Liebe

Küssen – oder nicht?

Wer küsst, ist verliebt. Doch in Zeiten von #MeToo ist auch der Kuss in Verruf geraten. Zum Valentinstag schauen wir uns das Küssen genauer an.

Ein Kuss kann viele Bedeutungen haben

Ein Kuss kann viele Bedeutungen haben

Foto: Imgorthand / Getty Images/iStockphoto

Kürzlich beschwerte sich eine Frau namens Sarah Hall aus Großbritannien via Twitter über einen Kuss, der ihrer Meinung nach nicht mehr in unsere Zeit passe. Sie meinte den Kuss aus dem Märchen "Dornröschen", der die Königstochter aus ihrem hundertjährigen Schlaf erweckt. So etwas sei ihrem sechsjährigen Sohn nicht zuzumuten, schrieb sie: Der Kuss sei eine sexuelle Belästigung und sende eine falsche Botschaft an Kinder. Die #MeToo-Debatte habe ihr die Augen geöffnet. Der Kuss sei nicht einvernehmlich geschehen.

Sie hat nicht unrecht: Dornröschen wurde nicht gefragt. Sie hätte auch nicht antworten können, weil sie ja schlief. Im Zuge der #MeToo-Debatte um Harvey Weinstein beklagen sich weltweit Frauen (nicht nur) über erzwungene Küsse. Und Männer fragen sich, ob missglückte Kussversuche unter sexuelle Belästigung fallen. Der Kuss, eigentlich ein wunderschönes Liebes-Statement nicht nur unter Paaren, ist in Verruf geraten. Was kann man zu seiner Ehrenrettung tun? Was ist wo erlaubt? Und woher, bitteschön, kommt überhaupt das Bedürfnis zu küssen?

Fest steht: Kuss ist nicht gleich Kuss. Und das Küssen kann zu Missverständnissen führen. Es heißt, es habe nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen US-Soldaten und Britinnen reihenweise Fehldeutungen gegeben. Während für die Britinnen der Zungenkuss ein deutliches Signal gewesen sei, dass der Beischlaf als übernächster Schritt folgen müsse, war er für die Soldaten nur Schritt 5 von 25 Stufen der Annäherung. Ein Durcheinander! Am Ende glaubten sie, die Britinnen seien leicht herumzukriegen.

Bis in die 1960er-Jahre konnte man leidenschaftliche Zungenküsse auch im Kino nicht sehen. In Hollywood gab es den berühmten "Hays Code", der exzessives Kinoküssen untersagte und die Dauer von Küssen auf drei Sekunden beschränkte. Der erste Filmkuss stammt aus dem 20-Sekunden-Film "The Kiss". Er wurde 1897 gedreht und zeigt zwei nicht mehr ganz junge Schauspieler zuerst Wange an Wange beim neckischen Geplauder. Dann umarmen und küssen sie sich recht zügig (oder tun so als ob). Damals natürlich trotzdem ein Aufreger. Für Moralisten ein gefundenes Fressen, um das neue Medium Film für sittlichen Verfall verantwortlich zu machen.

Tiere schnuppern vor der Paarung am Hinterteil

Heute kann kein Kuss im Film mehr aufregen. Obwohl: vielleicht der Satanskuss. Den hat uns Goethe als Bonusmaterial für die Walpurgisnacht aus Faust I überliefert, später aber verworfen. Ein Teufelsanwärter erkundigt sich, was er tun müsse, um den Pakt zu besiegeln, und bekommt zur Antwort: "Beliebt dem Herrn das Hinterteil zu küssen." Was er dann auch macht – und Millionen Seelen und ein Lob vom Teufel kassiert. Übrigens glaubt die Bremer Kussforscherin Ingelore Ebberfeld, hier den Urkuss festmachen zu können. Unsere Vorfahren hätten wie manche Tiere vor der Paarung am Hinterteil geschnuppert. Als der Mensch sich dann aufgerichtet habe, habe sich das Schnuppern hin zum Mund verlagert. Heute verstehen die meisten Menschen unter einem "echten Kuss" den Kuss auf den Mund.

Und damit zurück zu #MeToo. Küsse zu stehlen, galt einst als besonders raffiniertes Liebesspiel. Der Volksmund sagt: "Ein Küsschen in Ehren kann niemand verwehren". Doch das stimmt nicht. Küsse gehören zu den Dingen, die Einvernehmen voraussetzen. Heute werden Kinder in der Kita schon früh darauf trainiert, ihre eigenen Grenzen und die der anderen zu respektieren. "Halt, stopp, das möchte ich nicht!" werden sie angehalten zu sagen, wenn ein anderes Kind sie zu stürmisch umarmt oder auch das Spielzeugauto wegnimmt.

