Familie

Alle auf einem Fleck

Oma Heide zog nach Berlin, der Familie der Tochter hinterher. Drei Generationen ganz nah: Hier erzählen Oma und Mutter, wie das funktioniert

Oma Heide mit Tochter Bärbel und Schwiegersohn Markus

Oma Heide mit Tochter Bärbel und Schwiegersohn Markus

Foto: Anikka Bauer

Irgendwann zwischen Einkauf und dem Vorsprechen mit Sohn Jacob beim Direktor huscht Bärbel, Ehefrau und Mutter von vier Kindern, über den schmalen Weg rüber in die Gartenremise, wo ihre Mutter Heide wohnt. Sie will sicherstellen, dass die Oma Jacobs Zwillingsschwester Emily heute zum Fußball fährt.

Da stehen sich die zwei Frauen dann gegenüber, Mutter und Tochter. Beide etwa 1,70 Meter groß, braunes Haar. Die eine, Bärbel, 53 Jahre alt, Buchautorin, promoviert in Wirtschaftswissenschaften, die sich durch den Alltag mit vier Kindern organisiert. Die andere, Heide, 74 Jahre alt, die in Stuttgart Geschäftsfrau war, vor sieben Jahren herzog und den Alltag mit vier Enkelkindern mit organisiert. Hier erzählen sie aus ihrem gemeinsamen Leben – aus ihren jeweiligen Perspektiven.

Die Mutter

Kaffee?, fragt Oma Heide. Nein, nein, muss gleich weiter. Klappt das mit Emily? Natürlich! Oma Heide hat es sich längst notiert. Das machen Mutter und Tochter so. Sich auf Zettel To-Do-Listen schreiben, die das Zusammenleben koordinieren. Vier Kinder zwischen 14 und 18, ein Mann, Oma mit Hund, sie.

Da ist die Suche nach der ersten Wohnung von Charlotte, der mittlere Schulabschluss von Pauline, Fußballtraining, Urlaube, Krisengespräche, Konfirmation von Jacob und Emily, Bärbels Psychologiestudium. Ein Tag bei ihnen ist, als würde man zusehen, wie Stück für Stück ein Puzzle komplett wird. Am nächsten Morgen ist es dann wieder in alle Einzelteile zerlegt, das Sortieren beginnt von vorne.

Früher gab es Kindermädchen, nun also die Oma. Die fährt die Kinder umher. Kocht für Charlotte, Pauline, Emily und Jacob mittags oder abends, manchmal beides. Momentanes Lieblingsessen: Paprikasuppe mit Hackfleisch. Heute wieder?, fragt Heide. Morgen gern, antwortet Bärbel, heute sei Markus dran. Am Abend soll es seine Bolognese geben, die Kinder sagen, die weltbeste! Ihr Mann will heute mal früher nach Hause kommen, hat er gesagt. Bärbel traut dem noch nicht ganz, nach 23 Jahren Ehe mit einem vielbeschäftigten Manager.

Sie managt die Familie. Obwohl sie schon gerne mehr arbeiten würde, sagt sie, die über die Rolle der Frau in der Gesellschaft Bücher geschrieben hat. Eine so große Familie war übrigens nie geplant. Bereuen tut sie natürlich keines ihrer Kinder, wie könnte sie. Und ihrem Mann, dem gönnt sie es ja auch. Dass es bei ihm doch später wird, spricht er auf den Anrufbeantworter, als er schon da sein wollte.

Die Oma

Wenn ihre Tochter sich mal beschwert, sagt Heide nur, man könne eben nicht alles haben. „Schau doch, wie gut du es hast!“, sagt sie dann. Haus, Mann, Geld, Kinder. Ein schönes Leben ist das! Der Markus könne ja nichts dafür, sagt sie. Auch wenn sie natürlich versteht, dass es viel Selbstbewusstsein braucht, um in der zweiten Reihe zufrieden zu bleiben.

Doch sie will diplomatisch sein. Niemandem in den Rücken fallen. Das gehe sie ja auch alles nichts an. Da dürfe man sich nicht einmischen. Weil man ungefiltert mitbekommt, was beim anderen los ist, müsse man sich ab und an mal auf die Zunge beißen. Auch bei den Enkeln. Da will sie nicht Mutter sein. Deshalb sagt sie auch nicht, dass sie glaubt, Jacob habe zu viel Ablenkung. Fußball, Schlagzeug, Freunde. Genau so wenig macht sie mit, wenn die Kinder sich mal gegen Mama und Papa verbünden wollen. Abstand wahren trotz Nähe, das sei wichtig, wenn man so eng beieinander lebt.

