Familie

Willkommen im Chaos

Im Familienalltag kann es ganz schön turbulent zugehen, erst recht mit Zwillingen. Davon erzählen die TV-Moderatoren Eva und Peter Imhof

Nicht immer läuft alles nach Plan: Die Imhofs beim Fotoshooting

Nicht immer läuft alles nach Plan: Die Imhofs beim Fotoshooting

Foto: Jannette Kneisel / BM

„Paaapaaa!“ Es ist Sonnabend, 13 Uhr. Wir sind mit den TV-Moderatoren Eva und Peter Imhof zum Telefoninterview verabredet, und schon kurz nach der Begrüßung gibt es die erste Unterbrechung. „Ich habe keine Ahnung, was los ist“, wundert sich Eva Imhof, während ihr Mann zum Fernseher eilt, wo die beiden die vierjährigen Zwillinge Lilly und Luisa zwischengeparkt haben. Ein paar Sekunden später kommt Peter Imhof wieder. „Sie wollen ein Butterbrot, weil das Kind in der Sendung auch eines hat“, erklärt er, und man hört an seiner Stimme, dass er ein breites Grinsen auf dem Gesicht trägt.

Willkommen bei den Imhofs! Einer Familie, die dazu steht, dass mit Kindern nicht immer alles nach Plan läuft, und die mit viel Humor offen darüber berichtet. Seit fast drei Jahren versorgt das Moderatoren-Paar seine Fans zweimal pro Woche mit Anekdoten auf seinem Youtube-Kanal „Die Imhofs“. Jetzt gibt es die besten Storys auch in einem Buch. Der programmatische Titel: „Bei uns läuft’s kacka. Scheitern als Eltern – aber richtig!“

Das ist natürlich völlig übertrieben. Denn die Imhofs sind eine grundsympathische Familie, bei der genauso viel Chaos herrscht wie in jeder Familie mit kleinen Kindern. Zumindest, wenn man berücksichtigt, dass mit Zwillingen jedes Malheur gern im Doppelpack geschieht und die Eltern Kinder und Karriere an mehreren Standorten jonglieren müssen: Berlin, Köln, Leipzig und Dresden. Zwar wohnen die Imhofs in Berlin, aber Eva Imhof pendelt für ihren Job als Wetterfee und Reporterin bei RTL und n-tv regelmäßig nach Köln. Peter Imhof moderiert eine tägliche Magazinsendung im MDR und ist auch als Schauspieler tätig. Die Familienarbeit teilt sich das Paar.

Leute, macht euch locker!

Prominenz, das wird dem Leser des Imhof-Reports schnell klar, schützt vor den typischen Elternfallen nicht. Elternsein ist babyleicht: Das dachten die 38-Jährige und der 43-Jährige vor der Geburt von Lilly und Luisa. Wie sportlich ihr Alltag werden würde, wurde ihnen – wie den meisten frisch gebackenen Eltern – jedoch schnell klar. Sie lassen ihre Leser gern daran teilhaben: an den „explodierten Brüsten“, den durchwachten Nächten, den kindlichen Wutanfällen, den Urlaubsreisen mit Hindernissen, dem Kampf mit dem „Todes-Trampolin“ und den Kotzattacken der Kleinen im KaDeWe. Dass das alles nicht verzweifelt, sondern urkomisch daher kommt, ist der unverkrampften Einstellung der Eltern zu verdanken, die neben der Liebe zu ihren Kindern eine gute Portion Selbstironie mitbringen. Und ihrer Mission, die sie verfolgen. Ihre Botschaft lautet: Leute, macht euch locker! Es muss nicht alles perfekt laufen!

„Wenn man anfängt zu erzählen, dass etwas nicht so gut läuft, stimmen andere Eltern schnell ein“, hat Eva Imhof erfahren. „Fehler zuzugeben nimmt den Druck und erleichtert beide Seiten.“ Ihrer Ansicht nach tragen die sozialen Medien zum Perfektionswahn bei, den sie bei vielen Müttern und Vätern beobachtet. „Jeder stellt sich möglichst positiv dar und das Publikum denkt: So ist die Realität, ich muss mich verbessern!“ Häufig ärgert sie sich auch darüber, wie Eltern versuchen, sich gegenseitig mit den Fortschritten ihrer Kinder zu überbieten, anstatt sich einfach an ihnen zu erfreuen.

