Kostümierung

Mein zweites Ich

Western, Mittelalter, 1920er-Jahre, Fantasy: Viele Menschen lieben es, in andere Welten einzutauchen. Vom Charme des Zeitreisens

Lust auf Verwandlung: Ralf Keber als Jack Hunter, Bürgermeister der Town Old Texas in Spandau

Lust auf Verwandlung: Ralf Keber als Jack Hunter, Bürgermeister der Town Old Texas in Spandau

Foto: Christian Kielmann

Wenn Ralf Keber in seinen hellbeigen Frock Coat schlüpft, ist er in seinem Element. Dann strafft der 58-Jährige mit der ohnehin schon imposanten Statur seine Schultern, streicht sich über den vollen Bart und fasst schließlich entschieden nach seinem Gehstock. Gestatten, Jack Hunter. Aus Ralf Keber, von Beruf Vermessungsingenieur, ist Jack Hunter geworden, Bürgermeister von Town Old Texas.

Gravitätisch schreitet Jack Hunter die Main Street seiner Stadt ab. Der Boden ist sandig hier in Old Texas, die untergehende Sonne färbt den Himmel orangerot. Vor Mary’s Saloon warten zwei Ponys auf ihre Cowboys, Südstaatenladys in prachtvollen bodenlangen Kleidern präsentieren sich auf der hölzernen Veranda. Der Bürgermeister schaut in der Bank nach dem Rechten, hält einen Plausch mit dem Gefängniswärter und begrüßt, natürlich, würdevoll die Besucher von Old Texas.

Einmal im Monat öffnet sich das Tor des palisadenumzäunten Western-Forts an der Paulsternstraße in Spandau. Mitten im Industriegebiet, neben Baumarkt und McDonalds, können Liebhaber des Country- und Western-Style in den texanischen Alltag nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs eintauchen, so um das Jahr 1870. Es gibt eine Flaggenparade, eine Quadrille, Line Dance, Cancan-Tänzerinnen, eisgekühlte Getränke und Steaks vom Grill. Eine Show? Ein Spiel? Für Ralf Keber und die anderen Vereinsmitglieder des Cowboy Club Old Texas Berlin 1950 e.V. ist es mehr als das. Es ist ihr Leben.

Aus mancher Leidenschaft wurde ein Geschäftsmodell

Ob Wilder Westen, Mittelalter oder Fantasy, die Roaring Twenties oder der japanische Verkleidungstrend Cosplay: Berlin ist ein Eldorado für Menschen, die es lieben, in andere Welten und Zeiten einzutauchen. Es gibt jede Menge Clubs, Vereine und inoffizielle Zirkel, in denen man auf Gleichgesinnte treffen und sich ausleben kann. Klamottenläden bieten die Ausstattung für jeden Stil und jeden Geschmack, das Nachtleben offeriert Live Shows, Motto-Partys, Festivals und Bars, in denen sich die Szene gleich an sieben Tagen in der Woche trifft. Nicht zuletzt wächst die Anhängerschaft des Live Action Role Play, kurz: LARP. Bei diesem Rollenspiel nehmen die Spielerinnen und Spieler die Identität eines fiktiven Charakters an, der meistens einer anderen Epoche oder der Sagenwelt entstammt. Dieser wird bis ins Detail gestaltet: von der Robe über den Sprachduktus bis hin zum Verhalten und der Geschichte, die er erlebt.

Viele Fans eines Style haben aus ihrer Leidenschaft ein Geschäftsmodell entwickelt. So sind Mittelaltermärkte aus dem Festkalender nicht mehr wegzudenken, und Burlesque-Shows haben kaum mehr etwas Exotisches. Besonders bleiben solche Angebote trotzdem. Denn die Besucher merken: Den Zeitreisenden geht es nicht vorrangig ums Geldverdienen. Vielmehr wollen sie andere Menschen an den Charme einer früheren Epoche heranführen, sie für einen außergewöhnlichen Lebensstil begeistern – und ihn nicht zuletzt selbst auskosten.

