Schicksal

Wie ein Wunder

Vor sieben Jahren erlitt Marco eine schwere Hirnblutung. Heute ist er 17 und vollständig genesen. Sein Vater blickt zurück

Er kann wieder laufen, wenn auch mit Hilfe: Marco in der Reha-Klinik

Er kann wieder laufen, wenn auch mit Hilfe: Marco in der Reha-Klinik

Foto: Frank Lehmann

1 Uhr nachts im Virchow-Klinikum in Wedding. Wir stehen im Flur auf der Intensivstation für Kinder. Laut piepen die Kontrollmonitore, das Schnaufen der Beatmungsautomaten klingt durch die offenen Türen aus den Zimmern.

„Wie steht es um unseren Sohn, seien Sie ehrlich!“ Der Chefarzt hat jetzt alle Ergebnisse der stundenlangen Untersuchungen vorliegen und zieht seine Stirn in Falten. „Die Hirnblutung ist sehr groß. Wir wissen nicht, ob wir operieren müssen. Die Zukunft ist ungewiss. Wir müssen abwarten. Seien Sie stark!“ Als wir dann einen Blick auf den MRT-Monitor werfen, werden mir die Knie weich. Ich sehe eine Blutung im Kopf unseres zehnjährigen Sohnes Marco*, die so groß ist wie eine Mandarine. Wird er diese Nacht überleben?

3 Uhr nachts. Im Taxi nach Hause. Es regnet leise. Im Autoradio spielt Eric Clapton „Tears in Heaven“. Er hat seinen Sohn verloren und fragt sich in dem Song, wie das Wiedersehen im Himmel sein wird. Tränen schießen mir in die Augen, Tränen der Verzweiflung.

Am Anfang dachten wir: Diese blöde Sommergrippe

Es begann vor zwei Tagen. Gegen 23 Uhr wankt unser Sohn in unser Schlafzimmer: „Mama, mir ist schlecht und mein Kopf tut so weh.“ – „Du Armer, dann hat dich auch diese böse Sommergrippe getroffen.“ Es ist Hochsommer und schon einige Klassenkameraden hat das Virus schwer mitgenommen. Okay, das werden jetzt ein paar lästige Tage mit Grippe. Kein Problem, ja sogar gut getaktet, denn erst in zehn Tagen steht unser Traumurlaub nach Kanada an. „Also leg dich zu Mama ins Bett, ich bring dir ein Glas Wasser.“ Da wird das Kind käsebleich und übergibt sich heftig. Die Nacht wird hart. Kaum eine Viertelstunde vergeht ohne Erbrechen. Erst als der Morgen um 4 Uhr graut, kann Marco etwas schlafen. Es ist mehr eine Betäubung als ein Schlaf.

Der nächste Tag ist ein strahlender Sommertag und doch ist es, als waberten November-Nebel durch unsere Wohnung. Marco liegt im Bett, dämmert stumpf vor sich hin, spricht nicht. Wir stützen ihn auf dem Weg zur Toilette. Wieder Erbrechen, aber nur leichtes Fieber. „Mama, mein Kopf.“

Diese verdammte Sommergrippe! Nun gut, Kinderkrankheiten kennen wir seit Jahren in allen Facetten. Marco ist sowieso unser Unglücksrabe. Schon dreimal hat er sich einen Arm gebrochen: beim Schaukeln auf dem Spielplatz, beim Rennen auf dem Schulhof und beim Kinder-Karate. Wir sind Kummer gewohnt und diese Grippe wird er auch noch meistern. Unser Prinz, unser Erstgeborener. Sein Tag vergeht in Apathie, die Nacht wie in Betäubung.

Das etwas andere Geburtstagsprogramm

Am folgenden Morgen hat sein Bruder Geburtstag. Wie immer gibt es einen selbst gebackenen Kuchen und wir singen „Happy birthday!“. Nur Marco singt nicht mit, wir müssen ihn stützen auf dem Weg ins Wohnzimmer. Seine Augen sind geschlossen und er nuschelt nur schwach „Zlichen Glkwnsch …“

Nein, kein Geburtstagskuchen für Marco, nein, kein Apfelsaft, nur wieder ins Bett, wieder Erbrechen. Er fantasiert, ist kaum bei Bewusstsein. Unsere Freundin Tanja kommt vorbei, sie ist Kinderärztin und spricht ebenfalls von der Grippewelle. Doch als sie Marco sieht, sagt sie nur: „Da stimmt was nicht, ab ins Krankenhaus.“ Ich trage ihn auf meinen Armen zum Auto. Ein schlanker Knabe, kein Gramm Fett, keine Reserven. Der Weg nach Tempelhof ist kurz, das St. Joseph-Krankenhaus kennen wir leider schon gut von früheren Besuchen.

