Gesellschaft

Lohnt sich das Lügen?

Wir flunkern, um uns interessant zu machen, Vorteile zu verschaffen, Konflikte zu vermeiden. Was erlaubt ist und was gar nicht geht

Pinocchio hat es schwer zu lügen: Seine länger werdende Nase verrät ihn sofort

Pinocchio hat es schwer zu lügen: Seine länger werdende Nase verrät ihn sofort

Foto: iStockphoto/E+/Mary Ann Shmueli

Wenn Christian Morgenweck ein neues Auto kauft oder andere größere Anschaffungen macht, ist er besonders aufmerksam. Denn er weiß, dass in Verkaufsverhandlungen beim Feilschen um den Preis häufig gelogen wird. Und er kann es besser erkennen als Otto Normalverbraucher. Christian Morgenweck ist professioneller Lügenerkenner.

Schon als Jugendlicher interessierte er sich für das Verhalten der Menschen. Als im Fernsehen in der Show des berühmten Magiers Uri Geller ein „Gedankenleser“ auftrat, dem es gelang vorherzusagen, was Menschen in bestimmten Situationen tun würden, war er fasziniert. Er las sämtliche Bücher zum Thema Verhaltenspsychologie, die er bekommen konnte, und hat unzählige Seminare besucht.

Heute hat der gelernte Bürokaufmann sein Hobby zum Beruf gemacht. Als Experte für Körpersprache hält Christian Morgenweck Vorträge in Unternehmen und hilft Personalchefs, die geeigneten Angestellten für freie Stellen zu finden. Besondere Aufmerksamkeit schenkt er dabei der Mimik und den Emotionen der Kandidaten. „Beim Vorstellungsgespräch lügen 31 Prozent aller Bewerber“, weiß Morgenweck. Das kann teuer werden: „45.000 Euro kostet ein ,falscher Mitarbeiter’ jedes Jahr“, rechnet er vor. Falsche Mitarbeiter: Das sind für ihn jene, die Fähigkeiten und Kenntnisse vortäuschen, die sie nicht besitzen.

Etwas verschweigen: Ist das schon eine Lüge?

Gerne lügen Menschen, um sich besser darzustellen als sie sind oder um sich Vorteile zu verschaffen. Andere lügen, um Konflikten aus dem Wege zu gehen – und belügen letztendlich auch sich selbst. Manche haben ihre persönlichen Lebenslügen regelrecht kultiviert.

So wie Harry*. Lügen spielen in seinem Leben eine wichtige Rolle. Vor allem im Privaten. Harry steckt in einem Dilemma. Auf außereheliche Affären will er nicht verzichten. Aber darüber sprechen? Unmöglich! Er möchte seine Familie nicht verletzen. Seine Strategie ist daher: Eher etwas nicht erzählen als aktiv lügen. Eigentlich sei er ein grundehrlicher Mensch, sagt Harry über sich selbst und ergänzt fast trotzig: Es sei doch auch sein Umfeld, das ihm signalisiere, dass es lieber nicht alles wissen wolle.

Doch Harrys Strategie geht nur bedingt auf. Er weiß, dass „sich einiges nonverbal mitteilt“. Außerdem bezahlt der Endvierziger für die Freiheiten, die er sich nimmt, mit Schuldgefühlen. Immer wieder schreckt er nachts aus dem Schlaf auf und trinkt häufig zu viel Alkohol, um sich zu beruhigen. Ein schlechtes Gewissen ist eben doch kein sanftes Ruhekissen. Trotzdem will er sich mit seinen Problemen lieber nicht auseinandersetzen und geht den scheinbar leichteren Weg. Denn Harry hat Angst. Angst davor, dass das Lügengebäude, das er sich aufgebaut hat, eines Tages einstürzt.

Aber auch wenn es das nicht tun sollte, hat er erkannt, dass das Lügen zu dem Gefühl eines nicht wahrhaftigen Lebens führt. Weil Harry sich nicht öffnen kann, empfindet er häufig „ein Gefühl der Einsamkeit und des Getrenntseins von anderen“. Doch die Wahrheit, befürchtet er, birgt zu große Gefahren. Harry ängstigt sich vor dem Kontrollverlust – und dass sich wichtige Personen von ihm abwenden, wenn sie erkennen, wie er wirklich ist.