Grenzen überschreiten

In Kostüme zu schlüpfen, sagt Gertrud Lehnert, sei eine tolle Möglichkeit, sich auszuprobieren und seine Identität zu erweitern. Sie ist Professorin am Institut für Künste und Medien der Universität Potsdam und Expertin für Inszenierung und Maskerade. „Mit Kostümen können auch Erwachsene mit verschiedenen Optionen spielen und sich außerhalb des Alltags ausleben.“ Trends wie Cosplay führten indes noch weiter: Hier verlasse der Kostümierte die Wirklichkeit und tauche physisch regelrecht in die Vorlage ein – eine Figur aus einem Comic, einem Film oder einem Computerspiel. Auf diese Weise werde die Person Teil von einem Kunstwerk und könne es auch emotional erleben. Sie kann den Spaß daran gut nachvollziehen: Die Spiellust, sagt Gertrud Lehnert, stehe hier im Vordergrund. Auch für die Freude an der Mode aus vergangenen Jahrzehnten hat sie eine Erklärung: Mit ihr könne man Facetten von sich inszenieren, Grenzen überschreiten, spielen und zitieren.

Hier lassen wir die Fans anderer Welten und Zeiten selbst erzählen, was sie an ihrem Kosmos fasziniert. Was wir versprechen können: Sie alle eint jede Menge Fantasie und Kreativität – und ihre Begeisterung ist ansteckend.

Der Wilde Westen – Mitten in Berlin

Zusammenhalten – egal, was kommt. Das ist es, was Ralf Keber alias Jack Hunter einfällt, wenn man ihn nach den Werten fragt, die ihn an der Welt der Cowboys faszinieren. Der 1. Vorsitzende des Cowboy Club Town Old Texas Berlin 1950 e.V. ist Wildwest-Fan, seit er sich erinnern kann. Schon als Kind verschlang er die Bücher von Karl May, sah mit seinem Vater Westernfilme von Winnetou bis Bonanza. Damals war es vor allem das Abenteuer, das ihn reizte. Heute ist es das ungeschriebene Gesetz, jede Herausforderung gemeinsam durchzustehen.

Und Herausforderungen gibt es auch in der Westernstadt in Spandau genug. Wenn sie einmal im Monat ihre Tore öffnet, erleben die Besucher die glanzvolle Seite. In Mary’s Saloon gibt es in stimmungsvoller Kulisse kühles Bier, Whisky, deftige Kost und Gelegenheit zum Tanzen – von Line Dance bis Quick Step. Im mexikanischen Biergarten „Cantina“ werden Steaks vom Grill und Tequila angeboten. Die Druckerei ist geöffnet, in der die Fahndungsaufrufe nach flüchtigen Schurken gedruckt werden: „Wanted – dead or alive“. Auch eine Kirche, eine Bank und ein Gefängnis sind vorhanden, eine Apotheke, eine Stellmacher- und eine Sattlerwerkstatt, ein Militärmuseum mit Original-Gegenständen aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg sowie eine „Hall of History“, in der man alles über das Leben der Cowboys und Indianer erfahren kann. Weiterer Höhepunkt: die liebevoll ausstaffierte Trapperstation im Blockhaus.

„Die Town Old Texas ist die älteste Westernstadt in Deutschland und die einzige, die einen eigenen Song hat“, sagt Jack Hunter stolz. Truck Stop dichteten in den 1980ern: „Old Texas Town die Westernstadt liegt mitten in Berlin. Cowboys feiern überall, egal wohin sie ziehen. Sie haben Spaß am Feiern und einem neuen Spiel. Old Texas Town die Westernstadt liegt mitten in Berlin“.

In der Westernstadt gibt es immer was zu tun

Das ist, wie gesagt, die glanzvolle Seite. Doch hinter den Kulissen gibt es vor allem eines: viel Arbeit. 22 komplett begehbare Gebäude sind in den 66 Jahren entstanden, in denen der Cowboy Club Old Texas existiert. Und die werden von den Vereinsmitgliedern instand gehalten, ohne öffentliche Hilfe, ohne Zuschüsse. 100 Mitglieder zählte der Verein einstmals. Heute sind es noch 38 Mitglieder, 15 von ihnen zählt Jack Hunter zum „harten Kern“. Die viele Arbeit – sie ist nicht Jedermanns Sache. Zimmern, malern, reparieren, Rasen mähen, saubermachen: Auf dem 11.000 Quadratmeter großen Gelände gibt es immer etwas zu tun. Und wenn Veranstaltungen anstehen – die Westernstadt wird gern von Firmen oder Privatleuten gemietet –, dann übernehmen die Vereinsmitglieder auch noch andere Aufgaben: kochen, grillen, bedienen, Quadrille tanzen, durch die Museen führen.