Vor sieben Jahren ist sie aus Stuttgart in das Gartenhaus der Familie ihrer Tochter Bärbel in Berlin gezogen, damals noch mit ihrem Mann. Seitdem trennen sie nur fünf Meter, nicht mehr 615 Kilometer. Sie ist da und will sich nützlich machen, solange der Körper kann, sagt sie. Aber sie bekommt jetzt eben auch alles mit. Die Nähe der Tochter zu den Eltern, aus der diese sich irgendwann befreit hat, nach dem Abitur, während des Studiums, sie ist jetzt wieder da.

Ihre Tochter sieht an den Vorhängen, wenn sie zu Bett gegangen ist. Sie dagegen kann ins Esszimmer ihrer Tochter mit dem langen Holztisch schielen, hinter den großen Fenstern des hellen Backsteinhauses. Weiß, dass Enkelin Emily aufgestanden ist, wenn in ihrem Bad morgens Licht brennt. Und wenn sie abends Fernsehen guckt, sieht sie wer, wann, wie nach Hause kommt.

Und doch würde niemand bei dem anderen einfach hereinspazieren. Grenzen haben sie von Anfang an definiert. Sie kennt das von der eigenen Schwester, die Tür an Tür mit der Mutter in Stuttgart wohnte, wo es viel Streit gab. Wohl auch, weil die Schlüssel immer außen steckten und niemand mehr seinen Raum hatte. Übergriffig findet sie das.

Der Generationenvertrag – früher war er selbstverständlich

Mit Bärbel dagegen klappt es gut, schon immer eigentlich. Irgendwie glaubt sie, dass das auch etwas mit dem Sternzeichen zu tun haben könnte. Löwe. Beide neugierig, optimistisch. Und nie versucht, den anderen durch ungefragte Ratschläge zu dirigieren.

Drei Generationen in einem Haus, auf einem Hof: Das war einmal selbstverständlich. Großeltern hüteten die Enkel. Die Kinder pflegten die Eltern, wenn sie nicht mehr konnten. Ein Generationenvertrag. Das kennt sie auch noch von ihrer Tante. Man tut sich selbst und den Kindern etwas Gutes. Ihre Tochter wiederum sich selbst und ihr, der eigenen Mutter.

Dass Menschen ihren Ruhestand gern in der großen Stadt verbringen, zeigen auch Zahlen. In Berlin meldeten sich im Jahr 2015 4678 Menschen über 65 Jahren neu an, knapp 400 mehr als noch zehn Jahre vorher. Sicherlich kamen davon einige auch wegen der Kinder – so wie sie mit Ehemann Paul.

Es war der Vorschlag des Schwiegersohns gewesen. Auch weil er für seine Mutter in Ulm zuvor nicht bedingungslos hatte da sein können. Vor deren Tod war da ständig dieses schlechte Gewissen. Ein Hin und Her in Auto und Zug.

Sie und Paul hatten sich beraten und waren sich schnell einig geworden: Sie könnten die Enkelkinder aufwachsen sehen, der Tochter helfen. Und sie selbst wären nicht einsam. Das vor allem machte ihnen Angst. Irgendwann wird jemand von uns alleine sein, hatten sie gedacht – und dann?, erinnert sie sich.

Vor drei Jahren ist Paul tatsächlich einfach tot umgefallen. Vermutlich Herzinfarkt. Überraschend kam das, weil er so gesund und sportlich war. Glücklich ist Heide, dass es schnell und ohne Leid ging, sagt sie. Besser hätte es nicht laufen können, Hauptsache, den Hinterbliebenen nicht durch lange Leidenswege zur Last fallen.

Bloß nichts erwarten!

Dass die Tochter nebenan wohnt, beruhigt die Gedanken schon. Auch wenn sie noch eigenständig ist: Der Körper lügt nicht. Gerade war sie beim Physiotherapeuten, ihre Gelenke machen nicht mehr so mit, sie humpelt leicht, der Rücken krumm. Tennis spielen geht schon lange nicht mehr.