Dabei kennen Eva und Peter Imhof die argwöhnischen Beobachtungen anderer Familien auch von sich selbst. „Wir waren oft beunruhigt, weil Zwillinge in der Entwicklung nun mal später dran sind“, erzählt Peter Imhof. „Aber jedes Kind ist anders. Und gibt es ein Gesetz, dass jedes Kind krabbeln und Rad fahren muss?“ Selbstkritisch gibt er zu, dass auch er lernen musste, Vertrauen zu haben. „Vielleicht sorgen wir heutigen Eltern uns auch deshalb so häufig, weil es uns so gut geht, dass wir die Möglichkeit haben, uns Sorgen zu machen“, überlegt er. „Früher ging es vielen Familien nicht so gut, da mussten die Kinder funktionieren.“ Und statt partnerschaftlicher Diskussionen mit den Kids herrschte Strenge. Er selbst, berichtet Peter Imhof, musste als Kind noch aufessen. „Das ist heute doch gar nicht mehr machbar“, meint er.

Ein Leben voller Überraschungen

Gehen die Kinder bei den Imhofs also über Tische und Bänke und werfen bei Tisch mit Spaghetti um sich wie auf unserem Foto? Mitnichten. Auch hier handelt es sich um eine Panne, wie Sie weiter unten in einem Buchauszug erfahren können.

Denn das überdrehte Fotoshooting, das sich Eva und Peter Imhof so lustig vorgestellt hatten, wurde von den Zwillingen fast boykottiert: Sie weigerten sich partout, sich im Restaurant daneben zu benehmen, und protestierten lautstark gegen die unmöglichen Essmanieren, die ihre Eltern zur Animation an den Tag legten.

Tja, das Leben mit Kindern ist voller Überraschungen – und die Imhofs genießen es. Stark macht sie dabei nicht zuletzt der Zusammenhalt als Paar. „Eine Familie kann nur glücklich sein, wenn die Eltern sich gut verstehen und zusammenhalten gegen Rebellion und Provokation“, sagt Peter Imhof und lacht wieder. Daher gönnen sich die beiden auch regelmäßige Auszeiten vom Elternsein, um zu zweit essen zu gehen oder etwas mit Freunden zu unternehmen. „Gerade am Anfang ist es mir sehr schwer gefallen, die Kinder abzugeben, aber ich habe mich dazu gezwungen“, erzählt Eva Imhof. „Manchmal muss man bei sich selbst die Notbremse ziehen, auch um die Kinder nicht zu sehr zu behüten.“

Lachen statt jammern

Gemeinsam haben Eva und Peter Imhof gelernt, sich von überzogenen Erwartungen freizumachen und statt Ratgebern lieber ihrer Intuition zu folgen. Und nach der Devise zu leben: besser lachen statt jammern. „Die dunklen Prognosen, die uns schon während der Schwangerschaft ereilten, haben sich für uns jedenfalls nicht bewahrheitet“, sagt Peter Imhof. „Das Leben mit Kindern ist lustig!“ Eva Imhof ergänzt: „Im Moment selbst schafft man zwar nicht immer, alles mit Humor zu nehmen. Aber mal ehrlich: Mit Kindern passieren so viele absurde Sachen, und sie liefern wirklich die tollsten Anekdoten.“ So wie die versprochene vom Fotoshooting.

Im Folgenden präsentieren wir zwei Kapitel aus dem Buch von Eva und Peter Imhof. Viel Spaß damit!

Die verunglückte Spaghetti-Schlacht – von Eva und Peter Imhof

Vereinzelt haben wir im entfernten Bekanntenkreis schon mal mitbekommen, dass es stellenweise neunmalkluge Kinder gibt, die anfangen, den Erwachsenen was über Bismarck oder das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zu erzählen. Aber solche abgefreakten Kinder sind mindestens in der neunten Klasse.

Dass unsere Kindergartenzwerge doch tatsächlich damit anfangen, uns sagen zu wollen, wie wir uns herzurichten und zu benehmen haben, passt uns gar nicht. Vor allem nicht an diesem einen Tag, auf den wir uns so sehr gefreut haben und der für uns von zentraler Bedeutung werden sollte. Am Ende allerdings weniger, weil wir unseren Triumph feiern, sondern um uns ewig daran zu erinnern, was da alles schieflief.

