Literatur

Die Märchen-Macher

| Lesedauer: 19 Minuten
Sofia Mareschow
Eine Klasse der ETI-Schauspielschule Berlin probt für einen Märchenabend

Eine Klasse der ETI-Schauspielschule Berlin probt für einen Märchenabend

Foto: Reto Klar

Märchen können die Welt erklären und Kinder fit fürs Leben machen. Wie das geht? Das zeigen Akteure des Festivals „Berliner Märchentage“

Freitag, 12.15 Uhr. Ein Klassenzimmer in Wedding. Die Wände sind tapeziert mit Schüler-Kunstwerken. Bunte Regenschirme purzeln auf den Bildern kopfüber vor dunkelgrauen Wolkenwänden durch die Luft. An diesem sonnigen Tag aber flutet helles Licht den Raum. Seit fünf Minuten läuft die fünfte Unterrichtsstunde an der Andersen-Grundschule. 15 Kinder und eine Lehrerin sitzen im Kreis. Kein gewöhnlicher Unterricht, diese wöchentliche Doppelstunde. Die Sechstklässler treffen sich hier zur Kreativen Schreibwerkstatt, einem leistungsorientierten Kurs im Rahmen des obligatorischen Deutschunterrichts.

„Leg’ los, Tareq“, sagt Andrea Freese, die Lehrerin. „Es war vor langer Zeit, als ein einsamer Mann...“, beginnt der schmale Junge mit den großen Augen. Tareq hat eine schöne, ausdrucksvolle Stimme. Kürzlich hat er bei einem Vorlesewettbewerb gewonnen. „Wie geht’s weiter, Sait?“, fragt die Lehrerin. Der Junge rechts neben Tareq nimmt, ein wenig zögernd, den Faden auf: „.. in einem Dorf mit wenigen Menschen lebte.“

Im Uhrzeigersinn geht es weiter. „Ping Pong“ nennt Andrea Freese dieses Sprachspiel, bei dem eine Fortsetzungsgeschichte erzählt wird. Nur der erste Satz steht fest. Jedes Kind fügt einen hinzu, der Ausgang der Story weicht oftmals überraschend von der ursprünglichen Idee ab. Das Privileg des finalen Satzes wird heute der 13-jährigen Fatmata zuteil. „Und das Dorf wuchs zu einer großen Stadt, und es kamen viele Touristen“, schließt sie. Viele Mitstreiter sind da allerdings schon woanders mit ihren Gedanken. Denn diese Übung ist nur eine mündliche Aufwärm-Runde. Das eigentliche Metier der kreativen Kids ist Geschichten schreiben und Dichten. Der Berliner Verein „Märchenland – Deutsches Zentrum für Märchenkultur“ hat seinen 10. Internationalen Schülerwettbewerb ausgeschrieben, und die jungen Weddinger Autoren bereiten sich darauf vor.

Die Oma legte den Grundstein für ihre Liebe zu Märchen

Märchenland hat sich zur Aufgabe gemacht, „das Kulturgut Märchen in das Bewusstsein unserer Gesellschaft einzuprägen“ – als deutschlandweit einziges Zentrum seiner Art. Seine Chefinnen Silke Fischer und Monika Panse verstehen ihr Märchenland „als eine Institution für das traditionsgebundene und literarische Genre der Märchen, Sagen und Geschichten“. Sie sind bestrebt, alle Akteure zusammenzubringen. Dazu organisieren sie jährlich mehr als 1500 Veranstaltungen für Groß und Klein, und das europaweit. Gerade war ihr Märchenschiff für Schulklassen auf der Spree unterwegs. Außerdem gibt es Märchenstunden, Märchen-Pantomime, Wettbewerbe und Festivals. Für den alljährlichen Höhepunkt, die „Berliner Märchentage“ im November, wird jetzt schon geprobt und vorbereitet.

