Tradition

Lass uns schreiben!

Es gibt sie noch: Menschen, die im Computer-Zeitalter das Handschriftliche pflegen. Wir stellen passionierte Briefeschreiber und professionelle Liebesbotschafter vor

In der „Schreibstatt“ werden Liebesbotschaften nach genauer Anweisung der Kundschaft gefertigt

In der „Schreibstatt“ werden Liebesbotschaften nach genauer Anweisung der Kundschaft gefertigt

Foto: Joerg Krauthoefer

Hand aufs Herz, wann haben Sie zuletzt einen Liebesbrief bekommen? Handgeschrieben, mit Füller auf Büttenpapier, jedes Wort ein Bekenntnis zu Ihnen?

Einen Brief zu schreiben, das hat im digitalen Zeitalter etwas rührend Altmodisches. Doch wir haben Menschen gefunden, die diese Tradition, diese Kulturtechnik wie eine Schatz pflegen. Hier stellen wir sie vor.

Schnell eine E-Mail oder WhatsApp tippen, das kann heute schließlich jeder. 2015 wurden in Deutschland 537,1 Milliarden E-Mails und 243,46 Milliarden Nachrichten über WhatsApp verschickt. Dagegen nimmt sich die Zahl der 20,5 Milliarden von der Post beförderten Briefe verschwindend gering aus, wobei 85 Prozent auch noch Werbepost sind. Der Liebesbrief dürfte innerhalb der restlichen 15 Prozent nochmal ein Aschenputtel-Dasein fristen. Wer macht sich heute noch die Mühe, auf ein, zwei, drei oder vielen DIN-A4-Seiten sein Herz zu öffnen?

Lore Birkner ist professionelle Briefeschreiberin

Lore Birkner kennt die Antwort. Sie ist eine von 75 so genannten Schönschreiberinnen der „Schreibstatt“. „Manufaktur für handgeschriebene Unternehmenskommunikation“, so nennt sich dieses Unternehmen, das 2013 in Kreuzberg gegründet wurde. In der Schreibstatt werden Briefe per Hand verfasst. Den Schrift-Typus können sich die Kunden auf der Homepage aussuchen. 90 Prozent von ihnen sind Firmen, zehn Prozent Privatkunden. In erster Linie Männer. Sie wünschen Liebesbriefe oder Verzeih-mir-Briefe.

Lore Birkner, 63, hat alles schon gehabt. Ihre Handschrift ist die Schrift eines Mädchens, das älter geworden ist. Die Buchstaben kühn nach rechts geneigt, die Vokale schön bauchig und so gleichmäßig, dass man zweimal hinschauen muss, um sich zu vergewissern, dass es tatsächlich eine Handschrift ist und keine verschnörkelte Typographie aus dem Computer. Vier Seiten schafft Lore Birkner pro Stunde, 7,08 Euro kostet das pro Seite, plus 1,18 Euro fürs Kuvert. Der Liebesbrief als Dienstleistung,

Lore Birkner sieht es pragmatisch. Die Schreibstatt schließt eine Marktlücke. Und sie profitiert von einem Problem, von dem die Handschriften-Trainerin Susanne Dorendorff sagt, es sei eine Folge verfehlter Schulpolitik. 1969 wurde neben Schönschreiben als Unterrichtsfach auch die lateinische Schreibschrift abgeschafft. Heute beginnen die Abc-Schützen das Schreiben zumeist mit Druckbuchstaben, bevor sie in der zweiten Klasse auf die Vereinfachte Ausgangsschrift umsteigen. Wissenschaftler stellen fest, dass jeder dritte Junge und jedes zehnte Mädchen nicht leserlich schreiben kann.

Vor Lore Birkner, ehemals Grundschullehrerin, liegt der Brief eines Kunden. Er ist erst 16, aber es geht ihm wie vielen Auftraggebern. Ihn hat der Blitz getroffen, in einer Diskothek. Er sah das Mädchen, traute sich aber nicht, es anzusprechen. Deshalb hat er einen Brief verfasst. Lore Birkner hat ihn in ihrer ruhigen Mädchenschrift abgeschrieben. Es ist eine Arbeit, die aufs Gelenk geht. Nach langen Arbeitstagen, sagt sie, müsse sie ihre Hand mit einem Kühlpad kühlen. Im Büro merkt man ihr die Anstrengung nicht an. Man hört nur, wie ihr Füller über das schwere Papier kratzt. Rechtschreibfehler hat sie auch korrigiert, hier ein „das“ mit „ss“, dort ein vergessenes „e“ im „Wiedersehen“. Alles mit im Service enthalten.

