Generationen

„Sich austauschen, aber nicht bevormunden“

Wie gelingt ein harmonisches Miteinander mehrerer Generationen? Gespräch mit Heribert Engstler vom Deutschen Zentrum für Altersfragen

Heribert Engstler arbeitet im Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA)

Heribert Engstler arbeitet im Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA)

Foto: privat / BM

Warum ziehen Eltern zu ihren Kindern? Welche Erwartungen und Verpflichtungen gibt es? Darüber sprachen wir mit Heribert Engstler vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Er betreut dort den Deutschen Alterssurvey, eine Langzeitstudie zum Wandel der Lebenssituationen von Menschen in der zweiten Lebenshälfte.

Herr Engstler, welches sind die vordergründigen Impulse, wieso Eltern zu ihren Kindern ziehen?

Heribert Engstler: Wenn man sehr nah beieinander ist, lassen sich wechselseitige Unterstützungen besser bewerkstelligen. Die Eltern betreuen die Enkel und können im Ruhestand, da sie meist noch agil sind, auch im Haushalt aushelfen. Sie haben mehr Freizeit, da sie keinem Arbeitsalltag mehr nachgehen müssen.

Sobald die Fitness abnimmt, dreht sich das aber um?

Zwangsläufig wird die Gesundheit mit der Zeit schlechter. Der wachsende Hilfebedarf der Älteren ist demnach auch ein Anlass, weshalb Eltern in die Nähe ihrer Kinder ziehen. Ein anderes Thema ist die Einsamkeit. Zum Beispiel dann, wenn der Partner gestorben ist. Nicht weit weg von seiner Familie ist der verwitwete Teil dann nicht alleine. Das allerdings heißt nicht zwangsläufig, dass sie auch in einem Haushalt leben.

Wie häufig kommt es denn vor, dass Eltern mit ihren Kindern zusammenziehen?

Einer aktuellen Umfrage unter 65- bis 85-Jährigen in Deutschland zufolge wohnt gerade mal ein knappes Fünftel der Befragten, also 19 Prozent, unter einem Dach. Davon teilt sich die eine Hälfte einen Haushalt, die andere lebt in zwei verschiedenen Wohnungen. Weitere 15 Prozent leben in der Nachbarschaft und 25 Prozent im selben Ort.

Das heißt, dass etwa 60 Prozent der Älteren ein Kind haben, das nicht allzu weit entfernt wohnt.

Dabei ist allerdings nicht gesagt, ob sie nicht schon immer in dieser Entfernung zueinander gelebt haben oder ob sie erst im Alter näher zueinander gezogen sind.

Die Nähe im Alter scheint aber trotzdem allgemeiner Wohnplan zu sein.

Theoretisch schon. Aber eigentlich sind es nur zwei Prozent, die angeben, später mal zu ihren Kindern ziehen zu wollen. Nähe auf Distanz als Beziehungsmuster ist weiterhin maßgebendes Leitbild. Das direkte Zusammenziehen ist daher eher ungewöhnlich. Übrigens ziehen manche Kinder auch zurück zu ihren Eltern, meist nur temporär. Zum Beispiel Alleinerziehende durch Trennung oder Todesfall, oft auch durch finanzielle Nöte. Man nennt sie „Boomerang-Kids“.

Manche Eltern im Rentenalter unterstützen also ihre erwachsenen Kinder auch finanziell?

27 Prozent der 70- bis 85-Jährigen geben ihren Kindern regelmäßig Geld. 28 Prozent auch ihren Enkeln. Je älter, umso mehr beschränkt es sich aufs Finanzielle, weil körperliche Hilfe nicht mehr möglich ist.

Welche Wünsche gibt es an ein Zusammenleben?

Da ist der Wunsch nach regelmäßigem Kontakt und das Vermeiden von Einsamkeit. Außerdem schätzt man das Potential der wechselseitigen Unterstützung. Ältere Generationen jedenfalls nennen häufig die eigenen Kinder, wenn es darum geht, auf wen sie zurückgreifen wollen, wenn sie denn müssten.

Können gegenseitige Ansprüche ein Zusammenleben auch gefährden?

Je enger man zusammen wohnt, umso größer ist das Konfliktpotential. Eine friedliche Koexistenz wird nicht zwangsläufig durch einen gemeinsamen Alltag gefördert, da kann es schneller zu Reibung kommen. Man hat Verpflichtungen, muss Grenzen wahren, Lebensweisen akzeptieren. Man will den Austausch, aber nicht bevormundet werden.

Welche Verpflichtungen gibt es?

Großeltern ermöglichen den Müttern häufig, wieder mehr im Berufsleben durchzustarten, weil sie ihnen in Teilen die Kinderbetreuung abnehmen. Damit nehmen sie oft eine feste Rolle in der Familie ein. Andersherum sind es vor allem moralische Verpflichtungen. Wer nah bei den eigenen Eltern lebt, ist natürlich direkt gefordert, sobald es um die Pflege von ihnen geht.

Was passiert, wenn die Eltern irgendwann pflegebedürftig werden?

Man darf keinesfalls in schlechtem Gewissen versinken, wenn man Unterstützung von außen annimmt, etwa durch Tagespflege. Kinder müssen sich unbedingt Erleichterung schaffen, auch aus Selbstschutz, so dass es für alle Seiten tragbar bleibt.

Welche möglichen Abhängigkeiten können aus einem Leben in direkter Nähe entstehen?

Mit dem Abstimmen aufeinander gehen auch gewisse Einschränkungen in Sachen Souveränität in der eigenen Freizeitgestaltung einher. Deshalb ist es wichtig, gemeinsam zu planen und der jeweils anderen Seite Raum zu lassen.

Was kann man tun, dass es nicht eskaliert?

Da ist zum einen die räumliche Trennung: klare Grenzen stecken und wenn möglich nicht die engste Form wählen, sondern besser getrennte Wohnbereiche beziehen. Und da ist das Wahren der Sphäre des anderen. Zum Beispiel sollten Großeltern sich nicht in die Erziehung der Enkel einmischen. Andersrum sollten die Eltern akzeptieren, wie die Großeltern mit den Enkeln umgehen, sie sind eben Großeltern.

Wie leicht ist es überhaupt, Generationen zusammenzuführen?

Den Lebensstil der eigenen Eltern kann man nicht einfach umkrempeln, der ist tief verwurzelt. Jeder Versuch, den anderen zu erziehen, wäre ein Eingriff in die Souveränität.

Was zeichnet die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern heute aus?

Noch nie waren Eltern-Kind-Beziehungen so gut wie heute. Je weiter man zurückgeht, umso problematischer das Verhältnis.

Woran liegt das?

Historische Ereignisse prägen das Bewusstsein. Heute gibt es eine lange Friedenszeit, wachsende Erbverhältnisse, und die Deutsche Einheit ist längst vollzogen. Auch der normative Wandel der Generationen spielt mit rein. Vor 30 Jahren war die Akzeptanz von modernen Lebensstilen der eigenen Kinder deutlich geringer – von der unverheirateten Elternschaft bis hin zu Trennungen. Heute lässt sich ein gewisser Jugendkult als Leitbild beobachten. Eltern sehen in ihren Kindern häufig fast ein Vorbild. Daher ist allgemein der Kontakt miteinander deutlich ausgewogener.