Kleine Kinder können noch gar nicht schwindeln

„Bei Kindern wie auch bei Erwachsenen haben Lügen meistens einen guten Grund“, erklärt Silke Birgitta Gahleitner, Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Die Psychotherapeutin und Sozialarbeiterin beruft sich auf das „Konzept des guten Grundes“ aus der Traumapädagogik von Wilma Weiß. Die Frage in diesem Konzept lautet: „Du tust das, weil….?“ Kinder, weiß Silke Birgitta Gahleitner, lügen weniger aus Berechnung, sondern meist aus Not. Aus Selbstschutz, Verzweiflung, Angst oder Misstrauen. Was genau es ist, gelte es herauszufinden.

Kleine Kinder können im eigentlichen Sinne des Wortes sogar noch gar nicht lügen. Bis etwa zum dritten Lebensjahr können sie Realität und Fantasie nur schwer auseinanderhalten. Noch im Kindergartenalter sind magisches Denken oder Allmachtsfantasien nichts Ungewöhnliches. Wenn kleine Kinder „etwas ausgefressen haben“, schaffen sie es daher noch gar nicht, das zu verbergen.

„Lügen erfordert eine Menge Fähigkeiten“, weiß Psychotherapeutin Gahleitner. „Kinder müssen erst lernen, den Blickwinkel und die Gefühle des Gegenübers zu verstehen.“ Je intelligenter Kinder seien, desto schneller lernten sie das Täuschen. Ihre Lehrmeister? Natürlich die Erwachsenen!

Unangenehmes vermeiden

Harry hat schon als Kind gelogen. An die Gründe erinnert er sich nicht so genau. Manchmal waren es nur Banalitäten. Er war gut in der Schule, das war den Eltern wichtig. Ansonsten fragten sie nicht viel nach. Sie merkten auch nicht, dass Harry, anstatt zum Schwimmunterricht zu gehen, mit Bus und Bahn durch Berlin fuhr. Dass er Unterschriften fälschte, um zu verhindern, dass die Eltern zum Elternabend kommen. Er wollte Diskussionen und Unannehmlichkeiten aus dem Weg gehen.

An eine Lüge erinnert er sich besonders deutlich: Eine Tante hatte ihm ein Buch geschenkt. Er wollte nicht zugeben, dass er es noch nicht gelesen hatte. Als sie eine Inhaltsangabe verlangte, dachte er sich eine Geschichte aus und wurde vor allen bloßgestellt.

Silke Birgitta Gahleitner rät Eltern, dass sie das Lügen nicht mit Strafen unterdrücken, sondern besser ihre Kinder in der moralischen Entwicklung unterstützen. Ihr gefällt die Sichtweise der verstorbenen Autorin Gertrud Ennulat: „Kinder können nur in einer guten Beziehung die Liebe zur Wahrheit kennenlernen und sich zu eigen machen.“ In einem liebevollen Umfeld begreifen Kinder leichter die Konsequenzen ihres Handelns und lernen, wie unfair es für den anderen ist, wenn er belogen wird. Spätestens im Grundschulalter verfügen Kinder dafür über genügend Abstraktionsfähigkeit.

Fatales Verhaltensmuster

Doch die moralische Entwicklung braucht ihre Zeit. Laut Gertrud Ennulat ist „der Weg zur Wahrheit bisweilen mit Lügen gepflastert“. Erst mit den Jahren lernen Kinder, dass Lügen einen Preis hat. Was hilft: Eltern sollten den Kindern nicht verheimlichen, dass es „die heile Welt“ nicht gibt, sondern dass viele Menschen lügen, trotz der manchmal schlimmen Konsequenzen. Fehlt dieses Verständnis, glauben manche Kinder auch noch als Erwachsene, nicht ohne Lügen auskommen zu können. Bisweilen hat sich ihr Verhaltensmuster bis dahin sogar verfestigt. Was hinter den Lügen steckt, wird mit den Jahren immer schwieriger herauszufinden.