Seit Wochen freuen wir uns darauf, dass heute unser Familien-Fotoshooting des Jahres ansteht. Einmal im Jahr lassen wir von uns Fotos machen, und für dieses Jahr haben wir uns überlegt, eine für uns typische Essensszene nachzustellen. Wir wollen keines dieser geschniegelten Familienfotos, bei denen alle krampfhaft versuchen zu lächeln und das am Ende eine Idylle widerspiegelt, die es in der Regel in Familien überhaupt nicht gibt. Nein, wir denken, wir sind ganz originell und zeigen die blanke Realität!

„Mama, das ist nicht so schick!“

Dafür hat die Fotografin extra ein Restaurant gemietet, Spaghetti vorgekocht, Unmengen von Ketchup eingekauft und sämtliche Utensilien von der Tischdecke bis zu den Blumenvasen mitgebracht. Wir planen nämlich eine Spaghettischlacht und wollen natürlich auf keinen Fall die Tischdecken des Lokals versauen.

Im Vorgespräch sagte die Fotografin am Telefon, wir sollten es so machen, wie es auch zu Hause ist: also den Kindern am besten mehrere Lagen übereinander anziehen und Farben zusammenstellen, die nicht zusammenpassen. Eben so, wie sie es auch immer machen. Und wir sollen helle, legere Kleidung anziehen, damit man die Ketchup-Flecken richtig gut sieht. Am besten einfach ein helles T-Shirt und eine schlichte Jeans.

Schon morgens hätte uns klar werden müssen, dass der Tag anders verlaufen wird als geplant. Als wir uns anziehen, sagt Lilly: „Mama, das sieht aber nicht so schön aus“, und deutet auf mein Outfit. Und Luisa guckt mich an, als wäre sie Dieter Bohlen in der DSDS-Jury, und meint: „Ja, Lilly, das stimmt. Mama, das ist nicht so schick!“

„Was soll ich denn anziehen?“, entgegne ich verwundert. „Einen Rock!“, sagen sie beide gleichzeitig, nicken und gucken sehr streng und überzeugt von dem, was sie da sagen.

Nervenaufreibende Diskussionen

„Einen Rock? Warum? Das ist total spießig! Wir machen doch gleich lustige Fotos, und das soll aussehen wie zu Hause beim Essen, und ich will mich außerdem frei bewegen können, und das geht doch gar nicht im Rock!“, versuche ich, meinen Jeanslook mit den Sneakers zu verteidigen. Schließlich lenken sie ein: „Na gut, Mama. Aber das nächste Mal kannst du dich ja wieder schön anziehen − okay?!“

„Ja, das mache ich, versprochen“, antworte ich brav. Und fast schon ein bisschen wehmütig denke ich an die ganzen nervenaufreibenden Diskussionen, die ich mit ihnen schon geführt habe, und wie oft ich dabei sagte: „Ihr müsst jetzt mal lernen, wie Farben zusammenpassen!“ Oder: „Nein, bitte keinen Rock über die Jeans ziehen und auch keinen Rock unters Kleid anziehen.“

Und noch vor Kurzem gab es großen Stress wegen der neongrünen Strickjacken, die beide über ihre dicken Outdoorjacken ziehen wollten. Das endete in einem Hormoninferno mit dem Ergebnis, dass sie irgendwann anfingen, wie die Papageien meine mantramäßig vorgetragenen Styling-Tipps in ihrer Sprache zu wiederholen mit Sätzen wie: „Wenn man eine Jacke über eine Jacke zieht, dann geht das nicht.“ Oder: „Nicht immer dasselbe anziehen!“ (...)

Ich gucke ungläubig

Als wir endlich im Restaurant ankommen, sind Peter und ich beseelt von Vorfreude, da wir davon ausgehen, dass wir unseren Kindern gleich einen Riesenspaß bereiten. Und während die Fotografin mit ihrem Assistenten anfängt, das Set aufzubauen, fangen wir schon mal an, fröhlich unsere Anweisungen zu geben: „So, Kinder, jetzt zieht ihr als Allererstes mal das lustige Kleid über eure Jeans an und darunter noch den roten Rock und dann die verschiedenen Socken. Das wird lustig!“

Dummerweise haben sie sich heute ausnahmsweise „nur“ ein Oberteil und eine Jeans angezogen und nicht mindestens drei verschiedene Lagen wie sonst immer.