Da ist aber noch der wache Blick, ihr schneller Geist. Vermutlich weiß sie mehr über die Nachbarn als sonst irgendwer in der Straße. Kennt Geburtsdaten, weiß von dem gestörten Verhältnis eines Mannes zu seinem merkwürdigen Sohn. Manchmal scheint sie sogar fast besser über die Termine der Kinder Bescheid zu wissen als Bärbel, wirkt organisierter. Und wenn sie beim Abendbrot mal wieder die Geschichte zum besten gegeben wird, wie Charlotte ihren Freund kennengelernt hat, hat sie mehr Details im Kopf als alle anderen. Vor drei Jahren hat sie sich Terrier Kex angeschafft, er zwingt sie rauszugehen. Mittwochs gibt es Kaffeekränzchen mit den Freundinnen von der ehemaligen Tennisgruppe. Man müsse sich Aufgaben suchen, sagt sie, das eigene Netzwerk schaffen, auch um sich abzugrenzen. Von anderen soll man bloß nichts erwarten! Auch nicht von den eigenen Kindern!

Was aber wäre, wenn sie irgendwann doch pflegebedürftig wird? Dann wolle sie bitte ins Heim, das habe sie ihrer Tochter schon gesagt. Niemand soll sich krummlegen für sie. Aber soweit sei es ja noch nicht.

Wenn Oma Heide von ihrem Leben erzählt, folgt ein logischer Schritt auf den anderen. 68 Jahre in Stuttgart, mit 19 geheiratet, zwei Töchter großgezogen. Mit ihrem Mann betrieb sie einen 500 Quadratmeter großen Supermarkt. Umbau, Anbau. Irgendwann Verpachtung, dann Verkauf. 35 Jahre Mitgliedschaft im Tennisclub. Man kannte sie im Ort. Und dann dieser Bruch, entschieden in nur einem Tag, nach Berlin zu ziehen. Wie geht das? Sie zuckt mit den Schultern. Typsache, sagt sie nur.

Wenn sie nun in ihre alte Heimat zurückkommt – ein-, zweimal im Jahr – wohnt sie im Hotel. Es ist, als hätte sie mit dem Alten gebrochen, obwohl ja gar nichts vorgefallen ist. Ihr Zuhause ist jetzt eben Berlin, Punkt.

Die Mutter

Bärbel ist erleichtert über den Pragmatismus ihrer Mutter Heide, den auch sie von sich kennt. Bevor die Eltern kamen, hat sie sich gefragt, was wäre, wenn die beiden sich nicht wohlfühlen. „Dann hätte ich zwei Kinder mehr gehabt, um die ich mich sorgen muss.“

Doch beide Parteien haben noch immer ihren eigenen Rhythmus. Am Wochenende gibt es bei Bärbels Familie Frühstück, wenn die Oma schon Mittag isst. An manchen Tagen sehen sie einander auch mal gar nicht. Manchmal reicht ein Telefonat, eine SMS, kurz Hallo von Fenster zu Fenster. Und dann gibt es diesen Takt, der synchron spielt: das Aushelfen im Alltag. Weil beide es so wollen.

Manchmal aber ist es ihr doch unangenehm, ihre Mutter mal wieder um Hilfe zu bitten. Sie will sie ja nicht ausnutzen, nur weil sie nah ist. Geht das wirklich, Mama? Wenn die Kinder allein zuhause sind, sagt sie mit Vehemenz: Ach, Mama, lass ruhig, sie sind alt genug, sie können sich auch mal selbst versorgen! Aber Oma insistiert, mag es nun mal, Oma zu sein.

Manchmal sitzt Bärbel drüben bei ihrer Mutter Heide, 70 Quadratmeter, drei Zimmer, an dem Tisch, an dem sie schon als junges Mädchen gesessen hat. Weiß lackiert ist er, die Stühle haben eine geflochtene Lehne. Alles hier bei Oma Heide wirkt beschaulich, verschachtelt. Platzdeckchen, ein bunter, aus Holz geschnitzter Papagei, der schon in Stuttgart von der Decke hing.

Fast etwas deplatziert wirkt Bärbel hier. Sie hat in London gelebt, jetzt Berlin, weltgewandt, scheint irgendwie rausgewachsen aus dem süddeutschen Mobiliar. Ihr eigenes Haus ist voller moderner Kunst, selbst manche Lampen sehen danach aus. Offene Küche, Coffeetablebooks, Designercouch, großzügige Weiten.

Stil und Ästhetik aber können noch so verschieden sein, zum Kaffee gibt es dieselben Butterkekse. Und je länger sie so bei ihrer Mutter sitzt, umso stärker hört man das Schwäbische irgendwann auch in ihrer Stimme. Das Zusammenleben hat sie noch enger gemacht, sagen beide. Viel mehr da, von dem man weiß, auch Nuancen, nicht nur das Wichtigste.

