Drogenkonsum

Wenn aus Spaß Ernst wird

Schon Zwölfjährige konsumieren Alkohol und Cannabis. Viele Eltern fühlen sich von Schulen und Ämtern alleingelassen. Was tun?

Lust, Grenzen zu überschreiten: Jugendliche reichen einen Joint weiter

Lust, Grenzen zu überschreiten: Jugendliche reichen einen Joint weiter

Foto: dpa Picture-Alliance / Martin Ruetschi / picture-alliance / dpa

Sabine Hinzes Tochter fing mit zwölf Jahren an zu kiffen. Wie sehr die Sucht das Mädchen im Griff hatte, merkte die Mutter erst viel später – als eines Tages der Lehrer vor der Tür stand. Die Tochter hatte über Wochen ihr Schülerpraktikum geschwänzt. Die Mutter hatte davon gar nichts mitbekommen. Sie schulte die Tochter um: von der Montessori-Schule in Zehlendorf auf ein Potsdamer Gymnasium in gutem sozialen Umfeld. Doch zum Leidwesen der Mutter wurde die Tochter auch dort von Klassenkameraden gut mit Stoff versorgt.

Sabine Hinze ging mit dem Mädchen zur Suchtberatung und war schockiert. Dort sagte man ihrer Tochter nur, sie müsse selbst entscheiden, was sie mit ihrem Leben anfangen wolle. Mit den Noten ging es immer weiter bergab. Schließlich landete sie auf der Hauptschule. Auf dem Schulhof wurde gedealt. Dramatisch fand das offenbar keiner. Die Mitarbeiterin vom Jugendamt sagte nur: „In dem Alter kiffen doch alle.“

„Eine gefährliche Verharmlosung“ nennt das Sabine Hinze. Heute ist sie Vorsitzende des Landesverbandes der Elternkreise Berlin-Brandenburg. In den Selbsthilfegruppen sind Angehörige von suchtgefährdeten und süchtigen Kindern organisiert. Vor 45 Jahren gegründet und bundesweit aktiv, werden in den Elternkreisen in Berlin jährlich bis zu 2500 Eltern beraten – telefonisch, online oder in Gesprächsrunden.

Immer wieder heißt es: „Das sind Einzelfälle“

Sabine Hinze weiß mittlerweile: Was sie mit ihrer Tochter erlebt hat, passiert gar nicht so selten. Wenn der Nachwuchs Drogen wie Cannabis oder Alkohol konsumiert, verzweifeln viele Mütter und Väter fast an der Situation. An die Kinder kommen sie nur schwer heran, von der Schule und den Ämtern fühlen sie sich alleingelassen. Immer wieder heißt es: „Das sind Einzelfälle.“ Doch tatsächlich ist der Drogenkonsum schon bei jungen Heranwachsenden weit verbreitet.

Die größte Rolle spielen bei den Zwölf- bis 17-Jährigen Tabak und Alkohol. In den vergangenen Jahren gab es durch Aufklärungskampagnen zwar einen deutlichen Rückgang beim Rauchen wie auch beim Alkoholkonsum zu verzeichnen. Doch immer noch werden jedes Jahr mehr als 15.000 Fälle von Krankenhauseinweisungen aufgrund von Alkoholvergiftungen bei Kindern und Jugendlichen im Alter von zehn bis 17 Jahren registriert, heißt es im Drogen- und Suchtbericht 2016. Haschisch haben laut dem Bericht im vergangenen Jahr bundesweit 6,6 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen konsumiert, viele davon regelmäßig. In Berlin konsumieren 11,7 Prozent der 15- bis 17-Jährigen Jugendlichen Cannabis, weiß die Landesdrogenbeauftragte Christine Köhler-Azara. Damit hält die deutsche Hauptstadt den Rekord.

Sabine Hinze nahm die Sache schließlich selbst in die Hand. Weil die Tochter aus dem Cannabis-Sumpf nicht mehr herauskam, versuchte die Mutter, sie in einer Klinik unterzubringen. Doch keine wollte das Mädchen nehmen. Erst als die Mutter unter Tränen der Berliner Morgenpost ihre Notlage schilderte, kam alles ins Rollen. Plötzlich klappte es mit dem Klinikplatz ganz schnell. Doch wie viele Süchtige brauchte die Tochter bis zur Genesung mehrere Runden und eine lange Therapie. Heute ist sie 24 und seit vielen Jahren clean.

