Muttertag

„Ein schöner Anlass, Wertschätzung zu zeigen“

Saralisa Volm über den gesellschaftlichen Druck auf Frauen und warum auch Männer die Mutterrolle leben können

Engagiert im Berufsleben und als Mutter: Saralisa Volm

Engagiert im Berufsleben und als Mutter: Saralisa Volm

Foto: Katja Hentschel / BM

Saralisa Volm (32) ist Schauspielerin, Produzentin, Autorin, Regisseurin und Mutter von vier Kindern. Vor Kurzem hat sie im Kunstquartier Bethanien „bitch MATERial“ kuratiert, eine Gruppenausstellung zur Erweiterung des Mutterbegriffs. Wir sprachen mit ihr über Mutterrollen und Frauenbilder.

Saralisa, was genau bedeutet es für Dich, eine gute Mutter zu sein?

Saralisa Volm: Eine gute Mutter macht auch Fehler. Ich zum Beispiel bin furchtbar ungeduldig, esse meinen Kindern manchmal die Schokolade weg und Ball spielen kann ich auch nicht. Ich bin nicht perfekt, und diesen Anspruch stelle ich auch gar nicht an mich. So lernen meine Kinder, dass auch Mütter Fehler machen. Ich glaube, an einer perfekten Mutter kann man durchaus verzweifeln.

Inwiefern prägen traditionelle Geschlechterrollen auch heute noch den Mutterbegriff?

Wenn ich höre, was Politiker der CSU oder der AfD dazu sagen oder welche Positionen Christa Müller, die Ex-Frau von Oskar Lafontaine, öffentlich vertritt, bekomme ich das Gefühl: Sie sind noch sehr dominant. In meiner persönlichen Blase ist das anders. Dennoch finde ich es schockierend, wie viele der vermeintlich gleichberechtigten Paare, die ich kenne, in alte Geschlechterrollen zurückfallen, sobald das erste Kind da ist. Ich finde es überhaupt nicht problematisch, wenn sich eine Frau entscheidet, zuhause zu bleiben und die Kinder großzuziehen. Aber ich finde es schade, wenn man sich dieser Konvention beugt, weil sie wie der einzig gangbare Weg erscheint.

Deine Ausstellung „bitch MATERial“ widmet sich auch Möglichkeiten, den Mutterbegriff zu erweitern. Wie genau kann man das tun?

Uns war es wichtig zu zeigen, dass Muttersein eine soziale Rolle ist, nicht nur eine biologische Aufgabe. Auch die Großmutter, der schwule Onkel oder der Vater können in die Mutterrolle schlüpfen. Meine Hebamme sagt immer: Tragen ist das Stillen des Mannes. Man muss also nicht unbedingt weiblich sein, um eine Mutterrolle zu übernehmen.

Was wird von modernen Müttern erwartet?

Am auffälligsten ist dieses Gefühl, dass man es nie richtig macht. Selten sagt einer: Toll, wie du das machst. Viel öfter kommen Fragen wie: Wieso bleibst du zuhause und arbeitest nicht? Oder: Wieso arbeitest du nur in Teilzeit? Es gibt immer noch einen enormen gesellschaftlichen Druck auf Frauen. Im Zug der Recherche für unsere Kunstausstellung hat mich schockiert, wie viele Künstlerinnen ihren Galeristen etwa nicht sagen, dass sie ein zweites Kind bekommen, aus Angst vor negativen Konsequenzen. Als moderne Mutter, die auch arbeiten möchte, bekommt man immer noch Steine in den Weg gelegt.

Warum haben es Mütter untereinander schwer?

Ich glaube, Menschen machen es sich untereinander schwer. Dass Frauen untereinander gehässiger sind, kann ich nicht bestätigen. Aber ich sehe eine Notwendigkeit für mehr Zusammenhalt, auch zwischen Männern und Frauen. Männer brauchen die Unterstützung von Frauen, damit sie es leichter haben, in Elternzeit zu gehen. Denn es ist ja schon ein enormer Gewinn, wenn sie mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen können – ein Aspekt, der, wie ich finde, noch nicht oft genug mitgedacht wird.

Wie geht es Nicht-Müttern heute?

Das ist wirklich die Hölle. Man kann es nicht richtig machen. Wer keine Kinder bekommt, wird dafür beschimpft oder kritisiert. Wer zuhause bleibt, gilt schnell als das Heimchen am Herd. Wer arbeitet, obwohl er Kinder hat, macht es auch falsch. Ich glaube, diese harte Bewertung der individuellen Lebensmodelle rührt oft auch aus einem Frust über eigene Fehlentscheidungen. Viele Frauen, mit denen ich befreundet bin, sind Anfang 30, das typische Alter also, in dem Akademikerinnen in Großstädten Kinder bekommen. Viele von ihnen wollen keine Kinder, müssen sich aber ständig dafür rechtfertigen nicht. Ich finde das unsensibel und übergriffig. Anstatt zu fragen: „Wann ist es bei dir soweit?“, könnte man auch offen die Frage stellen: „Möchtest du Kinder?“ Alles andere ist unverschämt. Ich habe nicht das Gefühl, dass ein Leben ohne Kinder zwingend leerer oder weniger erfüllt ist. Meines wäre leerer, weil ich Kinder wollte.

Was hat sich für Dich geändert, als Du Mutter wurdest?

Ich kann das gar nicht benennen, weil ich mit 24 das erste Mal Mutter wurde und dann auch sehr schnell erwachsen werden musste. Das wäre ich aber auch ohne meine Kinder geworden. Ich würde sagen, mein Bedürfnis nach Konsum ist ziemlich gering und ich kreise auch nicht ständig um mich selbst. Das hat aber auch mit der Reifung des Charakters zu tun und nicht nur mit den Kindern.

Würdest Du sagen, künstlerischen Werken von Müttern haftet ein Stigma an?

Absolut. Damit hatten wir auch bei der Ausstellung zu kämpfen. Viele hatten zunächst Bedenken mitzumachen. Es gab die Sorge, durch das Bekenntnis zu diesem Thema in der Häkelkunst-Ecke zu landen. Das Stigma bei Kunst, die Mütter machen, ist anscheinend immer noch, dass es dann ja Hobbykunst sein muss. Aber das Bild vom Künstlergenie, das sich nur der Kunst widmet, ist ein Klischee. Viele große Künstler verbrachten neben ihrer Kunst viel Zeit in Spelunken oder bei Prostituierten. Man kann auch Kunst machen und Kinder großziehen.

Können Männer Mütter sein?

Ja! Männer können Mütter sein. Wir alle haben ja auch immer noch dieses leicht verklärte Mutterbild. Ich finde, es hat viel mit Geborgenheit zu tun, damit, zurück zur Mutter zu wollen, wenn man Trost braucht. Diese Rolle kann aber jeder Mensch erfüllen, unabhängig von Geschlecht und Alter.

Wie feierst Du den Muttertag?

Ich fahre zum Filmfestival nach Cannes, ganz alleine, und lasse meinen Mann Mutter sein. Aber ich mag den Muttertag – es ist ein schöner Anlass, einander Wertschätzung zu zeigen. Ich nutze ihn, um meine Mutter und meine Großmütter anzurufen und freue mich, wenn meine Kinder mir zu diesem Tag etwas basteln oder Blumen schenken.

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