Unerfüllter Kinderwunsch

Abschied vom Baby-Traum

Mehr als sechs Millionen Frauen und Männer in Deutschland haben Probleme, Nachwuchs zu bekommen. Darüber reden will fast niemand. Franziska Ferber hat es getan

Süße Kulleraugen: Nachwuchs gehört für die meisten Menschen zum Leben dazu

Süße Kulleraugen: Nachwuchs gehört für die meisten Menschen zum Leben dazu

Foto: wundervisuals / Getty Images/iStockphoto

Fröhlich und bestimmt: So klingt Franziska Ferber schon bei der Begrüßung am Telefon. Es ist die Stimme einer Frau, die weiß, was sie will, und die sich so schnell nicht unterkriegen lässt. Der im Leben immer alles gelang, was sie sich vorgenommen hatte. Zumindest fast immer. „Wenn du dich genug anstrengst, kannst du alles schaffen“: Dieser Satz, erzählt die heute 38-Jährige, habe sie schon in der Kindheit begleitet. Aber dann erlebte Franziska Ferber, dass sie eben doch nicht alles beeinflussen kann. Dass ausgerechnet ihr sehnlichster Wunsch unerfüllt bleiben wird: der nach einem Baby.

Dabei hatte alles so gut ausgesehen. Franziska Ferber war 30 Jahre alt, gesund, leitete erfolgreich die Kommunikationsabteilung einer Unternehmensberatung und hatte ihren Traummann Andi gefunden. Heirat, Kinder und vielleicht später ein Hausbau: Ein glücklicher Lebensweg schien dem Paar vorgezeichnet. Doch dann wollte sich der ersehnte Nachwuchs partout nicht einstellen, und der unbeschwerte Alltag verwandelte sich in einen qualvollen Leidensweg.

Warum ich?

Fünf Jahre lang versuchten Franziska Ferber und ihr Mann Andi, ein Kind zu bekommen. Erst auf natürlichem Weg, dann mit Hilfe einer Kinderwunschklinik. Erfolglos. Bis heute wissen sie nicht in letzter Instanz, warum es ausgerechnet bei ihnen nicht geklappt hat. Ein Schicksal, das sie mit rund zwei Millionen Frauen und Männern in Deutschland teilen, die trotz Kinderwunsch und medizinischer Hilfe keinen Nachwuchs bekommen.

Franziska Ferber gehört zu den wenigen, die sich entschlossen haben, offen darüber zu berichten. Sie möchte damit denen helfen, denen es geht wie ihr. Und sie möchte in der Gesellschaft mehr Verständnis und Mitgefühl wecken für die, die von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen sind.

„Nicht jeder, der keine Kinder hat, will das so“, betont Franziska Ferber. Doch genauso fühlte sie sich manchmal in Frage gestellt: als „Karrieretussi“, die sich der gesellschaftlichen Norm, Mutter zu werden, verweigert. Der Druck, sich zu rechtfertigen, steigerte ihr persönliches Leid. „Andi und ich waren felsenfest davon überzeugt, dass wir ein Kind haben, sobald die Behandlung vollendet ist. Doch alles Bemühen, alles Aushalten hat nichts geholfen. Es war schrecklich, nichts tun zu können. Das machte uns hilflos und verzweifelt.“

Den Moment, in dem das Paar beschloss, sich in einem Leben ohne eigene Kinder einzurichten, empfand Franziska Ferber als „sehr entlastend“. „Ich war euphorisch, dass ich mich jetzt erholen darf“, erzählt sie. „Ich habe viel nachgeholt: habe gefeiert, mich in die Arbeit gestürzt.“ Dennoch habe es – trotz des ihr eigenen Pragmatismus – noch gut zwei Jahre gebraucht, bis sie einen inneren Frieden gefunden habe. Dabei half ihr eine Coaching-Ausbildung. Heute arbeitet Franziska Ferber als Beraterin für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch. Neben persönlichen Coachings bietet sie über ihr Büro „Kindersehnsucht“ auch eine Begleitung via Telefon, Skype oder E-Mail an.

Suche nach Halt und Unterstützung

Doch warum ist Beistand überhaupt wichtig? „Bei anderen schwierigen Situationen im Leben wie Problemen bei der Arbeit ist ja meist nur ein Partner betroffen, der andere kann Halt und Unterstützung geben“, sagt sie. „Der Kinderwunsch jedoch betrifft beide, da kann eine dritte Person am besten für Entlastung sorgen.“ Zumal das Umfeld nicht unbedingt den ersehnten Schutzraum biete, denn die Familie, Freunde und Bekannte seien nicht unbedingt neutral. Es helfe, mit jemand zu sprechen, der den unerfülltem Kinderwunsch selbst erlebt habe.

Nicht nur durch ihr eigenes Erleben, auch durch ihre Beratungspraxis weiß Franziska Ferber, wie wichtig eine psychosoziale Betreuung während und nach einer Kinderwunschbehandlung ist. Dabei ginge es nicht darum, Ratschläge zu geben und Entscheidungen abzunehmen, sondern die Situation von allen Seiten zu beleuchten, Optionen durchzuspielen und den Betroffenen zu helfen, ihre ganz persönliche Lösung zu finden.