Der Satz kommt aus der Gewaltprävention. Weil viele Frauen nicht gelernt haben, ihre Grenzen zu schützen, wehrten sich oft nicht, wenn ihnen Gewalt angetan wurde. "Mir wurde im überfüllten Bus der Hintern geknetet, ich erstarrte, unfähig, etwas zu sagen oder mich zu wehren." Oder: "Dann küsste er mich auf den Mund. Ich zuckte zurück und erstarrte."

Sätze, die heute unvorstellbar sind

Solche Sätze, die im Zuge der #MeToo-Debatte im Internet gepostet wurden, demonstrieren die Unfähigkeit, klar zu kommunizieren, dass man etwas nicht will. Männer werden zu Tätern, weil die Vorstellung noch vor sich hin glimmt, sie dürften die Initiative ergreifen, Frauen durch Bändigung zu erobern, was angeblich Teil des Liebesspiels sei. "Der Zwang wird gern getragen. Zu ihrem Glück gezwungen sein, das will dem Weib behagen", schrieb der römische Dichter Ovid vor 2000 Jahren in seiner "Liebeskunst" zum Thema Kuss. Sätze, die heute – zu Recht – unvorstellbar sind.

Und auch manches Märchen scheint auf den Index zu gehören, wenn man es beim Wort nimmt – nicht nur Dornröschen. Der Froschkönig etwa, ein einziger Skandal für Tierschützer: Zuerst wird der Frosch nicht artgerecht gehalten, er schläft im Bett der Königstochter und isst von ihrem Tellerchen, dann quält sie ihn und wirft ihn gegen die Wand. Übrigens, geküsst wird er in der Grimmschen Version nicht. Und was wohl das Jugendamt davon halten dürfte, dass ein Vater, der seine Kinder im Wald ausgesetzt hat, sie dann doch wieder zurückbekommt? Und überhaupt, was ist das für eine Liebe, wenn ein Prinz seine Liebste nur an der Schuhgröße erkennt?

Kritik an Märchen ist nicht neu, den 1968ern waren sie zu bürgerlich-repressiv, man hatte Angst, die Kinder könnten überholte Gesellschaftsmodelle übermittelt bekommen. Oder man warf ihnen Zurschaustellung von Grausamkeiten vor, verängstigte aggressive Kinder wären die Folge. Zeitgenossen der Brüder Grimm hielten sie gar für Ammenmärchen, Albernheiten und Trödel aus längst vergangenen Zeiten.

Dornröschen kann auch ganz anders gelesen werden

Rehabilitiert wurden die Märchen vom berühmten Kinderpsychologen und Holocaust-Überlebenden Bruno Bettelheim. In seinem Bestseller von 1976 mit dem Titel "Kinder brauchen Märchen" setzte er der Kritik entgegen, dass die Wahrheit der Märchen "die Wahrheit unserer Fantasie, nicht die der normalen Kausalität sei". Märchen seien Projektionshilfen, die die Entwicklung der Kinder förderten. Sie produzierten weder Ängste noch Aggressionen, sondern seien bei der Bewältigung dieser Gefühle nützlich.

Dann war das womöglich der falsche Kuss, mit dem die eingangs zitierte Britin Sarah Hall die #MeToo-Debatte anheizen wollte. Aber muss der Dornröschen-Kuss deswegen harmlos sein? Für den Psychotherapeuten Mathias Jung ist Dornröschen ein überbehütetes Mädchen, Opfer von Helikoptereltern, das auf das Leben als Erwachsene nicht vorbereitet wurde. Der Stich der Spindel wird als traumatisches sexuelles Ereignis gedeutet, auf das das Mädchen mit seelischer Erstarrung reagiert.

Der Schlaf ist also Rückzug in eine kindliche asexuelle Welt, die Dornen und Stacheln der Rosen schotten das Mädchen ab vor möglichen neuen Verletzungen. Nur die Zeit kann diese Wunden heilen. Das Mädchen fährt nach 100 Jahren die Stacheln ein und ist bereit, sich auf die Liebe einzulassen. So gelesen, ist der Kusspart von Dornröschen alles andere als passiv. Im Gegenteil, all die anderen Königssöhne, die versucht haben, die Dornenhecke zu durchbrechen, hat sie erfolgreich abgewehrt. Der Schlaf der Königstochter erinnert an das Erstarren der #MeToo-Opfer. Wie Dornröschen sind sie zunächst nicht fähig, auf das traumatische Ereignis adäquat zu reagieren. Erst die kollektiven #MeToo-Bekenntnisse lösen die Erstarrung.

