Larissa Sarand

Wie eine Berlinerin den Kampf gegen die Magersucht gewann

Larissa Sarand, 29, litt unter Magersucht. Ein Gespräch über Hungerzwang, Schönheitsideale und den harten Weg zurück ins normale Leben.

Muffin, Apfel oder gar nichts? Larissa Sarand zeigt, worum die Gedanken von Essgestörten ständig kreisen

Muffin, Apfel oder gar nichts? Larissa Sarand zeigt, worum die Gedanken von Essgestörten ständig kreisen

Foto: Konstantin Zander / BM

Berlin. Eine Wohnung in Westend. Großzügig geschnitten, hell, Grünpflanzen haben das Wohnzimmer erobert. Larissa Sarand, 29, kocht Tee, Ingwer-Orange – ohne Zucker. Dass sie in den vergangenen fünf Jahren durch die Hölle gegangen ist, sieht man ihr nicht an. Eine schmale Frau, braune Augen in einem dezent geschminkten Gesicht. Einige haben dieses Gesicht vielleicht schon auf dem Cover ihres Buches gesehen. Larissa Sarand ist Deutschlands bekannteste Magersüchtige. Sie hat ein Buch über ihre Krankheit geschrieben und darüber, wie es ihr gelang, wieder ins normale Leben zurückzufinden. Der Titel des Buches: "Friss oder Stirb. Wie mir die Magersucht auf den Magen schlug und ich ihr ins Gesicht".

Ihre Geschichte ist keine typische Geschichte. Sie schildert den Verlust der Eltern und den verzweifelten Versuch, wieder die Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen. Sie wird schonungslos erzählt und mit einem schwarzen Humor, den die einen erfrischend finden und andere befremdet. Larissa Sarand ist 150-prozentig präsent. Sie wirkt gelöst. Die gebürtige Berlinerin hat Verlagskauffrau gelernt, bevor sie ein Lehramtsstudium begann. Das Referendariat hat sie inzwischen geschmissen, um sich den Traum vom Bücherschreiben zu erfüllen. Auch sonst hat die Krankheit ihr Leben komplett umgekrempelt. Wir haben mit ihr darüber gesprochen.

Frau Sarand, auf dem Höhepunkt Ihrer Magersucht wogen Sie nur noch 39 Kilo bei einer Körpergröße von 1,65 Meter. Wen haben Sie im Spiegel gesehen?

Larissa Sarand: Die Gewichtsabnahme war kein Prozess, der von gestern auf heute stattfand. Insofern habe ich schon noch mich selber gesehen. Das war nicht schön. Mein Aussehen hat mich mit einer freudlosen Befriedigung erfüllt.

Freudlos, aber befriedigt. Wie passt das zusammen?

Als ich unter die 40-Kilo-Grenze gerutscht bin, war meine erste Reaktion: "Scheiße!" Und gleichzeitig: "Endlich!" Diesen Widerspruch versteht man nur, wenn man ein bisschen dissoziativ unterwegs ist. Einerseits weiß man genau, dass man sich durch das Hungern schadet. Andererseits beschleicht einen das obskure Gefühl, man tue damit genau das Richtige. Verrückt, ich weiß.

Wieviel wogen Sie denn ursprünglich?

53 Kilo. Diese Magersucht hat mich beschlichen wie ein Parasit. Als Betroffene ist man oft die letzte, die das bemerkt, und die letzte, die sich die Krankheit eingestehen kann. Bei mir ging es damit los, dass ich mir immer mehr Regeln auferlegte.

Zum Beispiel?

Kohlenhydrate waren verboten. Keine Nudeln, keine Pizza mehr. Das ging langsam los und verselbständigte sich, bis fast jedes Lebensmittel auf der Verbotsliste stand. Sogar aus meinem tiefgefrorenen Wok-Gemüse habe ich noch die Erbsen aussortiert, weil mir die mir zu kohlenhydrathaltig waren.

Was war Ihr Ziel? Weniger werden? Abnehmen?

Es gab kein Ziel. Der Befehl kam von meinem Hirn: NIMM AB! Eine Zwangsstörung ist das.

Eine, die Sie auch optisch völlig verwandelt hat. In Ihrem Buch beschreiben Sie sich als "skelettierten, beflaumten Zombie im Sommerkleidchen".

Ja, so sah ich auch aus. Wenn man sich jeden Tag sieht, fällt das nicht auf. Mir wurde es erst bewusst bei einem Urlaub in der Karibik. Ich habe mein ausgemergeltes Gesicht im Spiegel eines Postkartenständers gesehen und dachte: Das geht ja gar nicht.

