Beziehungen

Wenn die Liebe zerbricht

Liebeskummer kann jeden treffen: Männer genauso wie Frauen. Doch sie trauern ganz unterschiedlich. Was hilft? Love Coaches geben Rat

Liebeskummer fühlt sich an, als wenn das Herz zersplittert

Liebeskummer fühlt sich an, als wenn das Herz zersplittert

Foto: Jolygon / Getty Images/iStockphoto

Silvia Faucks große Liebe endete mit einem Fax. Darin schrieb ihr Traummann: „Ich möchte keine Verantwortung übernehmen. Ich bin beziehungsgestört.“ Den wahren Trennungsgrund – die neue Frau – verschwieg er. Die Nachricht traf die damals 50-Jährige völlig unvorbereitet. Fünf Jahre lang hätten sie eine „tolle innige Beziehung“ gelebt, erzählt Silvia Fauck. Doch dann brach diese von einer Sekunde auf die nächste auseinander. Und nichts war mehr wie vorher.

Die gestandene Frau und Mutter zweier Töchter verlor den Boden unter den Füßen und fiel in ein tiefes emotionales Loch. Sie nahm massiv ab und war am Ende nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ein Alptraum. Silvia Fauck erinnert sich: „Mein Herz brannte in meinem Körper. Ich konnte nicht schlafen und nicht essen.“ Jede Minute wurde zur Ewigkeit. Tag und Nacht quälte sie sich mit der Frage nach dem Warum. Sie weinte viel, litt unter Atem- und Herzbeschwerden. Dazu gesellten sich Angstzustände und Panikattacken. Die Küche benutzte sie kaum noch, auf der Terrasse vertrockneten die Pflanzen. Es gab keinen Zweifel mehr: Sie hatte eine handfeste Depression.

Heute kann Silvia Fauck offen darüber sprechen und ihr Leiden benennen. Ihre Erfahrungen hat sie in einem Buch verarbeitet. Der Titel: „Liebeskummer: Wenn das Herz zu brechen droht“. Sie sagt: „Die Menschen glauben nicht, dass man ‚nur‘ wegen Liebeskummer in wirklich schwere Depression fallen kann.“ Doch sie weiß es besser – aus eigener Erfahrung und aus ihrer Praxis als psychologische Beraterin. Manchmal führe die Verzweiflung darüber, vom geliebten Menschen verschmäht zu werden, sogar zu einem Todeswunsch. „Der Wunsch, sich das Leben zu nehmen, ist bei jedem zweiten Liebeskummerpatienten vorhanden“, so Silvia Fauck. Mit dem Verlust der Liebe gehe vielen auch der Sinn des Lebens verloren.

Körper im Ausnahmezustand

Aber was bringt Menschen dazu, an einer unglücklichen Liebe derart zu verzweifeln? Liebeskummer lässt sich als ein seelischer Ausnahmezustand beschreiben. In der Anfangszeit wollen die meisten nicht wahrhaben, dass es vorbei ist. Lässt es sich nicht mehr leugnen, folgen Hoffnungslosigkeit und Schwermut. Viele werden regelrecht „liebeskrank“. Denn Liebe kann wie eine Droge wirken. Ist sie nicht mehr verfügbar, lauert der Entzug – und der kann sprichwörtlich krank machen, psychisch wie physisch. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass der Verlust eines geliebten Menschen tatsächlich körperlich schmerzen kann. Ein gebrochenes Herz kann sogar tödlich sein: Die Medizin kennt das so genannte Broken-Heart-Syndrom, eine akute Herzschwäche, die in emotionalen Ausnahmesituationen auftreten kann. Sogar ein Herzinfarkt kann durch Liebeskummer ausgelöst werden.

Besonders überwältigend sei der Liebeskummer, wenn die Krise plötzlich eintrete, sagt der Berliner Diplom-Psychologe und psychologische Psychotherapeut Martin Rubeau. Wenn man also beispielsweise überraschend davon erfahre, dass man von dem Partner oder der Partnerin betrogen werde. Besonders schwerwiegend sei der Liebeskummer zudem in „abhängigen Liebesbeziehungen“, in denen sich die Partner anders als in einer „normalen Liebesbeziehung“ nicht auf Augenhöhe begegnen. „In einer gesunden Beziehung ist es zwar qualvoll, wenn sich einer der Partner jemand anderem zuwendet“, sagt Martin Rubeau. Der Liebeskummer sei dann aber eine normale Reaktion auf den Verlust. Trotz Krise leide die Selbstliebe im Allgemeinen weniger als in einer abhängigen Beziehung. In dieser fühle sich der Betroffene unterlegen. Denn er sei von vornherein ständig damit beschäftigt, den Partner halten zu wollen. Ein ungesundes, nervenzehrendes, bisweilen neurotisches Verhalten.

