Familie

Sind das alles Ihre?

Großfamilien sind in Deutschland selten geworden und haben mit Vorurteilen zu kämpfen. Warum ist das so? Und wie sieht der Alltag wirklich aus?

Wow! Familie Fiedler-Kammer hat zehn Kinder, hier sind acht zu sehen

Wow! Familie Fiedler-Kammer hat zehn Kinder, hier sind acht zu sehen

Foto: Reto Klar

Mit einem hochzufriedenen Lächeln zeigt Andrea Fiedler-Kammer auf den schmucken, frisch renovierten Zirkuswagen am Rand des kleinen Gartens. Im Fenster hängt eine Hertha-Fahne, die Türseite ziert das Bekenntnis: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Drinnen gibt es Strom, Heizung, Internet und sogar eine kleine Toilette. Vor allem aber gibt es Ruhe. Und die braucht Timo (17), Hausherr der heimischen Exklave, so nötig, wie alle Teenager zuweilen Ruhe vor ihrer Familie brauchen. Vielleicht sogar ein bisschen mehr. Denn Timo lebt in einer Großfamilie.

Aus dem Haus von Familie Fiedler-Kammer in Französisch Buchholz dringt der fröhliche Lärm von sieben Mädchen, zwischen 14 und einem Jahr alt. Das sind Timos kleine Schwestern Mylene, Amelie, Denise, Nelly, Emilia, Hazel und Odilia. Die große Schwester Vivian ist vor drei Jahren ausgezogen, der große Bruder Jan wohnt bei seinem Vater. Zehn Kinder umfasst die Geschwisterrunde, zusammen mit Mutter Andrea und ihrem Mann Enrico stellen sie ein Dutzend – eine schöne große Familie, wie sie mittlerweile sehr selten geworden ist.

Kinderreiche Familien sind hierzulande wie weiße Weihnachten: rar wie der Schnee am Heiligabend, den es in der Erinnerung früher viel öfter gab. Die Zahl der Familien, in denen drei und mehr Kinder heranwachsen, hat sich im Laufe der letzten 100 Jahre halbiert und sinkt weiter rapide. Die Familie mit einem, höchstens zwei Kindern beherrscht das Bild in der Gesellschaft: Sie stellen 52,5 Prozent bzw. 35,9 Prozent der Familien in Deutschland. Nur etwa jede zehnte der 8,1 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern hierzulande hat drei oder mehr Kinder. Genauer: 9,1 Prozent stellen die Drei-Kind-Familien, 1,8 Prozent die Vier-Kind-Familien, 0,6 Prozent die Fünf-und-mehr-Kind-Familien. Auch so gesehen ist die zehnköpfige Kinderschar von Andrea Fiedler-Kammer etwas Besonderes.

Sie gelten schnell als asozial

Doch anders als weiße Weihnachten werden kinderreiche Familien nicht sehnlich herbeigewünscht. Im Gegenteil: Dem Auftritt großer Geschwisterrunden und ihrer Eltern haftet ein negatives Image an. Im Alltag haben große Familien immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen. Sie gelten schnell als asozial und tendenziell überfordert, viele als sehr arm und wenige als sehr reich, als ein bisschen skurril oder wenigstens mit Migrationshintergrund behaftet. Und so fristen kinderreiche Familien ein Nischendasein abseits der Normalität in Deutschland.

Am schlechten Image von großen Familien sei vor allem das Fernsehen schuld, meint die 21-jährige Vivian. „Fernsehserien wie ,Die Wollnys’ stellen große Familien als chaotische Assis dar, wo die Kinder absurde Namen haben und die Mutter dauernd herumschreit.“ Die älteste Tochter von Andrea Fiedler-Kammer schüttelt den Kopf. „In der Grundschule“, erzählt sie, „haben die anderen Kinder uns oft damit geärgert, dass sie uns mit den Wollnys verglichen haben.“ Im Gymnasium sei es dann besser geworden, auch wenn es ab und an ätzende Kommentare gegeben habe wie die, dass ihre Eltern sich angesichts der Kinderzahl „ja wohl, haha, ganz furchtbar lieb haben müssten“.

