Muttertag

Was es bedeutet, Mutter zu sein

Früher trafen sie sich in Nachtclubs, heute im Sandkasten: Zwei Freundinnen über Mutterrollen und wie ihre eigenen Mütter sie prägen.

Autorin Sarah Borufka mit ihrer Mutter Eva Borufka

Autorin Sarah Borufka mit ihrer Mutter Eva Borufka

Foto: Amin Akhtar

Berlin. Es ist ein Sonnabend im Mai, als mein Handy gegen halb acht Uhr am Morgen klingelt. Ich greife verschlafen nach dem Telefon und sehe, dass es meine beste Freundin Claudia ist, die anruft. Untypische Uhrzeit, denke ich, hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert. „Ich bin schwanger!“, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. Ich bin mit einem Mal wach.

Claudia und ich, Sarah, wir kennen uns seit 20 Jahren. Es gibt wenige Menschen, mit denen ich so oft bis in die Morgenstunden gefeiert und so viel gelacht habe. In den letzten Jahren wurden immer mehr Frauen in unserem Freundeskreis Mütter. Claudia und ich blieben kinderlos. Gemeinsam besuchten wir die Freundinnen, die Kinder hatten, saßen verkatert bei Kaffee und Kuchen auf deren Terrassen und waren irgendwie erleichtert, wenn wir nach Hause gehen konnten, wo außer einem Berg dreckiger Wäsche keine Pflichten auf uns warteten. Wir trafen uns Sonntag mittags zum Sektfrühstück und gingen danach ins Berghain, während andere Freundinnen ihre Säuglinge stillten und das Wochenende auf Spielplätzen verbrachten.

All das geht mir durch den Kopf, als ich diesen Satz von Claudi höre. Die Reihe der Kinderlosen in meinem Leben hat sich um eine entscheidende Person gelichtet. Die Einschläge kommen näher! Ich gratuliere Claudia natürlich trotzdem. „Ich finde es ziemlich krass“, sagt diese am anderen Ende der Leitung. Sie klingt etwas geschockt. Ich versuche, sie zu beruhigen. „Du wolltest doch immer ein Kind“, sage ich. „Das wird bestimmt richtig gut!.”

Alles wird sich ändern, jetzt, wo ich Mutter werde

Was Claudia denkt: Als meine Regel einen Tag zu spät kommt, bin ich mir sofort sicher, dass ich schwanger bin. Ich, Claudia, bin ziemlich aufgewühlt und schlafe schlecht. Bin ich überhaupt bereit dazu, Mutter zu sein? Es ist eigentlich nicht wirklich ein guter Zeitpunkt, um ein Kind zu bekommen: Ich stecke gerade mitten in einer Ausbildung zur Binnenschifferin, die ich erst im nächsten Jahr im Sommer abschließen werde.

Ich kann nicht mal gleich einen Schwangerschaftstest machen, um Gewissheit zu haben, denn als ich bemerke, dass ich schwanger sein könnte, sitze ich mit meinen Ausbildern auf einem Frachter und schippere die Elbe hinunter. Zwei Tage später machen wir in Lauenburg Halt. Ich laufe sofort zur Drogerie und kaufe einen Schwangerschaftstest. Er ist positiv.

Ich sitze in meiner Kajüte und starre auf das Ergebnis. Es ist Sonnabendmorgen. Noch vor ein paar Wochen kam ich um diese Uhrzeit manchmal erst nach Hause. Alles wird sich jetzt ändern, mein ganzer Tagesablauf, mein Leben, einfach alles. Ich denke nicht lange nach und rufe meine beste Freundin Sarah an. Natürlich will ich auch meinem Freund und meiner Familie Bescheid sagen, aber im ersten Moment habe ich das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen, der nicht unmittelbar betroffen ist. Der versteht, dass ich nicht nur begeistert bin, sondern mir auch Sorgen mache, wie ich das alles hinkriegen soll.

Sarah klingt verschlafen und nicht wirklich überrascht. Sie sagt, sie verstehe, dass das ein ziemlicher Schock sei. „Du wolltest doch immer ein Kind“, sagt sie. „Das wird bestimmt richtig gut.“

In den Tagen darauf verflüchtigt sich meine Angst, jetzt alles aufgeben zu müssen, was mir Spaß macht. Mich auf Jahre ins soziale Aus zu schießen.


