Liebe und Arbeit

Konflikte gut aushalten können

Sich lieben und zusammen arbeiten: Wie kann das gelingen? Psychotherapeut Wolfgang Krüger über Rollenaufteilungen und die Fähigkeit zu streiten

Wolfgang Krüger ist Psychotherapeut

Wolfgang Krüger ist Psychotherapeut

Foto: Gerald Weselowski / BM

Wolfgang Krüger arbeitet seit 1983 als Psychotherapeut. Außerdem ist er Buchautor. Seit über 30 Jahren schreibt er zu Themen wie dem Gelingen der Liebe, Eifersucht, Liebe und Macht sowie der wichtigen Stellung von Freiräumen in der Liebe. Außerdem ist er mit einer freischaffenden Künstlerin verheiratet. Das Paar arbeitet auch zusammen. So liest Krügers Partnerin seine Bücher Korrektur, ehe sie in den Druck gehen. Er schätzt ihre Anmerkungen, „auch, wenn sie manchmal ziemlich streng ist“. Krüger wiederum übernimmt bestimmte Aspekte der Pressearbeit für seine Frau. Hier beantwortet der Psychologe die gängigsten Fragen rund um das Thema Liebe und gemeinsame Arbeit.

Herr Krüger, was ist der Vorteil daran, als Paar auch beruflich gemeinsam zu agieren?

Wolfgang Krüger: Es entsteht ein sehr inniger Zusammenhalt, der allerdings stark davon abhängt, wie intensiv die Zusammenarbeit ist. Früher führten Paare oft gemeinsam Gemüseläden oder einen Bauernhof, weil es wirtschaftlich auch nicht anders möglich war. Diese Art von gemeinsamer Arbeit ist jedoch Nähe pur. Es ist wichtig, dass jeder Rückzugsräume hat. Dann kann die Zusammenarbeit eine Beziehung bereichern und beleben.

Welche Nachteile kann es haben, wenn ein Paar gemeinsam arbeitet?

Das große Thema hierbei ist: Wissen, wann man aufhören sollte, gemeinsam zu arbeiten und sich dem Privaten zu widmen. Wer gemeinsam arbeitet, kann oft schlecht Pausen machen und glaubt vielleicht, man könne durch die Nähe, die durch die Arbeit entsteht, auch die gemeinsame, private Zeit kompensieren.

Das funktioniert nicht?

Nein, das ist ein Trugschluss. Wer sich nicht die Zeit nimmt, gemeinsam Zeit ohne Arbeit zu verbringen, schadet der Partnerschaft. Es muss zudem in allen Liebesbeziehungen auch Lebensbereiche geben, denen sich die Partner alleine widmen. Es ist ein Irrsinn zu glauben, eine einzige Beziehung könne jegliche Bedürfnisse eines Menschen befriedigen. Wer zum Beispiel auch Freundschaften pflegt, kann die erzwungene Nähe, die durch die gemeinsame Arbeit entsteht, auch dann aushalten, wenn es in der Liebesbeziehung kriselt.

In welchen Berufsfeldern gelingt eine Zusammenarbeit besonders gut?

Wenn der Beruf eine Berufung ist. In kreativen Berufen ist dies oftmals der Fall. Aber es kann auch sein, dass ein Paar eine Leidenschaft für Oldtimer hat und gemeinsam erfolgreich eine Werkstatt führt. Bei Berufen, die nicht nur ein Broterwerb sind, ist allerdings das Kränkungspotenzial sehr hoch. Jeder Mensch hat narzisstische, also selbstverliebte Anteile. Sind diese hoch, wird gemeinsames Arbeiten sehr schwierig. In einem solchem Fall muss man es aushalten, dass der Erfolg schwankt, den man mit der gemeinsamen Arbeit hat.

Und wie sieht es aus, wenn ein Partner erfolgreicher ist als der andere?

Es kann sein, dass der Partner phasenweise oder dauerhaft erfolgreicher ist als man selbst. Auch hier kann Kummer entstehen, der in einer Partnerschaft aufgefangen werden muss. Wenn sich die Berufe der Partner sehr ähneln, dann kann das eine oftmals schwer zu bewältigende Herausforderung sein. Das halten nur Paare aus, die sehr gut miteinander harmonieren. Jeder braucht ein gutes Selbstbewusstsein, weil sonst schnell eine Rivalität entsteht. Gemeinsame Arbeit birgt auch Konflikte. Wer diese nicht gut aushält, sollte Privates und Berufliches eher trennen.

Man spricht oft davon, dass Paare sich „gut ergänzen“. Was heißt das konkret?

Unter anderem: dass sie Konflikte gut klären können. In jeder Partnerschaft kommt ein Punkt, den Psychologen den „Ich-Wir-Konflikt“ nennen. Es gibt Teamaufgaben, die man nur gemeinsam stemmen kann, die Kindererziehung zum Beispiel. Doch auch hier muss es Raum für Selbstverwirklichung und klar getrennte Rollen geben. Glückliche Paare haben oft klar definierte Rollen, in denen sich die Partner wohlfühlen.

Aber ist das nicht auch einengend?

Für Frauen ist das manchmal tückisch: Die Frauen erfolgreicher Männer übernehmen oftmals vieles, um ihrem Partner den Rücken frei zu halten. Besonders oft sah man diese Dynamik früher bei Künstlern, die sich zu jüngeren Frauen hingezogen fühlten, diese dann aber dominierten. Es gibt unzählige Beispiele für diese Dynamik: Friedrich Schiller soll sich so verhalten haben, auch die Beziehung zwischen dem Bildhauer Auguste Rodin und der Bildhauerin Camille Claudel war sicherlich ähnlich. Doch diese Art der Rollenverteilung, in der ein Mann führt, ist der alte, patriarchalische Entwurf. Das ist auf Dauer nicht gesund – für beide Geschlechter. Denn beide Partner sollten sich in der Beziehung selbst verwirklichen können.

Gibt es Beispiele aus dem öffentlichen Leben, wo dies besonders gut klappt?

Nun ja. Es ist schwer, über Beziehungen zu urteilen, die man nur aus der Entfernung kennt. Das ist immer die Krux mit dem Privatleben öffentlicher Personen: Man glaubt zu wissen, was wirklich zwischen ihnen geschieht. Aber ich denke, ein Beispiel, wo die Verknüpfung von Beruflichem und Privatem gut zu klappen scheint, sind die Eheleute Irvin D. und Marilyn Yalom. Er ist Psychoanalytiker und Therapeut. Sie arbeitet als Literaturwissenschaftlerin und schreibt Sachbücher. Außerdem leitete sie fast zehn Jahre das Clayman Institute for Gender Research der Universität Stanford. Die Yaloms sind seit 64 Jahren verheiratet und haben vier gemeinsame Kinder.

Was ist Ihrer Ansicht nach das Geheimnis dieser langjährigen Beziehung?

Yalom lobt seine Partnerin in seinen Büchern über den grünen Klee, also scheint der Erfolg seiner Frau ihn zu beeindrucken. Hier sieht man auch: Unterschiedliche Bereiche helfen sehr, wenn es um die Abgrenzung geht. Beide veröffentlichen zwar Bücher, haben aber völlig andere Schwerpunkte. An diesem Beispiel wird klar: Gemeinsame Arbeit kann bei vielen Paaren gut klappen. Sie ist eine Herausforderung, die im besten Fall die Beziehung beflügelt. Im schlimmsten Fall kann eine Beziehung daran zerbrechen. Man muss eben auch der Typ dafür sein und diese Art von Nähe aushalten können.

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