Heilsame Selbsterkenntnis

Zweimal hatte Martin Rubeau selbst heftigen Liebeskummer: einmal als junger Mann, ein anderes Mal im reifen Erwachsenenalter. Jedes Mal begleitet von körperlichen Symptomen wie starker Unruhe und Beklemmungen. Er erlebte Verzweiflung und ein tiefes Gefühl von Minderwertigkeit: „Die Frau wendet sich jemand anderem zu. Ich bin nicht gut genug. Der andere bringt’s.“ Heute ist er dennoch froh, dass er diese Gefühle erleben durfte, denn sie sagten ihm eine Menge über sich selbst.

„Liebeskummer kann auch etwas Heilsames haben“, findet Martin Rubeau. Insbesondere dann, „wenn nichts verdrängt und alle Gefühle gefühlt werden“. Auch die unbequemen Gefühle wie Minderwertigkeit, Verlassensein, Hoffnungslosigkeit.

Es geht darum, Gefühle wieder zu fühlen anstatt wegzudrängen – und diese auch auszudrücken. Dabei will der Psychologe Menschen in seiner „Gefühlsschule“ in Schöneberg unterstützen. In seinen Seminaren seien Männer immer häufiger in der Überzahl, berichtet Martin Rubeau. Für ihn eine logische Entwicklung. Denn in der Tendenz seien es eher die Männer, denen der natürliche Zugang zu ihren Gefühlen verloren gegangen sei – mit Folgen für die Partnerschaft: Wer sein eigenes inneres Erleben nicht einsortieren kann, von dem kann man auch in der Partnerschaft nur ein eingeschränktes Einfühlungsvermögen erwarten. Gleichzeitig litten die Männer zunehmend unter dem Manko, zu wenig Kontakt zu ihren Gefühlen zu haben, und wollten dies verändern.

Männer leiden anders

Martin Rubeau hat beobachtet, dass sich bei Männern Liebeskummer und Trauer anders äußern als bei Frauen. „Frauen geben sich dem Liebeskummer ganz hin. Männer sind dagegen schon statistisch gesehen nicht so nah am Wasser gebaut. Sie leiden eher stumm. Sie trinken zu viel Alkohol oder stürzen sich in bisweilen ausschweifende sexuelle Abenteuer.“ Der Wunsch, die Gründe für das Ende der Liebesbeziehung zu erforschen, ist tendenziell weniger ausgeprägt als bei den meisten Frauen.

Tom* ist einer der Männer, die Angst haben, ihren Gefühlen auf den Grund zu gehen. An seinen größten Liebeskummer erinnert er sich noch allzu gut. Neun Kilo habe er innerhalb kürzester Zeit abgenommen, als seine damalige Freundin mit ihm endgültig Schluss gemacht habe, erzählt er. Dass er daran nicht ganz unschuldig war, war ihm durchaus bewusst. Jahrelang hatte er sie hingehalten, sich „aus Bindungsangst“ nie eindeutig zu ihr bekannt und sie sogar betrogen. Doch als sie den Schlussstrich zog und eine neue Liebe kennenlernte, empfand er „einen kaum auszuhaltenden Schmerz“.

Dabei muss er anerkennen, dass seine verletzte Eitelkeit dabei die größte Rolle spielte. Selbstkritisch gibt der Mittvierziger zu, dass es ihm ansonsten bis auf einige kleine Enttäuschungen im Teenageralter gelungen war, in der Liebe schmerzhaften Situationen von vornherein aus dem Weg zu gehen, „um sich zu schützen“. Etwas, das nicht alle Männer schaffen: In Toms Bekanntenkreis gibt es mehrere von ihren Frauen verlassene Männer, die über ihren Liebeskummer nie hinweggekommen sind. Zu tief die Verletzung und die Angst, wieder enttäuscht zu werden.

Trauern ist wichtig

Nach außen hin zeigten Männer wie Tom zwar wenig Wertschätzung ihrer Partnerin gegenüber, meint Martin Rubeau. Mit dem Scheitern der Beziehung habe Tom aber möglicherweise sehr schmerzhaft gespürt, dass er wieder nicht in der Lage gewesen war, seine Defizite aufzuarbeiten. Denn Männer neigten eher dazu, ihre Gefühle abzuspalten.