In der Schreibstatt haben sie schon ganz andere Schreiben gestemmt. 39-seitige Bitte-komm-zurück-Briefe oder einen Liebesbrief mit pornographischem Unterton. Lore Birkner sagt: „Es war das einzige Mal, dass ich bei der Arbeit rot geworden bin.“ Selbst, sagt die Single-Frau, habe sie in den vergangenen 30 Jahren keinen Liebesbrief bekommen, jedenfalls keinen handgeschriebenen. „Aber einen per E-Mail.“ Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Immerhin.“

Bei Martin Schröder bestellen Adelige ihr Briefpapier

Papier, es riecht nach Papier. Und auch sonst scheint die Zeit stehen geblieben zu sein in dieser Druckerey, die sich altdeutsch mit „ey“ schreibt und den Duft von Geschichte atmet, wie alles, womit sich ihr Betreiber umgibt. Gestatten, Schröder.

Herr Schröder ist zwar erst 49 Jahre alt, ein groß gewordener Junge im himmelblauen Hemd, dem die Haare langsam ausgehen. Aber er hat sich schon den Ruf erworben, so etwas zu sein wie ein Ein-Mann-Ältestenrat für Menschen, die ihre Briefe noch mit der Hand schreiben und diese Technik mit einer Liebe kultivieren, die an Obsession grenzt.

Papier, Tinte, Schrift. Das ist eine Wissenschaft für sich. Herr Schröder könnte zu jedem Kapitel abendfüllende Vorträge halten. Er ist Schriftsetzer und Drucker von Beruf, einer der letzten in Deutschland, die noch mit Bleisatz und mit Schriften arbeiten, die so alt sind, dass sie nur noch sporadisch von Menschen mit Adelstitel bestellt werden. Herr Schröder sagt, das seien Kunden, die noch Wert auf Tradition legten, weil ihre Stammbäume bis ins 14. Jahrhundert zurückreichten. Er lächelt versonnen.

Schröder ist ein wandelndes Lexikon fürs Briefeschreiben. Sein Wissen hat er zwischen zwei Buchdeckeln verewigt, in der „Stilkunde der kleinen Drucksache. Entwurf und Typographie von Visitenkarte und Brief“. Wer wissen will, welches das beste Briefpapier ist (glattes Büttenpapier von Zerkall) oder die beste Stahlfeder (eine japanische Spreizfeder von Pilot), wird bei ihm fündig.

Seine Druckerey ist eine Wohnung im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses, die er sich zur Werkstatt ausgebaut hat. Innen sieht es aus wie in einem Museum. Zwei uralte Maschinen füllen den hinteren Raum aus. Die „Heidelberger Tiegel“, der Mercedes unter den Druckmaschinen. Vorn steht ein großer Arbeitstisch zwischen Setzregalen, die randvoll mit Buchstaben gefüllt sind. Darauf liegt sein jüngstes Werk: „Chefinnen in bodenlangen Jeansröcken“. Es ist der Reprint längst vergriffener Bücher von Max Goldt, dem großen Satiriker. Er ist ein Freund von Herrn Schröder. Schröder schnappt sich eine Lupe und blättert das Buch durch. Er sagt, er habe sich hier richtig austoben können, selten gewordene Schrifttypen wie die Frakturschrift, typografische Elemente. Er strahlt.

Der Inhalt, lernt man, ist ihm genauso wichtig wie die Form. Und die Liebe zur Literatur hätten ihm seine Eltern mitgegeben, die Mutter Kinderbuchlektorin, der Vater Journalist. Sie nahmen ihn als Kind oft mit zur Arbeit. Das war in den 1970er-Jahren. Martin, wie Herr Schröder heißt, verfiel dem Charme des Papiers. Er erlebte, wie Schriftsteller handgeschriebene Manuskripte im Verlag abgaben und Layouter die Fotos für den Offset-Druck manuell klebten. Von hier war es nur ein kleiner Schritt bis zur Arbeitsgemeinschaft für junge Schriftsetzer im FEZ Berlin, das zu DDR-Zeiten Pionierpalast Ernst Thälmann hieß. Herr Schröder sagt, dort habe ihn seine Mutter angemeldet, nachdem er den Akkordeon-Unterricht geschmissen hatte. Der Junge sollte was Kreatives machen. Er hat eine Ausbildung zum Schriftsetzer gemacht, das Handwerk aber erst 2003 wiederentdeckt, nach brotlosen Jahren als freier Feuilleton-Journalist. Von seinem Erfahrungsschatz profitieren jetzt Briefeschreiber auf der ganzen Welt. Büttenpapier, bedruckt mit dem Briefkopf der Auftraggeber, so etwas gibt es eben in keinem Copyshop.

