Familien in Berlin

Was junge Großeltern anders machen

Mit 40 oder 50 Jahren Oma: Wie fühlt sich das an? Junge Großeltern erzählen von ihrer Rolle, die ganz anders ist als anno dazumal.

Ein gutes Team: Peggy Apitzsch mit Tochter Claudia und Enkelin Mathilda (vier Monate)

Ein gutes Team: Peggy Apitzsch mit Tochter Claudia und Enkelin Mathilda (vier Monate)

Foto: Amin Akhtar

Berlin. Den Moment, in dem sie erfuhr, dass sie Oma werden würde, wird sie nie vergessen. Peggy Apitzsch (51) sagt, sie habe schon lange darauf gewartet. Claudi, ihre Älteste, war schon 30. Partys und Reisen, das war gestern. Claudi hatte einen festen Job als Erzieherin und war verheiratet. Sogar ein Haus hatte sie mit ihrem Mann Felix schon gebaut. Worauf also wartete sie?

Und doch habe sie sich dann ein bisschen erschrocken, als ihr die Tochter erzählt habe, dass sie schwanger sei, sagt Peggy Apitzsch. Claudi habe nichts gesagt. Sie habe ihr ein Buch in die Hand gedrückt. Das Cover habe eine Frau gezeigt, die – so sei es ihr vorgekommen – doppelt so alt war wie sie: die Oma. Dieser Ratgeber also sollte Peggy Apitzsch auf ihre neue Rolle vorbereiten. Das Großeltern-Buch.

Nun war es soweit. Peggy Apitzsch gehörte dazu. Sie wurde Oma. Wie sich das Wort anhörte. Nach Dutt und Kohlrouladen, nach Rheuma-Liga und Kreuzworträtseln. Heute lacht Peggy Apitzsch laut auf, wenn sie die Geschichte erzählt. Damals sei es anders gewesen, räumt sie ein. „Wir haben beide geheult.“ Die Tochter vor Glück. Sie selbst vor Rührung – und vielleicht auch ein bisschen vor Wehmut.

Inzwischen ist das Baby da. Mathilda, süße vier Monate alt, eine kleine Maus, die es genießt, wenn ihr Papa trompetet wie ein Elefant und mit ihr herumalbert. „Genauso fröhlich und pflegeleicht wie du, als du klein warst“, sagt Peggy zu Claudi. Und wenn man sieht, wie sie, die Oma, die Kleine auf dem Arm durch die Wohnung trägt, wie sie sie ein bisschen schaukelt und dabei beruhigend auf sie einredet – „Na, Tildchen, hast du etwa Wachstumspillen genommen? Du bist ja schon wieder gewachsen“ – muss man sagen: Sie ginge auch als Mutter durch. Als eine mega-coole allerdings, nicht als eine von der Sorte „überambitionierte Spätgebärende“, wie sie der Berliner Satiriker OL in seinem Comic „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ durch den Kakao zieht.

Zum Kreuzworträtseln kommen diese jungen Omas nicht

Dabei gehört Peggy Apitzsch mit ihren 51 Jahren nicht mal zu den jüngsten Großmüttern. Eine Umfrage des Magazins „Baby und Familie“ ermittelte vor einigen Jahren ein Durchschnittsalter von 52. 45,6 Prozent der Frauen, die zum ersten Mal Großmutter wurden, waren zwischen 50 und 60 Jahre alt, 36 Prozent sogar noch jünger. Zum Kreuzworträtseln dürften diese Omas kaum kommen. Zwei von drei Frauen standen mit beiden Beinen noch im Berufsleben.

Es ist eine völlig andere Generation Omas als die, die Peggy Apitzsch noch erlebt hat. Sie hatte nur eine Oma und einen Opa. Hilde und Klaus. Die beiden lebten in einem Häuschen mit Garten in Niederfinow. Sie und ihre Geschwister waren oft dort und verbrachten die Ferien grundsätzlich bei den Großeltern. Peggy Apitzsch sagt: „Opa war unser Held.“ Ein Mann, der alles reparieren konnte. Der mit den Kindern in den Wald ging und ihnen viel über Tiere und Pflanzen erzählte. „Opa hatte immer Zeit.“

Und Hilde? Auch an sie erinnert sich Peggy Apitzsch gern. Omas Platz war in der Küche. Hier stand sie und machte das, was Omas dieser Generation eben so machten. Sie backte Kuchen. Sie weckte Kirschen und Äpfel ein. Sie kochte den Enkeln ihr Lieblingsessen. „Beim Abwaschen hat sie mir dann erzählt, wie es war, als sie im Zweiten Weltkrieg aus Stettin nach Brandenburg geflohen sind“, sagt Peggy Apitzsch. „In ihren Gedanken war Oma immer noch auf der Flucht vor den Russen.“ Die Handtücher, die ihr die Oma für ihre Aussteuer gekauft hat, hat sie immer noch. Hilde starb, als ihre Enkelin Peggy 22 Jahre alt war und Urenkelin Claudi ein Jahr.