Meine Frau bleibt bei ihm, ich ändere das Geburtstagsprogramm für seinen Bruder. Anstatt eines bunten Ausfluges bleiben wir daheim. Ich schiebe „Wo die wilden Kerle wohnen“ in den DVD-Player und die Party wird etwas langweilig. Mir gelingt es nur schwer, den Entertainer zu machen und gute Laune zu verbreiten. Endlich ist das Kinderfest vorbei. Das Geburtstagskind wird bei Oma geparkt, schnell fahre ich wieder in das St. Joseph. Wie geht es Marco?

Mit Blaulicht in die Intensivstation

Mittlerweile wurden erste neurologische Untersuchungen gemacht. Verlangsamte Reaktionen, fehlende Reflexe. Eine Ärztin, der man ansieht, dass sie gerade eine 36-Stunden-Schicht hat, entscheidet: Kopf-CT. Ich drücke meiner Frau die Hand – etwas zu stark. Nach einer unendlich langen Stunde erscheint die Ärztin wieder. Sie antwortet ausweichend und kryptisch im Medizinerlatein, als ich die Diagnose wissen will, wir verstehen nur die Worte: „Sofortige Notverlegung Intensivstation Charité. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“

Schnell liegt Marco auf einer Trage. Der Rettungswagen macht schon nach 100 Metern das Blaulicht an. Ich versuche ihm mit meinem Wagen zu folgen, er ist schneller und rast mit Martinshorn über die Autobahn nach Wedding.

Dort sehen wir Marco erst mal nicht wieder. Eine MRT. Wie benebelt unterschreiben wir Papiere, erklären unsere Zustimmung zu einer möglichen Sofort-OP. Wir versuchen, neue Wörter zu verstehen wie Angiografie oder zerebrales Aneurysma, bleiben ratlos. Stunden vergehen unter Neonröhren auf steril glänzenden Fluren. Klar ist nur, die Erkrankung ist ernst und eventuell wird unser Sohn sehr schnell am Kopf operiert werden müssen. Doch vorerst wird weiter untersucht und wir werden vom Chefarzt aufgeklärt: „Eine Hirnblutung!“

Marco ist im Krankenhaus nur bei schwachem Bewusstsein

Er schickt uns nach Hause. Nachts um 2 Uhr auf der Mittelallee breche ich dann zusammen und schluchze in den Armen meiner Frau. „Warum nur, warum? Unser Kind!“ Tears in Heaven.

Wenige unruhige Stunden Schlaf, wieder die Fahrt in das Virchow. Intensivstation. Er liegt in einem Dreibettzimmer. Zwei schwere Fälle, ein Kind mit einer Gaumenspalte im künstlichen Koma. Das andere mit schwachen Vitalfunktionen. Die Maschinen an diesem Bett geben häufig Alarmsignale.

Auch aus Marcos Händen und Armen ragen diverse Schläuche. Ich zähle vier Monitore, die ihn überwachen. Er bekommt hoch dosiertes Kortison. Keine Gespräche möglich, er ist nur bei schwachem Bewusstsein. Doch wir wissen, dass er unsere Hände fühlt und dass unsere Nähe ihm Kraft gibt. So sitzen wir stumm ohne Worte, ich bin schwach und habe nicht die Kraft, lange bei ihm zu bleiben. Meine Frau entwickelt die Bärenkräfte einer Mutter und verbringt in den kommenden Tagen jede Minute an seinem Bett. Die folgende Nacht haben wir Glück und ein Einzelzimmer wird frei. Meine Frau findet nur wenig Schlaf auf einem kantigen Stuhl an seinem Bett.