„Wir sind der etwas andere Verein“, sagt Jack Hunter deshalb auch lachend. Wer nur feiern will, ist falsch im Cowboy Club. Cowboy spielt man nicht – Cowboy ist man, mit Haut und Haar. Jack Hunter kam im Jahr 2000 über seine Arbeit erstmals in die Town. 2008 übernahm er nach dem Tod des Gründers der Westernstadt, dem legendären Ben Destry, den Vereinsvorsitz. Für seine anderen Hobbys – das Motorradfahren und das Angeln – hat er seitdem nicht mehr viel Zeit. An sieben Tagen in der Woche ist er mittlerweile für die Westernstadt im Einsatz, und auch seine Frau Karin, 58, ist oft dabei.

Der Country-Style ist wieder im Kommen

Man trifft sie im Indianermuseum, wo sie Besuchern die Perlenarbeiten in der Vitrine erklärt. Manche wurden von Vereinsmitgliedern gefertigt, andere von Reisen mitgebracht. Es gefalle ihr, mit den Besuchern zu reden, sagt sie. So geht es auch Martin, 70. Er mimt heute den Sheriff und zeigt sich gewillt, alle, die den Frieden der Town stören, in die mit schweren Eisengittern gesicherten Zellen einzubuchten. Seine Frau Alise, 72, steht derweil in einem prächtigen hellblauen Kleid in Mary’s Saloon hinterm Tresen. Seit morgens ist sie auf den Beinen, hat den Saloon auf Hochglanz poliert. Sie hat bei einem Sommerfest vor 26 Jahren ihr Herz an die Town verloren. „Hier ist ein tolles Publikum, viele Stammgäste, und alles ist nicht kommerziell“, sagt sie. „Das gefällt mir – und es hält mich jung!“

Mit einem strahlenden Lächeln wendet sich Alise wieder den Gästen zu. Viele sind wie die Vereinsmitglieder schon etwas älter, aber auch einige junge Leute sind dabei. Etwa Lisa, 18, gekleidet im Karohemd. Sie war schon als Kind mit ihren Eltern in der Town. Die schätzten die unkomplizierte Atmosphäre und die moderaten Preise. „Ich mag die Musik“, sagt Lisa. Heute hat sie ihre Freundin Laura, ebenfalls 18, mitgebracht. Normalerweise gehen die beiden in coole Berliner Clubs. „Aber es ist auch mal nett, in guter Gesellschaft zu plaudern“, findet Laura. Die schönen Häuser in der Westernstadt, die rustikale Einrichtung: Das beeindruckt sie. Der Country-Style – er ist wieder im Kommen.

Willkommen in den Wilden Zwanzigern

„Lassen Sie Ihre Hemmungen an der Tür! Betreten Sie eine dekadent verbotene Welt des Überflusses, der Skandale und Intrigen! Tanzen Sie durch die Nacht mit den Schönen und Verdammten!“ So klingt es, wenn Le Pustra, Else Edelstahl, Bridge Markland, Lada Redstar, Julietta La Doll, Suri Sumatra, Annabel Sings, Mama Ulita und andere schillernde Figuren Gäste zu ihrem „Kabarett der Namenlosen“ empfangen. Es ist eine Show im Salonstil der Goldenen 1920er-bJahre – und eine Bühne für Menschen, die diesen Stil nicht nur lieben, sondern leben.

Erfinderin und Produzentin des Kabaretts ist Else Edelstahl. Ihr Künstlername steht schon lange in ihrem Personalausweis, und nur wenige Menschen sprechen die 35-Jährige mit dem platinblonden Bubikopf und den tiefroten Lippen überhaupt noch mit ihrem Geburtsnamen an. Wahrscheinlich, weil beide Identitäten über die Jahre miteinander verschmolzen sind. 1999 kam Else Edelstahl nach Berlin. 2004 begann sie, privat Salons im Stil der 1920er-Jahre zu veranstalten. „Meine Freunde und ich wollten edle Kleidung tragen und stilvoll feiern, aber ich war auch fasziniert von den vielen technischen, künstlerischen und gesellschaftspolitischen Neuerungen dieser Zeit und der Schnelligkeit, mit der die Veränderungen um sich griffen“, berichtet sie.

Bei den Salons gab es Vorträge über technische Erfindungen, spiritistische Sitzungen, literarische Lesungen. „Ab 24 Uhr öffnete dann die Absinthbar, der Salon ging über in eine wilde Party und am Ende lagen alle knutschend auf dem Boden“, erinnert sich Else Edelstahl lachend. Aus diesen Anfängen entwickelte sich ihre Firma „Edelstahl Events & Productions“, die unter dem Label „Bohème Sauvage“ künstlerische Shows und mondäne Partys in ganz Deutschland veranstaltet. Auch Anfragen aus Mailand, Rom und New York hat Else Edelstahl schon, die Szene ist weltweit vernetzt.

