Gesundheit

"Mütter warten zu lange, bis sie sich Hilfe suchen"

Die Diagnose Burn-out nimmt zu – gerade bei Müttern. Das liegt auch am modernen Frauenbild, sagt Anne Schilling vom Müttergenesungswerk

Anne Schilling ist Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks

Anne Schilling ist Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks

Foto: Müttergenesungswerk / BM

87 Prozent aller Mütter, die 2015 an einer Kurmaßnahme in einer vom Müttergenesungswerk anerkannten Klinik teilnahmen, litten an einem Erschöpfungssyndrom bis hin zum Burn-out. Damit hat sich diese Diagnose in den vergangenen 15 Jahren fast verdoppelt, sagt Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks. Hier erklärt sie, warum Familienarbeit krank machen kann und was sich bei Müttern und Vätern und in der Gesellschaft ändern muss.

Frau Schilling, Ihre Daten zeigen, dass sich immer mehr Mütter ausgebrannt fühlen. Woran liegt das?

Anne Schilling: Das hat ganz stark etwas mit dem modernen Frauen- und Mutterbild zu tun. Die Erwartungen an eine Mutter sind heute deutlich höher als früher, und diese Erwartungen haben die Frauen verinnerlicht. Die Frau von heute geht selbstverständlich arbeiten, aber zugleich soll und will sie eine gute Mutter sein. Das bedeutet nicht nur Erziehungsarbeit, Hausarbeit und für die Familie ständig verfügbar zu sein. Insbesondere Mütter werden heute auch für den Leistungserfolg der Kinder verantwortlich gemacht.

Was ist mit den "neuen Vätern"? Die Väter sind doch heute auch in der Pflicht...

Da klafft noch eine große Lücke zwischen Theorie und Praxis. Die Strukturen sind träge und verändern sich nur langsam. Ein Beispiel: Studien zeigen, dass sich junge Frauen und Männer heute eine gleichberechtigte Aufteilung der Familienarbeit und Berufstätigkeit wünschen. Doch tatsächlich sieht es, wenn die Kinder dann da sind, anders aus.

Wie denn?

Die Frauen nehmen vielfach eine tradierte Mutterrolle an, die sie eigentlich gar nicht wollten. Danach ist die Mutter ständig verfügbar und stellt ihre Bedürfnisse zugunsten der Familie zurück. Die neuen Väter wiederum wollen eine andere Beziehung zu ihren Kindern als Väter früher, und dafür tun sie auch etwas. Doch sie beziehen ihr Engagement nicht auf Hausarbeiten wie putzen, kochen, einkaufen, bügeln. Das erledigen überwiegend immer noch die Frauen, unabhängig vom Grad ihrer Berufstätigkeit. Allerdings wird das von den Männern nicht unbedingt anerkannt, was einen Belastungsfaktor darstellt.

Wie meinen Sie das?

Es gibt eine große AOK-Familienstudie, in der die Männer angaben, dass ihre Frau weniger als die Hälfte der Hausarbeit allein erledige. Der Großteil werde gemeinsam bewältigt. Die Frauen dagegen sagten: 80 Prozent der Hausarbeit mache ich allein. Die Leistung der Frauen wird also häufig gar nicht wahrgenommen oder unterschiedlich eingeschätzt. Mangelnde Anerkennung wird von Müttern in Kuren als Belastung genannt – neben ständigem Zeitdruck, beruflichen Anforderungen und dem Problem, Job und Familie zu vereinbaren.

Wie kann man das ändern?

Viele Mütter gehen über ihre Grenzen. Die Not der Frauen ist in der Gesellschaft kaum sichtbar und wird individualisiert. Dabei gibt es sie in den großen Städten genauso wie in kleineren Ortschaften und auf dem Land. Mütter wollen funktionieren und versuchen daher, die Fassade aufrecht zu erhalten. Sie nehmen die Aufgaben an und wollen sie sogar noch toppen, weil sie eine gute Mutter sein wollen. Dass sie sich damit an den Rand der Erschöpfung bringen oder sogar darüber hinaus, gestehen sie sich nicht zu. Viele erkennen das erst im Verlauf einer Kur im Austausch mit anderen Müttern und durch die therapeutischen Maßnahmen. Wir sollten viel mehr über das Mutterbild sprechen und Mütter unterstützen. Auch muss das Thema gleichberechtigte Hausarbeit in die Öffentlichkeit stärker thematisiert werden. Warum nicht mal eine große Plakataktion, um die Diskussion anzustoßen und Frauen den Rücken zu stärken? Auch verpflichtende Vätermonate können unterstützen.

Was können Paare denn privat tun?

Eltern müssen über die Aufgabenteilung in der Familie verhandeln und die Bedürfnisse von allen einbeziehen – immer wieder, am besten, bevor Kinder da sind. Auch Kinder können im Haushalt mithelfen. Keine Frage: Es ist ein mühsamer Prozess, in dem alle Seiten zu ihrem Recht kommen müssen. Der Prozess beinhaltet auch, dass Frauen lernen abzugeben oder auch mal Nein zu sagen. Aber damit sich wirklich etwas ändert, brauchen die Frauen die Bereitschaft und Unterstützung der Männer. Gleichberechtigte Arbeitsaufteilung in der Familie ist gesünder.

Waren Frauen früher eigentlich besser auf die Mutterschaft vorbereitet?

Zumindest war es einfacher, das Muttersein zu leben, weil die Rollen fest definiert waren. Heute gibt es nicht mehr diesen gesellschaftlichen Konsens, und auch die Familienverbände existieren nicht mehr zwangsläufig, was es jungen Eltern schwieriger macht, Unterstützung zu finden. Man muss sich andere Netzwerke suchen. Es ist hilfreich, im nahen Umfeld Vorbilder zu haben, wie man Familie leben kann. Auch deshalb wünsche ich mir mehr Öffentlichkeit. Das macht Mut und bringt neue Ideen, was man in der eigenen Familie verbessern kann.

Gibt es etwas, was unbedingt und vorbeugend gegen einen Burn-out hilft?

Aus den Erfahrungen in den Kurkliniken wissen wir, wie wichtig es für die Gesundheit ist, dass sich Mütter Raum für die eigenen Bedürfnisse nehmen und diese als gleichwertig betrachten zu denen der Kinder, der Familie, des Berufs. Natürlich kann man sich nicht alle Träume erfüllen, aber man muss auf sich selbst achten und für sich selbst sorgen. Mütter brauchen Zeit für sich und eigene Kraftquellen, ob im Sport oder mit der Freundin. Auch Paarzeit ist wichtig, in der man sich bewusst Zeit füreinander nimmt und sich austauscht.

Wo findet man Hilfe, wenn man unter starker Erschöpfung leidet?

Wir sehen bei den Frauen, die in die Kliniken kommen, dass sie oft zu viele Medikamente nehmen. Das Müttergenesungswerk hat einen ganzheitlichen und geschlechtsspezifischen Ansatz in den Kurmaßnahmen, der die gesamte Lebenssituation in den Blick nimmt. Darüber hinaus helfen unsere Beratungsstellen bei den Wohlfahrtsverbänden und Ärztinnen und Ärzte weiter. Um eine Kur zu beantragen, braucht man ein Attest und eine Empfehlung des Hausarztes. Mütter warten definitiv zu lange, bis sie sich Unterstützung suchen.

Mehr Infos, Beratung und Unterstützung:
www.muettergenesungswerk.de.
Kur-Telefon: 030 / 33 00 29 - 29

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