Silke Fischer, studierte Literatur- und Theaterwissenschaftlerin, hat ihr Märchen-Faible ihrer Oma zu verdanken. „Als Kind war ich oft krank, da hat meine Großmutter mir stundenlang Märchen erzählt“, erinnert sie sich. Die Idee zur Gründung von Märchenland entsprang ihrer Begeisterung für die Berliner Märchentage. Das Festival, 1989 von der Neuen Gesellschaft für Literatur Westberlins ins Leben gerufen, findet in diesem Jahr zum 28. Mal statt. Vor 18 Jahren stieg Silke Fischer ein, lernte dort Monika Panse kennen. Die Germanistin aus Warschau war bei der Neuen Gesellschaft für Literatur tätig. Als die Berliner Märchentage im Jahr 2004 vor dem Aus standen, beschlossen die beiden Frauen, „dieses weltweit einzigartige Festival“ zu retten – und gründeten den Verein Märchenland.

Die Märchentage stehen immer unter einem speziellen Motto. Das diesjährige Programm eint die Frage: „Alles Liebe oder was?“ Es geht um universelle Begriffe: Liebe, Hass, Macht, Ohnmacht, Tod, Unsterblichkeit, erzählt Silke Fischer.

Ihr Ziel: Gewinnen

„Alles Liebe oder was?“ ist auch das Thema des Schülerwettbewerbs, an dem unter anderem die Weddinger Grundschulklasse teilnimmt. Was eingereicht wird, soll in Versen daherkommen. Deutschsprachige Schüler aus aller Welt sind seit Januar aufgerufen, märchenhafte Balladen zu dichten.

„Der Reim ist eine tiefgründige Kunstform, die Ballade viel kompakter als ein Prosa-Text“, findet Silke Fischer. 100 Wörter sind vorgegeben, zehn davon sollen verwendet werden. Es geht auch um eine Bereicherung des Wortschatzes, sagt sie und ergänzt: „Trotz der strengen Regeln ist es erstaunlich, was die Kinder aus der Balladenform machen.“

Die schreibenden Weddinger Schüler möchten unter den Gewinnern sein, wie schon in den Jahren zuvor. Seit Andrea Freese die Kreative Schreibwerkstatt 2003 auf die Beine gestellt hat, hat sie mit ihren Schützlingen schon bei etlichen Projekten verschiedener Verlage erfolgreich mitgemischt. Auf dem Lehrertisch liegen Jahrbücher des Papierfresserchens MTM-Verlags, der regelmäßig die besten Fantasiemärchen und -geschichten von Schülern zum wechselnden Themen veröffentlicht. Seit einigen Jahren gehören Texte von Andrea Freeses Schülern zu den Sammlungen. „Die Kinder sind stolz darauf. Die öffentliche Anerkennung beflügelt sie“, so die engagierte Lehrerin.

Nebenbei wird die Sprache gefördert

Etwa ein Drittel der Fünft- und Sechstklässler dürfen bei der Kreativen Schreibwerkstatt mitmachen. Die Klassenlehrer empfehlen in Frage kommende Schüler. Als Kriterien nennt Andrea Freese Spaß am Schreiben, Kreativität, Fantasie. Rechtschreibfehler seien nicht so schlimm. Fatmata etwa sieht im Kurs eine große Chance, ihre Rechtschreibschwäche zu bekämpfen.

Dass die Autoren der Schreibwerkstatt so erfolgreich sind, ist erstaunlich für eine Schule, in der für einen Großteil der Kinder Deutsch nicht die Muttersprache ist. „Wir haben hier einen Ausländeranteil von 90 Prozent“, so Andrea Freese. Daher sei Sprachförderung zwingend notwendig. Freeses Methode trägt dazu bei. „Die Kinder dürfen frei schreiben. Und sie entwickeln dabei eine unglaubliche Kreativität, ein unglaubliches Potential, auch sprachlich“, berichtet sie.

