Tiermedizin

Der Nächste, bitte!

Wenn Mieze oder Bello krank sind, scheuen ihre Besitzer keine Kosten und Mühen. Wir haben Tierliebhaber ins Behandlungszimmer begleitet

Viel zu tun: Tierärztin Barbara Kohn mit Marion Beissert und Beagle Solea, Elisabeth von Conradi mit Hund Rosi und Manfred Deppenwiese mit Border Collie Dinah

Viel zu tun: Tierärztin Barbara Kohn mit Marion Beissert und Beagle Solea, Elisabeth von Conradi mit Hund Rosi und Manfred Deppenwiese mit Border Collie Dinah

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Plötzlich sind da Blutstropfen. Auf der Treppe. Auf dem Wohnzimmerteppich. Auf dem Stuhlkissen. Und plötzlich ist da diese Sorge: Ist vielleicht alles zu spät? Würde Lotti sterben? Hastig fasse ich unsere Katze, sperre sie in ihre Transportbox, radele mit ihr, so schnell es geht, zu unserer Tierärztin. Sorgenvolle Blicke im Behandlungszimmer. Zwei Zitzen sind hühnereigroß geschwollen und bluten. „Wir raten Ihnen, Lotti zur Beobachtung hierzulassen.“

Das Bangen beginnt. Dass Lottis Hormonerkrankung– Fachbegriff „Feline Fibroadenomatose“ – von unserer vorherigen Tierärztin nicht erkannt und verharmlost worden ist, weiß ich längst. Aber dass es nun so weit kommen würde, trotz Kastration acht Tage zuvor? Vor dem Hinausgehen streichele ich Lotti rasch ein letztes Mal. Sie schaut mich mit großen Augen an, maunzt leise. „Papa kommt bald wieder“, sagt die Tierärztin freundlich.

In ihrem Behandlungsbericht sollte später stehen: „Dekubitus Mamma re, eben aufgeplatzt, Mammagewebe vorgefallen, stat. Aufnahme.“ Jetzt würde nur noch eine Operation unserer Katze helfen, so viel ist klar.










Die Tierliebe in Deutschland ist enorm groß

Wer ein Haustier besitzt und es lieb hat, kennt das Gefühl: Geht es dem Tier schlecht, geht es der ganzen Familie nicht gut. Ob es sich dabei um eine 80 Kilo schwere Deutsche Dogge handelt oder um eine vier Kilo leichte Britisch-Kurzhaar-Katze, um eine acht Zentimeter große Farbmaus oder um eine 30 Jahre alte Europäische Sumpfschildkröte, spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist, wie sehr der Halter am Tier hängt.

Acht von zehn Deutschen bezeichnen sich in Umfragen als „sehr tierlieb“. In 43 Prozent aller Haushalte hierzulande werden Heimtiere gehalten, insgesamt sind es nach Angaben des Industrieverbands Heimtierbedarf (IVH) 30 Millionen (Zierfische und Terrarientiere ausgenommen). Schätzungen in Berlin gehen davon aus, dass allein in jedem zehnten Haushalt ein Hund lebt und dass auf 100 Einwohner der Hauptstadt statistisch 0,5 bis 1,0 Katze kommt.

Der Markt der Heimtiere entwickele sich seit Jahren stabil, sagt Sabine Schüller, Geschäftsführerin des Bundesverbands für Tiergesundheit. Die Rechnung ist einfach: „Je mehr ein Tierhalter Geld zur Verfügung hat, desto mehr gibt er aus für seine Tiere.“ Ausdruck der Zuneigung sind etwa die 4,11 Mrd. Euro Umsatz, die der IVH 2015 auf dem Heimtierbedarfs-Markt verbuchte – ein Plus von 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Zunehmende Vermenschlichung

Der Begriff Haus- oder Heimtier beschreibt dabei solche Tiere, die aus ideellen Gründen im Wohnbereich gehalten werden und zu denen in der Regel eine emotionale Bindung eingegangen wird. Derart stark kann die werden, dass Soziologen und Philosophen eine zunehmende „Vermenschlichung“ von Heimtieren erkennen. Etwa dann, wenn das Tier zum Partner- oder Kindersatz wird. Dass mit dieser „Vermenschlichung“ beim Heimtier Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Adipositas und Arthrose häufiger werden, ist die Kehrseite.