Ist den Schulen ihr Ruf wichtiger?

Die Tragweite der Situation wird verkannt, finden die Mitglieder der Elternkreise. In der Schule werde zwar wahrgenommen, wenn ein Kind schwänze. Hinterfragt werde dies jedoch weniger. „Die Eltern werden oft wochenlang nicht informiert und der wahre Grund für das Schulversagen wird geleugnet“, sagt Sabine Hinze. „Gehandelt wird nach dem Motto: ,Bei uns gibt es so etwas nicht. Wir haben einen guten Ruf zu verlieren.’“ Dabei ist die Bildungsstätte häufig sogar der Hauptumschlagplatz. Die meisten Jugendlichen kommen ausgerechnet an der Schule zum ersten Mal in Kontakt mit Drogen.

Und auch an Aufklärung mangelt es. Während über die Gefahren von Tabak und Alkohol die meisten Kinder und Erwachsenen recht gut informiert sind, hält sich bei Cannabis hartnäckig das Vorurteil, es sei eine „weiche Droge“, ein pflanzliches Mittel oder sogar Medizin. Dabei weiß man längst, dass der Wirkstoff THC süchtig macht und dem „Gras“ chemische Zusätze beigemischt werden.

Etwa 20 Prozent der Cannabiskonsumenten kiffen fast täglich. Die Folgen regelmäßigen Konsums sind katastrophal. Cannabis beeinträchtigt die Konzentrationsfähigkeit, das Denkvermögen und damit die Schulleistungen. Wer eine Abhängigkeit entwickelt, bekommt häufig sein Leben nicht mehr auf die Reihe und kann dennoch nicht mehr von dem Stoff lassen. Es besteht das Risiko schwerer psychischer Krankheiten wie Schizophrenie.

Lehrer sind überfordert

Wenn Eltern merken, dass ihre Kinder Drogen probieren, sollten sie sofort ein ernsthaftes Gespräch führen, rät der Kinder- und Jugendpsychiater Ottmar Hummel. Doch auch an den Schulen besteht Handlungsbedarf. Wie präsent vor allem Cannabis dort ist, erlebte Hummel beim Besuch eines Charlottenburger Gymnasiums. Auf dem Pausenhof hätten zwei Dutzend kiffende Schüler gestanden, erzählt er. Der Aufsicht habende Lehrer habe nur mit den Schultern gezuckt und kommentiert: „Da kann man nichts machen. Das sind alles Problemschüler.“ Eine Haltung, die Hummel nicht akzeptabel findet: „Die Lehrer dürfen sich nicht nur auf die Bildung zurückziehen. Sie haben auch einen Erziehungsauftrag.“

Doch in der Praxis sind Lehrer häufig überfordert und schon froh, wenn der Unterricht nicht gestört wird. „Das Interesse fehlt“, kritisieren die Mütter und Väter aus der Charlottenburg-Wilmersdorfer Elternkreis-Gruppe. 25 Schulen hätten sie kürzlich angeschrieben und Beratung angeboten. Die Resonanz sei gleich Null gewesen.

Die Schulen in Berlin haben ihr eigenes Präventionssystem mit Drogenkontaktlehrern und Koordinatoren in jedem Bezirk. Sie leisten im Problemfall Hilfestellung oder vermitteln diese. Doch auch Berlins Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara hört immer wieder: „Die Lehrer gucken nicht richtig hin.“ Die Kinder fänden im Umfeld der Schule immer eine Möglichkeit, sich zu verziehen, in die nächste Grünanlage oder hinter die Turnhalle. Sie wünscht sich, dass die Lehrer nicht die Augen zumachen, sondern die Jugendlichen konfrontieren und direkt fragen: „Hast du gekifft?“ Möglichst unter vier Augen.

Das Geld für Prävention ist knapp

Tatsächlich jedoch erlebt die Drogenbeauftragte viele Lehrer als unsicher und die Maßnahmen als wenig zielführend. Wenn Schüler aufgrund von Alkohol- oder Cannabiskonsum unangenehm auffielen, würden sie zwischen den Schulen hin- und hergeschoben. Besser sollten sich die Schulen gemeinsam mit den Eltern offensiv mit dem Thema auseinandersetzen, findet sie. Auch Fortbildungen der Lehrer seien wichtig.