„Man muss diese Zeit leben und lieben“

Doch geht Else Edelstahl nicht auf jede Offerte ein. Die Wellenlänge muss stimmen. „Unsere Veranstaltungen sind ja nicht irgendwelche Veranstaltungen“, sagt sie. „Es geht uns um Authentizität, aber nicht im Sinne von historischer Korrektheit, sondern von Originalität. Man muss diese Zeit leben und lieben, von innen heraus.“ Das erwartet sie nicht nur von Geschäftspartnern, sondern auch von Gästen. Sie sollen nicht als Touristen kommen, sondern sich als Teil des Geschehens verstehen. Und sich nicht verkleiden, sondern dem Anlass entsprechend kleiden. Wer das beherzigt, kann mitunter erleben, dass – wie bei Else Edelstahl selbst – Kunst und Realität verschmelzen: Auf ihren Events, erzählt sie, hätten sich schon viele Paare gefunden.

Das Ballhaus Berlin in der Chausseestraße, Schauplatz der aktuellen Kabarettshow und Party, ist nach Else Edelstahls Geschmack. Hier kann man sich ganz in die vergangene Zeit fallen lassen. Am Eingang bekommt der Besucher 50 Millionen Reichsmark, die er im Casino bei Roulette, Poker oder Blackjack vermehren kann. Verführerische Femmes Fatales und kokette Girls flanieren mit ihren männlichen Begleitern durch die Räume. Und im gedimmten Licht zwischen den schweren roten Vorhängen gibt es viele Möglichkeiten, sich näher zu kommen und eine intime Atmosphäre zu genießen. So mag es Else. „Else ist eine Lebedame. Sie ist verrucht und hat viele Affären“, verrät Else Edelstahl. Und so mag es auch ihr ureigener Charakter: „Extreme und Exzesse – das interessiert mich, seit ich denken kann.“

Mit der Welt der 1920er-Jahre schafft sich die 35-Jährige die Freiheit, Freizügigkeit zu leben. Und sie kann ihre Wertschätzung für Dinge mit Geschichte pflegen. Es ist nur konsequent, dass zu ihrem kleinem Imperium auch ein Kleider- und Kostümverleih gehört. 80 Damen- und 40 Herren-Outfits im Stil der 1920er-Jahre hält der Laden „Le Boudoir“ bereit, den sie mit Geschäftspartnerin Tilda Knopf in der Boxhagener Straße in Friedrichshain betreibt. Dazu Accessoires wie Federschmuck, Turbane, Monokel, Gehstöcke. Mit einer Leihgebühr ab 50 Euro ist man dabei. Und eine magische Nacht kann beginnen.

British Style – mitten in Berlin

Schlechtes Wetter und mieses Essen. Teatime um fünf. Hobbies wie stundenlanges Beobachten von Vögeln durch Ferngläser im Nieselregen. Und, vor allem: nie große Begeisterung zeigen. Das – neben dem berühmten rabenschwarzen Humor – ist „very british“. Ebenso: im Pub übelst betrunken sein, wenn der Wirt „last order“ ruft, dabei aber aussehen wie aus dem Ei gepellt. Übertreiben darf man es mit der Eleganz allerdings auch nicht, geht doch das Gerücht, der echte Englishman lege seine Barbour-Jacke vor dem ersten Tragen auf den Waldboden und führe ein paar Mal mit dem Landrover darüber. Ein bisschen shabby muss schon sein.

Christoph Tophinke ist auch einer, der sich nie in nagelneuer Kleidung fotografieren lassen würde. Und der froh ist, dass der heiße Berliner Spätsommer nun vorbei ist. „Das Gute an England ist, dass es da immer nass und kalt ist“, sagt er. Der Hund aus Stein, der am Eingang seines Geschäfts in der Schlüterstraße wacht, sollte eigentlich ein Schild um den Hals tragen: „born to be british“. Es ist eines der Mottos des Chelsea Farmers Clubs. Auch, wenn in dem gleichnamigen Laden und Gentlemen’s Club in der Hauptsache Kleider, Schuhe und Accessoires feilgeboten werden, ist dies nicht eine der üblichen schicken Modeboutiquen der West-Berliner City. Es ist Christoph Tophinkes zweites Wohnzimmer, vielleicht sogar sein zweites Ich.

