Samenspende

Als er sein erstes Spenderkind traf, war er überwältigt

Martin Bühler arbeitete 15 Jahre lang als privater Samenspender. Hier spricht er über seinen außergewöhnlichen Job und Frauen im Ausnahmezustand

Martin Bühler hat ein Buch über seine Zeit als Samenspender geschrieben

Martin Bühler hat ein Buch über seine Zeit als Samenspender geschrieben

Foto: privat

Er sagt, es sei wie eine Sucht gewesen. 15 Jahre lang hat Martin Bühler, 43, als Samenspender gearbeitet. Sein Job hat ihn an eine Grenze geführt. Ein Gespräch über Frauen im Ausnahmezustand, Spenderkinder und das Glück, Vater zu sein.

Herr Bühler, Sie haben um die 100 Kinder gezeugt. Macht Sie diese Zahl stolz oder erschreckt sie Sie ein bisschen?

Martin Bühler: Ich bin mir sicher, dass die Welt weder schlechter noch besser geworden ist durch die Weitergabe meiner Gene.

Was wäre, wenn diese 100 Kinder plötzlich bei Ihnen vor der Tür stünden, um Ihnen zum Geburtstag zu gratulieren?

Ach, das würde mich nicht stolz machen, es würde mich aber auch nicht erschrecken. Ich sehe das genauso nüchtern wie die Paare, die auf Samenspenden angewiesen sind.

Sie sind heute verheiratet und Vater einer 15-jährigen Tochter. Wie geht sie damit um, dass sie 100 Halbgeschwister hat?

Eigentlich sehr cool. Ich habe ihr gesagt, diese Kinder sind entstanden, ohne dass ich zu den Müttern sexuellen Kontakt oder eine Beziehung gehabt hätte. Sie hat dann drei Tage darüber nachgedacht und mir ihre Fragen gestellt.

Was wollte sie denn wissen?

Nach welchen Kriterien ich die Mütter ausgesucht habe. Ich habe ihr erklärt, dass ich mich dabei auf mein Bauchgefühl verlassen habe. Aber natürlich habe ich mir die Familien vorher genau angeschaut. Man möchte ja, dass so ein Kind in einer stabilen Umgebung aufwächst.

Hatten Sie keine Angst, Ihre Tochter wütend oder traurig zu machen?

Doch, na klar. Die Reaktion war dann aber so, wie ich das auch mit Spenderkindern erlebt habe. Kinder gehen viel unverkrampfter mit diesem Thema um als der Rest der Gesellschaft.

Das Samenspenden, schreiben Sie in ihrem Buch, sei ein Nebenjob. Ist das nicht brutal, den Spenderkindern sagen zu müssen, man habe sie gezeugt, um Geld zu verdienen?

Dieses „nebenberuflich“ mag befremdlich klingen. Aber nüchtern betrachtet war es genau das. Andere haben während des Studiums für 450 Euro an der Tankstelle gejobbt, ich haben eben Samen gespendet. Ich war 21, als mein Vater plötzlich starb. Ich brauchte Geld, um mein Studium zu Ende zu bringen. Pro Samenspende gab es 100 Mark.

Sie schreiben auch, Kinder zu zeugen, sei viel mehr, als in einen Plastikbecher zu onanieren. Wann ist Ihnen das bewusst geworden?

Das ist mir erst Jahre später bewusst geworden. Ich bin da völlig naiv rangegangen.

Sie haben inzwischen 15 Ihrer Spenderkinder persönlich kennengelernt. Können Sie sich noch an die erste Begegnung erinnern?

Ja, das war mit Sophie, der achtjährigen Tochter eines lesbischen Paares. Ich bin einen Abend vorher angereist und habe mir aus Neugier schon mal das Haus angeschaut. Im Garten haben mehrere Kinder gespielt, aber Sophie habe ich sofort erkannt. Mein Instinkt hat mir das gesagt. Ich hatte vorher kein Foto von ihr gesehen.

Und wie war es, als Sie Sophie besucht haben?

Überwältigend. Mir liefen die Tränen übers Gesicht. Ich hatte bis dahin schon so viele Kinder in die Welt gesetzt. Doch was das bedeutet, wurde mir erst in diesem Moment bewusst. Ich sage das ganz ehrlich: Ich hatte Tage daran zu knabbern.

Und wie hat Sophie reagiert?

Total offen. Diese Kinder aus lesbischen Beziehungen wachsen ja schon mit dem Wissen auf: Da hat jemand geholfen! Nach fünf Minuten hatte sie alle Fragen abgehakt. Wir sind danach noch in den Zoo gegangen.

Haben Sie sich in ihr wiedererkannt?

Natürlich ertappt man sich dabei, dass man nach Ähnlichkeiten sucht. Aber es gilt, größtmögliche Distanz zu wahren. Ich glaube, das schaffen nur Männer. Einer Frau kann das gar nicht gelingen. Es ist eben doch ein Riesenunterschied, ob ein Kind im eigenen Leib heranwächst oder ob Sie nur das dafür erforderliche Sperma abgeben.