„Wieso? Wir haben doch schon was an!“, antwortet Lilly, und Luisa stimmt mit ein: „Ja, und das wird sonst auch viel zu warm, Mama!“

Ich gucke sie ungläubig an und versuche es noch mal: „Aber das ist hier doch ein lustiges Spiel! Und sonst wollt ihr das doch auch immer?!“ – „Nein! Heute nicht!“, sagen sie beide gleichzeitig.

Da wir sie und ihren Willen kennen, konzentrieren wir uns lieber schnell auf die nächste Regieanweisung. Mit Begeisterung in der Stimme trällere ich: „So, Kinder, jetzt stellt ihr euch mal ausnahmsweise auf den Stuhl beim Essen und nehmt die Spaghetti in die Hand und lasst sie dann über dem Teller baumeln. Das ist doch witzig!“ Beide gucken mich konsterniert an, und Lilly sagt: „Nein, Mama! Das ist doch eklig!“ Und Luisa fügt an: „Und zum Essen setzen wir uns hin und stehen erst auf, wenn alle fertig sind!“

Es ist nichts zu machen

Nun versucht Peter sein Glück: „Ja, normalerweise ist das richtig. Und das macht ihr ganz toll! Aber heute dürft ihr mal so richtig Quatsch machen. Also, Luisa, du hast doch bestimmt Lust, die Nudeln auf mich zu werfen! Das wird ein Spaß!“

„Nein, Papa! Mit Essen spielt man nicht!“, antwortet Luisa entschieden.

Nun starte ich einen letzten Versuch: „Also, Kinder, das ist ja wirklich toll, dass ihr so wohlerzogen seid, aber wisst ihr: Manchmal muss man auch mal fünfe gerade sein lassen. Also nehmt euch jetzt die Hände voll mit Spaghetti und macht damit, was ihr wollt! Juchhuuu, das ist doch toll!“ Aufmunternd nehme ich einen kleinen Spaghettihaufen in die Hand und schiebe ihn mir so in den Mund, dass mir ganz viele Nudeln wie bei Pippi Langstrumpf aus dem Mund hängen.

Normalerweise würden unsere Kinder jetzt losprusten, aber heute schauen sie mich sehr ernst an und sagen nur: „Mama! So isst man nicht! Bitte nimm eine Gabel!“

Schließlich versucht die Fotografin noch mal ihr Glück, aber es ist nichts zu machen. Am Ende kriegen wir sie immerhin dazu, sich noch einen Rock über die Hose zu ziehen und eine Gabel mit Spaghetti sehr hoch über den Teller zu halten, aber das hat natürlich nichts mit dem Chaos-Shooting zu tun, das uns ursprünglich vorschwebte. Die Zwillinge zeigen sich weiterhin pikiert, weil sie lauter Sachen machen sollen, die „sich nicht gehören“.

Wir sind erleichtert

Auf der Fahrt nach Hause müssen Peter und ich sehr lachen über unsere wohlerzogenen Kinder und können uns nicht erklären, woher dieser Sinneswandel plötzlich kommt. (...) Wir sind regelrecht erleichtert, als sie sich nach ein paar Tagen endlich mal wieder ein bisschen daneben benehmen und vom Tisch aufstehen wollen, nach einem Schoko-Brot fragen und sich um eine Tüte Gummibärchen streiten. Das wäre sonst auch einfach zu langweilig geworden.

Und hier noch eine Anekdote aus dem ersten Lebensjahr der Zwillinge. Eva Imhof ist in Köln zum Arbeiten, als die Kinder erkranken. Bei einem Telefonat mit ihrem Mann schreien die Zwillinge durchgängig im Hintergrund. „Ich spüre, wie mein Mama-Ich siegt und ich nur noch nach Hause will“, erzählt Eva Imhof im Buch. Sie eilte zum Flughafen. So ging es zu Hause weiter:

Das Nasenspray-Attentat – von Eva und Peter Imhof

Entspannter wäre es gewesen, ich hätte einfach meinen Job weitergemacht, aber irgendwie hätte ich das nicht gekonnt. Als ich zu Hause ankomme, bietet sich mir ein interessantes Bild. Im Garten steht Peter und ruckelt mit einer Hand an unserem Doppelkinderwagen. Er ist ganz zerzaust mit dunklen Augenringen und geröteten Augen vom fehlenden Schlaf. Aus dem Kinderwagen hört man ein heiseres Bellen, das sich mit einem mühsamen Schnaufen und Schreien abwechselt.