Woher das Küssen kommt

Aber was dieses Märchen auch zeigt, ist: Ein Kuss ist schillernd. Er kann vieles bedeuten. Er weckt Erwartungen oder begräbt sie. Er setzt ein Ende oder einen Anfang. Der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt hat anhand von sieben Küssen die Vorstellungen von Glück und Unglück in literarischen Texten analysiert. Da drückt ein Vater seiner erwachsenen Tochter "lange lechzende Küsse auf den Mund", die Interpreten sprechen von Vergewaltigung und schreien Inzucht. Dabei sei das ein Missverständnis, es gehe um die Freude des Vaters, dass die Tochter keine Hure sei – so von Matt. Die Szene spielt in Heinrich von Kleists Novelle "Die Marquise von O.", der Inhalt ist mehr als sonderbar: Die Marquise wird schwanger, ohne zu wissen wie, und gibt ein Inserat auf, um den Vater des Kindes zu finden. Ihr eigener Vater war es übrigens nicht.

Aber Kleists Werk handelt von noch abstruseren Küssen. Die Amazonenkönigin Penthesilea kämpft gegen den griechischen Helden Achill, den sie eigentlich liebt, zerfleischt ihn und beißt ihn tot. Dann fragt sie: "Küsst ich ihn tot?" Als das bejaht wird, heißt es: "So war es ein Versehen. Küsse, Bisse, das reimt sich." Sinngemäß: Kann man schon mal verwechseln, wenn man verliebt ist. Sie hatte ihn zum Fressen gern und hat das Wort für Wort getan. Hier übertreibt Kleist etwas mit dem schillernden Aspekt des Kusses.

Apropos Fressen: Es gibt Verhaltensforscher, die den Ursprung des Kusses im Vorkauen des Essens durch die Mutter und in der Mund-zu-Mund-Fütterung verorten. Daraus hätten sich ritualisierte Zärtlichkeiten entwickelt, nicht nur beim Menschen. Auch bei Affen wurde etwas Interessantes beobachtet: In Zeiten von Futterknappheit werden die Jungen durch das bloße Aufdrücken der Lippen beruhigt.

3,2 mal am Tag ein Kuss

Für den Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud wiederum war das Trinken des Säuglings an der Mutterbrust verantwortlich für das spätere Küssen und somit zentral für seine Theorie der oralen Phase.

Eine weitere Theorie geht davon aus, dass potentielle Partner ihre Immunkompatibilität über das Küssen testen wollen. Immerhin wandern 80 Millionen Mikroorganismen bei einem zehn Sekunden dauernden Kuss von Mund zu Mund, und die Deutschen küssen laut Umfragen im Durchschnitt 3,2 mal am Tag. Über den Speichel erkenne man, wie gesund der Partner sei, heißt es. Zusammen passe, wer sich auch schmecken könne. Somit würde das Küssen der Arterhaltung dienen.

Allerdings ist der Kuss nicht in allen Kulturen gleichermaßen verbreitet. Eine amerikanische Studie stellt fest, dass 46 Prozent der untersuchten Kulturen den romantisch-erotischen Mundkuss nicht kennen. Oder dass sie nicht darüber sprechen, weil er zu intim ist. Mag man kaum glauben. Aber: Es gibt einen Dokumentarfilm über weibliche Sextouristinnen in Kenia. Darin erzählt eine Frau, dass sie ihrem afrikanischen Liebhaber das Küssen erst beibrachte.

Geküsst wird längst nicht überall auf der Welt

In Afrika ist der erotische Kuss nur bei 13 Prozent der Kulturen bekannt, so die US-Studie. Noch unbekannter ist er demzufolge nur in Zentralamerika. Die Studie stellt einen Zusammenhang her zwischen stärker ausdifferenzierten Gesellschaften und dem romantischen Kuss. In komplexeren, industrialisierten Gesellschaften hätten die Menschen wohl mehr Zeit für erotische Vorspiele, und die bessere Mundhygiene spiele auch eine Rolle. Der romantische Kuss erscheint in diesem Zusammenhang als Luxusphänomen, das nicht von den Instinkten geleitet, sondern kulturell erlernt ist. Und der in manchen Gegenden der Erde noch unbekannt ist, ein Tabu oder gar mit Angst und Ekel behaftet.