Dieser schleichende Prozess hatte anderthalb Jahre zuvor damit begonnen, dass Sie innerhalb von sechs Wochen beide Eltern verloren haben. Ihr Vater starb an Krebs, ihre Mutter nahm sich das Leben. Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass Sie die Kontrolle über Ihr Essverhalten verloren hatten?

Das war ein halbes Jahr nach dem Tod meiner Eltern. Ich war mit meinem damaligen Freund in Rom, in der ewigen Stadt der Kohlenhydrate. Er konnte mich nicht dazu bewegen, in ein Lokal zu gehen. Für mich war verboten, was auf der Speisekarte stand. Pizza, Pasta – undenkbar. Als sich mein Freund eine Tafel Schokolade gekauft hat, hab ich mir ein Stück davon abgebrochen und es weggeworfen, um so zu tun, als hätte ich es gegessen. Da habe ich mir zum ersten Mal gedacht: Irgendwas ist hier schräg.

Schräg?

Ich wusste, dass das nicht adäquat ist, was ich mache. Trotzdem hatte ich das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Ein innerer Zwang trieb mich an. Heute kann ich das selber nicht mehr nachvollziehen.

Woher kam dieser Zwang?

Sie haben Angst vor Essen. So, wie der Arachnophobiker Angst vor Spinnen hat.

Spinnen können beißen. Woher kommt die Angst vor Lebensmitteln?

Sie haben Angst davor, dass Sie augenblicklich zum Fettriesen werden. Dabei war und ist es mir vollkommen wumpe, wie andere Leute aussehen. Ich habe in einem Brautmodengeschäft für Übergrößen gearbeitet – bis Größe 64. Ich habe mich gefragt: Hast Du Angst davor, dass Du auch mal so aussehen könntest? Nein, ich sah in den Kundinnen nur dicke Frauen, nicht weniger. Also, diese Angst war es nicht. Und trotzdem war sie da.

In Restaurants haben Sie deshalb immer Essen zur Seite geschmuggelt. Hat das nie einer bemerkt?

Nein, wenn Sie mit vier, fünf Leuten im Restaurant sitzen, ist das Essen Nebensache. Primär geht es darum, dass man sich unterhält. Sie schauen sich in die Augen, nicht auf den Teller. Sie merken nicht, wenn jemand Essen im Blumenkübel verschwinden lässt.

Sie haben damals auch Cardigans mit extragroßen Taschen getragen, weil Sie darin das Essen verstecken konnten?

Ja, die habe ich zum Teil mit Plastikfolie ausgekleidet, dann war das nicht mehr so eine Schweinerei. Das hat gut funktioniert.

Sie lebten mit Ihrem damaligen Freund zusammen. Wie kann es sein, dass er nichts bemerkt hat?

Er hat es bemerkt. Aber er war genauso hilflos wie ich und alle anderen. Und wenn er mich darauf angesprochen hat, habe ich bissig reagiert. Einmal hat er gesagt: "Du bist ganz schön dünn geworden." Ich hab dann gekontert: "Gefall ich Dir etwa nicht mehr?" (lacht). Das ist natürlich ein Totschlagargument.

Sie schreiben, Magersucht sei Hochleistungssport.

Weil es Sie sieben Tage die Woche beschäftigt, 24 Stunden. Sie können sich auf gar nichts anderes mehr fokussieren. Sie rechnen den ganzen Tag nur nach, wieviel Kalorien Ihre Lebensmittel haben. Wie groß der Abstand zwischen den Mahlzeiten sein darf. Wieviele Sporteinheiten Sie brauchen, um Kalorien zu verbrennen. Und dann müssen Sie noch einen Zwiebellook kreieren, damit keiner merkt, dass Sie ein Hungerhaken sind.

Warum durfte niemand etwas merken?

Weil man ja weiß, dass es nicht normal ist. Wobei man ja selber denkt, man sei auf dem richtigen Weg. Crazy!

Haben Sie sich Gleichgesinnte gesucht?

Überhaupt nicht. Ich habe Nährwerttabellen auswendig gelernt oder mir effektive Sportprogramme angeguckt. Ich habe im Winter T-Shirts getragen, um mich noch schlanker zu frieren. Obwohl da ja kaum noch was war.

Wieviel Kalorien pro Tag haben Sie sich erlaubt?

Um die 800 Kalorien. Normal gewesen wären um die 2000 Kalorien. Sie dürfen nicht vergessen, dass ich viel Sport gemacht habe ...