Nun heißt es: Abwarten

Nach drei Tagen wieder das Gespräch mit dem Oberarzt: „Nein, eine Operation ist erst einmal nicht vorgesehen; abwarten, was das Kortison bewirkt.“ Tag um Tag, Nacht um Nacht – wir sind Dauergäste auf der Intensivstation und lernen langsam alle Pflegekräfte kennen. Ihre Routine und ihre Professionalität helfen uns, die Katastrophe zu beherrschen, nicht selbst zu kollabieren.

Ich flüchte mich in Organisatorisches. Einkaufen, Telefonate mit der Krankenkasse, die Stornierung der Kanada-Reise, den Zweitgeborenen bei Laune halten. Mein Chef ist zum Glück voller Verständnis und gibt mir sofort frei. Ich fühle mich wie in einem Film; nein, das ist sicher nur ein böser Traum, gleich wachen wir alle auf. Ein heißer Sommer und doch ist alles so kalt. Kein Albtraum, sondern die Wirklichkeit.

Weitere drei Tage auf der Intensivstation. Marco kann das erste Mal wieder ein wenig Suppe essen. Er öffnet auch die Augen und lächelt. Dieses Lächeln ist das Schönste, was ich jemals gesehen habe. Er ist nicht versunken im Koma, sondern findet seinen Weg zurück. Doch wohin geht dieser Weg? Ewig behindert? Schwere Lähmungen, Hirnschäden, Verlust der Persönlichkeit und des Geistes? Die Blutung in seinem Kopf ist riesig. Wird er jemals wieder laufen können, bleibt er ein bettlägeriger Pflegefall bis zum Lebensende? Diese Gedanken durchzucken mich. Wir sprechen nicht darüber, sondern freuen uns an den winzigen Fortschritten. Am sechsten Tag kann er aufrecht im Bett sitzen. Am achten Tag wird er aus der Intensivstation verlegt. Wir sehen nicht mehr die alarmblaue Kleidung der Intensivpfleger, sondern grüne Kittel. Grün wie die Hoffnung.

Zurück in die Welt

Auf der Station der pädiatrischen Neurochirurgie beobachten wir viel Leid und Krankheit und doch sind die Schwestern fröhlich und stark. Wir lassen uns anstecken von der guten Stimmung und auch Marco beginnt seine Gesichtsmimik, sein Lachen wiederzufinden. Ja, nach weiteren vier Tagen geht er mithilfe eines Pflegers drei Meter zum WC. Nach zwei Wochen kann er im Rollstuhl sitzen! Als dann die Frau mit der mobilen Bibliothek in sein Zimmer kommt und von einem Rollwagen Bücher anbietet, greift Marco zu den „Drei Fragezeichen“. Und ich weiß jetzt, er wird es schaffen, er wird gesund.

Woher nimmt er nur diese Fröhlichkeit? Es ist unglaublich, dieser Junge strahlt. Kein Wort der Unzufriedenheit, selbst das fade Krankenhausessen genießt er. Er ist ein Vorbild für uns alle. Ich sacke in mich zusammen, wenn ich die U9 an der Amrumer Straße verlasse und das Klinikgelände betrete – er hingegen freut sich. Ja, er lebt!

Mehr als das, er findet zurück in die Welt. Wir dürfen das erste Mal die Station verlassen und ihn in seinem Rollstuhl in die Sonne fahren. Das von Kortison aufgedunsene Gesicht ist ganz blass von den langen Wochen in den Neon-Zimmern. Zehn Minuten hält er aus, dann drückt ihn die Schwäche wieder ins Bett. Doch ein weiterer Schritt ist gemacht. Großen Dank schulden wir dem Virchow-Klinikum: Wir Eltern können jede Nacht bei ihm bleiben und sehen weitere winzige Fortschritte.

Die Anteilnahme der Freunde ist enorm. Postkarten stapeln sich. Sein Bruder malt ihm Genesungsbilder „Liber Marco, ich denke fil an dich!“ Ein großer Umschlag trifft ein, seine Klasse hat komplett unterschrieben. Er weiß, er ist nicht allein, wir alle kämpfen um seine Gesundheit und die guten Wünsche geben uns und ihm Kraft. Viele Menschen beten für ihn.

Die ganze Familie denkt nur an eines: Marco muss gesund werden

So vergehen drei Wochen auf der neurologischen Kinderstation und er wird entlassen. Es geht in die Reha. Dort wird er sechs Wochen verbringen. Dieser Sommer besteht für die ganze Familie nur aus einem Thema: Marco muss gesunden.