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„Mal sehen, gerade nicht, ist ja noch Zeit“

Was Sarah denkt: Ein Haus bauen, eine Familie gründen, einer geregelten Arbeit nachgehen: Was viele meiner Mitschüler auf dem Gymnasium in Erlangen, das ich besuchte, normal fanden, fanden Claudia und ich mit Anfang 20 wahnsinnig spießig. Wir wollten die Welt sehen, unseren Horizont erweitern, frei sein und keine Verpflichtungen haben. Wir lernten uns in der fränkischen Provinz kennen. Claudia zog von dort erst nach Berlin, dann nach Australien, wollte auswandern. Ich studierte in den USA, verbrachte fünf Jahre in Prag und kam mit 30 ohne einen wirklichen Plan nach Berlin zurück.

Claudias Idee vom neuen Leben in Australien zerschlug sich zwei Jahre später, und so fand sie sich mit 32 Jahren auch wieder in Berlin ein.

Nach Jahren als Weltenbummlerinnen unterhielten wir uns über das Muttersein. Meine Haltung ließ sich mit den Worten „Mal sehen, gerade nicht, ist ja noch Zeit“ zusammenfassen. Ich hatte keinen festen Partner und empfand kein starkes Verlangen danach, ein Kind zu bekommen. Alles daran fühlte sich abstrakt an, weit entfernt von meiner Lebensrealität. Claudia wiederum sprach immer öfter von Kindern. Sie las im Internet Artikel über die sinkende Fruchtbarkeit ab Mitte 30 und zeigte sich von der Aussicht, vielleicht doch nicht Mutter zu werden, besorgt. Eine Seite, die ich bislang so nicht an ihr gekannt hatte.

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Gut, dass ich mich davor ausgelebt habe

Was Claudia denkt: Meine Schwangerschaft war zwar nicht geplant, aber sie ist dann doch eine schöne Überraschung. Ich gewöhne mich schnell an den Gedanken, Mutter zu werden. Eigentlich wusste ich schon mit Anfang 20, dass ich eines Tages Kinder haben wollte. Aber mit Ende 20 wollte ich erst einmal frei sein, etwas von der Welt sehen. Ich entschied mich für einen Work and Travel-Aufenthalt in Australien.

Aus dem geplanten Jahr wurden fast fünf. Ich erntete Mangos, arbeitete auf Bauernhöfen und in Restaurants, verkaufte Burritos auf Streetfood-Märkten. Von dem Geld, das ich sparte, kaufte ich mir ein Auto und reiste mit einer Freundin durchs Land. Eine atemberaubende Zeit voller Freiheit. Beruflich waren diese fünf Jahre Ausstieg vielleicht nicht zielführend, aber persönlich hat mir diese Entscheidung viel gegeben.

Jetzt, mit einem Baby im Bauch, bin ich mir sicher, dass ich diese Leichtigkeit und Unbeschwertheit so schnell nicht mehr erleben werde. Gut, dass ich mich davor ausgelebt habe.

Meine Mutter ist begeistert, als ich ihr erzähle, dass ich schwanger bin. „Der Himmel scheint gerade noch ein bisschen blauer!“, sagt sie, und ich muss ein bisschen schmunzeln, weil ich das dann doch arg kitschig finde.

In den ersten Wochen der Schwangerschaft merke ich zunächst: gar nichts. Dann geht es mir nur noch schlecht. Ich verliere den Appetit. Allein beim Gedanken an Nahrung wird mir anders. Eigentlich ist mir ist ständig übel. Es ist fast so, als würden mich diese frühen körperlichen Anzeichen der Schwangerschaft auf die vielen Opfer einstimmen, die man als Mutter bringen muss. An manchen Tagen fühle ich mich der Natur geradezu ausgeliefert. Wann hört das endlich auf?

In der neunten Woche habe ich den ersten Ultraschalltermin bei meiner Frauenärztin. Ich verspreche mir nicht viel davon, bin dann aber gerührt, als ich mein Kind auf dem Ultraschallbild sehe. Ich hätte nicht gedacht, dass man so viel erkennen kann, sogar die Füße sind deutlich zu sehen. Bei der nächsten Untersuchung erfahre ich, dass es ein Mädchen wird. Ich freue mich, insgeheim habe ich mir ein Mädchen gewünscht.