Nicht selten können besonders intensive emotionale Bindungen für Außenstehende, zumal für Nicht-Tierhalter, schwer nachvollziehbar sein – wenn nicht gar befremdlich. Uwe Tiedemann, Präsident der Bundestierärztekammer und erfahrener Kleintierarzt, berichtet vom Fall eines Schwesternpaares, deren Schäferhund nach einem Unfall querschnittsgelähmt und dadurch zum Laufen auf einen Rolli angewiesen ist. Um den nach wie vor fröhlichen Hund pflegen zu können, reduzierten die Schwestern ihre Arbeitsverträge auf je eine halbe Stelle. Nun kümmert sich die eine vormittags um den Hund, die andere nachmittags. Tiedemann sagt: „Davor habe ich Hochachtung.“

Intensivmedizin, künstliche Gelenke, OPs am offenen Herzen, Dialyse. Sogar am Gehirn von Vierbeinern wird operiert. „Auf fast allen Sektoren hat die Veterinärmedizin inzwischen, bis auf leichte Abweichungen, ein Niveau ähnlich der Humanmedizin“, sagt Tiedemann. Und vor den Tierarten macht die Spezialisierung erst recht nicht Halt.

Jede Menge Spezialisten

So gibt es beispielsweise in Berlin niedergelassene Fachleute für Reptilien und Exoten, für Ziervögel und sogar für Fische. Heidemarie Ratsch, Präsidentin der Berliner Tierärztekammer, meint: „Auch kleine Heimtiere laufen heute nicht mehr unter ferner liefen. Das Klientel dieser Halter verlangt Know-how.“

Circa 2060 Tierärzte praktizieren in Berlin, rund 320 Heimtierpraxen gibt es. Mit dem medizinischen Fortschritt – und damit einhergehend den zunehmend älter werdenden Heimtieren – stellen sich den Tierärzten neue Herausforderungen. Palliativmedizin, die Versorgung todgeweihter Lebewesen, ist mittlerweile ebenso ein großes Thema wie Geriatrie, die Altersmedizin. Manche Praxen bieten dazu spezielle Sprechstunden an. Bundestierärztechef Tiedemann sagt: „Als ich in diesem Beruf angefangen habe vor 31 Jahren, waren Spezialisten die Ausnahmen.“ Heute geht der Trend eindeutig genau dorthin.

Zum Glück, mag Evelin Bender denken. Wer weiß, wie es ansonsten heute um ihren Merlin stände. Wer Evelin Bender trifft, lernt eine resolut-charmante Friedrichshainerin mit einem großen Herzen und einen schwarz-silbernen Zwergschnauzer kennen, dem die Barthaare ausfallen. Schuld ist die laufende Chemotherapie: Merlin wird in der Praxis des Tier-Onkologen Mathias Kochert in Kaulsdorf wegen eines Lymphknoten-Tumors behandelt. Mit vier Zyklen à vier Infusionen und einer medikamentösen Behandlung über insgesamt rund 19 Wochen soll zum einen erreicht werden, dass der Hund ein längeres Leben hat. Und zum anderen, dass es ihm bis zum Ende noch richtig gut geht. „Das“, erklärt Kochert, „ist unser Ziel.“

Zwergschnauzer Merlin ist „jut druff“ – trotz Chemotherapie

Zwölf Jahre ist Merlin alt, Evelin Bender und ihr inzwischen verstorbener Ehemann holten ihn bereits als Welpen zu sich. Sie nennt den Rüden liebevoll „Pfeifendeckel“ und „mein großer Held“. Als Onkologe Kochert Merlin an diesem Mittag Ende November für zehn Minuten zur Chemotherapie aus dem Sprechzimmer holt, plaudert Evelin Bender stolz über ihren „Prachtkerl“ („kernig, immer jut druff, kein Jammertyp“).

Ihre Sorge möchte sie sich Merlin gegenüber nicht anmerken lassen. „Dass er krank ist, geht tief an die Substanz“, sagt sie. Und: „Ich habe erlebt, wie es ist, ein Kind groß zu ziehen. Mit einem Tier ist es dasselbe – und es gibt so viel Liebe zurück.“ In Mathias Kocherts Praxis fühlt sich Evelin Bender verstanden und aufgehoben. Wie sagt der mit einem Augenzwinkern über seinen Berufsstand? „Wir behandeln zu mindestens 50 Prozent auch die Besitzer der Tiere mit.“

Dass eine Chemotherapie bei Tieren letztlich, „wenn man das so nennen möchte, eine Luxus-Therapie ist“, wie Kochert sagt, schwant auch Evelin Bender. In Merlins Fall wird die Behandlung Kosten von wohl deutlich mehr als 1500 Euro verursacht haben. Der Spezialist rät bei krebskranken Tieren nicht grundsätzlich zu einer Therapie. Kochert: „Man kann solch eine aufwändige Chemo nicht jedem zumuten. Weder dem Tier noch dem Halter. Manchmal sprechen die familiären Umstände dagegen, manchmal die finanziellen. Manchmal aber eben auch die medizinische Prognose.“ Er sehe es als Tierarzt als seine Aufgabe, einem Halter alle Optionen aufzuzeigen, dabei nichts zu verschweigen, aber auch nichts zu beschönigen – auch nicht die Kosten.