... um Kalorien zu verbrennen?

Ja, nur darum ging es. Es ist nicht so geil, jeden Tag einen Halbmarathon zu machen. Es hat sich auch gerächt. Später haben Ärzte festgestellt, dass ich mir drei Ermüdungsbrüche an der Hüfte zugezogen habe.

Krass.

Ja, die Ärzte konnten das auch gar nicht glauben. Osteoporose und Brüche in der Hüfte sind doch sonst eher in der Geriatrie zu finden.

Der Hunger hat die Knochen brüchig gemacht?

Nicht nur das. Auf dem Kopf sind mir die Haare büschelweise ausgefallen. Dafür wuchs mir auf den Armen und Beinen ein Flaum. Meine Haut war trocken. Die Nägel wurden brüchig. Das Zahnfleisch ging zurück. Mir war immer kalt.

Was war mit Ihrer Konzentrationsfähigkeit?

Ich war völlig benebelt. Mir ist neulich meine Masterarbeit in die Hände gefallen, die ich im März 2016 abgegeben habe. Ich kann mich an keinen einzigen Satz darin erinnern.

Weil Sie völlig neben sich standen, als Sie die geschrieben haben?

Ja, vermutlich habe ich die Arbeit im Funktionsmodus geschrieben.

Wenn man exzessiv Sport treibt, schüttet der Körper irgendwann Glückshormone aus. Wurden Sie für Ihr Hungern auch belohnt?

Nee, das war nur Arbeit. Natürlich hatte ich hin- und wieder dieses Fasten-High. Das ist wie beim Laufen. Du fühlst Dich leicht und schwerelos, der Kopf ist frei. Aber das ist nicht das, was den Suchtcharakter der Krankheit ausmacht. Wobei ich lieber von einer Angst spreche als von einer Sucht.

Warum?

Es geht um Entsagung und nicht um die Sucht nach einem Kick.

Diese Angst hat Sie so absorbiert, dass auch Ihre Beziehung darunter gelitten hat. Sie schreiben, sexuell sei nichts mehr gelaufen.

Es findet sowieso ein kompletter sozialer Rückzug statt. Man hat gar nicht mehr die Kraft, rauszugehen und Freunde zu treffen. Der Hunger hat mich immer sehr früh ins Bett getrieben.

Wenn man sich selber nicht attraktiv findet, kann man dann auf andere attraktiv wirken?

Ja, es gibt für alles einen Fetisch. So, wie es Männer gibt, die auf Rubensfrauen stehen, gibt es auch welche, die auf Hungerhaken stehen. Mir ist es häufiger passiert, dass ich von Männern angesprochen wurde. Die waren hartnäckiger, als man das normalerweise von einer Anmache auf der Straße kennt. Offenbar ist die Auswahl in dieser Gewichtsklasse nicht so groß.

Begonnen hatte alles mit dem Tod Ihrer Eltern. Wie hängt der mit Ihrer Magersucht zusammen?

Ich habe auf beiden Beerdigungen nicht eine Träne vergossen. Das kam erst anderthalb Jahre später. Ich habe die Trauer einfach nicht an mich herangelassen. Ich glaube, die Magersucht hat mich abgelenkt. Sie war ein Schutzmechanismus, der sich dann aber ins Gegenteil verkehrt hat.

Wie war das Verhältnis zu Ihren Eltern?

Zu meinem Vater hatte ich ein gutes Verhältnis. Mit meiner Mutter war es schon immer schwierig. Sie war depressiv und eher unnahbar.

War Ihr Gewicht jemals ein Thema?

Nein, ich hatte nie Gewichtsprobleme. Ich bin von Natur aus schlank. Und ich hatte früher ein furchtbar falsches Bild von Menschen mit Anorexie. Ich habe mal eine TV-Doku darüber gesehen und zu meinen damaligen Freund gesagt: Ach ja, diese Wohlstandserkrankungen. Woanders hat man nicht genug zu essen, und die hungern sich zu Tode, damit sie in Size Zero passen.

Aber das ist doch das Schönheitsideal, das die Werbung, Instagram oder Sendungen wie "Germany's Next Top Model" vermitteln.

Mit dem Gewicht und der Werbung ist es wie mit der Frage: Wirst du zum Amokläufer, wenn du ein Ego-Shooter-Spiel spielst? Ich glaube nicht, dass es da einen relevanten Zusammenhang gibt. Ich glaube, dass dafür Menschen anfällig sind, die sowieso schon zu psychischen Störungen tendieren.