Die neuen „Drachengeschichten“ für den Papierfresserchen-Verlag sind längst fertig. Gedichte zu schreiben sei schwieriger, da sind sich Kinder und Lehrerin einig. Andrea Freese erklärt: „Balladen schreiben ist ein langer Prozess. Die Kinder dürfen sich Zeit nehmen dabei.“ Ist ein Anfang gemacht, kommt die Autorenrunde zu Wort. Gemeinsam werden jene Beiträge ausgewählt, die das Team repräsentieren sollen. Es wird beraten, an Texten gefeilt, gelobt, kritisiert – in Form einer Schreibkonferenz.

Zaubergeschichten mit Happy End

Heute ist volles Programm. Einige Balladen sind fast vollendet, andere erst im Anfangsstadium. Streng, aber fair wacht das Team über die Kriterien. Ist es auch wirklich eine Ballade? Hat sie ein dramatisches Moment? Die Handlung einen roten Faden? Geht es wirklich um Liebe und wer liebt wen? Andrea Freese moderiert die Diskussion, wohl wissend, wie Kinder ticken, wenn es um das Thema Liebe geht. Da bietet die Märchen-Form viel Freiraum: Über Liebe im weitesten Sinne darf fabuliert werden – zwischen Fabelwesen etwa oder über die Verbundenheit eines Menschen mit Tieren.

In der Ballade der elfjährigen Ilayda geht es um die Liebe auf den zweiten Blick zwischen einem Waschbären und einer Fliege. Eine Zaubergeschichte mit Happy End. „Wie bist du überhaupt darauf gekommen?“, fragen ihre Team-Kollegen, die in den vergangenen Wochen Ideen beigesteuert haben. Ilayda grinst: „Auf Liebe reimte sich so schön das Wort Fliege. Und ein Waschbär war schon im letzten Jahr mein Held.“

Die Protagonistinnen der zwölfjährigen Ivy sind ein Mädchen und eine Wölfin, die so manches Abenteuer verbindet und die gemeinsam gefährliche Situationen meistern. „Auch im letzten Jahr habe ich eine Ballade mit Tieren geschrieben“, sagt sie. Mit ihrem Stück „Die drei Helden“ und ihrer Vision vom Jagdverbot hat sie sogar den 4. Platz beim Märchenland-Schülerwettbewerb zum Thema „Superhelden“ gewonnen. Ivy, die in ihrer Freizeit gern Sport treibt und zeichnet, hat in beiden Gedichten ihre Tierliebe verarbeitet. „Mir ist die Beziehung zwischen Menschen und Tieren wichtig. Und ich mag Wölfe“, sagt sie. Zusammen mit ihrer Zwillingsschwester June, die auch beim Schreib-Kurs mitmacht, betreut sie die beiden gemeinsamen Kaninchen. Eines davon hat June sogar zur Figur ihrer noch unfertigen Ballade gemacht, in der die Freundschaft zwischen Mädchen und Tier auf harte Proben gestellt wird.

Die Ballade der elfjährigen Amani schließlich handelt von der Liebe zum Reimen. Ein echtes Zaubermärchen: Die Reime der beiden Heldinnen haben magische Kraft, auch zerstörerische, wenn die Poetinnen nicht aufpassen. Wie der damit angerichtete Schaden wieder gut gemacht werden kann – indem nämlich die bösen Reime rückwärts laufen gelassen werden – wurde im gemeinsamen Brainstorming erarbeitet.

Überwindung von Widerständen

Diese Kinder sind voller Ideen. Doch woher kommt die kreative Ader? Ist es Naturtalent? Inspiration? „Unsere Eltern und Großeltern haben uns viele Märchen vorgelesen, als wir klein waren“, sagen Ivy und June. Tareq, dessen Eltern Palästinenser sind, lauschte den orientalischen Märchen seines Vaters. Und Fatmata, deren Eltern aus Sierra Leone kommen, kennt Grimms Märchen aus in der Kita. Sie hat viele Märchenfilme gesehen und unzählige Märchen-CDs gehört. Begeistert habe sie in der ersten Klasse angefangen, sich Geschichten auszudenken.