Herr Schröder sagt es nicht ohne Stolz. Schröder heißen viele, aber Herrn Schröder gibt es nur einmal. Darum nennt er sich Martin Z. Schröder, damit das klar ist. Sein eigenes Briefpapier schmückt ein Bär, der ein aufgeklapptes Buch in der Hand hält – eine Reminiszenz an seine Berliner Heimat und die Zunft der Buchdrucker. Seine Schrift ist erstaunlich schnörkellos für einen Stilpapst. Er sagt: „Die gefällt mir nicht so gut.“

Seine Kunden sind Grafiker, Schriftsteller, Schauspieler, TV-Moderatoren. Nicht zu vergessen IT-Fachleute. Menschen, die sonst den ganzen Tag auf einen Monitor starren. Für handgedrucktes Briefpapier greifen sie tief ins Portemonnaie. 260 Euro für 100 Blatt Briefpapier muss man springen lassen.

Berliner verirren sich nur selten in die Druckerey. Aber die, die regelmäßig kommen, seien echte Profis, sagt er. Ines Hanika ist so eine, Autorin bekannter Berlin-Romane. Neulich hat sie ein Papier made in Japan gesucht. Es war das erste Mal, dass man den Stilpapst ratlos erlebte. Er sagt: „Da musste ich leider passen.“

Marie Jankowski erledigt sogar Geschäftspost mit der Hand

Schnörkel sind nicht ihr Ding. Marie Jankowski ist genauso straight, wie man sie sich vorstellt, wenn man sie noch nicht kennt, nur ihre Geschäftsbriefe oder Rechnungen. Und die verschickt sie täglich aus ihrem Büro. Nicht per E-Mail, sondern handgeschrieben und per Fax.

Die 62-Jährige ist Inhaberin einer der ältesten Berliner Papeterien, dem „Ararat“ im Bergmannkiez. Postkarten, Briefpapier, Notizblöcke, Tagebücher: Der Laden ist eine Fundgrube für Menschen, die gerne schreiben und Wert darauf legen, persönliche Zeilen schön zu verpacken.

Ob sie nicht Kunden kenne, die ihre Briefe noch per Hand schrieben, so richtig schön altmodisch, hatte man sie am Telefon gefragt. Verlegenes Schweigen am anderen Ende. Dann war es ihr herausgerutscht. Nein, da falle ihr keiner ein. Aber sie selbst erledige noch alle Korrespondenz per Hand. Und sie hatte sich leicht geräuspert und etwas von einer Software gemurmelt, mit der sie noch immer fremdele.

Jetzt sitzt man ihr an ihrem Büro-Schreibtisch gegenüber. Gerade hat sie einen Brief an ihren Vermieter geschrieben. Bevor sie ihren japanischen Tintenroller aus der Hand legt, fügt sie noch ein „mfG“ und ihren Namen hinzu, „mjankowski“. Ein Blick auf den Brief, und man ahnt, dass der Hinweis auf ihre Probleme mit dem PC eigentlich nur eine Ausrede ist. Ihr Schriftbild erinnert an Hieroglyphen. Die Buchstaben schmiegen sich nicht ohne eine gewisse Eleganz aufs Papier, sehr lang, sehr cool, sehr selbstbewusst. Kein Zweifel: Marie Jankowski schreibt gern. Nicht nur geschäftlich, auch privat. „Anlasslos“ und immer auf glatter Bütte, da ist sie eigen. Sie sagt, beim Schreiben könne sie sich wunderbar entspannen. Es habe beinahe etwas Meditatives. Und ihre Schrift, die könne sich doch auch sehen lassen. Sie sagt, die habe sie entwickelt, als sie ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt und in Frankfurt am Main mit dem Studium begonnen habe. Altphilologie und Romanistik. Schreiben als Akt der Emanzipation. „Damals hatte ich noch so eine brave Mädchenhandschrift.“