Liegend-Transport im Krankenwagen nach Brandenburg/Havel. Hurra, die haben Video im Auto und Marco kann „Harry Potter“ gucken. Eine Stunde Fahrt, dann die Frage: „Wo sind wir denn jetzt gelandet?“ Wir durchfahren den Ortsteil Hohenstücken. Beschmierte, graue Plattenbauten, Kampfhunde, Männer in fallschirmseidenen Jogginganzügen, Bierflaschen, leere Gesichter. Am Ende einer Straße mit abbruchreifen Häusern finden wir dann das neurologische Reha-Zentrum für Kinder. Schwere Zweifel: Ist unser Sohn hier gut aufgehoben?

In der Klinik kommen uns Kinder und Jugendliche entgegen, die schwere Behinderungen haben. Epilepsie, Spastik, Multiple Sklerose, angeborene Hirn-Schädigungen. In den folgenden Wochen sehen wir die Vielfalt der neurologischen Krankheitsbilder in aller Schwere und Bitterkeit. Wird hier unser Sohn genesen?

Ich atme tief durch, denn ich sehe im Nebenzimmer ein Kind ohne Ausdruck im Gesicht, die Kopfhaare rasiert, eine 25 cm lange Frankenstein-Narbe zeigt die OP des Hirntumors. Ein Zimmer weiter: Patient André sagt nach seinem schweren Autounfall nur noch die immer wiederkehrenden Worte: „Nicht schön, nicht schön“. Mehr als Mensch-ärgere-dich-nicht kann der 17-Jährige nicht mehr spielen. Nachts gellen Schreie über das Gelände.

Querschnittslähmungen, frühkindliche Schlaganfälle, Sauerstoffmangel bei der Geburt. Hier trifft sich das Leid. „Gibt es einen Gott? Und wenn ja, warum lässt er so etwas zu?“, frage ich mich auf der Rückfahrt nach Berlin voller Angst und Bitterkeit. Tears in Heaven.

Was für eine Begrüßung! Mein Sohn kann mit dem Rollator gehen

In der folgenden Nacht in Berlin habe ich einen Albtraum, der mich schon seit Wochen verfolgt: Ich sehe, wie vermummte Ärzte meinem Kind den Kopf öffnen. Von den knirschenden Geräuschen wache ich schweißgebadet auf.

Jeden Tag dann die Handytelefonate mit meiner Frau: „Gibt es Fortschritte?“ – „Ja, er fährt jetzt super Rollstuhl und ist in der Trainingsgruppe der Rollstuhl-Basketballer.“ – „Ja, er hat jetzt mit Logopädie und Ergotherapie begonnen und zeigt viel Geduld.“

Nach zehn Tagen löse ich meine Frau ab und ziehe selbst nach Hohenstücken. Was für eine Begrüßung! Mein Sohn kommt mir zu Fuß entgegen, er hat gelernt, mit dem Rollator zu gehen. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt!

Im Gepäck habe ich ein Keyboard, das ihm sein Klavierlehrer ausleiht. Marco setzt sich an das Instrument und beginnt sein Lieblingslied zu spielen: „Mad world“ von Tears for Fears.

Nun lerne ich die Klinik mit anderen Augen zu sehen. Hinter dem Plattenbau-Getto befindet sich eine der allerbesten Reha-Kliniken für Neurologie in ganz Deutschland. Das Haus ist nur wenige Jahre alt und hat alle nötigen Einrichtungen. Ein großes Schwimmbad steht zur Verfügung, es gibt helle große Turnhallen, zahlreiche Zimmer für Einzeltherapien sowie Gymnastikräume mit Ergometergeräten. Marco hat einen strammen Therapieplan. Padovan, Schwimmen, autogenes Training, Rollstuhlsport, Laufband, Töpfern, Gymnastik, Neuropsychologie.

Kinderlachen überall - trotz des großen Leids

Das Schönste auf dem Terminplan ist für ihn aber die sogenannte tiergestützte Psychomotorik. Hinter diesen Worten verbergen sich Stunden mit dem Klinikhund Eddie oder die herrliche Aufgabe, die Kaninchen füttern zu dürfen und lange mit ihnen zu kuscheln. Marco kann gar nicht mehr aufhören zu strahlen.