Doch regen Märchen nicht nur die Fantasie an. Sie eignen sich auch perfekt als Medium beim Erziehungsprozess, findet Silke Fischer vom Verein Märchenland. „Märchen sind geronnene Menschheitsgeschichte“, sagt sie, „sie sind das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft.“

Silke Fischer sieht ihre Lehren und Weisheiten in Bezug zum heutigen Leben – zum Beispiel auch zum Thema Mobbing in der Schule. Im Grimm-Märchen „Der Hase und der Igel“ geradezu direkt: „Der flinke Hase mobbt den Igel, aber der lässt sich nicht unterkriegen und trickst den Hasen aus.“ Überhaupt erzählten Märchen von der glücklichen Überwindung von Widerständen, so Silke Fischer. Sie erzögen zu Zielstrebigkeit, Mut und Eigeninitiative. Und die Lehre, dass jedes Handeln Folgen hat, mitunter verhängnisvolle, schließe eine zweite Chance nicht aus.

Die Spezialistin ist überzeugt, dass Märchen die Funktion der Welterklärung übernehmen können. „Sie haben klare, eindeutige Aussagen, relativieren nichts. Werte wie Gut, Böse, Freundschaft, Pünktlichkeit geben Halt und Orientierung“, sagt sie. Dabei seien die Storys nicht so brutal wie die Realität. Grausamkeit, Gewalt und Tod seien entschärft und aufgearbeitet.

Dem Guten eine Hoffnung geben

Das sieht Schauspielerin Marlies Ludwig ähnlich. An der ETI Schauspielschule Berlin des Europäischen Theaterinstituts e.V., einer staatlich anerkannten Privatschule in Berlin-Mitte, lehrt sie das Wahl-Fach „Freies Märchenerzählen“. Sie sagt: „Märchen handeln von Konflikten und deren Bewältigung, machen Kinder fit fürs Leben. Die oftmals grausamen Geschichten werden im geschützten Raum vermittelt, von Vertrauenspersonen: Großeltern, Eltern, Erziehern.“ So werde ihnen der Schrecken genommen, es bleibe der erzieherische Aspekt der Wertevermittlung. Die Kids lernen Archetypen für Gut oder Schlecht kennen. Zudem geben Märchen dem Guten eine Hoffnung, eine Entwicklung.

Märchen seien „historisches Material, geschliffen durch den Volksmund, angereichert mit den Erfahrungen mehrerer Jahrhunderte“, ergänzt Marlies Ludwig. Das mache sie universell. Durch die Zuwanderungswelle seien Grimms Märchen gerade dabei, in fremden Kulturen anzukommen. Sie lehren: Man muss selber aktiv werden für sein Glück. Wichtig sei die Überwindung der Angst. „An dieser Stelle ergeben sich Berührungspunkte mit den Kindern Geflüchteter“, so die Schauspielerin, die überzeugt ist von der Kraft der Märchen.

Auslöser für ihr eigenes Faible sind die Märchen von Hans Christian Andersen. „Meine Oma hat mir aus dem dicken Andersen-Buch vorgelesen. Das war mein geschützter Raum“, erinnert sie sich. Noch heute ist sie Andersen-Fan. Weil er zu der Überzeugung kommt: „Märchen sind überall“. Diese Meinung gibt Marlies Ludwig an ihre Studenten weiter. Um ihnen praktische Erfahrungen zu ermöglichen, arbeitet sie mit Märchenland zusammen. Seit sieben Jahren gestaltet sie zusammen mit ihrem Kurs die „Lange Nacht der Märchenerzähler“ im Rahmen der Berliner Märchentage. Die diesjährigen Proben laufen längst.