Aber sie habe auch Anerkennung erlebt. Nach dem Abitur hat Vivian eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement begonnen und die Erfahrung gemacht, dass sich die Tatsache der großen Geschwisterrunde gezielt strategisch einsetzen lässt. „In Bewerbungsgesprächen ist das super“, sagt sie und lacht. „Man bleibt im Gedächtnis, und höchste soziale Kompetenz muss man auch niemandem mehr beweisen.“

Folgen für die demografische Entwicklung

Es sind Vorurteile gegen Großfamilien, die gravierende Folgen für die demografische Entwicklung bringen. „Der größte Teil des niedrigen Geburtenniveaus in Deutschland ist auf den Rückgang der Mehrkindfamilie zurückzuführen“, sagt Bevölkerungsforscher Martin Bujard. Lange habe man gedacht, dass das deutsche Problem der schrumpfenden Geburtenraten der besonders große Anteil kinderloser Frauen sei. „Aber das stimmt nicht“, so der Wissenschaftler.

Der Geburtenrückgang sei zu 68 Prozent dadurch zu erklären, dass größere Familien immer seltener würden, erläutert Bujard. „Kinderlose sind nur für knapp 26 Prozent des Geburtenrückgangs verantwortlich.“ So bedingt das eine das andere: Wo historisch gesehen ein relativ großer Anteil von Kinderlosigkeit der einen durch den Kinderreichtum in Familien kompensiert wurde, springen große Familien heute nicht mehr in die demografische Bresche, denn dafür sind es zu wenige.

Es ist absurd: Große, mittlere und kleine Minderheiten genießen Schutz in Deutschland. Egal, welche sexuelle Ausrichtung, welche Betgewohnheiten oder Essensvorlieben – keine Minderheit muss ohne Fürsprecher auskommen. Antidiskriminierungsstellen wachen darüber, dass niemand wegen seines Alters, seines Geschlechts, seiner Herkunft, seiner Behinderung, seiner Hautfarbe oder seiner Religion benachteiligt wird. Das ist auch gut so: Der Umgang mit Andersdenkenden, Andersgläubigen, Andersmeinenden und Andersfühlenden ist ein hohes Gut und steht auch für den Stand der Aufgeklärtheit und des toleranten, friedlichen Miteinanders, den eine Gesellschaft erreicht hat. Aber: Über die kleine Minderheit der großen Familien darf man sich in Deutschland mokieren wie sonst nur über ewiggestrige Vertriebenenverbände, bibeltreue Christen oder kreuzbiedere Landfrauenvereine.

Permanenter Rechtfertigungsdruck

Kinderreiche Familien scheinen hierzulande der falschen Minderheit anzugehören, die statt Wohlwollen, Fürsprache und Schutz allzu oft Befremden, Spott und Häme erfährt. Sich beim Kinderkriegen zu beschränken, gehört in Deutschland zum guten Ton. Da geraten alle, die das anders halten, unter Rechtfertigungsdruck.

„Wenn ich mit den Kindern unterwegs bin, fühle ich mich oft wie rot angemalt“, sagt Andrea Fiedler-Kammer. „Leute, die uns gar nicht kennen, starren uns an.“ Es gäbe sofort böse Kommentare, wenn ein Kind sich mal schlecht benähme, was bei Einzelkindern gar nicht auffalle. Wildfremde Menschen sagten ihr, dass sie zu früh und zu viele Kinder bekommen habe, dass sie eine schlechte Mutter sei. „Das ist sehr verletzend.“ Richtiggehend gemobbt hätten sie Nachbarn in der Wohnung zuvor. Das hat dazu geführt, dass die Familie vor zwölf Jahren ein Haus gesucht und in Französisch Buchholz am Rand von Berlin ein neues Zuhause gefunden hat.

Die Reaktionen auf ihre Familie seien eine große Belastung, sagt die Mutter. Dabei sei doch ihre Familie eine ganz normale Familie, nur ein bisschen anders, weil größer. „Kinder wachsen eben verschieden auf, das ist nun mal so.“ Doch sie fühle sich unter dauerndem Beweisdruck, als müsse sie immer schon vorauseilend gegen einen Anfangsverdacht antreten. Dass die Kinder genug gefördert werden, sich vertragen, in der Schule fleißig lernen – „keine Mutter von einem oder zwei Kindern muss das ständig beweisen“. Dass sie viel Wert darauf lege, dass die Kinder sauber und ordentlich aussehen und gut gekleidet in die Schule gehen, hat auch damit zu tun: „Ich will verhindern, dass gequatscht wird und ihnen ein Schmuddel-Image angedichtet wird.“

Großes Unverständnis in der Bevölkerung

In einer Befragung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BIB) wurde erkundet, wie kinderreiche Familien angesehen werden. Jede vierte gilt als armutsgefährdet. 72 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass sie als asozial gelten. Ist das schon Stigmatisierung oder noch die Angst davor? Immerhin gaben nur acht Prozent der 5000 Befragten zu, selbst so über Kinderreiche zu denken. Wird also eine Geringschätzung vermutet, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt? Es sei keine umfassende Diskriminierung festzustellen, bilanziert die Studie „Der politische Restposten“, aber viel Unverständnis.