Ich merke, dass Mutter werden mit einer Menge Bürokratie verbunden ist. Im Rahmen meiner Ausbildung muss ich auch eine praktische Prüfung absolvieren. Der Termin liegt in meiner Elternzeit, ich darf laut Gesetz nicht daran teilnehmen. Ich telefoniere mich durch die Behörden, um eine Lösung zu finden, damit ich meine Ausbildung nicht um ein Jahr verlängern muss. Eine Frau vom Amt sagt wenig empathisch: „Ach, schwanger? Da hätte man ja auch bis zum Ende der Ausbildung warten können.“ Ich bin wütend. Am Ende läuft aber alles gut, ich kann meine Prüfung zu einem gesonderten Termin machen.


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Ich genieße das Muttersein light

Was Sarah denkt: Mit Mitte 30 kein Kind zu haben ist ein bisschen so wie zu Fuß zu gehen, während alle anderen Fahrrad fahren. Man hat zwar auch ein Fahrrad in der Garage stehen, aber sieht bislang keinen Grund, es zu nutzen.

Eigentlich bin ich mit meiner Entscheidung gegen Kinder und für Freiheit, Reisen und Selbstverwirklichung immer noch glücklich. Es ist ja nicht so, dass man als kinderlose Frau niemals Kinder um sich hat. Ich genieße das Muttersein light. Erst kürzlich war ich mit den Kindern zweier Freundinnen im Zoo. Wir aßen Eis und bestaunten Elefanten, und als die Tochter meiner Freundin Kristen am Ende des Tages sagte, ich sei ein bisschen wie ihre Oma, freute ich mich über das ulkig formulierte Kompliment.

Was mich nervt, sind nicht die Frauen in meinem Umfeld, die sich für Kinder entschieden haben. Eher, dass wildfremde Menschen mich nach meinem Kinderwunsch fragen. Besonders gut erinnere ich mich an einen absurden Moment am Great Barrier Reef in Australien. Ich hatte einen Ausflug gebucht, der auch eine Übernachtung auf einer im Ozean installierten Plattform beinhaltete. Atemberaubend schön! Gemeinsam mit acht anderen Touristen saß ich auf dem Deck, die Sonne ging unter, der Weißwein schmeckte.

Dass außer mir nur Paare am Tisch saßen, störte mich nicht. Es lief gut, bis mich eine der Frauen fragte, warum ich in meinem Alter noch allein reise und keine Kinder habe. „Ich reise gerne allein“, sagte ich. „Es ist wunderbar, auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen und jeden Morgen spontan zu entscheiden, wonach mir der Sinn steht.“ Im Blick meiner Gesprächspartnerin, einer vierfachen Mutter aus dem australischen Bundesstaat Queensland, die ich eigentlich ganz sympathisch fand, lag Unverständnis. Dann sagte sie betont einfühlsam: „Es ist nicht jedem vergönnt, honey.“ Ich war fassungslos.


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Sofort verliebt in meine Tochter Coco

Was Claudia denkt: Die Wehen kommen an einem Abend im Februar, knapp eine Woche nach dem berechneten Geburtstermin. Sarah sitzt im Flugzeug, auf dem Weg in den USA-Urlaub. Als es losgeht, schreiben wir einander WhatsApps. Während der Geburt denke ich: „Welcher Idiot wollte eigentlich keine Schmerzmittel?“. Vierzehn Stunden dauert es, und es ist viel schlimmer, als ich es mir vorgestellt habe. Nach der Entbindung bin ich total erledigt, muss weinen und bin gleichzeitig sofort verliebt in meine Tochter Coco. Es ist schön und surreal, so tief zu fühlen.

In den nächsten Tagen schreit Coco unentwegt, das Stillen klappt nicht so richtig und meine Nerven liegen blank. Ich sage alle Verabredungen ab und fiebere dem Besuch der Hebamme entgegen. Außer ihr will ich niemanden sehen.


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Claudia ist die entspannteste Mutter, die ich jemals erlebt habe

Was Sarah denkt: Als ich in Amerika aus dem Flugzeug steige, sehe ich das erste Foto von Coco und Claudia. Mir kommen die Tränen. Nicht, weil sie Mutter ist und ich nicht. Nicht, weil sich jetzt vielleicht vieles ändert. Sondern weil ich mich wahnsinnig für sie freue und gespannt bin auf diesen neuen Menschen, den meine beste Freundin auf die Welt gebracht hat. Ein Wunder!