Warum?

Magersüchtigen geht es darum, sich aufzulösen. Germany's Next Top Model ist aber keine Abnehm-Competition. Das sind natürlich sehr, sehr schlanke Frauen. Aber die sind nicht vergleichbar mit Anorexie-Patientinnen. Die Kandidatinnen bewegen sich meist in einem halbwegs gesunden Rahmen.

Ist es gesund, seinen Hunger mit Wattebällchen zu stillen, die man mit Fruchtsaft getränkt hat?

Ach, das machen eher die Profis auf dem Laufsteg, weniger die Kandidatinnen. Natürlich macht dieser Körperkult die Leute irre – nicht nur Mädchen, auch Jungs. Ich glaube aber nicht, dass es da einen Zusammenhang gibt. Anorexie gab es auch schon, als es GNTM noch nicht gab. Gefahr droht aus einer ganz anderen Richtung.

Aus welcher?

Diese ganzen Trenddiäten können der Einstieg in eine Essstörung sein. Wenn Sie ein halbes Jahr lang Ihre Paleodiät gemacht haben, ist es schwer, sich davon wieder loszueisen. Das kann sich verselbständigen. Wobei ich mich ja frage: Wer isst denn heute noch normal? Der eine isst vegan, der andere low-carb.

Essen als Ersatzreligion?

Genau, Kochbücher müssen heute das Vakuum an Sinnhaftigkeit füllen. Ich ernähre mich gesünder, also bin ich der glücklichere und fittere Mensch.

Aber wo hört das Hungern für das Schlanksein auf, und wo fängt die Magersucht an?

Die Frage müssen Therapeuten beantworten. Ich würde sagen: ab dem Moment, wo Sie nicht mehr anders können. Wo Ihnen beim Anblick eines Kuchenstücks der Schweiß ausbricht.

Kann es sein, dass Ihren Freunden Ihre Magersucht gar nicht so aufgefallen ist, weil der Körperkult unsere Maßstäbe für Schlanksein verzerrt hat?

Nein, ein pathologisch Magersüchtiger fällt auf. Gucken Sie sich die Fotos von mir mit 39 Kilo an.

Wie ging es Ihnen als "Zombie"?

Ich war gefühlstaub. Eine körperliche Entkräftung unterstützt diesen Prozess natürlich.

Hatten Sie mal Selbstmordgedanken?

Ja, das war Anfang 2015. Ich hatte mir die Magersucht gerade eingestanden. Ich wollte etwas verändern. Ich habe versucht, mir beim Bäcker Kuchen zu kaufen. Das ist mir aber nicht gelungen. Ich lief vor dem Laden auf und ab, die Leute guckten schon komisch. Ich hab gedacht, ich bin zu gar nichts mehr in der Lage. An dem Punkt überfiel mich eine Depression. Ich dachte: Bevor ich mir selber beim Verhungern zugucke, fahr' ich gegen den nächsten Pfeiler. Das habe ich aber auch nicht geschafft.

Aber Sie hatten schon nach passenden Bäumen Ausschau gehalten?

Ja, ich bin die Autobahn nach Potsdam heruntergerast. Aber das kriegt man nicht fertig. Suizid ist was für ganz Harte.

Wäre eine Überdosis Schlaftabletten eine Alternative gewesen?

Nein, ich weiß ja, wohin das führen kann, wenn es nicht klappt. Meine Mutter hat 2012 einen Selbstmordversuch überlebt und ist vorübergehend in der Psychiatrie gelandet. Es waren katastrophale Zustände.

Dann war die Therapie noch das kleinere Übel?

Genau. Ich hatte den Ehrgeiz, es besser zu machen als meine Mutter und hab' mir einen Therapeuten gesucht. Was gar nicht so leicht war. Bei den meisten muss man monatelang auf einen Termin warten. Und nicht jeder Therapeut passt zu jedem Patienten.

Wie lange haben Sie gesucht?

Über Vitamin B habe ich einen Termin bei einer Psychiaterin bekommen. Die fragte sofort: Tabletten oder gleich in die Klinik? Ich wusste damals nicht, dass ich stattdessen einen Therapeuten brauchte. Durch Zufall habe ich den dann auch gefunden. Eine Bekannte hat ihn mir empfohlen.

Inwiefern konnte er Ihnen helfen?

