Fernbeziehung

„Distanzpaare sprechen mehr miteinander“

Diplompsychologin Berit Brockhausen berät Paare, die weit auseinander leben. Hier erklärt sie, wie Liebe auf Distanz gelingt

Berit Brockhausen ist Diplompsychologin

Berit Brockhausen ist Diplompsychologin

Foto: Ines Borchart

Die Diplompsychologin, Paar- und Sexualtherapeutin Berit Brockhausen ist Expertin für Beziehungsfragen. Sie hat selbst einst in einer Fernbeziehung gelebt und sich intensiv mit den Besonderheiten dieser Lebensform beschäftigt. Heute bietet sie in ihrer Praxis in Friedrichshain Intensiv-Coachings für Paare an, die eine Fernbeziehung führen. Wir sprachen mit ihr über Herausforderungen und Tipps für die Liebe auf Distanz.

Frau Brockhausen, entsprechen Fernbeziehungen dem Zeitgeist?

Berit Brockhausen: Liebe auf Distanz hat viele Namen: Fern- oder Wochenendbeziehung, Fernliebe, Pendler- oder Wochenendehe oder Living apart together. Die berufliche Mobilität ist nur ein Faktor von vielen. Auch früher gab es Berufsgruppen, die beruflich mobil sein mussten. Allerdings war da dann meist klar, dass Frau und Kinder der Versetzung des Mannes folgten. Der Preis war hoch und bedeutete zum Beispiel den Abbruch sozialer Beziehungen. Die steigende Erwerbstätigkeit der Frauen spielt heute eine Rolle. Wenn beide Partner Karriereziele verfolgen, führt das häufiger zu Zeiten des „living apart together“. Auch ist der Wunsch nach Eigenständigkeit in der Beziehung größer geworden. Das alte Modell der Ehe mit traditioneller Rollenteilung taugt nicht mehr. Paare suchen stattdessen nach neuen Wegen, Partnerschaft und Selbstverwirklichung zu verbinden.

Eine Beziehung über große Entfernungen führen – geht das überhaupt?

Die Technik macht es inzwischen auf jeden Fall leichter, Intimität auch in der Distanz aufrecht zu erhalten. Telefon und Internet, SMS und Skype sowie schnelle Flug- oder Bahnverbindungen ermöglichen – bei entsprechendem Einkommen – regelmäßigen Kontakt trotz großer Entfernung.

Haben „Distanzpaare“ mehr Probleme als andere Paare?

Nein. Ich beobachte, dass sie sogar deutlich seltener als andere Paare in die Beratung kommen. Es scheint, dass diese Lebensform es erleichtert, in einer Beziehung zu leben. Interessanterweise kommen sehr viel mehr Paare zu mir, nachdem sie zusammengezogen sind und feststellen mussten, dass sie die Probleme der Distanzbeziehung gegen die Probleme des Zusammenlebens getauscht haben.

Welches sind die Gefahren, welches die Chancen einer Fernbeziehung?

Viele Distanzpaare gestalten die gemeinsame Zeit ganz bewusst. Die Gefahr, nebeneinander her zu leben und sich vor lauter Alltag gar nicht mehr als Liebespaar zu begegnen oder sich über Kleinigkeiten zu streiten, ist geringer. Trotzdem fehlt manchmal die partnerschaftliche Unterstützung im Alltag. So schön es ist, sich nur von seiner Schokoladenseite zu zeigen und die des anderen zu genießen: Das kann dazu führen, dass Auseinandersetzungen vermieden werden und im Untergrund weitergären oder dass man dem anderen das „wahre Gesicht“ nicht zeigt. Schwierig sind auch die großen, meist unausgesprochenen Erwartungen an das Treffen und die damit oft vorprogrammierte Enttäuschung. Trotzdem: Distanzpaare sprechen mehr miteinander und tauschen sich über das aus, was sie bewegt. Auf diese Art und Weise stellen sie die Vertrautheit miteinander immer wieder neu her. Paare, die ihre Wochenendbeziehung als Bereicherung empfinden, haben effektive Konfliktlösungsstrategien entwickelt, die ihnen erlauben, Streit oder Auseinandersetzung nicht zu vermeiden, sondern die eine gute Klärung und schnelle Versöhnung ermöglichen.

Und so lebten sie glücklich bis ans Ende ihrer Fernbeziehung?

Bei den meisten Paaren entsteht nach einer Zeit der Wunsch zusammenzuziehen. Oft entsteht das Bedürfnis aus einem Gefühl der Stagnation. Bisweilen ist die Alternative zum Zusammenziehen die Trennung. Andere haben die Illusion, dass alle Schwierigkeiten sich lösen, wenn man zusammenzieht. Auf Paare, die nach jahrelanger Fernbeziehung zusammenziehen, wartet eine große Herausforderung. Nähe und Distanz regeln sich nicht mehr durch einen von außen vorgegebenen Rhythmus, sondern müssen neu gefunden werden. Zusammenziehen heißt auch immer, all die Alltagskonflikte auszutragen, die einen in getrennten Wohnungen kalt lassen können. Das Ganze erfährt eine besondere Verschärfung, wenn ein Kind geboren wird. Zwei Menschen, die einen hohen Grad von Unabhängigkeit im Alltag voneinander hatten, sind auf einmal auf eine gute und reibungslose „Zusammenarbeit“ angewiesen.

Was können Paare dann tun, damit das Zusammensein gelingt?

Beide sollten sich bewusst darum bemühen, über das Gespräch immer wieder den Kontakt zueinander herzustellen. Sonst kann dies zu zunehmender Distanz, Einsamkeit und Entfremdung führen – auch wenn der Partner nicht mehr 2000 Kilometer entfernt, sondern im Zimmer nebenan wohnt. Sie sollten wissen, dass Konflikte ein Ausdruck dafür sind, dass es um etwas geht, was beiden wichtig ist – also eigentlich ein gutes Zeichen. Es bedeutet: Der andere und unser Zusammenleben sind mir nicht egal. Hier kommt es darauf an, wie schnell das Paar Kompromisse aushandeln kann, mit denen beide gut leben können.

In der Ferne so nah: Ist das das Beziehungsmodell der Zukunft?

Studien zeigen, dass der Wunsch nach einer verbindlichen Partnerschaft mit einem anderen Menschen unverändert stabil und wichtig ist. Insofern lautet meine Einschätzung, dass das Modell der Zukunft das Paar ist und bleibt. Trotz der Schwierigkeiten in der Zeit des Übergangs von der Fernbeziehung zum Zusammenleben waren die Paare, die ich in Beratungen kennengelernt habe, der Ansicht, dass es ein wichtiger und notwendiger Schritt gewesen sei zusammenzuziehen. Nicht wenige waren überzeugt, dass sie sich sonst vermutlich auseinandergelebt hätten. Jede Partnerschaft stellt uns vor die Herausforderung, gemeinsam gute Lösungen für unsere Probleme zu finden. Oder wie es Oscar Wilde ausdrückte: Die Ehe ist dazu da, Probleme gemeinsam zu lösen, die man alleine gar nicht hätte!

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