Das Geld ist allerdings knapp: 2015 standen der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft für die Aids- und Suchtprävention nur 8000 Euro zur Verfügung. Ein Tropfen auf den heißen Stein bei einer Stadt mit rund 600 weiterführenden Schulen.

Aber nicht nur Lehrer, auch die Mütter und Väter sind nicht selten hilflos oder haben Angst vor der Auseinandersetzung mit ihren jugendlichen Töchtern und Söhnen. Die Landesdrogenbeauftragte hat schon Eltern erlebt, die ihr Kind mit Stoff versorgten, „um es zu schützen“. Dies sei falsch verstandener Liberalismus, warnt sie.

Zum 14. Geburtstag wünschte sich der Sohn Bier

Einige Eltern sind unzureichend informiert, was den Umgang mit Drogen angeht, andere regelrecht blind. Wie die Eltern von Emil*.

Seinen 14. Geburtstag wollte der Junge nur mit seinen Freunden feiern – ohne Eltern. Schließlich sei er kein kleines Kind mehr, betonte er. Und weil man Freiheit und Vertrauen groß schrieb in der Familie, wollten die Eltern ihrem Sohn auch einen weiteren Wunsch nicht verwehren: Bier als Partygetränk. Dass auch noch zwei Flaschen Wodka dazukamen, davon hatten sie keine Ahnung.

Zum Glück ging Emils Geburtstag glimpflich aus. Denn die meisten der geladenen Gäste – der jüngste war zwölf – waren dagegen, Alkohol zu trinken. Als ein Vater anschließend Emils Eltern auf die Wodkaflaschen ansprach, nannten Emils Eltern ihn „einen Spießer“. Sie hatten immer noch nicht erkannt, in welche gefährliche Situation sie die Kinder gebracht hatten.

Auch wenn Alkohol bei Jugendlichen an Beliebtheit verliert, bleibt er Suchtmittel Nummer 1. Laut Drogen- und Suchtbericht 2016 trinken zehn Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen mindestens einmal die Woche Alkohol. Alkohol und Zigaretten sind zwar legal. Experten halten ihre Suchtkraft aber für vergleichbar mit der von Heroin.

Probe aufs Exempel

Doch auch bei Alkohol ist die Umgebung oft alles andere als aufmerksam. So kam eine Testkauf-Aktion mit Minderjährigen unter Beteiligung des Ordnungsamtes Tempelhof-Schöneberg im März zu erschreckenden Ergebnissen. In 83 Prozent der Fälle wurde ohne Frage nach dem Alter Hochprozentiges an Minderjährige verkauft, obwohl dies gesetzlich verboten ist.

Die Folgen: 712 „Schnapsleichen“ zwischen elf und 17 Jahren wurden 2015 von der Berliner Polizei aufgegriffen. 45 zwischen zehn und 15 Jahren waren so betrunken, dass sie stationär behandelt werden mussten, darunter 35 Mädchen. Am meisten gepichelt wird in Spandau. Berechnet auf 100.000 Einwohner mussten dort 241 junge Menschen zwischen 15 und 19 Jahren wegen einer Alkoholvergiftung vollstationär im Krankenhaus behandelt werden. In Steglitz-Zehlendorf lag die Quote 2014 immerhin bei 194.

Die Eltern spielen eine entscheidende Rolle bei der Suchtentwicklung ihrer Kinder, wissen Experten. Daher raten sie, dass Mütter und Väter ihrem Nachwuchs keinesfalls Stoffe anbieten sollen, bei denen es die Gefahr einer Gewöhnung gibt. Auch Kaffee und Cola sollten bei Kindern tabu sein, findet Oberarzt Ottmar Hummel – auch wenn sie darum betteln.

„Kinder und Jugendliche wollen Grenzen überschreiten. Eltern, die gleich nachgeben, bringen sie dazu, die nächste Grenze zu suchen, denn sie haben keine Herausforderung mehr“, sagt er. Es lohne sich daher, früh um Grenzen zu kämpfen. Eltern, die Angst hätten, sich beim Nachwuchs unbeliebt zu machen, sollten wissen: Während die Erwachsenen glaubten, sie seien nett, empfinde der Jugendliche sie womöglich als „luschig“. Auch Elternkreis-Vorsitzende Sabine Hinze empfiehlt Eltern, keine Angst davor zu haben, als „Spielverderber“ zu gelten. „Wir sind nicht die Kumpels unserer Kinder. Manchmal müssen wir auch durchgreifen.“