Er hat keine Ahnung von Ernährung. Aber er ist ein guter Analytiker. Er hat sofort begriffen, dass diese Magersucht ein Stellvertretersymptom für ein ganz anderes Problem war. Dabei ging es in unseren Sitzungen nicht darum, den Tod meiner Eltern aufzuarbeiten. Er hat mir aber geholfen, mein Leben unter Kontrolle zu bringen. Ich muss jetzt keine Zeit mehr dafür verschwenden, meine Ernährung zu kontrollieren.

Sie haben Ihr Referendariat geschmissen, um als Autorin zu arbeiten. Sie haben sich von Ihrem Verlobten getrennt. War die Anorexie ein Katalysator, der diesen Prozess beschleunigt hat?

Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Heute würde ich sagen: Es ist gut, dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Es hat mir neue Impulse für mein Leben gegeben. Ich wollte immer schon Bücher schreiben. Ich hätte mich das nie von alleine getraut.

Aber so leicht war das ja auch nicht. Die Therapie hatte kaum begonnen, da wurden Sie von Fressattacken überfallen.

Diese Phase gehört zum Heilungsprozess dazu, in den USA nennt man das Extreme Hunger. Das habe ich aber erst erfahren, als ich amerikanische Blogs dazu im Internet gefunden habe. Es ist eine hormonelle Geschichte.

Das müssen Sie mal erklären.

Es gibt Hormone, die ausgeschüttet werden, wenn man satt ist. Bei ausgehungerten Menschen funktioniert das vorübergehend nicht. Der Körper will Reserven anlegen und sorgt dafür, dass Sie sich nie satt fühlen. Ich hab das ja selber erlebt. Nach vier Nutellabroten braucht man noch eine Pizza und einen Pudding. Sie gehen nachts um drei zur Tanke, um sich Nachschub zu kaufen.

Klingt beklemmend.

Ist es auch. Es kommt vor, dass Sie 5000 bis 6000 Kalorien am Tag platt machen. Das ist schon physisch kaum auszuhalten. Aber Sie können einfach nicht aufhören. Das ist Kontrollverlust de luxe. Sie glauben nicht, dass das je wieder aufhört.

Sie wiegen heute 52 Kilo. Haben Sie die Magersucht besiegt?

Weiß ich nicht. Ich kann mir vorstellen, dass es so funktioniert wie bei einem Alkoholiker. Der bleibt auch sein Leben lang Alkoholiker, aber trocken. Vielleicht bleibe ich ein Leben lang magersüchtig, aber satt. Das Wissen um die Krankheit kann ich nicht löschen. Dass ich jemals wieder intuitiv essen kann, kann ich mir nicht vorstellen.

Können Sie einfach so in eine Fast-Food-Fililale gehen und einen Burger essen?

Ich habe gerade eine Schocktherapie hinter mir: Ich war zwei Wochen in den USA. (lacht) Es funktioniert gut. Noch ist nicht alles normal bei mir, aber bei wem ist es das schon?

Woran merken Sie das?

Kippen Sie Öl in eine Pfanne, und ich schwitze. Öl, 800 Kalorien auf 100 Milliliter, ziehen Sie sich das mal rein. Das kann ich immer noch nicht vertragen. Ich war neulich in einem japanischen Restaurant mit Live-Cooking. Der Koch kippte Öl in eine Pfanne und warf das Fleisch hinein. Dann kippte er nochmal Öl rauf. Ich musste mich wegdrehen. Ich bekam Beklemmungen.

Ihre Erfahrungen haben Sie auf einem Blog kommuniziert. Wie ist das bei den Lesern angekommen?

Ich habe Hunderte E-Mails bekommen. Von der 17-Jährigen, die nur noch 31 Kilo wiegt, bis zur 50-jährigen Familienmutter, deren Kinder nachts den Schlüssel zur Küche verstecken müssen, damit sie nicht an den Kühlschrank geht. Anorexie betrifft nicht nur Teenager. Es geht quer durch die Gesellschaft. Gerade hat mir ein 40-jähriger Familienvater in Führungsposition geschrieben.

Was sagt das Feedback auf Ihren Blog über den Blick auf Anorexie in unserer Gesellschaft aus?

Magersucht ist genauso kompromittierend wie Alkoholismus oder Spielsucht. Das Thema wird totgeschwiegen, besonders von den Betroffenen selbst. So entsteht leider ein falsches Bild von der Krankheit. Ich glaube, dadurch kann der Heilungsprozess verzögert oder behindert werden. Gerade deshalb habe ich dieses Buch geschrieben. Ich erzähle offen und ehrlich davon.

Zum Weiterlesen: Larissa Sarand: Friss oder Stirb. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 224 Seiten, 9,99 Euro

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