Rasch kommen Tausende Euro zusammen

Zwei Tage nach ihrer stationären Aufnahme bei unserer Tierärztin wird Lotti an ihren aufgeplatzten Zitzen operiert. „Bds hühnereigr Mammakomplexe entfernt“, steht später im Behandlungsbericht zu lesen. Ein Teil des Gesäuges fehlt also fortan. Doch Lotti lebt! Die Kinder jubeln, die Eltern sind glücklich. Einen Tag nach der OP darf Lotti zurück nach Hause. Am Unterleib und an den Seiten großflächig rasiert, die Narbe wie ein Mahnmal, so stolpert unsere kaum einjährige Katze in nächster Zeit durchs Haus, eckt mal hier an, mal da an, denn um den Hals trägt sie jetzt für mehr als drei Wochen eine Krause. Lotti wird von allen gestreichelt, verwöhnt, sie darf nun manchmal mit im Ehebett schlafen. Hauptsache, gesund. Bei der Tierärztin habe ich Lottis Operation per EC-Karte bezahlt. 331,17 Euro, exklusive der Medikamente, die sie bekam und bekommt. Ich musste schlucken. Doch dann dachte ich: Wer ein Haustier bei sich aufnimmt, der muss halt auch Verantwortung übernehmen.

Im besten Fall hat der Halter eines schwer kranken oder verletzten Heimtiers frühzeitig eine Kranken- oder OP-Versicherung abgeschlossen. Für Hundehalter ist in Berlin seit 2010 außerdem eine Tierhalter-Haftpflichtversicherung Vorschrift. In England beispielsweise ist eine solche Versicherung gang und gäbe. Zumal in ungünstigen Fällen rasch einige tausend Euro Behandlungskosten für einen geliebten Vierbeiner zusammen kommen können.

So wie bei Dinah, der zwölf Jahre alten Border-Collie-Hündin von Manfred Deppenwiese. „Vor drei Jahren erkrankte Dinah aus heiterem Himmel an einer Autoimmunkrankheit. Es ging ihr sehr schlecht“, berichtet der Rentner aus Zehlendorf. Mehrere Wochen hat Dinah seitdem in der Tierklinik verbracht. Zwischenzeitlich schien sie genesen, „bis die ganze Geschichte von vorn losging“. Weil sie auf der Station der Klinik nicht fressen mochte, brachten die Deppenwieses ihrer Hündin zeitweise von zu Hause selbst gekochtes Essen. Heute geht es Dinah wieder gut. Lächelnd sagt Manfred Deppenwiese, er habe nie zusammengerechnet, wie viel Geld er über die Jahre exakt für die Behandlung ausgegeben hat. „Aber ich schätze mal: 10.000 Euro.“ Der Wert eines Kleinwagens.

Immer mehr Unternehmen entdecken den lukrativen Markt

Es ist kein Wunder, dass potente Unternehmen den Markt der Tiermedizin längst für sich als höchst lukrativ entdeckt haben. So finanzieren beispielsweise die beiden konkurrierenden schwedischen Klinikketten AniCura und Evidensia mit Millionensummen in ganz Europa den Kauf und Aufbau von Tierkrankenhäusern und -praxen. Hierzulande kommt AniCura mittlerweile auf 20 Standorte, Evidensia auf vier. In Deutschland ist der Zugriff renditeorientierter Großkonzerne bislang noch gesetzlich durch das sogenannte Kapitalbeteiligungsverbot erschwert. Im Kern besagt es, dass in Kliniken und Praxen ein persönlich haftender, approbierter Tierarzt sämtliche geschäftlichen und medizinischen Entscheidungen treffen muss.

Nach Berlin reicht der starke Arm der ehrgeizigen Schweden bislang nicht. Das Interesse ist dem Vernehmen nach gleichwohl sehr groß. „Offenbar ist Tiermedizin noch ein Markt mit hoher Wachstumsrendite“, sagt Barbara Kohn, Geschäftsführende Direktorin der Klinik für Kleine Haustiere in Zehlendorf. Ihr Standort kann nicht davon profitieren: Die Klinik gehört zur Freien Universität (FU) und wird ergo vornehmlich aus öffentlichen Mitteln betrieben.