Familiär vorbelastet

Besonders suchtgefährdet sind Kinder, wenn sie aus einer suchtkranken Familie stammen. Einerseits haben sie eine genetische Disposition, andererseits müssen sie häufig traumatische Erlebnisse verarbeiten. Das versuchen viele ebenfalls mit Hilfe von Suchtmitteln – wie es ihnen ihre Eltern vorgelebt haben. In Deutschland leben etwa 2,6 Millionen Kinder in Familien, in denen mindestens ein Familienmitglied süchtig ist. „Verwandte und professionelle Helfer stürzen sich nur auf den Süchtigen – ohne jegliche Sensibilität für die Probleme der Kinder“, kritisiert Henning Mielke, Vorsitzender von NACOA Deutschland, einer Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien.

Dabei zeigen neueste Erkenntnisse, dass diese Kinder kontinuierliche Hilfe brauchen. Denn ist ein Familienmitglied süchtig, hat das Auswirkungen auf die übrigen Mitglieder. Häufig kommt es zu einer merkwürdigen Rollenverteilung. Der „Co-Abhängige“ verliert sich nicht selten in seinen Bemühungen um den Süchtigen und entwickelt womöglich selbst Krankheiten.

„Der Mensch neigt generell zu Süchten“, weiß Suchtexperte Ottmar Hummel. Die Fixierung auf die Sucht hilft, alle anderen unbequemen Themen auszublenden. Der Suchtkick kann auch mit Hilfe von nicht stofflichen Süchten ausgelöst werden: Arbeitssucht, Magersucht, Sexsucht, Sportsucht, Computerspielsucht. Mit ebenfalls verheerenden Auswirkungen für die Betroffenen und ihr Umfeld. Etwa 560.000 Menschen in Deutschland sind laut Drogen- und Suchtbericht 2016 onlinesüchtig. Knapp die Hälfte davon gehört der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen an.

Möglichst früh eingreifen

Viele Eltern suchen aus Sabine Hinzes Sicht zu spät Hilfe. „Sie kommen oft erst, wenn ihre Kinder zwischen 17 und 25 Jahre alt und schon mehrere Jahre abhängig sind“, so die Beraterin. So lange die Jugendlichen noch gut in der Schule oder im Sport sind, wird die Sucht oft nicht bemerkt. Aufmerksam wird das Umfeld erst, wenn Schulversagen, sozialer Rückzug oder eine psychische Erkrankung vorliegen. Aufgrund der meist längeren Drogenvorgeschichte sind dann mitunter drastische Maßnahmen nötig.

Ist die Suchterkrankung weit fortgeschritten, müssen die Eltern oft hilflos zusehen, wie es mit ihren Kindern bergab geht. Denn eine Drogentherapie geht in Deutschland nur auf freiwilliger Basis. „Die Freiheit des jugendlichen Patienten wird zu hoch gehängt“, kritisiert Psychiater Hummel. Möchte man eine Klinikeinweisung gegen den Willen des Patienten durchsetzen, muss diese beim Familiengericht beantragt werden. Sozialer Verfall durch Drogensucht reicht in der Regel als Grund nicht aus. Nur wenn eine schwere Erkrankung vorliegt, etwa eine Schizophrenie, erfolgt die richterliche Erlaubnis. Auch betroffene Eltern kritisieren dieses Verfahren. Sie sagen: „Alles geht nur auf freiwilliger Basis. Doch unsere eigene Erfahrung zeigt: Es geht nur mit Zwang.“

Damit es gar nicht so weit kommt, sollten Eltern, die den Verdacht hegen, dass ihr Kind Drogen konsumiert, sich schnell Hilfe holen. Doch wie klappt der Weg aus der Sucht? Mit viel Konsequenz, lautet die Erfahrung der Väter und Mütter aus den Elternkreisen. „Es ist ein harter Weg. Aber es funktioniert“, sagen sie.

Die Scham ist groß

Die Kinder zu verwöhnen sei die falsche Methode. Die wissen längst ganz genau, wie sie die Eltern in die Tasche stecken können, etwa, indem sie ihre eigene Situation so mitleidheischend erzählen, dass ihre Sucht fast zwangsläufig erscheint. Eine Mutter, die ihren Namen nicht nennen will, erzählt: „Meine Tochter sprach mit einem Polizisten über ihre angeblich schlimme Lebenssituation zu Hause, der hatte Tränen in den Augen.“ Auch die Drogensucht zu decken ist der falsche Weg: Beratungsresistente Eltern, die womöglich sogar mit dem Anwalt drohen, sollte man ihren kiffenden Kindern unterstellen, sie seien süchtig, täten ihrem Nachwuchs nichts Gutes, warnt Sabine Hinze.