Schuhlöffel mit Antilopengriff für den Gentleman

„In einer Wohnung muss man überall eine Sitzgelegenheit haben, mit einer Bar daneben, damit man sich jederzeit etwas zu trinken nehmen kann“, sagt der Rotblonde im rotweißgestreiften Hemd. Das gilt auch für den Chelsea Farmers Club. Und wie sich das für einen ordentlichen Gentlemen’s Club gehört, stehen nicht nur Bücher in den Regalen mit Titeln wie „The Chamber of Curiosity“, sondern auch ein paar Fläschchen mit Gin und Wodka. Daneben Gläser. Jeder Flaneur kann sich einen Schluck genehmigen, bevor er sich umsieht zwischen den Kleiderstangen, Schuhlöffeln mit Antilopengriff und Dachshaar-Rasierpinseln.

„Der Chelsea Farmers Club ist alles, was ich kann und was ich habe“, sagt Tophinke. Als Teenager habe er einmal überlegt, was er machen möchte mit seinem Leben. Heraus kam eine Liste, „über der bin ich verzweifelt, weil ich nicht wusste, was ich von all dem denn nun machen sollte“. Also ging er mit Mitte Zwanzig zum Fernsehen. Danach baute er Möbel, schrieb Buch- und Plattenkritiken sowie eine Zeitungskolumne, erlernte den Beruf des Herrenschneiders, organisierte Parties – bis er auf die Idee mit dem Chelsea Farmers Club kam.

Der Name ist Programm, denn der „CFC“ ist kein Eliteclub, wie auch seine Kleidung nicht allein für Hochwohlgeborene gemacht ist. Er mache „Anziehsachen“, sagt er. „Designer, das sind die Jungs in Mitte.“ Und aus Mitte ist er weg, wo er, der täglich im Maßanzug an der Tür stand, komisch beäugt wurde. Inmitten der Hipster, die den Bezirk gekapert haben, mit ihren coolen Shirts und Gummilatschen. Und wo es so ganz anders war als in der Londoner Kings Road, wo er sah, wie ein 60-Jähriger im Rolls Royce vorfuhr. Das Hemd aber „völlig vollgesabbert“. Keiner habe sich umgedreht, bewundert der 48-Jährige die Ungerührtheit der Briten und ihre Fähigkeit, fünfe gerade sein zu lassen.

Kombination von Unkombinierbarem

Mit seiner Kleidung, Kleinserien aus eigenem Entwurf, positioniert Tophinke sich klar. Kleidung ist für ihn eine Lebenseinstellung. Und die darf auch im Alltag exzentrisch sein. Grellbunte Socken, wie sie auch His Royal Highness, der Prince of Wales, trägt, liegen neben bunten Cordhosen und gestreiften Hemden. So eines trägt auch Tophinke, dazu beigefarbene kurze Hosen und Segelschuhe aus Tweed. Der Tag ist zu heiß für Socken. Trotzdem zieht er für das Bild ein dunkelblaues Jackett an. „Kein Foto ohne Jacke!“, sagt er bestimmt.

Die Club-Regeln des CFC sind die, die für jeden Gentlemen gelten: Der Träger dieser Kleidung ist ein freier Mann. Er sollte niemals wilder tanzen, als sein Gemüt ihm befiehlt, keinesfalls aufgefordert werden, Sandalen und kurzärmelige Hemden zu tragen, und nie mehr trinken, als er verträgt. Bezeichnenderweise entstanden die Statuten „morgens um fünf hartbesoffen an der Bar“. Tophinke lacht über den Widerspruch. Den darf es geben für einen wie ihn, denn: „Das Englische an der englischen Haltung ist die Negation aller Vorhersehbarkeit. Ein bisschen schlampig, ein bisschen abgetragen, ein bisschen ausgewachsen, die Kombinationen von Unkombinierbarem. ,Comic relief’ nennen sie das in England. ,Chelsea Farmers Club’ nennen wir es.“

Adressen:

Town Old Texas , Paulsternstraße 18, 13629 Berlin-
Spandau. Nächste Öffnung am 1. Oktober ab 18.30 Uhr.
Sitzplätze: 8 Euro, Stehplätze: 5 Euro.
Mehr Infos: www.old-texas-town.de
Le Pustra’s Kabarett der Namenlosen, 17., 18., 20. und 21. September 2016 im Ballhaus Berlin, Berlin-Mitte.
Mehr Infos: www.boheme-sauvage.de Chelsea Farmers Club, Schlüterstraße 50,
10629 Berlin-Charlottenburg.Mehr Infos: chelseafarmersclub.de