In den nächsten Wochen ist es erwartungsgemäß still um Claudia. Als ich wieder zuhause bin, besuche ich sie gleich am nächsten Tag. Claudia ist die entspannteste Mutter, die ich jemals erlebt habe. „Alle sagen, Coco sei ein gutes Anfängerbaby“, sagt sie. „Schläft viel, schreit wenig.“


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Ich kann mich viel besser in meine Mutter hineinversetzen

Was Claudia denkt: Ich verbringe jetzt viel Zeit mit meiner Mutter. Als sie mich bekam, war sie gerade mal 24 Jahre alt. Drei Jahre ließ sie sich von ihrer Stelle im öffentlichen Dienst beurlauben und war mit mir und meinem Bruder zuhause.

An meine Kindheit habe ich schöne Erinnerungen. Wir zogen oft um, lebten aber immer auf dem Land. Stundenlang spielte ich mit Freunden auf einer Wiese beim Bahndamm, ungestört durch Anrufe von unseren Eltern, damals gab es noch keine Handys. Zu Weihnachten banden wir Adventskränze, zu Ostern versteckte meine Mutter Ostereier. Die Feiertage hatten für uns Kinder einen Zauber, an den ich mich gerne erinnere. All das verdanke ich vor allem meiner Mutter, die in den ersten Jahren meines Lebens quasi alleinerziehend war, während mein Vater viel arbeitete.

Was für mich lange Zeit selbstverständlich war, kann ich heute erst richtig würdigen. „Mir war es immer wichtig, dich zu einem toleranten und offenen Menschen zu erziehen“, sagt meine Mutter einmal, als wir mit Coco im Park spazieren gehen. Tatsächlich sind Toleranz und Offenheit Werte, die mir wichtig sind – dass das das Ziel meiner Erziehung war, habe ich bislang aber gar nicht realisiert!

Meine Mutter erzählt mir auch davon, wie schlimm es für sie war, als ich mit 16 die Schule schmiss und unbedingt ausziehen wollte. Ich wollte einfach weg von meinen Eltern, raus aus dem Zuhause, dass ich damals vor allem als spießbürgerlich empfand. „Für mich war das damals eine schlimme Krise, du hast alles verweigert, bist vom Gymnasium gegangen und hast dir nichts sagen lassen. Du wolltest nichts von dem, was wir dir geboten haben“, sagt meine Mutter heute.

Sie erinnert sich: „Ich weiß noch, als einmal das Telefon klingelte, weil du in dem Supermarkt, in dem du gearbeitet hast, nicht zu deiner Schicht erschienen bist. Wir sahen dich schon mit dem Fahrrad verletzt im Straßengraben liegen.“ Ich kann mich gar nicht an diesen Vorfall erinnern.

„Wir sind die Strecke zum Supermarkt mit dem Auto abgefahren und haben dich nicht gefunden“, erzählt sie weiter. „Dann sind wir zum Bahnhof gefahren, in der Hoffnung, dass dein Fahrrad da vielleicht ist. Wir waren zu Tode besorgt. Am nächsten Tag bist du seelenruhig wieder zuhause aufgekreuzt und konntest die Aufregung nicht verstehen.“

Au weia. Jetzt, wo ich Mutter geworden bin, sehe ich viele Kämpfe, die ich mit meiner Mutter ausgefochten habe, von einer ganz anderen Seite. Ich habe jetzt auch Muttergefühle und kann mich viel besser in meine Mutter hineinversetzen.


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Was es bedeutet, Mutter zu sein

Was Sarah denkt: Was bedeutet es eigentlich, Mutter zu sein? Die Frage habe ich mir bislang nie gestellt. Erst als Claudia ein Kind bekommt und ich quasi hautnah miterlebe, wie sehr sich ihr Leben dadurch ändert, stelle ich sie mir, das erste Mal in meinem Leben.

Zwei Monate, nachdem Claudia Mutter geworden ist, bekomme ich Besuch von meiner Mutter. Ich bin jetzt genauso alt wie sie es war, als sie mit mir schwanger wurde: 35. Damit war sie für damalige Verhältnisse relativ spät dran. Vielleicht habe ich auch deswegen bislang keinen Druck verspürt, Mutter zu werden.

Meine Mutter reagiert überrascht auf die Frage, warum sie ein Kind wollte. „Wie meinst du das? Ich wollte eben ein Kind, da war einfach eine Sehnsucht, ich kann das nicht wirklich beschreiben“, sagt sie, als wir auf meinem Sofa sitzen und alte Familienfotos ansehen.