Lässt man das Kind gewähren, wird es zwar äußerlich größer, doch die persönliche Reife bleibt auf der eines 13-Jährigen stehen. Zuhause sitzt dann ein Häufchen Elend, das es erst um 14 Uhr aus dem Bett schafft. Instinktiv möchten sich viele Eltern um ihr „krankes“ Kind kümmern. Doch statt ihm alles abzunehmen, sollten sie lieber unbequeme Maßnahmen ergreifen.

Das Problem: Die Scham ist groß. „Die Eltern versuchen oft noch, sich das Problem schön zu reden – nach dem Motto: Ausprobieren ist wichtig“, berichtet Sabine Hinze. Doch irgendwann gebe es einen Punkt, an dem man nicht mehr weggucken könne. „Eltern, die anrufen, machen wir klar, dass sie sich auch bewegen müssen. Manche melden sich dann nicht mehr wieder“, sagt sie.

Tipps von anderen Betroffenen helfen

Dabei könnten ihnen gerade die Selbsthilfegruppen eine große Hilfe sein. Mütter und Väter können bei den Treffen offen über ihre Situation sprechen und aus den Erfahrungen anderer Eltern lernen. „Viele suchen die Schuld bei sich“, berichtet Sabine Hinze. „Es geht vor allem darum, dass die Eltern lernen, mit der Situation zu leben und sich abzugrenzen.“ Das klinge einfach, sei aber ein langer, schwerer Prozess. „Auch Eltern haben Rückfälle.“ Gefragt sei Konsequenz. Wenn man den Kindern drohe, sie rauszuwerfen, müsse das auch umgesetzt werden.

Der ehemalige Drogenkonsument Sebastian Roth wachte erst auf, als er von seinen Eltern vor die Tür gesetzt wurde. Mittlerweile ist der Finanzbuchhalter seit 13 Jahren clean. Seit drei Monaten ist der heute 33–Jährige ehrenamtlicher Mitarbeiter der Elternkreise. Mit 17 fing er an zu kiffen – wegen Liebeskummer und Problemen mit den Eltern. „Meine heile Welt war damals zusammengebrochen.“ Später kam Ecstasy dazu. Irgendwann stand er in der Schule zwischen vier und fünf. „Durch Drogen geht ein riesiges Potential verloren“, sieht er rückblickend ein. Denn als er wieder clean war, schaffte er sein Fachabi auf Anhieb mit 1,4.

Die betroffenen Kinder von der Schule zu werfen sei keine Lösung, findet Sabine Hinze. „Die Schulen sollten aber auch aufhören, die Kiffer durchzuziehen, nur damit die Statistik stimmt.“ Sie wünscht sich eine Untersuchung zum Thema Langzeitarbeitslosigkeit und Sucht, um die massiven Auswirkungen des Drogenkonsums auf die Gesellschaft aufzuzeigen. Und sie kämpft für eine bessere Suchtprävention.

Alle müssen genauer hingucken

Dass sich mit Prävention viel bewegen lässt, zeigt die positive Entwicklung beim Tabakkonsum. Der ist bei Jugendlichen ist out. Von den Zwölf- bis 17-Jährigen rauchten 2015 nur noch 7,8 Prozent. Im Jahr 2001 waren es noch 27,5 Prozent. Und das ist gut so, denn das Rauchen ist für viele Kinder und Jugendliche die Einstiegsdroge.

„Untersuchungen haben gezeigt, dass, wenn schon Zigaretten konsumiert werden, die Hemmschwelle viel kleiner ist, auch mal an einem Joint zu ziehen“, weiß Psychiater Ottmar Hummel, für den die Prävention mit den Volksdrogen beginnt. Paradoxerweise sei es heute schwieriger, an Zigaretten zu kommen als an Cannabis, sagt er.

Der größte Wunsch betroffener Eltern lautet: Hingucken. Jedes Kind, das in Gefahr sei, an Drogen verloren zu gehen, sei die Anstrengung wert. Ein Patentrezept haben sie allerdings auch nicht. Sabine Hinze: „Dann könnten wir damit hausieren gehen und viel Geld verdienen.“

* Name geändert