Reisetrends

„Sightseeing allein reicht nicht mehr“

Wohin geht es dieses Jahr in den Sommerferien? Reiseforscher Prof. Dr. Ulrich Reinhardt über Haustauschferien und die Lieblingsziele der Deutschen

Prof. Dr. Ulrich Reinhardt vom BAT Forschungsinstitut für Zukunftsfragen

Prof. Dr. Ulrich Reinhardt vom BAT Forschungsinstitut für Zukunftsfragen

Foto: M.Kuhn / BM

Die Schulferien stehen vor der Tür, viele Familien haben die Koffer schon gepackt. Wohin zieht es die Deutschen in diesem Jahr? Was macht den Urlaub in privaten Unterkünften attraktiv? Und was mögen Touristen an Berlin? Fragen an Reiseforscher Prof. Dr. Ulrich Reinhardt, 45, Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg.

Herr Prof. Reinhardt, haben Sie schon mal auf einer Couch gesurft?

Ulrich Reinhardt: Bisher noch nicht. Ich kenne es nur als Phänomen.

Fakt ist: Immer mehr Urlauber steigen gern in privaten Unterkünften ab, in Zimmern von Air B‘n‘B oder als Tauschpartner von Wohnungen oder Häusern. Ist Social Travelling die Zukunft des Reisens?

Auch in Zukunft werden die meisten Gäste in Hotels übernachten. Jedoch suchen immer mehr Reisende Authentizität. Sightseeing allein reicht nicht mehr. Gesucht wird auch der Kontakt zu den Menschen vor Ort. Ein Hotelzimmer ist meistens austauschbar. In der Wohnung eines Einheimischen zu übernachten ist dagegen ein unverwechselbares Erlebnis. Man fühlt sich plötzlich gar nicht mehr als Tourist.

Berlin hat im vergangenen Jahr die Rekordquote von 30 Millionen Übernachtungen geknackt. Was macht die Faszination der Hauptstadt aus?

Berlin ist und bleibt eine Weltstadt, die man gesehen haben muss. Die Geschichte der Stadt, ihre Szeneviertel, ihr Nachtleben, all das wollen Touristen hautnah erleben. Allerdings hat sich der Städtetourismus weiterentwickelt. Am Anfang ging es darum, Metropolen wie London, Paris oder Berlin zu besuchen. Jetzt sind kleinere Orte wie Bremen oder Schwäbisch Hall attraktiv. Die ködern Touristen mit historischen Innenstädten, besonderen Museen oder Festspielen.

Gerade die Deutschen reisen für ihr Leben gern. In keinem anderen Land der Welt fliegen so viele Menschen in den Urlaub wie hier. Ist es zu Hause zu schrecklich oder geht es uns zu gut?

Weder noch. Reisen hat seit jeher eine hohe Faszination, und die meisten Bürger verbringen ihren Urlaub ja im eigenen Land. Dass wir so viel unterwegs sind, liegt an den guten Voraussetzungen. Mit knapp 29 Tagen Urlaub im Jahr haben wir viel Zeit, unterwegs zu sein. Auch das Urlaubsbudget lässt das bei der Mehrheit zu. Das liegt bei 1100 Euro pro Person für den Sommerurlaub.

Auf der Liste der beliebtesten Urlaubsorte steht Spanien seit Jahrzehnten auf Platz eins. Was hat Spanien, was Deutschland nicht hat?

Spanien begeistert mit der Kombination aus Sonne, Strand und Meer. Es hat zudem ein gutes Preis-Leistungsverhältnis und eine ausgeprägte Gastfreundschaft.

Spanien profitiert auch davon, dass einige Länder als Urlaubsziele wegen Terrorgefahr kaum noch gefragt sind. Ist die Angst berechtigt?

Wir Deutschen halten zwar nichts von Panikmache, aber natürlich will man Sicherheit vor Ort. Für viele ist die derzeit weder in Nordafrika noch in Teilen der Türkei gegeben. Ich bin aber recht optimistisch, dass die Deutschen in einigen Jahren wieder dorthin zurückkehren. Die Türkei wird vermutlich schon im nächsten oder übernächsten Jahr wieder ein beliebtes Reiseziel sein. Es sei denn, es passieren noch mehr Anschläge in touristischen Gebieten.

Was wäre die Alternative: Ganz weit weg nach Australien - oder Urlaub auf Balkonien?

Urlaub daheim ist für fast jeden zweiten Bundesbürger ohnehin Realität, wenn auch oft nicht freiwillig. Es fehlt das Geld. Und wenn nicht Spanien, dann eben ein anderes Land am Mittelmeer. Griechenland, Kroatien, Frankreich oder Italien werden dieses Jahr zulegen.

Und was ist mit Fernreisen? Zum Beispiel in die Karibik oder auf die Malediven?

Die sind nur für jeden zehnten Deutschen interessant. Sie sind zwar beliebt, aber man muss sie sich eben auch leisten können.

Was sucht die Mehrheit der Menschen im Urlaub?

Für die Mehrheit gelten zwei Hauptmotive: Das eine ist der Kontrast zum Alltag, das andere ist die Erholung.

Und dann fahren die Deutschen ausgerechnet dorthin, wo schon Millionen anderer Deutsche die Liegen mit Handtüchern okkupiert haben, auf die Kanaren oder die Balearen?

Die Urlaubsqualität wird dort sehr hoch bewertet. Und wenn man einmal zufrieden war, kehrt man eben immer wieder gerne zurück. Vor Ort teilen sich zudem die Touristenströme. Die einen lieben es, mit vielen anderen am Strand zu liegen, Handtuch an Handtuch, nach dem Motto: Wo viel los ist, erlebe ich auch viel. Andere zieht es eher in eine einsame Finca im Landesinneren.

Zeigt der Spanien-Boom die Dialektik des Reisens: Man möchte einerseits von zu Hause weg, andererseits soll alles wie zu Hause sein?

Es gibt die Theorie, dass der Urlaub die Fortsetzung des Alltags ist – unter netteren Voraussetzungen. Man kann länger schlafen und wird umsorgt. Dazu kommt das gute Wetter. Was dann noch fehlt, ist deutsches Essen, Bier und das Fernsehprogramm. Und auch das gibt es mittlerweile fast überall.

Als deutscher Urlauber geht man ja gern in Deckung, wenn man andere deutsche Urlauber erspäht. Ist das eigentlich ein typisch deutsches Phänomen?

Das ist in der Tat typisch deutsch, sich nicht gleich als Deutscher zu outen. Obwohl die deutschen Urlauber weltweit zu den beliebtesten Gästen überhaupt gehören.

Woher rührt dann diese Scheu?

Viele schätzen die Individualität beim Reisen und wollen lieber für sich bleiben, sei es mit der Familie oder mit der Reisegruppe. Dazu kommt wohl auch der fehlende Patriotismus.

Wann, glauben Sie, starten die ersten Urlaubsflüge ins Weltall?

Für eine halbe Million schwerelos durchs All zu schweben, das wird erst in vierzig Jahren möglich sein. Den Massentourismus wird das nicht beeinflussen.