Aber darf man lügen, um andere nicht zu verletzen? Nach Ansicht von Psychotherapeutin Silke Birgitta Gahleitner geht diese Rechnung nicht auf. Sie glaubt, dass das Gegenüber die Wahrheit sowieso erahnt. Authentizität ist für sie ein hoher Wert. Deshalb findet sie es wichtig, den Dialog offen zu halten, Konflikte anzusprechen und Probleme zu klären, statt in die Verdrängung zu gehen. Die Ehrlichkeit sollte aber nicht so weit gehen, dass etwa Kinder über sämtliche Details der Scheidung ihrer Eltern informiert würden. Es gelte immer die Balance zu halten zwischen „angemessen informieren und nicht unnötig belasten“.

Im Übrigen will die Wahrheit nicht jeder wissen. Mit ihrer Offenheit hat sich Silke Birgitta Gahleitner schon manche Schramme geholt. Und auch die ehrlichste Haut ist nicht davor gefeit, bisweilen die Wirklichkeit zu verdrehen. Gahleitner räsoniert selbstkritisch: „Wir alle verzerren gerne mal Aussagen zu unserem Vorteil. Der Übergang von Wahrheit zur Lüge ist fließend.“

Frauen lügen häufiger als Männer

Für den Lügenerkenner Christian Morgenweckist es wichtig, zwischen entschuldbarem und böswilligem Lügen zu unterscheiden. Ersteres gehöre bisweilen sogar zum sozialen Umgangston. Etwa wenn der Mann seiner Freundin auf die Frage „Schatz, wie findest du mein neues Kleid?“ keine ganz ehrliche Antwort gibt, um sie nicht zu kränken. Schwerwiegend sind für Morgenweck Lügen, die dazu dienen, andere zu täuschen, zu manipulieren und ihnen zu schaden, um sich selbst Vorteile zu verschaffen. Die Wissenschaft hat herausgefunden: Frauen lügen häufiger als Männer. Ihre Motivation ist meist Wohlwollen. Wenn Männer lügen, geht es häufig um Macht, Geld oder Sex.

Bei Untreue ist Morgenweck streng. Der Ehefrau, die eine Affäre vermutet, rät er: „Es wäre von Vorteil, ihm aufzuzeigen, wie verletzend eine Affäre für Sie und Ihre Beziehung wäre. Sagen Sie ihm, wieviel schlimmer es wäre, wenn er Sie hier und jetzt anlügen würde. Zeigen Sie ihm vielleicht einen Ausweg für den Fall, dass er ehrlich zu Ihnen ist. So verstärken Sie seine Schuldgefühle.“ Morgenweck rät auch, sich nicht mit unglaubwürdigen Erklärungen zufriedenzugeben, sondern gegebenenfalls nachzufragen. Wenn der andere wütend werde, müsse man genau hinschauen, woher die Wut komme. Weil der Ehemann sich zu Unrecht beschuldigt fühlt oder weil er andere Emotionen überspielen will? Spätestens wenn sich jemand widerspricht oder nervös wird, ist die Lüge ziemlich offensichtlich.

Schwieriger wird es, wenn der Lügner seinen eigenen Lügen Glauben schenkt. Der Unterschied zwischen einem Lügner und einem notorischen Lügner liegt für Christian Morgenweck darin, dass der notorische Lügner den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge nicht mehr kennt. Bei ihm verschwimmt die Realität. Weil er glaubt, die Wahrheit zu sagen, ist es für Außenstehende fast unmöglich, den Schwindel zu erkennen.

Narzissten sind schwer zu entlarven

Zu den typischen notorischen Lügnern gehören viele Narzissten. Sven Grüttefien ist Heilpraktiker für Psychotherapie und Autor mehrerer Bücher über den Umgang mit Narzissten. „Um ihre Mitmenschen zu täuschen, zu manipulieren und sie für ihre Zwecke einzuspannen, bedienen sich Narzissten sehr freizügig der Lüge“, stellt er fest. Auch ihr übertriebenes Geltungsbedürfnis könne sie dazu verleiten, nicht immer ganz bei der Wahrheit zu bleiben, sondern den Tatsachen ein paar vorteilhafte Kleinigkeiten hinzuzudichten. Durch dieses krankhafte Lügen formten sie ihre eigene Wirklichkeit, mit der sie andere blenden und beeindrucken wollten.