1983 zog sie nach Berlin und schmiss das Studium. „Das Akademische war nicht so meine Welt“, sagt sie. Freunde von ihr hatten einen Verlag gegründet und einen Laden in der Bergmannstraße gemietet. Den Verlag gibt es nicht mehr, aber die Papeterie und der Kunstposterladen vis-à-vis überlebten. Die Preisschilder schreibt sie bis heute selbst in ihrer schönen Schrift. Sie ist zu einem Markenzeichen geworden, nicht nur für Marie Jankowski, auch für ihre Läden. Sie sagt: „Schreiben, das bedeutet, Spuren zu hinterlassen. Und dann soll es doch wenigstens hübsch aussehen.“

Aber was sagen ihre Geschäftspartner zu ihren handgeschriebenen Faxen? Muss sie sich nicht die Frage gefallen lassen, ob sie mit ihren Hieroglyphen in der Steinzeit steckengeblieben sei? Ungläubiges Staunen. Nein, sagt sie. Sie sei ja schon seit dreißig Jahren im Geschäft. Ihre Partner habe sie sich selbst ausgesucht. Alles Kreative, so wie sie. Die fänden das okay.

Privat wird es aber offenbar schwieriger. Sie sagt, ihre Familie in Süddeutschland sei jetzt auch in einer WhatsApp-Gruppe vernetzt. Neuigkeiten tausche man per Handy aus. Das geht schneller, als Briefe zu schreiben. Weshalb sie sich jetzt auch ein Iphone angeschafft habe. Sie sagt: „Wenn ich meinem Neffen einen Brief schreiben würde, würde der vor Schreck in Ohnmacht fallen.“

Paul Berger schreibt Briefe ins Gefängnis

Ein leeres Blatt Papier. Er sagt, er habe Angst vor dem ersten Satz gehabt. Was schreibt man einer Frau, die man gar nicht kennt? Von der man nur weiß, dass sie Fatma heißt, 28 Jahre alt ist und seit vier Jahren im Knast sitzt? Nicht wegen Mordes oder Totschlags, sondern wegen ihrer politischen Überzeugung.

Paul hat lange überlegt. Dann hat er in seiner krakeligen Jungsschrift geschrieben: „Hallo Fatma. Ich bin Paul. Du bist ja schon eine Weile im Gefängnis. Und ich finde, Du solltest wissen, dass es draußen Menschen gibt, die an Dich denken.“ Er sagt, die ersten Worte kosteten immer die größte Überwindung. Der Rest sei beinahe von allein gegangen. Wie das eben so ist, wenn man eigentlich nicht gerne schreibt, weil man seine Handschrift nicht mag und es am PC viel schneller geht. Aber mit Menschen, die hinter Gittern sitzen, ist das doch etwas anderes. Paul sagt, so ein handgeschriebener Brief sei viel persönlicher als ein maschinengedruckter. Er erzähle etwas über den Absender. „Da entsteht eine Verbindung über die Worte hinaus.“

Paul Berger, 32, ist angehender Jurist. Einer, dem man nicht ansieht, dass er sich selber den Autonomen zugehörig fühlt. Paul trägt seine Gesinnung nicht spazieren, deshalb will er in dieser Geschichte auch nicht unter seinem richtigen Namen erscheinen. Er engagiert sich in der „Roten Hilfe“, das ist eine Organisation, die politische Gefangene aus dem linken Spektrum unterstützt. Menschen, die in Konflikt mit dem Gesetz geraten sind, weil sie die Bahngleise für einen Castor-Transport blockiert oder sich auf einer Demo gegen Rechts geprügelt haben. Paul berät sie in juristischen Fragen, für ihn eine gute Gelegenheit, um berufliche Erfahrungen zu sammeln. Briefe schreiben gehört zum Job dazu. Schließlich betreut die Rote Hilfe auch Strafgefangene. In erster Linie sind es Angehörige der in Deutschland verbotenen militanten Untergrundorganisation PKK.

Drei Dutzend sind es in Deutschland, und das Bedürfnis nach Briefkontakten ist groß. Paul sagt, im Knast werde der Gebrauch von Handys, Ipads und Computern streng reglementiert. Briefe zu schreiben, sei die wichtigste Form der Außenkommunikation, wenn auch keine unbefangene. „Fatmas Briefe werden kontrolliert und gelegentlich auch abgefangen, wenn die Leitung der Ansicht ist, dass die Briefe den Anstaltsfrieden gefährden.“

