kriegten sich ständig in die Haare. Stefan sagt, er könne sich nicht daran erinnern, dass sie je zusammen verreist seien.

Den Traum von der Großfamilie, sie haben ihn sich selbst erfüllt. Die eigenen sechs Kinder sind mittlerweile aus dem Haus. Bis auf Tochter Miriam haben alle studiert. Monika sagt es nicht ohne Stolz. Für ihren Traum von der Großfamilie hat sie, die ehemalige Leistungsschwimmerin, einiges geopfert – neben ihrem Sport auch ihre berufliche Karriere. Nach dem Abitur hätte sie selbst gern studiert, Umwelttechnik zum Beispiel. Aber erst ein Studium und dann einen Job und dazu einen Haufen Kinder, das wäre nicht miteinander vereinbar gewesen. Schon so sei sie eines Tages an ihre Grenzen geraten. Nach dem fünften Kind konnte sie plötzlich nicht mehr. Ärzte attestierten ihr eine Erschöpfungsdepression.

Lernen, sich einzuschränken

„Mama, wann gibt es Abendbrot?“ Nicoletta zupft an Monikas T-Shirt-Ärmel. Die Mutter springt auf. Sie schält Äpfel und schmiert Brote für die Kleinen. Sie sagt: „Wenn ich etwas mache, dann ganz oder gar nicht.“

Klar sei es finanziell immer eng gewesen, nur mit Stefans Gehalt als Tischlermeister. Aber alle ihre sechs Kinder hätten ein Instrument gelernt und Sport getrieben. Monika chauffierte sie hin und her. Dass sie kein Geld und kaum Anerkennung dafür bekam, nahm sie in Kauf. Die Familie zu managen, das sei ihr Job, sagt sie. Und bedeutet Familie nicht auch zu lernen, sich einzuschränken?

„Für das, was uns wichtig war, hat es immer gereicht“, sagt Stefan. Das Haus hat er selbst gebaut, auch die Möbel. Er hat auch einen Transporter zum Wohnmobil umgerüstet. Fragt man ihn nach den schönsten Momenten mit der Familie, sagt er: „Unsere Campingurlaube in Schweden. Wir waren den ganzen Tag draußen und haben zusammen getobt.“

„Wir waren ziemlich naiv“

Von den Erinnerungen zehren sie heute noch. Ihre eigenen Kinder sind nun selbstständig, sie müssen sich keine Sorgen mehr um sie machen. Selbstverständlich ist das nicht. Monika Claassen sagt, das sei ihr bewusst geworden, als sie Leila vor 13 Jahren zu sich nahmen. Zur Kurzzeitpflege, so war es geplant. Die leiblichen Kinder waren damals fast flügge, Monika und Stefan Mitte 40. Jung genug, um nochmal durchzustarten.

Stefan kaufte die Werkstatt, in der er angestellt war. Sie besuchte die Abendschule, um die Buchhaltung für die Firma zu übernehmen. Aber das reichte den beiden nicht. Zufällig erfuhren sie, dass das Jugendamt Pflegeeltern sucht. Ein Kind, dachten sie, passt noch gut rein. Besser zwei.

Ziemlich naiv seien sie damals gewesen, sagt Monika Claassen. Die eigenen Kinder groß zu ziehen sei etwas anderes als angenommene, sagt sie. Leila war zehn Wochen alt, als sie zu den Claassens kam. Sie weinte viel und schrie nachts. So etwas kannten die beiden bis dahin nicht. Heute wissen sie, dass die Trennung von ihrer Mutter Leila traumatisiert hat. Sie leidet bis heute unter Verlustängsten. Und nicht nur das. Laufen, Fahrradfahren, Schwimmen: Leila lernte nur sehr langsam. Warum, das erfuhren die Pflegeeltern erst, als das Kind schon zwei Jahre alt war. Leila hat eine leichte geistige Behinderung.

Die Kinder geben viel zurück

Einige Pflegeeltern hätten womöglich versucht, das Kind wieder abzugeben. Die Claassens sagen, ihnen wäre das nie in den Sinn gekommen. „Wir hängen an den Kindern genauso wie an unseren eigenen.“ Dabei, daraus machen sie keinen Hehl, stellen die drei sie auf eine harte Probe. Auch Nicoletta und Justin haben eine leichte Behinderung. Der heute Elfjährige kam als Kind einer Alkoholikerin zur Welt und leidet unter dem fetalen Alkoholsyndrom. Sein Hirn wurde schon im Mutterleib geschädigt.

Termine bei Ergotherapeuten und Psychologen bestimmten nach der Diagnose ihren Alltag. Dazu Gespräche mit Mitarbeitern des Jugendamtes und den gesetzlichen Vormündern der Kinder. Ohne die Erfahrungen mit dem eigenen Nachwuchs hätte sie das nicht geschafft, sagt Monika. „Da würde mir die Gelassenheit fehlen.“

„Warum tut ihr euch das an?“, werden Monika und Stefan häufig gefragt, wenn sie davon erzählen, wie anstrengend der Kampf um die Förderung der Kinder manchmal ist. Etwa 400 Euro Unterhalt und 300 Euro Erziehungsgeld zahlt ihnen der Staat pro Kind. Aber wegen des Geldes, sagen sie, würden sie das nicht machen. „Ohne Kinder“, sagt Stefan Claassen, „würde uns einfach etwas fehlen.“ Seine Frau nickt ihm zu. Die Kinder, sie geben viel zurück. Es ist ein Gefühl, nach dem sie sich beide schon immer gesehnt haben. Sie nennen es Nestwärme.

* alle Namen der Familie von der Redaktion geändert

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