Drei Jahre vor meiner Geburt floh meine Mutter aus der Tschechoslowakei nach Deutschland und fing ein neues Leben an. Sie hatte Glück und fand sofort eine Stelle als Krankenschwester, in der geschlossenen Psychiatrie. Bis sechs Wochen vor der Entbindung arbeitete sie mit schwer psychisch kranken Menschen. „Heute ist das undenkbar und auch nicht mehr zugelassen, damals war das normal“, sagt sie.

Sechs Monate blieb meine Mutter nach der Geburt zu Hause. „Ich wäre danach gerne in Teilzeit gegangen, aber das war damals nicht möglich. Ich fand das sehr schade.“

Zehn Jahre lang arbeitete sie nur Nachtschichten, tagsüber betreute mich in den ersten Jahren eine Tagesmutter. „Die mochte dich sehr, da hatte ich echt Glück”, sagt meine Mutter heute. Es sei nicht immer leicht gewesen, aber sie habe auch gar keine Zeit gehabt, viel darüber nachzudenken. „Es war ein bisschen so, wie wenn man in einen Schnellzug steigt: Man merkt gar nicht, mit welchem Tempo man durch den Alltag rast. Ich habe mir oft mehr Ruhe und Zeit für dich gewünscht“, sagt meine Mutter heute.

Was bedeutet ihr eigentlich der Muttertag? „Den kannte ich aus meiner Heimat nicht. Überhaupt war die Mutterrolle im Kommunismus eine andere. Dass Mütter weiter arbeiteten, war selbstverständlich. Und ich hatte keine Zeit, mich mit anderen Frauen auszutauschen, wie man Kinder erzieht. Ich muss gestehen, dass mir diese Kaffeekränzchen auch auf die Nerven gingen.“ Ich muss lachen. Darin erkenne ich mich wieder. Schließlich meide ich bestimmte Cafés in Prenzlauer Berg auch, weil mich die Unterhaltungen, die ich dort mithöre, mitunter fassungslos machen.

Wie wir da so auf dem Sofa sitzen, sehe ich meine Mutter auf einmal mit völlig anderen Augen. Ich habe großen Respekt vor ihr, denn allein bei der Vorstellung, zehn Jahre in Vollzeit nachts zu arbeiten und nebenbei ein Kind zu versorgen, wird mir schwindelig. Ich bin froh, wenn ich es schaffe, meine Blumen regelmäßig zu gießen.


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Wer kein Kind bekommt, verpasst wirklich etwas

Was Claudia denkt: Das Muttersein hat mich weich gemacht. Manchmal weine ich vor Rührung, wenn ich Coco ansehe. Diese Art von bedingungsloser Liebe habe ich zuvor nie gekannt. Ich würde mir wünschen, dass Sarah das irgendwann auch erlebt. Denn seitdem ich Mutter bin, finde ich: Wer kein Kind bekommt, verpasst wirklich etwas. Aber natürlich würde ich es auch verstehen, wenn sie sich dagegen entscheidet. Sie ist auch ohne Kind eine tolle Frau. Auch, wenn ich als Mutter sehr glücklich bin, finde ich, man kann auch ohne Kinder ein erfülltes Leben führen. Man muss es dann eben mit anderen Dingen füllen.


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Eigentlich ziemlich mütterlich

Was Sarah denkt: Ich finde es rührend und amüsant zugleich zu sehen, wie aus der taffen Claudia eine so emotionale Mutter geworden ist. Und bin gleichzeitig erleichtert, dass sie im Kern der gleiche Mensch ist wie zuvor. Dass wir immer noch gemeinsame Themen haben und sie schon Wochen nach der Geburt davon spricht, wie sehr sie sich darauf freut, mal wieder mit mir anzustoßen. Aber ob ich deswegen irgendwann nachziehen möchte… so sicher bin ich mir da immer nicht.

In diesem Jahr ist mir der Muttertag trotzdem wichtiger als sonst. Weil meine beste Freundin eine Mutter ist und ich sie dafür bewundere, wie gut sie diese neue Rolle meistert. Weil ich jetzt, mit Mitte 30, endlich begriffen habe, wie viel meine Mutter für mich aufgegeben hat und wie wenig sie und andere Frauen dafür gewürdigt werden, immer noch. Eine späte Erkenntnis, aber wie sagt man so schön: Besser spät als nie.

Ich ertappe mich in letzter Zeit immer öfter bei dem Gedanken: „Hoffentlich hat es Coco da mal leichter.“ Eigentlich ziemlich mütterlich.

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