Eine gewisse soziale Nachlässigkeit, persönliche Liederlichkeit und Schlimmeres unterstellt man gerne: Die Sprüche sitzen locker, wo eine große Familie auftaucht. Das reicht von der erstaunten Frage „Sind das alles Ihre?“ über die hämische Vermutung, „dass der Fernseher wohl länger kaputt war“ bis zur Unterstellung, dass es einem „einfach so passiert“ sei und dem argwöhnischen Verdacht, „streng katholisch“ oder auch in Verhütungsangelegenheiten „nicht auf dem neuesten Stand“ zu sein.

Andrea Fiedler-Kammer überhört das alles, so gut es geht. Sie rechtfertigt sich auch nicht mehr dauernd. „Ich habe jedes meiner Kinder sehr gern bekommen“, sagt sie, lächelt und zieht dann eine Miene, die man auch als „Und damit Basta!“ verstehen darf.

Normaler Familienalltag – nur XXL

Wie stemmt man eigentlich den Alltag mit vier Schulkindern und drei Kita-Kindern? „Es ist eine enorme Logistik und ein strenge Planung nötig“, sagt die gelernte Tierarzthelferin. „Es gibt eine genaue Staffelung, damit jeder seine Zeit hat.“ Am Morgen sind die Schulkinder zuerst dran, sie gehen zu zweit ins Bad, während die Mutter das Frühstück richtet. „Während sie frühstücken, schnippel ich das Obst und fülle den Schultee in die Flaschen. Nelly und Mylene halten ihre festen Zeiten genau ein, Denise und Amelie sind Trödeltanten“, sagt die Mutter, die beiden müsse man mehrmals an die Uhrzeit erinnern. „Jedes Kind ist anders und hat seine eigenen Bedürfnisse.“

Sind die Schulkinder am Frühstückstisch, „mache ich mich selbst fertig, waschen, Zähneputzen, Haare kämmen“, erklärt sie schmunzelnd und krault den Mops-Mischling-Welpen namens Lewis, der sich in ihre Arme schmiegt. „Dann hole ich die drei Kleinen zum Waschen und Anziehen, später frühstücken wir vier zusammen am Tisch.“ Die Stullen schmiere sich am Abend vorher jeder selbst, aber das Obst müsse frisch dazu, „bei mir kommt kein Knoppers in die Brotbox“.

Ganz normaler Familienalltag, nur geballt in XXL. Um viertel vor neun, wenn die Schulkinder die erste Stunde gerade geschafft haben, schwingt sich Andrea Fiedler mit den drei Kleinen auf ihr Lastenfahrrad, zwei vorne auf der Bank, eins hinten, und fährt zur Kita. Gegen zehn Uhr ist sie zurück, dann ist der Haushalt dran. Aktuell arbeitet sie sich durch 20 Kartons mit Winterkleidung. Sie prüft, was noch passt, was noch geht, was ausgebessert werden kann und was neu angeschafft werden muss. Um 14 Uhr holt sie die drei Kleinen wieder aus der Kita ab. „Der Nachmittag gehört den Kindern und soll möglichst frei von Hausarbeiten sein“, sagt sie. „Wir gehen auf den Spielplatz oder später mit den Größeren in die Bibliothek, neue Bücher ausleihen und alte zurückbringen.“ Förderung beginne im Kleinen, findet Andrea Fiedler-Kammer. „Wenn wir nicht jedes Buch kaufen, sondern ausleihen. Wenn der Fernseher ausbleibt, weil sie viel besser miteinander spielen können. Wenn wir abends zusammen die Schuhe putzen.“ Dann ist auch Vater Enrico mit dabei, der Vollzeit im Gartencenter arbeitet.

Familien mit wenigen Kindern sind politisch gewollt

Es scheint, als ob es große Familien etwas leichter hätten, zu einer unaufgeregten Selbstverständlichkeit in ihrem Alltag zu finden. Vom Exotenstatus bleibt nicht viel – außer den Vorurteilen. Schon die akkurate akademische Begrifflichkeit überfordert manchen. „Mehrkindfamilien“ heißt es heute etwas hölzern, wenn drei Kinder, „Vielkindfamilien“, wenn vier oder mehr Kinder in einer Familie heranwachsen. Schlicht von „large families“ ist im angloamerikanischen Sprachraum die Rede, von „familles nombreuses“ in Frankreich, von „grote gezinnen“ spricht man in Holland. Aber im Ausland sind kinderreiche Familien auch kein Grund zu Spott und Häme, sondern genießen hohe Wertschätzung.