Doch wann geht es überhaupt los mit dem Küssen? An den ersten Kuss erinnert sich angeblich jeder. Der Kinsey-Report, der als erster Meilenstein für die Sexualwissenschaft gilt, nennt Bildung als wichtigen Faktor für die Bereitschaft zum sogenannten tiefen Kuss. Hinzu komme die Frage der Generation, der Kreis der Eingeweihten würde sich immer mehr erweitern.

Heute, 70 Jahre nach Veröffentlichung, wissen – zumindest im westlichen Kulturbereich – selbst Siebenjährige über das Küssen Bescheid. Die Tochter, nach dem Küssen gefragt, unterscheidet den Liebeskuss, "da werden die Lippen möglichst lange aufeinander gepresst". Daneben kennt sie den Drehkuss und den Zungenkuss, "aber der ist eklig". Woher sie das alles wisse? "Aus Filmen!" Den "Drehkuss" muss sie sich aber selbst zusammengereimt haben. Dazu sind gerade mal acht Einträge im Internet zu finden. Zieht man den Flaschen-Dreh-Kuss und den Dreh-Kuss (gefilmter Kuss) ab, gar nur mehr zwei.

Gewusst, wie

Wer trotz allen Wissens Nachhilfe braucht, muss heute nicht auf einen Lehrmeister warten oder verbotene Bücher lesen. Denn Anleitungen gibt es zuhauf. Auf Wikihow zum Beispiel, einer Webseite, die Tutorials für fast alles bereitstellt, ist der Zungenkuss anschaulich beschrieben, samt konkreter Anleitung. Methode 1 erklärt in zehn Punkten "Die ersten Schritte", zum Beispiel: "Halte deine Lippen sanft!" oder "Trink Wasser!" Methode 2 rüstet auf zum "Zungenkuss-Profi": "Taste dich heran!" - "Wage dich nicht zu tief vor!" Methode 3 präsentiert "fortgeschrittene Techniken": "Bring Abwechslung ins Spiel. Küsse sind wie Schneeflocken: Keine zwei sind genau gleich."

Wer jetzt meint, diese Entzauberung durch Aufklärung sei ein neues Phänomen, der irrt. Etwas poetischer, aber nicht minder präzise erklärt der Barockdichter Paul Fleming, "wie er wolle geküsset sein": "Nicht zu frei, nicht zu gezwungen, nicht mit gar zu trägen Zungen. Nicht zu laut und nicht zu leise, beides gar in rechter Weise. Nicht zu langsam, nicht zu schnelle. Nicht ohn' Unterschied der Stelle. Halb gebissen, halb gehaucht, halb die Lippen eingetaucht." Tutorials gab es also schon vor 400 Jahren, man musste nur wissen, wo sie zu finden waren.

Noch früher, zur Zeit der Kreuzzüge, holten sich die etwas ungehobelten Ritter mit dem Ehehandbuch "Der duftende Garten" Nachhilfe aus dem Nahen Osten. Darin stellt der arabische Gelehrte Scheich Nefzawi fest: "Der zärtliche Kuss trägt die Botschaft von Glied zu Schoß." Der Kuss soll "klangvoll" sein, feucht von Speichel soll die Zunge den Gaumen berühren. Nur der tiefe Kuss biete volle Lust. Im arabischen Raum ist der Zungenkuss heute weiter verbreitet als überall sonst auf der Welt.

Aber Bücher waren kostbar, lesen konnten die wenigsten. Das meiste war ohnehin auf Latein verfasst. So auch die Bibel, in der sich eine berühmte Stelle zum Liebeskuss findet. "Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein", heißt es im Hohelied der Liebe, und: "Honig und Milch ist unter deiner Zunge". Ein entscheidender Hinweis, dass der Kuss Mund und Zunge betrifft.

Wer küsst, stärkt die Bindung zu seinem Partner

Immer wieder hat das Thema Küssen auch zu Debatten über Mundhygiene geführt. Im Jahr 2007 führten Schweizer Anthropologen ein Experiment mit zehn Menschen durch, die vier Wochen lang unter Steinzeitbedingungen leben sollten. Die Kost bestand aus Getreidekörnern, Nüssen, Kräutern, Milch, Honig und getrocknetem Fleisch. Ab und zu gab es frisches Ziegenfleisch, selbst gefangenen Fisch, Beeren und Pilze. Aber weder Zahnbürste noch Zahnseide waren verfügbar, nur Zweige zum Wischen und Stochern zwischen den Zähnen.