Seit 1996 arbeitet Barbara Kohn in Berlin. Wer die Universitäts-Professorin an ihrem Arbeitsplatz unter Hunden, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen, Schwänen, Greifvögeln und mehreren Dutzend Tierärzten und -pflegern besuchen möchte, durchquert Zehlendorf, nimmt die B1 Richtung Westen und biegt kurz vor dem Museumsdorf Düppel links in den Oertzenweg ab. Hier, in einem kleinen Waldstück, schlägt, wenn man so möchte, eines der stärksten Herzen der Berliner Tiermedizin.

Patienten reisen aus ganz Deutschland an

Auf den parkenden Autos sind niedersächsische, brandenburgische, nordrhein-westfälische, mecklenburgische Kennzeichen auszumachen. Pro Jahr verzeichnet die Klinik – ein funktionaler, grüner 1970er-Jahre-Flachbau – etwa 25.000 Besuche. Terminpatienten ebenso wie Notfälle. Für solche ist die Klinik 24 Stunden am Tag geöffnet.

Derzeit hapert es an der weiteren Finanzierung dieses Notdienstes. Solch ein Drei-Schichten-System will erst einmal bezahlt sein. Dabei hat die Klinik in Düppel einen „sehr hohen Anteil an der Notversorgung in der Stadt. Berlin ist, was das betrifft, nicht sehr gut aufgestellt“, sagt Barbara Kohn. Sie erklärt: „Der Beruf des klinisch tätigen Tierarztes ist letztlich ein Pflegeberuf. Und Pflege braucht eine 24-Stunden-Abdeckung.“ Für die fiebrige Hauskatze mit Erbrechen ebenso wie für die angefahrene Ente mit gebrochenem Flügel oder den Nager mit Durchfall.

Wie Nervenstränge durchziehen lange Gänge das Klinikgebäude, biegen mal rechts ab, mal links. Hinter halb offenen Türen ist dann und wann ein Winseln zu hören, ein Miauen, ein Fauchen, ein Klappern von Gitterstäben, die freundliche Stimme einer Pflegerin oder ein Quietschen von Schuhsohlen auf gemasertem PVC-Boden. Neonbeleuchtete Laborräume reihen sich an verglaste OP-Säle. In einem fensterlosen Zimmer steht ein Teilchenbeschleuniger zur Bestrahlung von Tumoren, in einem anderen ein Computertomograph. Hightech für Vierbeiner. Willkommen im Reich der Tierärzte.

Tierarzt – ein harter Beruf

„Manchmal“, erzählt Barbara Kohn mit einem Augenzwinkern, „sind Tierhalter bei der Behandlung ihrer Tiere anspruchsvoller, als wenn sie selbst krank sind.“ Viele Halter seien heute durch Internetrecherche wesentlich besser informiert als früher. Doch einen guten Tierarzt, meint Barbara Kohn, müsse das nicht verunsichern: „Angst vor dem aufgeklärten Tierhalter hat nur der, der selbst nicht genug weiß.“

Tierarzt ist zweifelsohne einer jener Berufe, die sich von „Berufung“ herleiten lassen. Doch stößt alle Romantik schnell an Grenzen, wenn einen die Realität einholt. Und damit ist nicht gemeint, dass einem jungen Operateur von einer Kollegin, wie an diesem Vormittag in der Klinik, eine narkotisierte Hauskatze überreicht wird mit den Worten: „Kannste mal eben halten? Is’ der Kater mit der Penis-Amputation.“

Barbara Kohn jedenfalls warnt vor allzu verklärten Vorstellungen über ihren Berufsstand: „So manche gehen mitunter etwas naiv an die Ausbildung heran. Aber Tierarzt sein ist eben weit mehr, als tierlieb zu sein und Tiere zu streicheln. Die Realität ist: Es ist ein harter, unter Umständen auch körperlich anstrengender Beruf.“

Das Studium dauert elf Semester, rund 60 Prozent der Absolventen promovieren. 90 Prozent der Studierenden sind Frauen. „Die Verdienstmöglichkeiten sind alles in allem nicht sehr hoch für Akademiker“, stellt Barbara Kohn fest. Und dennoch würden sie und viele Kollegen nie tauschen wollen.