Bei uns ist nur noch im Wort „Kinderreichtum“ erkennbar, dass viele Familien einst eine große Kinderschar als Reichtum wahrgenommen und sogar einen Kindersegen genannt haben. Heute wird das Armutsrisiko, nicht aber die Armut an Kindern thematisiert, noch nicht einmal im Familienministerium, wo man doch explizit die Erhöhung der Geburtenrate als familienpolitisches Ziel definiert. Doch das Kleingedruckte ist aufschlussreich: Von keinem auf ein Kind, höchstens zwei Kinder, diesem Modell gilt der ministeriale Segen, nicht etwa dem dritten oder vierten Kind, wenn schon zwei, gar drei da sind.

Der Hintergrund: Mehr als zwei Kinder könnten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefährden, die das Familienministerium landauf landab zum Ideal erklärt. Familienpolitik ist Arbeitsmarktpolitik. Es wird viel Steuergeld dafür ausgegeben, Frauen mit einem oder höchstens zwei Kindern wieder ins Berufsleben zu locken. Und es wird eifrig an der Legende gestrickt, es sei dem Wohl des Kindes am besten gedient, wenn es möglichst früh in staatliche Obhut gerät. Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sollen vor allem die Entscheidung zur Familiengründung erleichtern, nicht etwa die für die Erweiterung der Kinderschar.

Alles geht, nur das traditionelle Modell nicht?

Milliarden hat der Staat ausgegeben für Krippen, Kitas und Betreuungsgeld. Das Ergebnis: so mittel. Die monetäre Berieselung hat jedenfalls keinen Babyboom ausgelöst. Außerdem sollen erwachsene Menschen dazu erzogen werden, sich zu gleichen Teilen um die Familie und den Beruf zu kümmern. In familienpolitischen Debatten werden bestimmte Lebensentwürfe als überholt und antiquiert abgewertet. Mit welchem Recht?

Die aktuellen familienpolitischen Regelungen werfen, genauso wie die Wahlkampfversprechen der Parteien, die Frage auf, inwieweit Lebensweisen politisch gesteuert werden dürfen, über Geld und Gesten. Familienpolitik lässt sich nicht nur an finanziellen Leistungen und der Geburtenrate messen. Sie sollte darauf verzichten, in Gestalt einer Zwei-Kind-Norm die familiäre Monokultur zu pflegen, die alle anderen als schräge Außenseiter brandmarkt. Regenbogenfamilien, Mehrgenerationen-Konstrukte, Adoptiv-, Stief- und Bio-Eltern, Patchwork und Eineltern-Modelle – alles geht, nur das traditionelle nicht?

„Da der Rückgang des Kinderreichtums insgesamt der wirkungsmächtigere Hebel ist, wäre es plausibel, bei familienpolitischen Maßnahmen den speziellen Bedarf kinderreicher Familien stärker zu beachten“, sagt Bevölkerungsforscher Martin Bujard. Daraus ließen sich Argumente für eine Erhöhung des Kindergeldes für das dritte und jedes weitere Kind, auch Verbesserungen auf dem Wohnungsmarkt ableiten. Doch für die Geburtenrate erwartet er davon wenig. „Ich fürchte, unser Ideal von der Familie mit den zwei Kindern ist den meisten Menschen überhaupt nicht bewusst und deshalb schwer von oben zu ändern. Wenn Politiker sich zu stark einmischen, kann das auch kontraproduktiv sein.“

Das Misstrauen hat eine lange Geschichte

Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass sich das familiäre DIN A 4-Format so tief in die gesellschaftlichen Synapsen gesenkt hat und in Deutschland so viel stärker wirkt als in vielen Nachbarländern? Für Bujard reichen die Gründe bis in die 1960er-Jahre zurück. Da waren die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung durch die Pille. Aber auch als Echo auf die rassenideologisch missbrauchte Bevölkerungspolitik im Nationalsozialismus war eine pronatalistische Familienpolitik in der Nachkriegszeit tabuisiert. „Es gab eine ausgeprägte Angst vor Überbevölkerung, dazu eine Debatte über Disziplin, bei der Triebkontrolle als Tugend gepriesen wurde. Das wurde verstärkt durch die Stigmatisierung von kinderreichen Familien als asozial“, erläutert Bujard.