Sofort sprinte ich zum Kinderwagen und schaue in die triefenden Augen unserer bleichgesichtigen Kinder. Sie sehen ein bisschen aus wie diese Puppen aus Horrorfilmen.

„Die Nase ist ja ganz zugeschwollen! Sie brauchen dringend Nasenspray!“, stelle ich fachmännisch fest. „Unsere Ärztin sagt immer: Die Nase muss frei sein – weil dann auch der Weg zum Gehörgang frei ist und es dann keine Mittelohrentzündung gibt“, erkläre ich und renne ins Haus, um das Nasenspray zu suchen.

Unsere Hausapotheke ist immer unvollständig, und alles steht durcheinander herum. So sehr ich auch versuche, Ordnung zu halten, es funktioniert einfach nicht. Neben unserem Apothekenschränkchen haben wir außerdem eine kleine Box in der Küche stehen mit der zweideutigen Aufschrift „family drugs“, in der ich aber nur abgelaufene Aspirin, Pflaster und Mullbinden finde, und im Bad fliegen außerdem noch sämtliche Medikamente in einem Kulturbeutel rum. Dazwischen fische ich noch eine Kinderzahnbürste, einen meiner Nagellacke und eine kleine Tube Kunstblut für Halloween heraus. Aber wo ist das Nasenspray? Und warum finde ich eigentlich nie das, wonach ich suche, sondern immer nur unnütze Sachen, die ich zu einem anderen Zeitpunkt wiederum nicht finde, wenn ich sie suche?

Wir sehen aus wie professionelle Erschrecker

Genervt renne ich rüber ins Schlafzimmer und bin erleichtert, als ich gleich mehrere Nasensprays an unserem Bett stehen sehe. Ohne genauer hinzuschauen, schnappe ich mir ein Fläschchen und sprinte wieder zurück zum Schauplatz des Elends. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass ich leider gerade eine falsche Entscheidung getroffen habe. Ich spüre, wie mir die Frühschicht mit nur vier Stunden Schlaf pro Nacht ebenfalls die Farbe aus dem Gesicht gezogen hat und wir alle miteinander wohl aussehen, als könnten wir sofort als professionelle Erschrecker in der Geisterbahn anfangen.

Es gibt wohl kaum ein Baby oder Kleinkind, das sich gerne Nasenspray in die Nase sprühen lässt, Hustensaft schluckt oder sonstige Arznei artig zu sich nimmt. Bei unseren Kindern ist es extrem schwer, ihnen irgendwas einzuflößen, da sie in der Regel sofort anfangen, um sich zu schlagen, sobald wir nur ansatzweise mit der Flasche in die Nähe ihrer Gesichter kommen.

Nun besinne ich mich auf eine Taktik, die mein Vater so ähnlich immer bei Wespen anwendet. Er kann sie mit der flachen Hand erledigen und kommentiert dies stets mit den Worten: „Man muss nur schneller schlagen, als sie stechen können.“ In meinem Fall muss ich nun einfach schneller sprühen, als die Zwillinge schlagen können, und versuche, ihnen blitzschnell das Zeug reinzujagen. Nach dem Motto „viel hilft viel“ haue ich ihnen auf jeder Seite drei Stöße in die Nase. Allerdings wehren sie sich natürlich trotzdem und brüllen, als hätte ich ihnen einen Stromschlag verpasst.

„Oh Gott! Ich habe die Kinder vergiftet!“

Also so extrem haben sie noch nie auf das Zeug reagiert. Ich schaue mir verwundert die Flasche genauer an und fange augenblicklich an zu schreien: „Oh Gott! Das ist das Nasenspray für Erwachsene! Peter, ich dreh durch! Ich habe unsere Kinder vergiftet! Oh Gott! Das ätzt ihnen jetzt bestimmt die Nase weg!“ Mir wird so schlecht wie noch nie zuvor in meinem Leben, und ich warte nur darauf, zusehen zu können, wie sich die Nasen langsam auflösen. Mit Schrecken muss ich an eine ehemalige Kollegin denken, die behauptete, ihr Exfreund hätte so viel gekokst, dass sich seine Nasenscheidewand aufgelöst habe. So ein Nasenspray für Erwachsene in Überdosierung für diese kleinen Babys hat bestimmt eine ähnliche Wirkung.

