Drogenkonsum

„Die Kinder müssen Konsequenzen erleben“

Suchtexperte Ottmar Hummel rät: Wenn der Nachwuchs Drogen konsumiert, sollten Eltern frühzeitig und konsequent durchgreifen

Ottmar Hummel ist leitender Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Westend-Klinikum

Ottmar Hummel ist leitender Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Westend-Klinikum

Foto: Oana Popa / BM

Ottmar Hummel ist Leitender Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in den DRK Kliniken Berlin Westend. Im Interview erklärt er, wie man Drogensucht beim Nachwuchs erkennt und was Eltern tun können.

Was sind das für Jugendliche, die zu Alkohol und Drogen greifen?

Ottmar Hummel: Meiner Ansicht nach nehmen Jugendliche nicht in erster Linie Drogen, weil sie Probleme haben, wie häufig vermutet wird. Sondern es gehört zum pubertären Risikoverhalten, Neues auszuprobieren. Jugendliche, die viele Freunde, Hobbys und Freizeitaktivitäten haben, sind weniger gefährdet als solche, die sich den ganzen Tag langweilen oder „chillen“. Drogenanfälliger sind auch sozial unsichere Kinder, die es nicht schaffen, Konflikte zu bewältigen oder in der Schule Probleme haben. Natürlich sind auch familiäre Probleme ein Risikofaktor. Allerdings legen viele Therapeuten das Augenmerk zu sehr auf die familiäre Thematik. Eine harmonische Familie allein hilft aber nicht, ein Kind vor Drogen zu schützen.

Aus was für Elternhäusern kommen drogenanfällige Jugendliche?

Sucht ist schichtübergreifend. Wir kennen allerdings Familienkonstellationen, in denen Jugendliche leichter in die Sucht abgleiten. Zum einen die sozial schwachen Familien mit wenig Erziehungskontrolle. Zum anderen Familien, in denen die Eltern beruflich sehr eingebunden sind und gleichzeitig die Kinder viel Geld in der Hand haben. Die Eltern bekommen vieles von der Entwicklung ihrer Kinder nicht mit und fallen dann aus allen Wolken, wenn sich der Drogenkonsum offenbart. Problematisch ist auch die „Luxusverwahrlosung“ von Kindern. Eltern, die ihrem Kind jede Anstrengung ersparen wollen oder die glauben, mit Geld könne man jedes Hindernis aus dem Weg räumen.

Müssen junge Menschen nicht ihre Erfahrungen machen? Wo bleibt die freie Entscheidung?

Ich halte es für gewagt, im Zusammenhang von Drogen von Freiheit zu sprechen. Statt Freude in sozialen und kreativen Zusammenhängen zu erleben, werden junge Menschen abhängig von Substanzen. Gute Gefühle verschaffen sie sich dadurch, dass sie eine Pille einwerfen. Statt Sport zu machen oder eine Herausforderung zu bewältigen, sitzt der Konsument auf der Couch und belohnt sich für das Nichtstun. Abhängigkeit ist das Gegenteil von Freiheit und Kreativität. Menschen, die Drogen nehmen, sind nicht selbstbestimmt. Sie leben in einer Scheinwelt. Das erlebe ich auch bei Drogen konsumierenden Eltern, die zu mir in die Beratung kommen. Sie halten oft Termine nicht ein, liegen häufig den ganzen Tag im Bett oder sitzen vor dem Bildschirm und geben viel Geld für fragwürdige Dinge aus. Übrigens: Ein Drittel der Kinder von Alkoholikern wird später selbst süchtig.

Wann muss man von Drogensucht sprechen?

Die Warnsignale sind nicht immer leicht zu erkennen, denn in der Pubertät verändern sich alle Heranwachsenden. Misstrauisch würde ich werden, wenn der Jugendliche plötzlich alle Freizeitaktivitäten aufgibt, die ihm zuvor Struktur gaben. Wenn er nur noch mit seiner Peergroup abhängt und den ganzen Tag „chillt“. Wichtig ist es, die soziale Entwicklung aufmerksam zu beobachten. Ich bin immer wieder schockiert, wie lange Eltern manchmal warten, bevor sie aktiv werden. Manche schauen jahrelang zu, bis das Kind zum Schulverweigerer geworden ist oder sogar eine psychische Krankheit entwickelt hat.

Sollten Eltern mit Kindern über Drogen reden?

Unbedingt. Verharmlosen ist gefährlich. Besser ist es, anhand von Beispielen aus dem Bekanntenkreis vor den Folgen zu warnen. Es gibt kaum eine Familie, die keinen Angehörigen hat, der unter einer Sucht leidet. Wenn das Kind schon mit dem Drogenkonsum begonnen hat, hilft meist „nur reden“ nicht mehr. Die Kinder müssen Konsequenzen erleben, sonst glauben sie, sie müssten nichts ändern. Jugendliche sagen häufig: So lange meine Mutter nur redet, hat es keine Folgen. Sie verlieren dann oft den Respekt.

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind schon Drogen genommen hat?

Auch wenn der Jugendliche nur einmal gekifft hat, sollte sofort ein ernsthaftes Gespräch folgen. Hilft das nicht, gibt es eine Reihe von Maßnahmen, die Eltern ergreifen können: Sie können das Taschengeld streichen oder eine vorübergehende Ausgangssperre verhängen. Das kann gut funktionieren, denn es unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Eltern. Die Jugendlichen sind letztendlich noch abhängig. Schwierig wird es, wenn der Drogenkonsum fortgeschritten ist. Dann wird viel getrickst und gelogen.

Wenn Drogenkonsum zum pubertären Probierverhalten gehört, löst sich das Problem dann nicht irgendwann ganz von allein?

So einfach ist es leider nicht. Das Gehirn von Minderjährigen reagiert empfindlich. Alkohol- oder Drogenkonsum prägt es auf ein Schema. Es kommt zu einer Persönlichkeitsveränderung. Das Gehirn glaubt, es habe ein Recht auf eine „Belohnung“, ohne etwas dafür zu leisten. Die Langzeitschäden: Die Jugendlichen bleiben in ihrer Entwicklung stehen. Das Versäumte lässt sich häufig nie mehr aufholen. Der Antrieb, das Leben zu gestalten, geht verloren. Zur Pubertät gehört es, sich abzulösen, selbstständig zu werden und eine Eigenmotivation zu entwickeln. Wer in dieser Zeit Drogen genommen hat, wirkt oft mit Mitte Zwanzig noch „verplant“ und hat immer tausend Entschuldigungen parat, warum er sein Leben nicht in die Hand nimmt.

Ab wann darf ein Jugendlicher mal ein alkoholisches Getränk oder einen Joint zu sich nehmen?

Je früher der Jugendliche anfängt, sich mit einer Substanz zu belohnen, desto schlimmer. Je später, desto besser. In den USA ist Alkohol erst ab 21 erlaubt. Das finde ich gut. Ich plädiere für eine „Suchtvolljährigkeit“.