Gewisse anti-familiäre Reflexe der 1968er spiegelten sich im Bild von Großfamilien als Exoten, in dem viel Negatives mitschwinge, vermutet auch Elisabeth Müller vom Verband kinderreicher Familien, dem 18.000 Eltern in Deutschland angehören. „Es wird viel zu häufig darüber diskutiert, was mit Kindern alles nicht mehr geht.“ Daran hätten auch die Medien großen Anteil, kritisiert sie und formuliert einen Wunsch: „Dass die kinderreiche Familie als ganz normal in den Medien vorkommt, als sympathische und vielleicht sogar coole Familie. Und sich dadurch auch über die Medien in der Gesellschaft etwas verändert.“

Immerhin: Auch wenn nur wenige von großen Familien viel halten – sie selbst tun es umso mehr. „Meine Eltern haben mir immer alles ermöglicht, was ich brauchte, und meinen Geschwistern ganz genauso“, sagt die 21-jährige Vivian. „Ich habe gelernt, dass ich arbeiten muss, wenn ich etwas haben will, und deshalb mit 13 angefangen mit Zeitungen austragen, später auch Babysitten.“ Und noch mehr verdankt sie dem Aufwachsen in einer großen Familie: „Ich bin organisierter als andere in meinem Alter und weiß um den Wert von Regeln, Ritualen und strukturierten Tagesabläufen. Deshalb schaffe ich auch meistens das, was ich mir vorgenommen habe.“

Teilen und gelassen bleiben

Es sind viele Tugenden, die in großen Familien heranwachsen. Und es ist nicht das Schlechteste, wenn Kinder das Teilen von Ressourcen, Aufmerksamkeit und Zimmern lernen und sich auch mal im Warten üben müssen. Auch Selbständigkeit gedeiht besser in großen Kinderrunden, wie Mylene, Amelie, Denise und Nelly bestätigen – stolze Grundschulkinder, die den Schulweg längst alleine schaffen.

Doch das Bild von der kleinen Idealfamilie transportiert auch, was wir inzwischen gesellschaftlich übers Kinderhaben denken: Ohne die volle Konzentration auf das eine einzige Kind, ohne die totale Verausgabung an Zeit, Energie und Geld für das Ein und Alles geht gar nichts. Das Einzelkind steht im Mittelpunkt, überfrachtet mit den überschießenden Ansprüchen seiner Erwachsenen, überflutet mit materiellen Gütern. Keine Selbstverständlichkeit, sondern das Sahnehäubchen im Lebensplan seiner Eltern. „Die Durchsetzung einer verantworteten Elternschaft, die Eltern unter Druck setzt und eine hohe Erwartungshaltung produziert, trug ebenfalls dazu bei, dass sich immer mehr Eltern gegen viele Kinder entschieden“, diagnostiziert Martin Bujard.

Die schöne Erfahrung der mit jedem Kind zunehmenden Gelassenheit, wachsenden Erziehungskompetenz und routinierten Lebenshaltung können Eltern einzelner Kinder kaum machen. Die wohltuende Erfahrung, nicht der einzige Lebensmittelpunkt seiner Eltern zu sein, bleibt Einzelkindern versagt. Kinder für das eigene Lebensglück in die Pflicht zu nehmen, unterläuft Eltern von vielen auch deutlich seltener.

Was sich große Familien wünschen

Es gibt eine andere Art Stress in kinderreichen Familien – viel davon hat mit Geld zu tun und mit der Mühe, genug davon nach Hause bringen zu müssen. Aber hier soll es einmal nicht um Geld gehen, und das mit voller Absicht. Kinderreiche Familien sind nämlich nicht arm dran, sie haben andere Prioritäten.

Mehr Platz als nur für zwei Schwangerschaften im Mutterpass wäre schön. Keine blöden Sprüche mehr, ein bisschen Wohlwollen vielleicht, Respekt ganz bestimmt. Viel fordern kinderreiche Familien gar nicht. Es gibt viel Luft nach oben: Politiker könnten die Belange kinderreicher Familien so selbstverständlich wie die anderer Familien zur Kenntnis nehmen. Vielleicht auch mal ganze Innenstädte sperren für ihre Kundgebungen und Umzüge. Oder für bezahlbaren Wohnraum sorgen, und zwar viel davon: Schöne große Wohnungen und Häuser für schöne große Familien, das wäre mal eine gute Idee. Oder wenigstens Platz für einen ausgedienten Zirkuswagen.

Der Verband kinderreicher Familien im Netz: berlin.kinderreichefamilien.de