„Peteeeer, wir müssen sofort was tun!“, schreie ich weiter, und er fängt an, die Nummer unserer Ärztin zu wählen, aber es meldet sich nur der Anrufbeantworter. Ich habe das Gefühl, Kinderarztpraxen sind grundsätzlich derart überfüllt, dass es dort selten jemand schafft, überhaupt ans Telefon zu gehen. „Mach irgendwas“, flehe ich Peter an, und er ruft einen befreundeten Arzt an. In voller Panik sause ich immer wieder um den Kinderwagen herum, rede auf die Kinder ein und versuche, mit der Taschenlampenfunktion meines Handys ihre Nasen auszuleuchten. Aber ihre Nasenlöcher sind zu klein, um eine Veränderung erkennen zu können.

Was passierte? NICHTS!

Peter stellt das Telefon auf laut und schildert seinem Freund Tom, der auf Nieren spezialisiert ist, unser Problem. Er fragt ganz entspannt: „Haben sie gekotzt?“

„Nee!“, sagt Peter.

„Und was machen sie jetzt?“, fragt er.

„Sie sehen aus wie bewusstlos!“, falle ich ein, worauf er meint: „Meint ihr nicht, dass sie vielleicht einfach eingeschlafen sind? Seid froh, dass sie ruhig sind, und solange sie sich nicht übergeben, müsst ihr euch keine Sorgen machen!“

Nachdem wir uns durch mehrmaliges Horchen an ihren Nasen versichert haben, dass sie ruhig und gleichmäßig atmen, geht unser Puls langsam wieder in den Normalzustand über. Wir vergleichen die Nasenspray-Fläschchen und stellen fest, dass die Packungen fast identisch aufgemacht sind, und fragen uns, warum diese Pharmakonzerne auf die Kindervariante nicht wenigstens ein paar Smileys drucken. Sonst sind doch Kinderprodukte auch immer so aufgemotzt, dass sie das „Unbedingt-haben-wollen“-Gefühl auslösen.

Im Nachhinein mussten wir noch sehr lachen über unsere Nasenspray-Panikattacke. Nach unserer maximalen Angst um die sich auflösenden Nasenscheidewände passierte einfach NICHTS. Solange wir auch vor dem Kinderwagen warteten – sie schliefen sich einfach mal richtig aus, und die Aktion hatte den einzigen Effekt, dass sie endlich wieder durchatmen konnten.

Erstaunlich wirkungsvoll

Ganz abgesehen davon, sind das natürlich sowieso Peanuts. In den folgenden Monaten fallen unsere Kinder noch diverse Treppen runter, und abgesehen von einem riesigen Geschrei und ein paar Beulen und blauen Flecken blieben sie völlig unbeschadet.

Natürlich fühlen wir uns als Eltern jedes Mal gescheitert, wenn so etwas passiert, aber es ist völlig unmöglich, jeden Schritt seiner Kinder millimetergenau zu verfolgen und sie vor jedem Leid zu beschützen. Ganz abgesehen davon, müssen sie natürlich lernen, dass es wehtut, wenn sie irgendwo runterfallen. Denn wenn sie nicht wissen, dass es schon wehtut, wenn sie vom Sofa auf den Boden fallen, wie sollen sie dann jemals lernen, die Gefahr von Höhe einzuschätzen? Nicht dass sie sonst später noch auf die Idee kommen, sie könnten fliegen, und sich aus dem Fenster stürzen.

Wichtig ist vor allem unser Potpourri an Trostmöglichkeiten. (...) Unsere Hände haben mit der Zeit zu heilenden Zauberhänden transformiert. Dieses Ritual haben wir von unserer Freundin Mimmy gelernt. Dazu muss man den Kindern verschwörerisch ankündigen, die Zauberhände würden ihnen nun den Schmerz nehmen, anschließend werden die Hände kräftig aneinandergerieben und schlussendlich dem Kind auf das „Aua“ gelegt. Die Wirkung ist erstaunlich und unbedingt empfehlenswert.

Zum Weiterlesen: Eva und Peter Imhof: Bei uns läuft’s kacka. Scheitern als Eltern - aber richtig! mvg Verlag, 200 Seiten, 16,99 Euro