Bürgerengagement

Vereine und Kulturscheunen machen Dörfer lebendig

Diplom-Volkswirt Manuel Slupina erklärt, wie Bürger die Verödung ganzer Landstriche stoppen können. Er hat die Wanderungsbewegungen im Osten Deutschlands untersucht

Manuel Slupina ist  Diplom-Volkswirt am Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Manuel Slupina ist Diplom-Volkswirt am Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Foto: privat / BM

Wie kann man die Verödung der Dörfer stoppen? Warum können sich manche Dörfer in Brandenburg über Zuzügler freuen, auch aus Berlin, und andere nicht? Darüber sprachen wir mit Manuel Slupina vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Der Diplom-Volkswirt hat die Bevölkerungsentwicklung auf dem Land und erfolgreiche Dorf-Modelle eingehend untersucht.

Herr Slupina, es heißt immer wieder, dass es jede Menge Städter aufs Land zieht. Aber auch, dass immer mehr Dörfer überaltern. Stadtflucht oder Landflucht: Was herrscht vor in der Region Berlin-Brandenburg?

Manuel Slupina: Beides stimmt ein Stück weit. Betrachtet man entlegene Dörfer weit weg vom Ballungsraum Berlin, etwa in der Uckermark, der Niederlausitz oder der Prignitz, dann zeigt sich, dass vor allem junge Leute ihren Wohnort verlassen und auch in der Familienphase nicht zurückkehren. Je näher man an Berlin herankommt, desto stärker ist die Strahlkraft der Hauptstadt. Der Umkreis von 40 Kilometern rund um Berlin ist demografisch stabil, viele Dörfer und Kleinstädte wachsen sogar. Die Region ist äußerst attraktiv, weil es Arbeitsplätze gibt und ein großes kulturelles Angebot.

Was macht Dörfer besonders erfolgreich? Mit anderen Worten: Was braucht ein Dorf, um Bürger zu halten oder sogar neue zu gewinnen?

Es ist interessant zu beobachten, dass man auch in einem schrumpfenden Umfeld immer wieder kleinste Dörfer findet, die wachsen. Das sind oft die, die ein reges Vereinsleben haben oder ein ausgeprägtes zivilgesellschaftliches Engagement. Bürgerbusse, Pflegenetzwerke, Kulturscheunen oder selbstverwaltete Dorfläden wie in Seddin: Das sind Modelle, die ankommen und einer Abwärtsspirale entgegen wirken können.

Wie lässt sich ein solches positives Umfeld schaffen? Braucht es mehr Infrastrukturprojekte?

Wir haben festgestellt, dass solche Modelle eher funktionieren, wenn die Bürger sie mitgestalten. Sie spüren am besten, was fehlt, also welche Versorgungsformen notwendig sind. Es gibt zum Beispiel oft Gründe, warum ein Dorfladen nicht mehr läuft. Weil sich die Bürger mehr wünschen als nur Lebensmittel, nämlich die Bündelung vieler Leistungen unter einem Dach, also z.B. zusätzlich einen Postschalter, eine Sparkasse, kulturelle Angebote. Seddin ist dafür ein gutes Beispiel. Dort ist ein lebendiger Treffpunkt entstanden, zu dem die Leute schon deswegen kommen, weil sie wissen, dass immer was los ist. Ein anderes gutes Beispiel sind die Bürgerbusse, die es in Nordrhein-Westfalen gibt. Ehrenamtliche Fahrer fahren dort mit Kleinbussen über die Dörfer und schließen damit Lücken im Nahverkehr. Das ist eine gute Idee. Beide Beispiele zeigen aber auch ein anderes wichtiges Element: die Mitwirkung der Bürger.

Warum ist es so wichtig, dass sich die Bürger an solchen Projekten persönlich beteiligen?

Was die Busse angeht, braucht es schlichtweg Leute, die bereit sind, einen Bus zu fahren. Aber die Beteiligung sorgt auch für Bindung. Die Menschen, die sich für einen Dorfladen engagiert und ihn mit aufgebaut haben, werden ihm eher die Treue halten. Und sie sind auch eher bereit, für eine Packung Eier oder Quark etwas mehr auszugeben. Doch auch die Unterstützung von Politik und Verwaltung ist unabdingbar. Sie müssen die notwendigen Freiräume schaffen. Es braucht niedrigschwellige Förderangebote, gerade finanzielle Mittel ohne viel Bürokratie. Sonst sind engagierte Bürger auch schnell wieder entmutigt.

Was ist mit wichtigen Einrichtungen wie Arztpraxen und Schulen? Welche Mittel haben Dorfbewohner hier, um sie zu erhalten?

Solche Einrichtungen können Bürger natürlich nicht selbst betreiben. Aber auch hier müssen neue regionale Lösungen gefunden werden. Es gibt schon einige erfolgreiche Beispiele, die Mut machen, etwa die rollende Zahnarztpraxis in der Uckermark, Gesundheitszentren mit mehreren Zweigpraxen oder die Gründung von sogenannten Schulsprengeln in Südtirol. Dort gibt es einen Schul-Hauptort, von dem aus kleinere Schulen mitversorgt werden. Solche Modelle könnten Schule machen.

Was schätzen die Menschen heute am Landleben, was an der Stadt?

Das haben wir nicht untersucht. Wir können aber sagen, dass die Vorlieben je nach Alter sehr unterschiedlich sind. Wenig überraschend ist, dass gerade junge Leute zwischen 18 und 24 Jahren von großen Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern fasziniert sind. Viele Menschen bleiben in der Familienphase, also im Alter zwischen 30 und 50, in der Stadt. Gleichzeitig sind Familien aber auch die Gruppe, die es noch am ehesten aufs Land zieht und dann mitunter sogar weit hinaus in entlegenere Winkel. Senioren wiederum sind wenig mobil. Doch wenn sie sich für einen Umzug entscheiden, dann wählen sie häufig Städte zwischen 10.000 und 50.000 Einwohnern im näheren Umkreis. Das nahe gelegene Versorgungszentrum hat für sie also mehr Attraktivität als eine weit entfernte Millionenstadt. Das ist eine große Chance für die sogenannten Mittelzentren: Die, die sich gut aufstellen, können den Zuzug fördern. Für die kleinen Dörfer wiederum ist diese Tendenz ein zusätzlicher Schlag: Erst wandern die Jungen ab, dann auch noch die Älteren.

Die Studie „Im Osten auf Wanderschaft“ ist erst vor wenigen Monaten erschienen. Hat die Untersuchung überrascht?

Wir haben für die Studie die Wanderungsbewegungen in knapp 2700 Gemeinden zwischen 2008 und 2013 untersucht. Die zentrale Erkenntnis war, dass die Abwanderung in den Westen zum Erliegen gekommen ist. Überrascht hat uns allerdings, dass lediglich 15 Prozent der untersuchten Gemeinden einen positiven Wanderungssaldo verzeichnen können. Es gibt also trotz des allgemeinen Trends große Unterschiede. Die Schere zwischen prosperierenden Gemeinden und entlegenen Dörfern geht weit auseinander. Eine Trendwende ist nicht absehbar.

Welche Prognose gibt es für Brandenburg?

Brandenburg zeigt durch die Hauptstadtnähe insgesamt eine deutlich positivere Entwicklung als andere ostdeutsche Flächenländer. Aber auch andere Großstädte und ihr Umland im Osten werden zunehmend als attraktiv empfunden, etwa Leipzig, Erfurt, Jena, Rostock. Berlin-Brandenburg sollte sich auf seinen Erfolgen also nicht ausruhen.