Haben Sie heute noch Kontakt zu Sophie?

Nein, ein bis zwei Treffen müssen reichen. Ich bin ja nur der Erzeuger. Das muss man auch sagen. Sonst machen sich die Kinder falsche Hoffnungen. Einige fragen, ob sie mich mal besuchen können. Ich sage dann, das geht leider nicht. Ich habe ja noch eine Tochter zu Hause.

Wie sind Sie denn selber aufgewachsen?

Ich komme aus einer Bilderbuchfamilie. Mein Vater war 20 Jahre älter als meine Mutter. Wenn wir sonntags spazieren gegangen sind, sind die beiden manchmal stehengeblieben, um sich zu küssen. Die haben sich echt geliebt. Aber sie konnten auf natürlichem Weg keine Kinder kriegen. Sie haben mich und meine Schwester nur mit Hilfe der Reproduktionsmedizin bekommen.

Dann sind Sie selber ein Spenderkind?

Nein, meine Eltern sind auch meine biologischen Eltern.

Wie selbstbewusst muss man sein, wenn man seine Gene verstreut und darüber auch noch ein Buch unter seinem richtigen Namen schreibt?

(lacht) Absolut selbstbewusst. An Selbstbewusstsein hat es mir nie gefehlt.

Sind alle Spender so im Reinen mit sich wie Sie?

Nein, viele sind verunsichert, seit das Oberlandesgericht Hamm 2013 entschieden hat, dass Kinder auch dann das Recht haben zu erfahren, wer ihr genetischer Vater ist, wenn die Samenbank den Spendern Anonymität zugesichert hatte. Viele müssen jetzt fürchten, dass eines ihrer Kinder vor der Tür steht.

Sie haben stets mit offenen Karten gespielt ?

Genau, ich habe nur einmal mit einer Samenbank zusammengearbeitet. Mich hat diese Anonymität immer gestört. Ich habe meine Auftraggeberinnen am Anfang über Kontaktanzeigen gefunden, später über Internetseiten wie www.spendesperma.com.

Aber die private Samenspende an ledige Frauen ist doch in Deutschland illegal.

Wir bewegen uns in einer rechtlichen Grauzone. Wie soll man nachprüfen, ob eine Frau von einem One-Night-Stand oder von einem Samenspender schwanger geworden ist?

Was glauben Sie, warum haben sich die Frauen gerade Sie ausgesucht?

Nicht nur, weil ich gut aussehe, sondern auch, weil ich so offen mit dem Thema umgehe. Außerdem habe ich keinerlei sexuelles Interesse an ihnen, das ist auch wichtig.

Für Sie kam Sex nie in Frage?

Nein, ich finde das abstoßend. Um mit einer Frau zu schlafen, gehört doch ein gewisses Feeling dazu. Der Wunsch, sie erobern zu wollen.

Einige Frauen haben Sie bei der Geburt begleitet. Warum?

Das waren Single-Frauen, die beruflich arriviert waren, aber keinen Partner hatten, um eine Familie zu gründen. Die haben gedacht, sie schaffen das allein. Aber kurz vor der Geburt haben sie eben doch Angst bekommen. Und deshalb bin ich mitgekommen. Ich habe bei der Geburt so gut geholfen, wie ich konnte. Dann einfach zu gehen ist hart. Aber du musst einen Cut machen.

Ihr Buch liest sich stellenweise wie ein Abenteuerroman. Hat Sie der Job süchtig gemacht?

Ja, das ist wie mit Blind Dates. Du weißt nicht, wen du triffst. Das war jedesmal ein Abenteuer.

Sie arbeiten heute als Autor und interessieren sich für Tabu-Themen. Kann es sein, dass es Ihnen nicht nur ums Geld ging, sondern auch um die Geschichten?

Nein, der Job liegt ja schon einige Jahre zurück. Damals habe ich nie daran gedacht, darüber ein Buch zu schreiben.

Einige Geschichten klingen unglaublich. Zum Beispiel die von dem Ehemann, der Sie in ein Hotel bestellt hat. Er wollte dort Sex mit seiner Frau haben. Sie sollten sich in einem Schrank verstecken und im entscheidenden Moment seine Rolle übernehmen.

Der Mann war unfruchtbar, seine Frau durfte davon aber nichts wissen. Er hatte ihr vor dem Sex die Augen verbunden. Sie sollte nicht merken, dass ich für ihn einspringe. Vorher bin ich aber getürmt.

Was für eine kranke Fantasie.

Ich weiß, das klingt unglaublich. Aber so war es. Ich hab noch ganz andere Dinge erlebt. Frauen, die besessen sind vom Kinderwunsch, befinden sich manchmal in einem absoluten Ausnahmezustand. Männer übrigens auch.

Das Buch: Martin Bühler. Meine 100 Kinder. Was ich als privater Samenspender erlebt habe. Riva Verlag, 9,99 Euro