Den Schmerz in seiner Tiefe wahrzunehmen und über den Verlust zu trauern, anstatt nach Ablenkungsmanövern zu suchen, hält Martin Rubeau für einen angemessenen Umgang mit Liebeskummer. Wichtig sei dann aber auch, „es irgendwann wieder gut sein zu lassen und nach vorne zu blicken“. Eine Trauer von einem Jahr mit Heulen und Zähneklappern ist seiner Ansicht nach nicht notwendig.

Doch häufig dauert die Befreiung aus der negativen Gefühlsspirale deutlich länger. So war es bei Simone Sauter. Auch bei ihr kam das Beziehungsende „aus heiterem Himmel“. Über zehn Jahre war die heute 34-jährige Berlinerin mit ihrem Partner zusammen, als er sie von heute auf morgen verließ. Damit nicht genug: Innerhalb von vier Wochen fand er eine neue Frau, mit der er heute noch zusammen ist. Zwei Jahre lang ging die verlassene PR-Fachkraft durch die Hölle. Monatelang war sie nicht arbeitsfähig, wurde vom Job „zwangsbeurlaubt“. Sie nahm 15 Kilo ab und dachte immer wieder an Selbstmord.

Manchmal erkennt sie sich selbst kaum wieder

Simone Sauter durchlebte verschiedene Phasen. Lange nährte sie die Hoffnung, ihr Freund sei „nur in der Midlife-Crisis“ und würde zurückkommen. Irgendwann gab sie auf. Sie begann eine Therapie, arbeitete mit einem Coach und las unzählige Bücher zum Thema Beziehung und Selbstliebe. Als eines der Probleme in der Beziehung identifizierte sie die emotionale Abhängigkeit von ihrem Partner. Ihre Selbstsicherheit hatte sie nur aus der Beziehung geholt.

Bei Simone Sauter war es ein langer Prozess. Erst nach und nach ging es bergauf. Sie fand einen neuen Job, mehr Selbstbewusstsein und wieder Freude am Leben. Sie ging auf Weltreise und veränderte mehrfach radikal ihr äußeres Erscheinungsbild. Sich die Haare rappelkurz zu schneiden war wie eine Befreiung. Zu Zeiten der Trennung hatte sie mit ihren langen Haaren und der Brille fast bieder gewirkt.

Heute hat die junge Frau eine ganz andere Ausstrahlung. Selbstbewusst und sexy kommt sie mit Kurzhaarfrisur daher. Manchmal erkennt sie sich selbst kaum wieder. Um sich sicher zu fühlen, braucht sie keinen Partner mehr. Liebeskummer ist für sie heute „nichts anderes als der Schmerz, den wir spüren, wenn wir feststellen, wie sehr wir die Verbindung zu uns selbst verloren haben, weil wir zu sehr auf die Verbindung mit einem anderen Menschen ausgerichtet waren.“

Die Krise als Chance nutzen

Dank der Krise hat Simone Sauter sich als „Selbstliebe-Coach“ eine neue Existenz aufgebaut und hilft anderen, wieder zu sich selbst zu finden. Sie betreibt den Liebeskummer-Blog www.frompaintopower.de. In ihrem Buch „Heile dein gebrochenes Herz: Schritt für Schritt vom Herzschmerz zum Lebensglück“ gibt sie praktische Tipps und Anleitungen gegen Liebeskummer. In Seminaren bittet sie ihre Klienten, ihre Glaubenssätze zu überprüfen. Sie fragt sie: Was sind deine Bedürfnisse? Wo sind deine Grenzen? Simone Sauter ist überzeugt: „Wir müssen das Leben führen, das uns glücklich macht – ohne andere zu verletzen.“ Das ist keine leichte Aufgabe für die Menschen, die ihre Hilfe suchen. Einige kommen aus jahrzehntelangen Beziehungen und wissen nicht mehr, wer sie eigentlich sind und was sie wollen.

Und schließlich ist Liebeskummer nicht immer das, was er scheint. In ihrem Klassiker „Wenn Frauen zu sehr lieben“ beschreibt die amerikanische Autorin und Paartherapeutin Robin Norwood Menschen, deren Liebeskummer in Wirklichkeit ein endloses Wiederaufleben der Dramen ihrer Kindheit sei. Frauen, aber auch Männer machen ihr eigenes Glück abhängig von dem Verhalten ihrer nicht liebesfähigen, herzlosen, egozentrischen oder suchtkranken Partner. Bis zur Selbstaufgabe versuchen sie sich zu verbiegen, um den anderen zu ändern. Und werden trotzdem immer wieder enttäuscht, betrogen oder verlassen. Zu sehr zu lieben: Das bedeutet für Robin Norwood „den Grad der Liebe zu einem anderen Menschen am Grad der mit ihr verbundenen Qualen zu messen“.