Skrupel? Rücksichtnahme? Fehlanzeige. Denn ein Narzisst empfindet eine Lüge durchaus nicht als etwas Unanständiges. Da er einen ausgesprochenen Mangel an Empathie besitzt und sein Gewissen weniger durch einen Wahrheits- und Gerechtigkeitssinn belastet wird, kann er Dinge so hinstellen, wie er sie gerne sehen möchte. Dabei kann seine Fantasie erheblich von der Wirklichkeit abweichen. Er kann seine Lügen aber so überzeugend vermitteln, dass nicht einmal ansatzweise Zweifel an seinen Worten aufkommen. Da es ihm durch rhetorische Mittel und eine charismatische Ausstrahlung immer wieder gelingt, die Lügen brillant zu verpacken, stellt niemand die Erzählungen in Frage. So schleicht sich im Laufe der Zeit ein schon fast gewohnheitsmäßiger Umgang mit der Unwahrheit ein.

Aus eigener Erfahrung weiß Grüttefien, wie schwierig es ist, Narzissten bereits in den Anfängen einer Beziehung zu erkennen. Häufig dauert es Jahre, bis man ihre Lügen durchschaut.

Hochstapler gab es zu jeder Zeit

Legendär ist der Fall Gert Postel. Postel gab sich als Richter aus, als Pastor und als Theologiestudent. Seine zahlreichen Rollen wechselte er wie ein Chamäleon seine Farbe. 15 Jahre arbeitete der gelernte Postbote als Facharzt an psychiatrischen Krankenhäusern und trat sogar als Sachverständiger vor Gericht auf. Auch in der Damenwelt hatte er Erfolg. Eine Staatsanwältin warnte ihn vor dem Haftbefehl.

Hochstaplern hat der Autor Wolf Schneider in seinem Buch „Die Wahrheit über die Lüge“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Unter den brillanten Meistern der Selbstinszenierung: Cagliostro und Casanova. Ersterer gab sich als Wunderheiler aus und verkaufte zu horrenden Preisen ein Lebenselixier. Casanova adelte sich selbst zum „Chevalier de Seingalt“ und parlierte ganz selbstverständlich mit Rousseau und Voltaire. Beide feierten ebenfalls große Erfolge bei den Frauen, die sie – wie sollte es anders sein – belogen.

Falschmeldungen verbreiten sich schneller als wahre News

Aber nicht nur in der Liebe wird gelogen, sondern auch in Politik und Wirtschaft. Wer im Wahlkampf an die Spitze kommen wolle, könne zur Frage „Wahrheit oder Lüge“ nur ein rein taktisches Verhältnis haben, sagt Wolf Schneider. Die blanke Lüge aber sei gefährlich. Vielmehr seien Schönfärberei und Vernebelung die Mittel der Wahl. Für Wähler, die Reden wörtlich nähmen, habe der Vollblutpolitiker ohnehin nur ein Achselzucken übrig. Nie sei auf einer Pressekonferenz das Wort „großartig“ so oft zu hören gewesen wie aus dem Mund des Finanzvorstands der Lehman Brothers kurz vor dem Zusammenbruch des Unternehmens.

Jeder weiß: Man sollte nicht alles glauben, was verkündet wird oder geschrieben steht. Die Digitalisierung allerdings führt zu einer Verschärfung der Lage. Forscher kamen zu einem alarmierenden Ergebnis: Nicht nur, dass im Internet viele Falschmeldungen kursieren. Sie verbreiten sich über Twitter auch noch schneller, häufiger und weiter als wahre Meldungen. Das zeigt eine aktuelle Studie vom Massachusetts Institute of Technology, für das die Forscher vom Laboratory for Social Machines mehr als 4,5 Millionen Tweets der vergangenen zwölf Jahre ausgewertet haben.

Die New York Times schreibt: Wahre Nachrichten brauchen sechsmal so lang, um 1500 Menschen zu erreichen. Und während echte Nachrichten selten mehr als 1000 Menschen erreichten, wurden die erfolgreichsten Fake News von bis zu 100.000 Menschen gelesen. Grund für die starke Verbreitung von Fake News ist dabei das Verhalten der Menschen selbst, berichtet ein Mitautor der Studie. In den meisten Fällen versuchten sich die Absender mit den scheinbar „neuen“ Nachrichten interessant zu machen und um Aufmerksamkeit zu buhlen.

Einfach nur die Lüge zu verdammen: Damit machen wir es uns wohl zu einfach.


* Name geändert