Lügen

Wie man Schwindler entlarvt

Körpersprache-Experte Christian Morgenweck erklärt, wie der Körper das Flunkern verrät und warum Lügen für den Menschen anstrengend ist

Christian Morgenweck ist Experte für Körpersprache

Christian Morgenweck ist Experte für Körpersprache

Foto: privat / BM

Christian Morgenweck ist Experte für Körpersprache. Sein Spezialgebiet ist die Lügenerkennung. Er hält Vorträge in Unternehmen und unterstützt Personalchefs. Auch Polizisten besuchen bisweilen seine Seminare. Wir sprachen mit ihm über verschiedene Arten der Lüge und wie man es schafft, einen Lügner zu durchschauen.

Herr Morgenweck, können Sie gut lügen?

Christian Morgenweck: Ganz ehrlich? Ich bin ein schlechter Lügner. Meine Freundin durchschaut mich ganz schnell. Wenn es geht, halte ich mich lieber an die Wahrheit.

Weil Sie die Wahrheit lieben?

Natürlich. Außerdem ist Lügen für unser Gehirn sehr anstrengend. Man muss kreativ sein und sich eine Geschichte ausdenken, die glaubwürdig ist. Die muss man sich merken, falls man später nochmal darauf angesprochen wird. Dafür muss man das, was man angeblich erlebt hat, wie einen Film im Kopf durchspielen. Man sollte auch die Körpersprache nicht vergessen, sonst wird man schnell überführt. Dabei muss man sich voll und ganz auf seine Emotionen konzentrieren. Unser Gehirn schafft das alles nicht gleichzeitig. Deswegen passiert früher oder später immer ein Fehler. Das ist mein Ansatz.

Was ist eigentlich eine Lüge?

Man kann auf zwei Arten lügen. Indem man Informationen weglässt oder indem man Informationen verfälscht. Die Person, die lügt, kennt im Allgemeinen den Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit. Sie hat sich bewusst entschieden, dem Opfer eine falsche Information zu geben. Die Person, die lügt, hatte die Wahl, zu lügen oder die Wahrheit zu sagen.

Wie erkennen Sie, ob jemand die Unwahrheit sagt?

Hat der Lügner seine Geschichte perfekt einstudiert, dann wird er nicht auf seine Emotionen und seine Körpersprache achten können. Konzentriert er sich auf seine Körpersprache und seine Mimik, dann wird er inhaltliche Fehler machen. Es gibt drei Emotionen, die bei einer Lüge oder Täuschungsabsicht relativ häufig auftreten. Emotion Nummer eins ist Schuld. Man fühlt sich schuldig, gelogen zu haben. Emotion Nummer zwei ist Angst. Wenn wir lügen, haben wir Angst, erwischt zu werden. Die dritte Emotion ist Freude. Etwa Freude darüber, dass unsere Lüge geglaubt wird. Allerdings können Emotionen verschiedene Ursachen haben. Auch Unschuldige können sich schuldig fühlen. Wenn ich beschuldigt werde, muss ich oftmals anfangen zu lachen, auch wenn ich gar nichts gemacht habe. Deswegen sollte man keine voreiligen Schlüsse ziehen.

Man kann also nicht sicher sein?

Beschäftige ich mich beruflich mit Lügen und werde etwa von einer Institution beauftragt, verlasse ich mich nicht allein auf mein Gefühl. Da müssen Beweise her. Für schwere Fälle haben wir Zugriff auf technische Hilfsmittel: ein kleines Filmstudio mit Stimmanalyse-Geräten und Hochgeschwindigkeitskameras. Wir analysieren das Verhalten des potenziellen Lügners, die Körpersprache, die Stimmlage, die Mimik und vor allem die Mikroausdrücke. Das sind 200 Millisekunden schnelle Gesichtsausdrücke, die den wahren Gefühlszustand einer Person wiedergeben. Mikroausdrücke sind unbewusst und nicht kontrollierbar. Die Wahrheit steht buchstäblich jedem ins Gesicht geschrieben.

Wie erkenne ich als Normalsterblicher am besten einen Lügner?

Misstrauisch sollten Sie werden, wenn Sie Veränderungen beobachten. Wenn sich eine Person plötzlich ganz anders verhält als sonst. Wenn einem etwas komisch vorkommt, sollten Sie ruhig mal nachfragen. Die Menschen hinterfragen zu wenig. Ich rate dazu, kritisch zu sein. Wichtig ist es, offene Fragen zu stellen. Nicht nur Ja- oder Nein-Fragen. Den anderen gegebenenfalls zwingen, so viel wie möglich zu erklären. Wenn die Freundin auf die Frage „Wo warst du?“ sagt: „Ich war shoppen“, können Sie fragen: „Wo denn?“. Durcheinander fragen oder rückwärts erzählen lassen sind ebenfalls gute Methoden um herauszubekommen, ob sich jemand widerspricht. Beobachten Sie, wie viele Details jemand verwendet, wie lebendig die Schilderung ist. Wenn jemand sehr hölzern spricht oder wütend wird, steht er möglicherweise unter enormem Stress.

Es heißt, dass man einen Lügner daran erkennt, dass er Augenkontakt meidet. Richtig?

Ein Lügner schaut sein Gegenüber sogar viel länger und intensiver an. Denn er muss schauen, ob der andere die Lüge schluckt. Rund um die Lüge kursieren eine Reihe von Mythen. Tatsache ist, dass es kein universelles Anzeichen für eine Täuschung gibt. Wenn sich jemand ans Ohr fasst, kann es eine Beruhigungsgeste sein.

Gibt es nicht auch Menschen, die sich belügen lassen wollen? Weil sie die Wahrheit gar nicht wissen wollen?

So einfach würde ich das nicht ausdrücken. Das Opfer einer Lüge hat nicht darum gebeten, in die Irre geführt zu werden. In Beziehungen gibt es einen Vertrauensvorschuss. Das ist menschlich. Aber das kann dazu führen, dass man sich etwas schön redet, auch wenn die Zeichen sehr deutlich sind, dass etwas an einer Situation nicht stimmt. Selbst wenn man seinen Geschäftspartner noch aus dem Sandkasten kennt, ist das keine Garantie dafür, dass man ihm uneingeschränkt vertrauen kann.

Wie lebt es sich, wenn man Menschen und ihre Spielchen leicht durchschaut?

Ich habe gelernt, dass es mindestens so viele Wahrheiten wie Menschen auf der Welt gibt. Jeder sieht die Welt mit seinen Augen. Statistisch ist jeder sechste Satz gelogen. Ich unterscheide zwischen schwerwiegenden Lügen, die dazu dienen, Menschen zu schaden, und Verlegenheitslügen, mit denen sich jemand besser darstellen will. Wenn in meinem privaten Umfeld jemand lügt, merke ich es mir, lasse es aber erstmal unbewertet. Mit der Zeit weiß ich, wie ich mit der Person umzugehen habe. Hellhörig werde ich, wenn jemand lügt, um sich Vorteile zu erschleichen.