Ausdrucksstarker Sprechgesang

„Grün wie ich dich liebe grün. Grüne Brise. Grüne Äste...“, hallt es mehrstimmig durch den Probenraum der Schauspielschule an diesem Montagvormittag. Auf der improvisierten Bühne stehen Erika, Lisa, Oda, Anna und die beiden Friederikes in einer Reihe und rezitieren Verse im Chor. Zehn Minuten Lorca – eine Collage von Elementen mehrerer Werke des tragischen spanischen Poeten.

„Wir haben eine Sequenz aus ,Mariana Pineda’, ein in Deutschland weniger bekanntes frühes Lorca-Stück gewählt, weil sie surrealistische, traumähnliche Züge trägt, die Handlung in einer Märchenwelt spielt“, erklärt Marlies Ludwig. Verwoben sei die Episode mit Auszügen aus Federico Garcia Lorcas berühmten Zigeunerromanzen. Der Autor, Jahrgang 1898, bekannt durch sein Hauptwerk „Bernarda Albas Haus“, gilt heute als einer der wichtigsten Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts. Lorcas Verse sind voll bildhafter Symbolik, Allegorien. Geschichten von Liebe und Tod. Dunkel, geheimnisvoll, melancholisch, romantisch. Gerade deshalb hat Marlies Ludwig Lorca auserwählt für den Märchenchor. Seine Lyrik passt gut zu den Märchentagen und ihrem Thema „Alles Liebe oder was?“

Die Akteurinnen geben dem Lorca-Mix eine Stimme: emotionaler, ausdrucksstarker Sprechgesang, streckenweise atemlos. Sie sind begeistert von der Freiheit des Improvisierens, die typisch sei beim Sprechchor. „Eine beliebte Stilform, um eine Sache zu unterstreichen“, sagt Studentin Friederike S.

Viele Menschen erreichen

Die künftigen Schauspielerinnen, 24 bis 32 Jahre alt, freuen sich auf die Märchennacht. Einige von ihnen waren schon im vergangenen Jahr dabei. Sie sind im dritten Jahr ihrer Ausbildung am ETI, die drei Jahre und drei Monate dauert und musikorientiert ist. Neben Schauspielfächern werden Gesang und Tanz geübt, ein Klavier-Grundkurs absolviert, Musikgeschichte und Musik-Theorie unterrichtet. Das ETI feiert im Herbst 2017 sein 20-jähriges Jubiläum und hat 900 Absolventen hervorgebracht.

In ihrem Märchennacht-Programm werden Anna, Oda, Friederike und ihre Studienkolleginnen einen Mix verschiedener Darstellungsformen zeigen: Chöre, Slapstick, Erzählen. Es darf auch gelacht werden. So wie bei der Märchenchor-Inszenierung des satirischen Kunstmärchens „Dornröschen“ von Friedhelm Kändler, einer urkomischen Verquickung der Grimm-Märchen „Dornröschen“ und „Froschkönig“. Es wird wild gestikuliert und Grimassen werden geschnitten bei der Probe dieser Story, die so gar nicht romantisch endet.

Marlies Ludwig hat sich bei der „Dornröschen-Probe“ unter ihre Schülerinnen gemischt. „Wir möchten viele Menschen unterschiedlichen Alters erreichen“, sagt die 60-jährige Schauspielerin. Sie erläutert, worauf es ankommt beim freien Erzählen: Bühnenpräsenz nämlich, dabei immer das Märchen im Mittelpunkt. Ausdrucksstarkes Sprechen, der Dreiklang von Erfassen, Vortragen, Präsentieren.