Wer Hilde war, bevor der Krieg ausbrach, welchen Beruf sie gelernt und wovon sie als Mädchen geträumt ha­t, das hat Peggy Apitzsch ihre Oma nie gefragt. Das fällt ihr jetzt auf, wo Claudi sie mit der Enkeltochter in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in Köpenick besucht. Wie wenig sie eigentlich über die Frau weiß, die die besten Kohlrouladen der Welt machte, oder, na ja, sagen wir: in Brandenburg. Das, hat Peggy Apitzsch sich vorgenommen, soll Mathilda mit ihr nicht passieren.

Wie Enkel von Oma und Opa profitieren

Gemeinsam etwas unternehmen

Mathilda ist das erste Enkelkind von Peggy Apitzsch. Im Mai kommt Nr. 2: Tochter Linda (25) erwartet ihr erstes Baby, auch ein Mädchen. Peggy Apitzsch sagt: „Ich kann es kaum abwarten, mit den beiden zusammen in den Urlaub zu fahren.“ Ihre Augen leuchten.

Die neue Rolle kommt für sie wie gerufen. Beruflich ist die gelernte Zahntechnikerin nach einer Umschulung zur Feinmechanikerin in einer Firma für Lasertechnik angekommen. Endlich ein Gehalt, von dem sie gut leben kann. Endlich keine Überstunden mehr. Privat ist sie, Mutter von drei Kindern, nach 21 Jahren wieder Single. Vom Vater ihres Sohnes hat sie sich getrennt. Jonas blieb bei seinem Vater. Ein neuer Mann ist nicht in Sicht. Nach zwei Dates hat Peggy Apitzsch die Suche aufgegeben. Vorerst jedenfalls.

Doch zählt man als Oma nicht automatisch zum „Alteisen“, auch wenn man erst 51 ist? Peggy Apitzsch lacht. Der Stempel, er verrät vielleicht mehr über die Erwartungen der anderen als über sie. Sie sagt, sie habe ja nicht aufgehört, Peggy zu sein. Sie ist immer noch die, die kein Konzert der „Ärzte“ verpasst und am Wochenende gern mit ihren Freundinnen um die Häuser zieht. Die, die im Winter Ski läuft und im Sommer klettert. Im Herbst fliegt sie für zwei Wochen nach Indien. Eine Freundin hatte sie gefragt: „Wollen wir nicht mal weit weg fahren?“ Sie wollte.

Es sind gute Voraussetzungen dafür, dass das Verhältnis zu ihren Töchtern so harmonisch bleibt, wie es ist. Jeder führt sein eigenes Leben. Und doch ist durch Mathilda die Familie enger zusammengerückt.

Durch die Enkelkinder ordnen sich Beziehungen neu

Das entspricht einem gesellschaftlichen Trend. Großeltern waren noch nie so wichtig wie heute. In einer Zeit, in der jede dritte Ehe geschieden wird und Kinder immer häufiger in Patchwork-Familien groß werden, sind sie den Eltern eine wichtige Stütze – bei der Betreuung, aber auch materiell.

„Für Alleinerziehende sind Großeltern unverzichtbar geworden“, sagt der Göttinger Psychologe und Psychotherapeut Günter Reich (siehe Interview). Es gelte aber auch, die Balance zwischen Abstand und Nähe zu wahren. Ob die Erziehung der Enkelkinder zum Zankapfel werde, hänge davon ab, wie konfliktträchtig das Verhältnis zwischen den Großeltern und ihren Kindern schon vorher gewesen sei, so Reich.

Peggy Apitzsch hat von ihrer Tochter Claudi zu Weihnachten einen ganz besonderen Kaffeebecher geschenkt bekommen. Ihn ziert ein Foto der jungen Familie. Darunter eine Liebeserklärung: „Das einzige, was besser ist, als dich zur Mutter zu haben, ist, dich als Oma meiner Kinder zu haben.“ Der Becher steht im Regal von Peggy Apitzsch wie eine Trophäe. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter, es war nicht immer so entspannt wie heute.