Wenn Angst das Verhalten diktiert

Was sind das für Menschen, für die Liebe gleichbedeutend ist mit Leiden? Die für eine Beziehung ihr seelisches Wohlergehen, ihre Gesundheit und sogar ihre Sicherheit gefährden? Hinter ihrer extremen Hingabe steckt häufig Angst. Angst davor, alleine nicht liebenswert oder wertlos zu sein. Sie lieben mit der verzweifelten Hoffnung, dass der Partner, auf den sie fixiert sind, ihnen genau diese Ängste nehmen wird. Ein Wunsch, der leider nicht in Erfüllung geht.

Viele von Robin Norwoods Patienten haben in ihren Herkunftsfamilien große körperliche und seelische Belastungen erlebt, die in ihren schwierigen Beziehungen mit emotional abweisenden oder anderweitig destruktiven Menschen wieder aufleben. Glücklicherweise gibt es einen Ausweg aus dem Teufelskreis: Die Betroffenen müssen sich den eigenen Problemen stellen.

„Wenn jemand immer wieder betrogen und verlassen wird, kann dahinter ein Muster stecken, das sich in einem unbewussten Wiederholungszwang durch das ganze Leben zieht“, weiß Diplom-Psychologe Martin Rubeau. Um diesen Leidensweg zu unterbrechen, hält er eine Therapie für unumgänglich. In der Trauerarbeit um eine verflossene Liebe treten häufig unbewusste Verhaltensstrukturen zutage.

Rückblick in die Vergangenheit

Wichtig sei auch die Auseinandersetzung mit der frühen Kindheit. Martin Rubeau rät Männern: „Schau auf deine frühe Kindheit mit deiner Mutter. Sie war die erste Frau in deinem Leben. Wie ist sie mit dir umgegangen? Hat sie dich in den Arm genommen? Hat sie dich geherzt und getröstet? War sie für dich da?“ Auch für Frauen gilt: Wer vertrauensvolle Erfahrungen mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil gemacht hat, geht auch vertrauensvoller in Liebesbeziehungen.

Ob mit psychologischer Hilfe oder ohne: In jedem Fall hilft es, über den Kummer zu sprechen, sind Experten überzeugt. „Frauen haben intensiveren Liebeskummer, aber er dauert kürzer, weil sie darüber sprechen und so ihre Erlebnisse besser verarbeiten“, hat Simone Sauter beobachtet.

Sie wünscht den Männern ähnlich wie Psychologe Martin Rubeau, dass sie lernen, ihren bisweilen schmerzhaften Gefühlen mehr Raum zu geben. Die überwiegende männliche Bewältigungsstrategie sei immer noch die Ablenkung: Sport, Arbeit, Party und neue Frauen. Doch Simone Sauter glaubt nicht, dass das funktioniert. „Die Probleme werden verdrängt, aber nicht verarbeitet.“ Sie sagt: „Das Leben gibt uns Aufgaben, an denen wir wachsen sollen.“ Werden diese nicht bearbeitet, kann sich auch das dahinter stehende Muster nicht ändern. Die Folge: Das gleiche Problem kommt immer wieder.

Geduld hilft

Auch wenn frisch an Liebeskummer „Erkrankte“ es nicht gerne hören: Auch die Zeit kann durchaus Wunden heilen. Geduld mit sich und der Situation ist angebracht. Statistiken zufolge braucht man nach einer Trennung durchschnittlich 19 Monate, um darüber hinwegzukommen.

Besonders erfolgversprechend ist es, wenn die Trauerzeit für positive Veränderungen genutzt wird. Dann kann aus einer Lebenskrise auch ein neuer Anfang entstehen. So wie bei Silvia Fauck, die nach der Trennung ihre Praxis am Berliner Hohenzollerndamm kurzentschlossen in „Liebeskummerpraxis“ umgetauft hat und seitdem anderen Betroffenen aus dem emotionalen Jammertal hilft.

Auch Simone Sauter ist heute wieder glücklich. Der alte Partner würde überhaupt nicht mehr zu ihr passen, sagt sie. Heute kann sie sogar sagen: „Die Trennung war das Beste, was mir passieren konnte.“ Denn diese habe sie „zu ihrem wahren und besten Ich geführt“. Sie glaubt: „Unsere Liebesbeziehung kann nur so erfüllt und harmonisch sein wie die Beziehung, die wir zu uns selbst haben.“

* Name geändert