Familie

Wie Enkel von Oma und Opa profitieren

Großeltern haben heute eine andere Rolle als früher. Psychologe Günter Reich über das Gelingen einer besonderen Beziehung-

Prof. Günter Reich praktiziert und lehrt in Göttingen

Prof. Günter Reich praktiziert und lehrt in Göttingen

Foto: John Alexander Bell / BM

Berlin. Opa und Oma sind wichtig: für die Enkel wie für deren Eltern. Warum das so ist und wie sich familiäre Spannungen vermeiden lassen, erklärt Prof. Dr. Günter Reich, Diplompsychologe und Familientherapeut.

Was können Großeltern leisten, was Eltern nicht können?

Im besten Fall können sie sich den Enkelkindern mit etwas mehr Gelassenheit zuwenden. Sie sind weniger von Arbeitszeiten getrieben und dem Anspruch, alles richtig machen zu wollen.

Welche Rolle spielt die Oma, welche der Opa?

Häufig herrscht noch das klassische Rollenverständnis. Die Oma versorgt und verwöhnt das Kind. Der Opa erklärt die Welt und führt es an technische Dinge heran. Beide spielen mit dem Kind. Das ist wichtig.

Warum?

Es geht um die Entwicklung von Fantasie und darum, etwas zusammen zu unternehmen, was nicht bewertet wird. Beim Spielen lernt man gewinnen und verlieren.

Heute Oma oder Opa zu sein, bedeutet etwas anderes als vor 50 Jahren. Inwiefern hat sich das Oma- bzw. Opa-Bild verändert?

Großeltern, vor allem die jüngeren, sind heute noch berufstätig und müssen sich ihre Zeit mehr einteilen. Die Betreuung der Enkelkinder muss genau abgesprochen werden. Das kann zu Reibereien führen. Dennoch sind ihre Lebenserfahrung und ihr Abstand zu der unmittelbaren Erziehung ein wichtiges Kapital, das sie einbringen können.

Was ist mit Opa und Oma als Sponsoren?

Die Rolle ist ganz wichtig. Es gibt immer weniger Kinder, und sie bekommen von den Großeltern mehr Zuwendungen. Wenn Kinder ein I-Phone haben, ist es nicht selten von Oma und Opa. Dazu kommen Leistungen wie gemeinsame Urlaube. Viele Alleinerziehende sind darauf regelrecht angewiesen.

Heißt das, Opa und Oma sind wichtiger geworden?

Ja, in dem Maße, in dem das Modell der klassischen Kleinfamilie gebröckelt ist, sind die Generationen wieder näher zusammengerückt. Für Alleinerziehende sind Großeltern unverzichtbar. Wenn die geschiedene Krankenschwester Wochenenddienst hat, wer ist dann bei den Kindern? Das machen Oma und Opa, mal gerne, mal zähneknirschend.

Wie konfliktträchtig ist diese Abhängigkeit?

Es hängt davon ab, wie gut Großeltern auch mal nein sagen können und ob sie versuchen, sich in die Erziehung einmischen.

Wo hört denn die Fürsorge auf, wo fängt das Einmischen an?

Da gibt es eine große Grauzone. Man muss immer auf den Einzelfall gucken. Es kommt vor, dass Großeltern Fehlentwicklungen bei den Kindern eher bemerken als Eltern. Natürlich dürfen sie dann auch was sagen. Was nicht geht, ist entwerten. Sätze wie: „Deine Eltern kapieren das ja nicht.“ Konflikte sollten nicht über die Kinder ausgetragen werden, sondern direkt.

Von welchen Faktoren hängt es ab, ob die Erziehung der Enkel zum Zankapfel wird oder nicht?

Es hängt zum Teil von den Eltern ab. Wenn die sich nicht richtig von den eigenen Eltern abgelöst haben, müssen sie sich spätestens jetzt distanzieren. Umgekehrt gibt es Eltern, die nicht tolerieren können, dass ihr erwachsenes Kind heute einiges anders macht und vielleicht sogar besser weiß. Alter ist ja nicht nur ein Hort der Weisheit.

Und dann stoßen Welten aufeinander. Wo lauert das größte Konfliktpotenzial?

Ich wollte gerade sagen, im Bereich der Medien, aber das stimmt nicht, da sind Großeltern oft lockerer als Eltern. Schwieriger wird es bei einem Thema wie gesunde Ernährung. Kleidung, Tattoos und Piercings sind auch ein schwieriges Feld. Wenn der Enkel in zerlöcherten Jeans zur Konfirmation kommt.

Auf dem Land oder in den neuen Bundesländern werden Eltern manchmal schon mit 40 Jahren Großeltern. Fördert das Bindung zu den Enkelkindern oder kann es auch hinderlich sein?

Das kann auch hinderlich sein. Es hängt davon ab, ob die Großeltern in ihrem eigenen Leben angekommen sind. Wenn die selbst an allen Fronten kämpfen, weil sie den Job verloren haben oder der Partner sie verlassen hat, ist das eher ungünstig.

Was bedeutet das für die Enkel?

Eltern müssen respektieren, dass die Großeltern ein eigenes Leben führen. Und Großeltern müssen einsehen, dass sie als Großeltern gebraucht werden und diese Rolle auch ein Stück annehmen, selbst wenn ihnen das mit 45 nicht behagt.

Tun sich die Großeltern damit schwerer als vor 50 Jahren?

Teilweise. Es gibt Großeltern, die empfinden sich noch als jugendlich und wollen lieber selbst auf den Putz hauen.

Können Eltern die Unterstützung der Großeltern einfordern?

Man kann niemanden zwingen, aber sie können schon darauf drängen. Umgekehrt merken es die Kinder natürlich, wenn die Großeltern nur ihre Pflichten abhaken, aber eigentlich keinen Bock darauf haben. Ich rate Eltern zu sagen, was sie von den Großeltern erwarten. Das sollte möglich sein, ohne dass es zum Bruch kommt.

Immer mehr Kinder werden in Patchwork-Familien groß. Macht es für sie eigentlich einen Unterschied, ob Opas und Omas die leiblichen Großeltern sind oder angeheiratet?

Kinder haben damit weniger Probleme. Aber für die Großeltern macht es einen Unterschied. Viele tun sich schwer damit, die Enkelkinder des Partners genauso zu integrieren wie die eigenen. Besonders dann, wenn die Kinder schon Teenager sind.

Welche Funktionen erfüllen Opa und Oma für die Enkelkinder?

Sie sind ganz wichtig, denn sie vermitteln ihnen das Gefühl, mehr Rückhalt zu haben. Da ist jemand im Hintergrund, der auf sie aufpasst und an den sie sich auch noch wenden können. Andererseits sind das mystische Figuren, die verherrlicht werden, weil man ihre Fehler und Schwächen nicht so sieht.

Wer kann mehr voneinander lernen, die Enkel von den Großeltern oder umgekehrt?

Es ist eine Win-Win-Situation, für beide. Die Großeltern können von den Enkeln Lebensfreude lernen und dass es immer weiter geht. Nicht nur die gute alte Zeit war gut. Die Kinder verwurzeln sie im Hier und Heute.