Nicht nur die modernen Einrichtungen und der ausgefeilte Therapieplan helfen unserem Sohn, sondern vor allem das motivierte und fachlich exzellente Personal. Alle Mitarbeiter ziehen an einem Strang und verbreiten trotz der bitteren Erkrankungen der kleinen Patienten eine wunderbar gute Stimmung. So gibt es auch ein Sommerfest. Der Tag im August ist irre heiß und es entwickelt sich eine tolle Beachparty, die in einer Wasserschlacht endet. Kinderlachen überall.

Nach drei Wochen dürfen wir kurz das Gelände verlassen, besuchen den Roland in der Altstadt, sehen das Industriemuseum mit dem alten Stahlwerk. In der folgenden Woche erkunden wir auch die Plattensiedlung und erleben, wie die Menschen dort einfach und doch mit einem großen Zusammenhalt leben. Unglaublich, die Stadt Brandenburg wächst uns langsam ans Herz.

Ein Höhepunkt steht für Marco an: die Hippotherapie. Die Klinik hält in einem Stall Haflingerpferde sowie Isländer. Die kleinen Patienten dürfen die Pferde nicht nur streicheln, sondern auch auf ihnen reiten. Marco kann tatsächlich etwas voltigieren und lernt ein wenig Akrobatik auf Balu, seinem Lieblingspferd. Ich muss den Stall verlassen, mir kommen die Tränen vor Glück.

Er ist früh erwachsen geworden

So vergehen sechs Wochen und dann wird unser Sohn tatsächlich entlassen. Der Chefarzt Dr. Köhler sagt nur: „Bei der Schwere dieser infratentoriellen Hirnblutung ist die Genesung Ihres Sohns wie ein Wunder.“

Eine bohrende Frage bleibt: Was war die Ursache für die große Blutung? Unsere befreundete Ärztin, aber auch die Fachärzte im St. Joseph und in der Charité fragten sofort nach einem möglichen Unfall. Marco war jedoch weder mit dem Fahrrad gestürzt, noch hatte er beim Spielen einen Ball an den Kopf bekommen. Es gab für uns keinen Hinweis, was wohl diese böse Erkrankung ausgelöst hat. Auch danach haben wir immer wieder gegrübelt, wie wir das Unglück hätten verhindern können. Es kam aus heiterem Himmel und blieb ein Rätsel – auch die Ärzte fanden keine Antwort. Bis heute können wir nicht sagen, wie die spontane Blutung entstanden ist.

Doch er ist wieder zu Hause! Es gibt einen großen Kuchen, eine Willkommensparty und Marco kann eine Woche später wieder in seine alte Schulklasse zurückkehren. Ein langsamer Wiedereinstieg, aber die Klasse und die Lehrer stützen ihn, wo es geht.

Marco ist früh erwachsen geworden. Als 14-Jähriger kam er mit einer Deutscharbeit nach Hause. Er hatte eine Eins bekommen. Die Klassenlehrerin lobte seine eigenständige und differenzierte Betrachtung eines Romans von Mats Wahl: „Der Unsichtbare“. Marco analysierte die Geschichte des Jungen im Roman mit dem einen Satz: „Die Nichtanwesenheit und der Tod sind die Grundangst jedes Menschen.“

„Ist das alles wirklich passiert?“, frage ich mich manchmal

Mittlerweile sind sieben Jahre vergangen. Es standen noch viele Arztbesuche, auch Therapien an. Marco ist völlig genesen. Er ist jetzt 17 Jahre alt, fröhlich und offen, hat Freunde, liebt Hip-Hop-Musik, spielt gerne „League of legends“ online, hat im Sportunterricht eine Eins. Gerade hat er sein Abitur mit einer 1,6 bestanden und freut sich auf eine Interrail-Reise mit einem Kumpel.

Ist das alles wirklich passiert? Unser Sohn erscheint uns mittlerweile so wie früher. Er hat einen großen Schicksalsschlag gemeistert. Er hat eine Kraft gezeigt, die ich ihm nie zugetraut habe. Er hat mit seiner fröhlichen Zuversicht eine fürchterliche Erkrankung besiegt.

So gab es also keine Tränen im Himmel für diesen Jungen. Das Jenseits kann noch sehr lange auf ihn warten.

* Name von der Redaktion geändert