Das Ergebnis aus der Perspektive der Mundhygiene war zunächst erwartbar: Es war deutlich mehr Zahnbelag feststellbar als bei Menschen, die sich die Zähne regelmäßig putzen. Normalerweise ist das ein Indikator für vermehrtes Zahnfleischbluten und Entzündungen. Zur Überraschung der Forscher sank aber die Anzahl der Keime, die Blutungen auslösen. Man führte das auf eine natürliche Ernährung zurück, die im Unterschied zu Fastfood keine raffinierten Zucker und Säuren enthält.

Leider ist Parodontose – wie Herpes – eine Krankheit, die durch Küssen übertragen werden kann. Ein kleiner Dämpfer für die eigentlich positiven Meldungen der vergangenen Jahre, wonach Küssen durch den Austausch der Bakterien die Immunabwehr stärkt. Weitere Pluspunkte, die man dem Küssen zuordnet: Es senkt den Puls, beruhigt und entspannt das Herz, sorgt für die Ausschüttung von Dopamin und anderen Glückshormone aus und drängt Stresshormone zurück.

Küssen stärkt auch die Bindung zwischen Liebenden. Aber nicht allein durch Haut- und Lippenkontakt. Zusätzlich wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das als "Kuschelhormon" in den vergangenen Jahren für Aufsehen gesorgt hat. Es lässt den Uterus bei Geburten kontrahieren, regt den Milchfluss an und hat die angenehme Nebenfunktion, Vertrauen zu fördern und Bindungen zu stärken. Nicht umsonst gilt Küssen als Indikator für eine gute Beziehung. Das gab dem französischen Philosophen Alexandre Lacroix zu denken, als sich seine Frau beklagte, er küsse zu wenig. So sehr, dass er gleich ein ganzes Buch darüber geschrieben hat.

Jeder hat seine eigene Geschichte

In seinem "Versuch über das Küssen" entwirft er eine kleine Kulturgeschichte, in der er Hollywood einen großen Verdienst für die weltweite Popularität des Liebeskusses zugesteht. Immer noch zehren wir in seinen Augen von großen Leinwandküssen wie jenen zwischen Clark Gable und Vivien Leigh in "Vom Winde verweht" oder zwischen Ingrid Bergman und Humphrey Bogart in "Casablanca".

Lacroix bedauert aber auch, dass Küsse in heutigen Filmen nicht mehr den Stellenwert hätten wie früher. Er macht das zum Beispiel an James Bond-Filmen fest. Im vorletzten, "Skyfall", komme gar keiner mehr vor. Aus der Reihe tanzt aber der letzte Bondfilm. Die wilden Küsse zwischen Daniel Craig und Monica Bellucci sind indes zu erotisch für das prüde Filmland Indien. Sie mussten herausgeschnitten werden. Freilich unter Protest, auch aus Indien. Das ist verrückt: Denn eine der frühesten Anleitungen für den Zungenkuss stammt ausgerechnet aus dem Kamasutra, dem indischen Lehrbuch der Liebe. Und die älteste Darstellung eines Kusses kommt auch aus Indien. Sie ist in den Veden, den religiösen Sammlungen hinduistischer Texte, zu finden. Weshalb manche Forscher glauben, dass sich der Liebeskuss von Indien aus in die Welt verbreitet habe.

Wir können festhalten: Es gibt viele Geschichten rund um das Küssen und um den Kuss. Und dazu kann jeder auch noch seine eigene Geschichte erzählen.

Mir hat in meiner Kindheit mein Vater halb ironisch die Augen zugehalten, wenn sich im Film zwei küssten. Und ehrlich gesagt hat mich die erste Zunge im Mund auch etwas überrascht. Ob ich, wie meine Tochter, vorher Bescheid wusste, weiß ich nicht mehr so genau. Und auch nicht, ob ich mich mit meinen Freundinnen darüber ausgetauscht habe. In den 1980er-Jahren kreisten die Gespräche um Sex und um Verhütung, der Orgasmus war ein Thema, der G-Punkt, dafür musste man keine "Bravo" lesen, sondern nur Frauenzeitschriften wie "Brigitte".

Aber der Zungenkuss? Der wurde einfach gemacht, ohne viel nachzudenken.

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