„Märchen werden nie out sein“

Das gelingt den jungen Märchenerzählerinnen schon recht überzeugend. Doch was bedeuten ihnen Märchen wirklich? Darüber diskutieren sie nach der Probe. „Märchen sind die älteste Form der Geschichten überhaupt“, beginnt Anna, Friederike S. ergänzt: „Ihre Themen sind immer aktuell. Die werden nie out sein. Weil sie den Menschen mit seinen Fehlern und Wünschen zeigen.“ Oda mag Märchen, weil ihre Interpretation frei sei. Manchmal seien sie ja auch ironisch, nicht immer bierernst. „Aber immer fantasievoll.“

Magdalena Thalmann, ETI-Absolventin, inzwischen Schauspielerin und bei der heutigen Probe dabei, wirft ein: „Märchen sind die Grundlagen der Gesellschaft, ihr Fundament.“ Magdalena Thalmann hat einen guten Draht zu Märchenland und schon erste Erfahrungen als professionelle Märchenerzählerin. Ihr gefällt, dass Märchen Klischees durchbrechen, die Helden improvisieren, gegen Vorurteile ankämpfen. Und dass sie helfen, verschiedene Kulturen einander näher zu bringen. „Wir folgen dem Helden, entdecken uns dabei selber, interpretieren uns selber. Ganz oft identifizieren wir uns mit der Hauptfigur.“ Dass dies Millionen von jungen Lesern mit Harry Potter auch tun, stehe auf einem anderen Blatt. „Harry Potter ist kein modernes Märchen, sondern Fantasy.“ In diesem Punkt sind sich alle einig. Und auch darüber, dass Märchen zur Kindheit gehören.

So hat Anna die Märchenstunden mit ihrer Oma genossen. Dafür habe sie selbst ihren Eltern vorgelesen. „Und sonntags habe ich immer Märchenfilme angeschaut“, erinnert sie sich. Friederike S. präferiert die persönliche Erzählung. Die schaffe ein gemeinsames Erlebnis, stärke und festige zwischenmenschliche Beziehungen. Außerdem lieferten TV-Filme und Kino ein fertiges Bild von einem Märchen. Bei der Oma hingegen könne man dazwischen reden, fragen, korrigieren. Alle sind sich einig: Sprachpflege gelingt am besten durch direkte Kommunikation. Gerade heute, da der Sprach-Reichtum bedroht sei, weil man viel seltener persönlich miteinander rede. Deshalb seien Märchen eine Bereicherung.

Jeder darf mitmachen

So sind sie zum gleichen Schluss gekommen wie die Märchentage-Macherin Silke Fischer. Freies Erzählen sei die unmittelbarste Form, so Silke Fischer. „Die Eltern sollten sie nutzen, die kostbare Märchenstunde vor dem Einschlafen“, rät sie. Denn so öffne man Pforten und erreiche, dass die Kids selber erzählen, auch Belastendes loswerden. „Viele Eltern machen das heute nicht mehr“, beklagt Silke Fischer.

Dass Märchen bei allen Kindern funktionieren, kann die Deutschlehrerin Andrea Freese immer wieder bestätigen. Die Märchenballaden ihrer Schülerinnen und Schüler sind mittlerweile fertig, die besten ausgewählt. Andrea Freese wird sie bald einreichen, die Verse von Ilayda, Ivy, Amani, Suhayb und June. Auch weitere Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis 18 Jahren können noch bei dem Schreibwettbewerb mitmachen – als Einzelpersonen oder als Klasse.

Alle Märchen-Texte, ob Balladen, Gedichte oder Kurzgeschichten, über Abenteuer mit geliebten oder gehassten Personen, Wesen, Gegenständen, Göttern oder mythischen Helden sind willkommen. Die besten Einsendungen werden im Rahmen der 28. Berliner Märchentage prämiert. Einsendeschluss ist der 9. November. Und das Schönste: Die Jury sind die Schülerinnen und Schüler und ihre Leser selbst. Abgestimmt werden kann demnächst online auf dem künftigen Märchenland-Blog.

Mehr Infos zum Wettbewerb: Märchenland - Deutsches Zentrum für Märchenkultur, Tel: 34 70 94 78, www.märchenland.de, E-Mail: info@m aerchenland-ev.de