Fatma sitzt seit vier Jahren in einer Justizvollzugsanstalt in Deutschland, vier weitere Jahre muss sie noch. Sie war mal Gebietsleiterin der PKK. Paul sagt, das reiche für so eine lange Gefängnisstrafe. Mit der PKK kann er nichts anfangen. Er sagt, deren Kämpfe stünden ihm fern. „Wir schreiben uns keine Flugblätter.“ Und was Fatma verbrochen habe, wolle er lieber gar nicht so genau wissen. Das unterscheide ihn vielleicht von anderen, die Brieffreundschaften mit Strafgefangenen pflegen: Ihm fehle der voyeuristische Thrill. Was ihn und Fatma verbinde, sei eher so ein Grundgefühl für eine gemeinsame Sache. Paul formuliert es so: „Die PKK bemüht sich ja auch um die Emanzipation der Frau.“

Fatma lebt seit vier Jahren in einer Einzelzelle, zwei mal vier Meter. Gefangen in einem Alltag, in dem es kaum Abwechslung gibt außer dem Job in der Knastbibliothek, dem Kochen mit Mitgefangenen und den Besuchen der Familien. Fatma jammert kaum. Paul sagt, wie es in ihr aussehe, wisse er natürlich nicht. Über Persönliches schreibe sie nur am Rande. Und so hält er es auch. Gerade hat er ihr erzählt, was er auf einer Demo erlebt hat. „Da trifft man inzwischen genauso viele deutsche Teilnehmer wie Linke mit Migrationshintergrund.“ Eine Zeichnung hat er auch an den Rand gekritzelt. Einen Löwenzahn, der durch einen Riss im Pflaster wächst.

Trotzdem glaubt er, Fatma besser zu kennen als manche Kommilitonen, denen er täglich in der Uni begegnet. Nach einem halben Jahr schickte sie ein Foto, und sie sah ungefähr so aus, wie er sie sich vorgestellt hatte, nach ihrer Schrift, die eher kantig ist als mädchenhaft. Das Gesicht ernst, aber entschlossen. Paul sagt: „Mich beeindruckt ihre Stärke. Manchmal irritiert sie mich aber auch.“

Achtklässler pflegen die deutsch-amerikanische Freundschaft – per Brief

Brief oder E-Mail? Sie hat die Antwort ihren Achtklässlern überlassen, und die Abstimmung fiel eindeutig aus. Fast alle Schüler aus Julia Bollhofs achter Klasse entschieden sich für den Brief. So richtig schön altmodisch, mit Füller, Briefpapier, Kuvert und Briefmarke.

Julia Bollhof, 27, ist Referendarin an der Caspar-David-Friedrich-Schule in Lichtenberg und Amerika-Fan, seit sie als Au-Pair in den USA war. Sie unterrichtet die Klasse in Englisch. Ein tolles Fach, finden ihre Schüler. Wenn... ja, wenn man dafür nicht so viel Vokabeln pauken müsste. Aber neuerdings machen viele das freiwillig. 18 von 27 Schülern haben jetzt Brieffreunde in den USA.

Es sind Achtklässler aus einer Kleinstadt im Bundesstaat Pennsylvania namens Reading. Ihr Lehrer fand die Idee einer transatlantischen Brieffreundschaft genauso toll wie Julia Bollhof. Im März kam zum ersten Mal Post aus den USA. Ein großer DIN-A4-Umschlag mit achtzehn Briefen. Geschrieben auf deutsch, sollen sie von den Berliner Schülerinnen und Schülern auf englisch beantwortet werden. Aus dem Stapel konnte sich jeder einen Kandidaten aussuchen. Irma, 13, entschied sich für Jared, der sich im Deutsch-Unterricht in Amerika „Udo“ nennt.

Dass sie lieber Briefe schreiben als emailen oder whatsappen würde, das stand für Irma genauso fest wie für die anderen. „Am Handy daddeln wir ja täglich rum“, sagen sie. Einen Brief zu schreiben, das sei etwas Besonderes. Whatsapps gingen hier rein, da raus. Ein Brief aber bleibe. Man gebe sich mehr Mühe. Man schlage vorher Vokabeln nach. Ja, man lasse die Lehrerin vorher sogar nochmal draufgucken. Und die Handschrift? Für die meisten auch kein Problem. Nur Dani tippte ihren Brief lieber am PC. „Auch, weil der mir bei der Suche nach den richtigen Wörtern hilft.“

Wenn nur das lange Warten auf Antwort nicht wäre. Einige Wochen hat das zuletzt gedauert. Jetzt haben in den USA die Sommerferien begonnen. Und die Berliner haben ihre Brieffreunde um ihre private Postadresse gebeten, damit es schneller geht. Irma zum Beispiel hat nämlich eine brennende Frage an Jared. Wie zum Teufel kommt der auf den Namen Udo?