„Mutti war voll streng, als ich klein war“, sagt Claudi. Wenn ihr das Eis heruntergefallen sei, habe sie geschimpft. Ihre jüngeren Geschwister hätten es leichter gehabt. Dafür habe sie ihre Mutter in der Pubertät ganz schön geärgert. Peggy Apitzsch nickt. „Man hätte dir ein T-Shirt anziehen können, auf dem steht: Ich bin gegen alles!“

Erfahrungen, die prägen

Als ihre Älteste auf die Welt kam, war sie erst 21. Kein leichter Start. Der Ehemann kam nur an den Wochenenden nach Hause, ihre Mutter war berufstätig und wohnte eine halbe Autostunde entfernt. Peggy Apitzsch sagt, sie sei froh gewesen, als die Tochter in die Kita gekommen sei.

Hatte sie nie das Gefühl, etwas zu verpassen? „Nööö.“ Die Antwort kommt ohne Zögern. „In meinem Freundeskreis schoben alle schon einen Kinderwagen vor sich her. Und die Partys begannen eben früher.“ So sei das in der DDR gewesen. Erst Karriere, dann Kinder: Auch diese Reihenfolge galt nicht. Sie sagt, das eine habe das andere ja nicht ausgeschlossen. Sie hat Freundinnen, die Studium und Erziehung unter einen Hut brachten. Es ging gleichzeitig. Irgendwie.

Die Windeln musste sie trotzdem per Hand einweichen und kochen. Es waren Stoffwindeln. Damals gab es keine Alternative. Das ist heute anders. Trotzdem wickelt Peggys Tochter Claudi die kleine Mathilda nicht in Pampers, sondern in Stoffwindeln. Aus ökologischer Überzeugung. Sie sagt: „Früher war ja nicht alles schlechter.“

Das Leben mit Kindern sei sogar leichter gewesen in der DDR, findet ihre Mutter Peggy. Die Familie lebte in einem Plattenbau in Marzahn in der 15. Etage. „Neben dir, über dir, unter dir, überall waren Babys.“ Die Mütter halfen sich gegenseitig. Strampler, Schuhe, die Babybadewanne, der Kinderwagen, alles wurde weitergereicht.

Solche Vorteile wurden Peggy Apitzsch bewusst, als ihr Sohn 2003 geboren wurde. Mit 37 galt sie jetzt als Spätgebärende. Sie konnte nicht mitreden, wenn andere Mütter über Allergien oder Laktose-Intoleranzen dozierten. Das Kind, es war zum Projekt geworden. Ein Statussymbol. Sie weigerte sich, den Wettbewerb mitzumachen.

Sich einmischen? Besser nicht

Und jetzt also Mathilda. Wieder eine neue Generation. Wieder neue Trends. Die Schwangeren-App zum Beispiel, ein Must-Have für heutige werdende Mütter. Die App navigiert durch neun Monate Schwangerschaft. Sogar einen Trittzähler und einen Wehen-Timer hat sie. Peggy Apitzsch rollt mit den Augen. Sie sagt, ihre Tochter habe der digitalen Technik mehr vertraut als ihr. Das habe sie schon ein bisschen gewurmt. Claudi grinst verlegen.

Jetzt, da Mathilda da ist, ruft Claudi ihre Mutter jeden zweiten Tag an. Nicht in allen Fragen sind sich Mutter und Tochter einig. Da ist etwa die Sache mit dem Brei. „Füttern hat noch keinem geschadet“, sagt Peggy Apitzsch. „Ich stille voll, so lange es geht“, hält die Tochter dagegen. Aber im Zweifel vertraut sie doch auf ihre Mutter. Den Kinderwagen haben die beiden zusammen ausgesucht. „Mutti macht das ganz gut“, sagt die Tochter. Sie mische sich nur ganz wenig ein.

Es gibt ganz verschiedene Oma-Typen. Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik unterscheidet zwischen der Kümmer-Oma, der Fütter-Oma, der Nasewärm-Oma, der Strick- und Stopfoma, der Neugier-Oma, der Übelnehm-Oma, der Feuerwehr-Oma, der Emanzen-Oma und der Muster-Oma.

Peggy Apitzsch findet sich in keiner der Kategorien wieder. Oder in jeder Kategorie ein bisschen. Und vielleicht ist das symptomatisch für den Wandel, den die Rolle der Großeltern in den vergangenen Jahrzehnten erfahren hat. In dem Maße, wie sich die Generationen angenähert haben, sind die Gegensätze geschwunden. Oma und Opa definieren sich weniger über ihre Funktion als über ihre Liebe zu den Enkeln.

Nenn-Omas: Dringend gesucht

Ob das die leiblichen Kinder der eigenen Kinder sind, ist im Idealfall nicht wichtig. Diese Erfahrung hat Helga Krull gemacht. Sie leitet den Großelterndienst des Berliner Frauenrates. Sie vermittelt Wunschgroßeltern für Kinder, die entweder gar keinen Kontakt mehr zu ihren leiblichen Großeltern haben oder nur sporadisch, weil Oma und Opa weit weg wohnen.

Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage klafft weit auseinander: Auf 400 Angebote kommen 600 Suchende. Waren es anfangs nur Alleinerziehende, melden sich inzwischen immer mehr berufstätige Eltern, manche schon während der Schwangerschaft. Bei der Vermittlung verlässt sich Helga Krull auf Fragebögen und auf ihre Menschenkenntnis. Sie sagt, jeder dritte Versuch klappe. Die Bindungen, die entstünden, seien mitunter enger als die zu den leiblichen Großeltern. „Viele können besser miteinander sprechen, weil sie keinen familiären Rucksack zu tragen haben.“

Die Wunschoma oder der Wunschopa sollte sich einen Tag in der Woche Zeit für das Kind nehmen, betont Helga Krull. Frauen und Männer, die noch voll im Berufsleben stehen, kommen deshalb nicht infrage. Bisweilen stellt es die Vermittlerin vor Probleme, dass die Mütter in ihrer Kartei immer älter werden. „Wenn die Mutter 48 ist, kann ich ihr keine 50-jährige Großmutter vermitteln.“

Gerne hätten die Großeltern mehr Zeit

Tine Rindt war 41, als sie zum ersten Mal Oma wurde. Das Timing sei nicht besonders günstig gewesen, sagt die gelernte Erzieherin. Ein Sozialpädagogik-Studium. Eine neue berufliche Herausforderung. Heute arbeitet sie als Bereichskoordinatorin in der Familienhilfe. Aus einer 40-Stunden-Woche wird schnell mal eine 60-Stunden-Woche. Tine Rindt sagt: „Am Wochenende bin ich manchmal platt.“

Es ist ein Sonntag, Tine Rindt und ihr Mann Jörg sitzen auf einem gelben Würfel im „My Jump“ in Marzahn und lassen die Beine baumeln. Mia (12) und Tamina (9) springen auf Trampolinen, Opa und Oma schauen zu. Wie Großeltern sehen sie nicht aus. Und so fühlen sie sich auch nicht. Da ist immer das schlechte Gewissen, nicht genug Zeit für die Enkeltöchter zu haben.

Sie wohnen in Karlshorst, nicht weit voneinander entfernt. Aber häufiger als einmal die Woche sehen die Großeltern die Mädchen nicht. Das liegt auch an Mia und Tamina. Klavier. Geige. Flöte. Leichtathletik. Segeln. Beide haben nach der Schule viel vor. Und dann sind da noch die anderen Großeltern und vier Urgroßeltern. Alle wollen Zeit mit ihnen verbringen. Termine müssen wochenlang, manchmal sogar monatelang vorgeplant werden. Tine Rindt seufzt. „Ohne Kalender läuft da nichts.“

Voneinander lernen

Umso mehr genießen sie es, mit den Mädchen in den Urlaub zu fahren. Sie und ihr Mann haben sich einen alten Gutshof an der Ostsee gekauft. „Unsere Baustelle“, so nennen sie die Ruine. In den Ferien kommen die Mädchen immer noch gerne mit. Eine völlig neue Erfahrung für die Rindts. Sie sind Eltern zweier Söhne. Jörg Rindt sagt, mit den Jungs sei es anstrengender gewesen. „Die brauchten viel mehr Bewegung und auch mal eine Ansage.“ Dagegen könnten sich die Mädchen gut selbst beschäftigen. Seine Augen glänzen, wenn er von den beiden spricht. Er sagt: „Ich staune immer, wie lieb die sind.“

So leicht war es nicht immer. Tine Rindt erinnert sich noch daran, wie es war, als sie zum dritten Mal Großmutter wurde. Nach Mia und Tamina kamen Isa und Yuna, Zwillinge. Glück und Stress, alles mal zwei. „Wenn ich eine gefüttert hatte, hat die andere wieder geweint.“ Inzwischen sind die beiden vier Jahre alt und Opa und Oma müssen lange überlegen, wenn sie gefragt werden, was das Schwierigste an ihrer Rolle sei.

Die Ernährung, das ist so ein Thema, das in der Familie umstritten ist. „Bei Opa und Oma kriegen wir mehr Süßes“, sagt Tamina. Eine beruhigende Erkenntnis, irgendwie. Der Aufreger von gestern ist auch der Aufreger von heute. Generationen kommen und gehen. Aber die Probleme bleiben die gleichen.

Lust auf die Oma- und Opa-Rolle? Der Großelterndienst sucht dringend ehrenamtliche Helfer. Mehr Infos unter www.grosselterndienst.de oder Tel. 2 13 55 14.