Und trotz allem stellt sich Bärbel schon manchmal die Frage: Ist Mama wirklich nicht einsam da drüben? Plötzlich Witwe – wie sich das wohl anfühlen muss? Da kommt in ihr dann dieses Gefühl von Verantwortung hoch, eine Verantwortung obendrauf. Auch wenn ja eigentlich alles gut ist.

Ständig wird irgendwie etwas verhandelt, subtil, unbewusst, oft nur gedanklich. Jeder will dem anderen gerecht werden. Auch wenn sie sagen, nichts vom anderen zu erwarten, es bleibt das Geben und Nehmen.

Die Oma

Wenn sie über die Familie ihrer Tochter vor Fremden spricht, bezeichnet sie sie mit ihrem Familiennamen. Respekterfüllt. Sie schätzt, was sie hier hat. Muss keine Miete zahlen, bekommt monatlich etwas von ihnen überwiesen. Ihren Golf hat sie von den Männern ihrer Töchter geschenkt bekommen, genauso wie die Flusskreuzfahrten nach Amsterdam oder Bratislava. Gönn es dir, bitte, sagten sie, sie könnten es sich ja leisten.

Heide hat nicht vorgesorgt, als Selbstständige erhält sie nur eine kleine Rente. „Ohne meine Schwiegersöhne wäre dieses Leben so nicht möglich“, sagt sie in einem ruhigen Moment. Sie danke dem lieben Gott jeden Tag. Manchmal sei es schon komisch, wenn sie den Kindern mal einen Schein zustecke, wie das Großeltern eben so tun, weil ihr jemand wieder mal WhatsApp erklärt hat. Am Ende ist es ja nicht ihr Geld.

Der Schwiegersohn aber erinnert sie dann wieder daran, dass ja auch er mal für eine Weile bei ihnen gewohnt habe, oben unterm Dach von Heide und Paul. Natürlich weiß sie das noch: Damals, als er ihre Tochter während des Studiums mit Mitte 20 in Stuttgart kennengelernt hatte und sie als Pärchen, bis sie 28 waren, bei ihr im Elternhaus wohnten.

Ein Stück Rechtfertigung für seine Großzügigkeit? Die Bewusstmachung des klassischen Familienverständnisses? Man gibt den Eltern zurück, was sie über Jahre für einen getan haben. Der Versuch, die Schwiegermutter gedanklich zu entlasten?

Mit den Enkeln erleben, was mit den eigenen Kindern nicht möglich war

Ökonomisch war sie sonst nie abhängig, höchstens von Banken und der Kaufkraft ihrer Kunden. Gleichzeitig war sie Mutter von zwei Töchtern, Bärbel und Bettina, die schon lange mit ihrer Familie in den USA lebt. Zwei Unternehmen, die sie leiten musste. Die klassische Elternrolle konnte sie daher kaum übernehmen.

Essen mussten die Kinder bei Tante Burger, die gar keine richtige Tante war, und gemeinsam in den Urlaub sind sie erst gefahren, als Bärbel schon 16 Jahre alt war. „Manchmal habe ich zu meinen Töchtern halb im Spaß gesagt: ‚Ein Wunder, dass aus euch was geworden ist!“ Ein bisschen will sie mit den Enkelkindern nun auch gutmachen, was sie glaubt, damals versäumt zu haben.

Die Mutter

Für Bärbel dagegen war ihre Mutter stets Vorbild. Kinder erziehen und trotzdem „immer schaffen“, wie sie sagt. Emanzipiert für die damalige Zeit und auch ein bisschen das, was sie sich durch ihr Studium nun zurückholen will.

Mit ihrem Mann spricht sie manchmal auch darüber, wie es wäre, wieder weiter ins Stadtzentrum zu ziehen. Wenn die vier Kinder bald aus dem Haus sind.

Dann aber erinnert sie sich daran, wie es ihrer Mutter vor zwei Jahren gesundheitlich plötzlich schlecht ging nach einer Virusgrippe – als sei ein Schalter umgelegt worden. Da ist es dann doch wieder da, dieses subtile Verantwortungsgefühl.

Was wäre also, wenn ihre so eigenständige Mutter sie, die Tochter, genau dann abhängig macht? Oma Heide ins Heim stecken, wie sie selbst das verlangt – Bärbel glaubt, das könnte sie nicht so einfach.

Aber soweit, sagt Bärbel, sei es ja noch nicht. Sie klingt wie ihre Mutter.