Die Dankbarkeit ist groß

Auch deshalb nicht, weil sie vielen enorm dankbaren Menschen unter den Tierhaltern begegnen. Zu ihnen gehört auch Marion Bessert. Seit 30 Jahren sucht sie mit ihren Hunden die Klinik für Kleine Haustiere auf. Heute ist die 79-jährige frühere Jägerin mit ihrem letzten verbliebenen Beagle Solea in die Klinik gekommen. Bei der elfjährigen Hündin soll eine Gastroskopie, eine Magenspiegelung, vorgenommen werden. Marion Bessert sagt: „Für mich ist Solea wie ein Familienmitglied. Und wenn sie etwas hat, geht es mir auch nicht gut.“

Ich erinnere mich an ein Telefonat mit unserer Tierärztin einen Tag vor der geplanten OP unserer Katze. Meine Frau und ich, Laien auf dem Gebiet, erkundigten uns nach Lottis Zustand auf der Krankenstation. Ich druckste etwas herum, stellte schließlich mit einem Kloß im Hals die Frage nach dem Äußersten, dem Einschläfern: „Wenn – warum auch immer – das Weiterleben zur Quälerei würde für unsere Katze, dann sagen Sie es uns, ja?“ Unsere Tierärztin beruhigte uns. Lotti sei jung, ansonsten kerngesund: „Die OP ist zwar nicht einfach. Aber die Chance, dass Lotti wieder ganz gesund wird, ist sehr groß.“

Mit den mittlerweile immer verfeinerteren Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten stehen Tierärzte und Tierhalter zunehmend vor hochsensiblen Fragen. Für die Veterinäre gilt es abzuwägen, welche medizinischen Maßnahmen für das Tier am besten sind, welche Möglichkeiten zur Heilung oder zumindest zum Gewährleisten eines erträglichen Weiterlebens bestehen – oder ob die beste Entscheidung nur Euthanasie, die Sterbehilfe, sein kann.

Wie weit soll man gehen?

Für die Halter eines schwer kranken oder schwer verletzten Heimtiers gilt es, in diesem Fall Vernunft über Emotionen zu stellen, gewissermaßen loslassen zu können. Naturgemäß kann das enorm schwer fallen, gerade wenn das Haustier vom Menschen zeitlebens wie ein Partner oder ein Familienmitglied gesehen und umhegt worden ist.

„In dubio pro animale“, lautet der Grundsatz der Veterinäre. Im Zweifel für das Tier. Deutschlands Tierärzte formulieren in einer Selbstverpflichtung, dem vor einem Jahr auf einem Verbandstag beschlossenen Ethik-Kodex, unter anderem: „Wir Tierärztinnen und Tierärzte richten Tierbehandlungen stets am Wohlbefinden der Tiere aus und dürfen das Leben eines Tieres nur bei Vorliegen eines vernünftigen Grundes und mit der für das Tier am wenigsten belastenden Methode beenden.“

Belastend kann die Euthanasie an Tieren dabei nicht nur für Besitzer sein. Sondern auch für die Tierärzte, die – je nach Praxisgröße – manchmal mehrmals im Monat ein Heimtier einschläfern. Laut Umfragen haben sich 80 Prozent der Tierärzte für ihren Beruf entschieden, weil sie das Leben von Tieren retten, erhalten oder zumindest verbessern möchten. Sehen sie dann im individuellen Kontext Sterbehilfe als die beste, die letzte (Er-)Lösung an, kann ihnen das psychisch zu schaffen machen. Zumal dann, wenn beispielsweise zum tierischen Patienten und seinem Halter über Jahre eine enge Beziehung entstanden ist. Wie nun plötzlich den Abschied einleiten? Wie die Trauer begleiten? Wie die Seele des Halters streicheln, wo einem doch selbst elend zumute ist?

Fortbildungen sind gefragt

Fälle von Burn-out unter Tierärzten und tiermedizinischen Fachangestellten sind keine Seltenheit. Bundestierärztekammerchef Uwe Tiedemann sagt jedenfalls aus eigener Erfahrung: „Es gibt immer wieder Grenzfälle. Fälle, wo man abends im Bett grübelt: Hätte ich doch noch was tun können?“

An den wenigsten Hochschulen in Deutschland wird während des Veterinärstudiums auf solche belastenden Aspekte des Berufs eingegangen. Die Berliner Tierärztekammer bietet mittlerweile Fortbildungen zum Thema Sterbehilfe an. Außerdem wird derzeit an einer Art Leitlinie gearbeitet. „Uns ist sehr bewusst, dass es diese Probleme gibt“, sagt Kammerpräsidentin Heidemarie Ratsch. „Wir wollen noch mehr Angebote machen.“

Unsere Katze Lotti ist übrigens heute längst wieder ganz gesund. Über die Narbe ist Fell gewachsen, wie eh und je stromert sie draußen herum, fängt Mäuse, klettert auf Bäume. Alles ist, als ob nie etwas gewesen wäre. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine bange Zeit. Und der Dank an unsere Tierärztin.