Musik

„Mit Klängen wird seit Jahrtausenden geheilt“

Seit wann gibt es Musik? Und warum wirkt sie positiv auf die Gesundheit? Ein Interview mit dem Humanbiologen und Anthropologen Carsten Niemitz

Heilend: An der Charité spielt Musiktherapeutin Stephanie Scileppi für Mutter und Kind auf dem Monochord

Heilend: An der Charité spielt Musiktherapeutin Stephanie Scileppi für Mutter und Kind auf dem Monochord

Foto: Reto Klar

Wurde uns die Musik von der Evolution in die Wiege gelegt? Seit wann gibt es Musikinstrumente? Und warum kann Musik heilend wirken? Darüber sprachen wir mit dem Humanbiologen und Anthropologen Prof. Dr. Carsten Niemitz. Er ist pensionierter Professor der FU Berlin.

Welche Lebewesen sind eigentlich empfänglich für Musik? Selbst Pflanzen sollen ja auf akustische Reize reagieren.

Carsten Niemitz: Bei Pflanzen ist das meines Erachtens eher unwahrscheinlich. Sie haben ja keine Ohren, also kein Sensorium, mit dem sie akustische Schwingungen aufnehmen könnten. Auch das Argument, ihre dünnen Blättchen könnten als Resonanzfaktor dienen, wäre nur eine Mutmaßung.

Wie sieht das bei Säugetieren aus?

Da gibt es nur episodische Erfahrungswerte, keine echten Forschungsergebnisse. Bei Hunden und Katzen hat man eine Weckfunktion und stimulierende Wirkung von rhythmischer Musik beobachtet.

Gibt es bei unseren Vorfahren musikalische Ansätze?

Menschenaffen kommunizieren unterschiedlich. Die territorialen Rufe der Orang-Utan-Männchen nach Weibchen könnten durchaus eine musikalische Vorstufe sein. Bei einer Forschungsreise auf Borneo war ich eines Nachts im Urwald Zeuge einer solchen Kommunikation. Gibbon-Paare – lebenslang „verheiratet“ – steigern sich gar in regelrechte Duett-Gesänge, beim täglichen Sonnenbegrüßungs-Ritual etwa. Auch bei ihnen vermuten wir stimmungsabhängige Faktoren. Bei den Schimpansen sind diese offensichtlich. Erregung äußern sie durch lautes Rufen. Gorillas trommeln sich beim Imponieren mit den Fäusten auf die Brust. In dieser Emotionalität sieht die Wissenschaft eine mögliche Brücke zur Musik – und wie diese emotional wurde.

Gibt es Parallelen zum Menschen?

Ansatzweise durchaus. Die meisten Menschen reagieren emotional auf Musik, bei Konzerten sogar gemeinsam. Und jeder von uns hat schon einmal Ergriffenheit und Gänsehaut bei einem Hörerlebnis gespürt. Die Emotionen der Musik gehören zum evolutionären Erbe, das wir allerdings optimiert und verfeinert haben. Sonst würden wir nicht so kontrolliert reagieren.

Wie lässt sich bewusst kreierte Musik definieren?

Ein absichtlich erzeugtes Geräusch, das gehört werden soll – das ist die bescheidenste Definition einer Komposition. Das kann auch Percussion sein. So mag das Xylophon entstanden sein. Nach hölzernen Ur-Instrumenten: simple Scheite, die gegeneinander geschlagen wurden. Die Tradition lebt bis heute. In Radolfzell am Bodensee gibt es einen Wettbewerb: Dort wählt man zur Zeit der Fasnacht den „Klepperle-Prinzen“.

Wann begannen Menschen aktiv zu musizieren?

Eines der ältesten bisher bekannten Musikinstrumente ist die Knochenflöte. Das wohl älteste bekannte Musikinstrument wurde vor ca. 37.000 Jahren im Donautal aus einem Schwanenknochen geschnitzt. Wissenschaftler der Uni Tübingen entdeckten es vor zwölf Jahren in der Nähe von Ulm. Als Beispiel für den frühen musizierenden Homo sapiens ist der „Tanzende Schamane“ erwähnenswert. Sein ca. 20.000 Jahre altes Abbild wurde vor 100 Jahren zusammen mit prähistorischen Feuersteinwerkzeugen in der Höhle „Les Trois Frères“ in den französischen Pyrenäen gefunden. Die 70 cm hohe Wand-Gravur wird dem eiszeitlichen Cro-Magnon-Menschen zugeordnet und gilt als Indiz, denn: ohne Musik kein Tanz!

Stichwort Schamanen: ein Hinweis auf die heilende Funktion der Musik damals?

Nicht nur damals. Wahrscheinlich in allen Kulturen, die heute den Schamanismus kennen, wird es praktiziert: das Heilen mit Trommeln und Gesang. Dabei befindet sich der Heiler oft in Trance. Die Idee, das „Austreiben des Bösen“ zwecks Genesung, hat Tradition und findet sich auch in der Bibel. Die Beschreibung, wie König Saul durch die Klänge der Zither von bösen Geistern befreit wurde, ist ca. 1000 Jahre vor Chr. im Alten Testament notiert worden. Und historische Quellen berichten vom arabischen Arzt Haly Abbas, der um 950 n. Chr. kranken Kindern Musik vorgespielt hat, um ihre Schmerzen zu lindern und sie zum Einschlafen zu bringen. Heute arbeitet man in der Schmerztherapie wieder mit Musik. Dass mit beruhigender Musik Erleichterung bewirkt wird – bei Tinnitus und Migräne etwa – ist nachgewiesen. Und der Musiktherapeuten-Beruf ist inzwischen in Deutschland als solcher anerkannt.

Wie funktioniert die medizinische Wirkung?

Ob Musik heilen kann, hängt davon ab, wie der Zuhörer sie geistig aufnehmen und verarbeiten kann. Die Musiktherapie stärkt zielgerichtet diesen Mechanismus mit einfachen Musikinstrumenten wie dem Xylophon. Nach einer Hirnverletzung beispielsweise lernt ein Patient, sowohl das Zuhören als auch eine Bewegung mit einem bestimmten Zeitpunkt motorisch zu koordinieren. Er lernt, den passenden Ton in die richtige Zeit zu integrieren und dabei die Musik zu verstehen. Die therapeutische Wirkung wird bei Depressionen, psychotischen Angstzuständen, Parkinson, zerebralen Behandlungen nach Schlaganfällen oft erfolgreich angestrebt. Selbst bei Demenz kann mit sanfter Musik positiv Einfluss genommen werden. Entscheidend ist der beruhigende, krampflösende Effekt.

Klänge wecken also verschiedene Assoziationen?

Musik kann eine große Bandbreite transportieren. Durch heftigen Trommelwirbel Erregung, durch sanfte Musik Beruhigung. Und Mitgefühl natürlich. Der Wunsch zu heilen ist ja Ausdruck von Mitgefühl. Aber auch Gruppensolidarität und Zusammengehörigkeitsgefühl werden gestärkt, zum Beispiel bei musikalischen Massenveranstaltungen.

Wohin geht da die Entwicklung der Gegenwarts-Musik?

Musik ist eine individuelle, persönliche Erfahrung und vom Geschmack abhängig, hat aber auch viel mit unserer angeborenen Lernfähigkeit zu tun, der Musikakzeptanz. Jede Generation hat ja ihren eigenen Geschmack. Ich habe früher meine Eltern mit Jazz genervt, mein Sohn tut es bei mir mit Rap. Würde ich mich aber intensiv mit Rap-Musik beschäftigen, könnte ich ihr eines Tages vielleicht etwas abgewinnen.

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