„Es wäre gut, wenn die Genehmigung der medizinischen Behandlung an eine psychosoziale Beratung gekoppelt wäre oder sie zumindest finanziell unterstützt würde und zudem Kinderwunschkliniken Aufklärungsabende für die Seele anbieten würden“, sagt sie. „Der erste Versuch ist nicht das Problem, da ist man noch voller Hoffnung. Aber dann... Keiner sagt einem, wie schwer das Warten fällt und wie anstrengend es ist, das permanent kreisende Gedankenkarussell auszuhalten.“

Weg zu innerer Freiheit

Franziska Ferber und ihr Mann Andi haben es geschafft, ihren Blick neu auszurichten und sich einen alternativen Lebensentwurf zu schaffen, in dem Kinder zwar eine Rolle spielen, nicht jedoch leiblicher Nachwuchs. „Wenn wir heute Kinder sehen, hadern wir nicht mehr mit unserem Schicksal“, sagt Franziska Ferber. „Ich bin glücklich mit dem, was ich tue. Und ich freue mich unglaublich, wenn es Klientinnen von mir besser geht oder sie schwanger werden. Jedes einzelne Kind ist ein Erfolg.“ Im Nachhinein, sagt sie, empfinde sie sogar ein Stück Dankbarkeit dafür, wie sich die Dinge fügten – weil es ihr geholfen habe, innere Freiheit zu finden. „Heute ist mir weitgehend egal, was andere denken. Und teilweise sage ich das sogar.“

Unverblümt und offen: So ist auch das Buch von Franziska Ferber, das ab sofort erhältlich ist und aus dem wir im Folgenden drei Kapitel veröffentlichen. Darin erzählt die Autorin von übergriffigen Fragen nach ihrem Kinderwunsch, vom gespannten Warten auf das Ergebnis der ersten künstlichen Befruchtung, von großer Enttäuschung – und vom neuen Leben, das sie und ihr Mann Andi begonnen haben. „Unsere Glückszahl ist die Zwei“ lautet der programmatische Titel. Ein wenig bange ist Franziska Ferber schon davor, wie ihr Lebensbericht ankommt. Aber den Einsatz bringt sie gern auf: „Wenn man etwas ändern will, muss man mutig sein.“

Und das schreibt Franziska Ferber:

Sätze, die niemand mit Kinderwunsch hören möchte

„Grrr“, murre ich in Richtung Andi. „Das gibt’s doch nicht. Kaum ist man über dreißig und verheiratet, darf man sich ständig mit diesen fiesen Sätzen auseinandersetzen, die ungewollt kinderlose Frauen nie mehr hören wollen! Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass man nur noch mit einem Blick auf den Bauch begrüßt wird!“, rege ich mich weiter auf.

„Ist das wirklich so?“

„Ja, allerdings. Jedenfalls gefühlt. Was glaubst du denn? Und dann kommen noch so lustige Ratschläge und Statements, die vermeintlich beiläufig in die Unterhaltung einfließen. Glauben die ernsthaft, dass ich nicht verstehe, dass sie in Wahrheit versuchen herauszubekommen, ob wir ein Kind bekommen wollen? Das ist doch unmöglich!“

„Hm. Was sind das denn für Sätze, die dich so aufregen?“

„Kinder machen das Leben erst lebenswert. Es ist die natürliche Aufgabe einer Frau, Kinder zu bekommen. Oder: Hast du keine Angst, im Alter allein zu sein? Oder noch dreister: Wann dürfen wir denn mit Nachwuchs rechnen? Oder hier die verdeckte, vermeintlich fürsorgliche Version: Deine Mutter würde sich so über ein Enkelkind freuen. Magst du keine Kinder? Und dann sind da auch noch diese besserwisserischen Aussagen wie: Glaub mir, irgendwann hörst auch du die biologische Uhr ticken. Und ganz schön mies sind diese in den Raum gestellten Aussagen wie: Dann ist dir deine Karriere wohl wichtiger…“

„Oha!“

„Ja, warte, ich bin noch nicht fertig. Es gibt auch noch die mitfühlende Variante wie beispielsweise: Das ständige Gerede über Kinder muss dich ja wohl total nerven… Oder: Das muss wahnsinnig schwierig für dich sein, wenn auf einmal alle Kinder bekommen. Übergriffig und indiskret finde ich auch das hier: Bei euch hat’s wohl nicht geklappt? Glauben die ernsthaft, dass sie so eine Antwort von mir bekommen, auch wenn sie den Nagel auf den Kopf treffen?“

Ich hole tief Luft und vermute, dass ich einen roten Kopf vor lauter Wut bekommen habe. Mir kocht wirklich fast die Galle über. Denn genau diese Sätze habe ich alle schon gehört. Mehr als einmal.

„Vermeintliche Anteilnahme – gut gemeint, schlecht gemacht und die immerwährende Neugierde schwingt in meinen Ohren mit. Echt! Wer das sagt, macht mich und alle anderen, die sich sehnlichst ein Kind wünschen, wahnsinnig! Vielleicht meinen sie es gut, ja. Aber sie helfen uns damit nicht. In meinen Ohren werden mit solchen Botschaften Thesen in den Raum gestellt, die einen zur Rechtfertigung zwingen. Mich überfordert das, denn ich muss mich schon den ganzen Tag im Zaum halten, damit ich mit meiner Sehnsucht überhaupt umgehen kann. Ja, ich vermisse etwas im Leben. Ja, ich habe natürlich Sorge, im Alter allein und einsam zu sein. Ich weiß, dass wir unseren Eltern eine Bürde auferlegen, gegen die weder sie noch wir etwas tun können. Wir wissen, dass nicht nur wir allein ,mit ohne Kind’ klarkommen müssen. Und ja, es ist auch nicht immer leicht, wenn der Reihe nach im Bekannten- und Freundes- wie auch Kollegenkreis die süßesten Babys der Welt geboren werden. Ja, ich kämpfe Tag für Tag darum, damit umgehen zu können – mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Bitte, macht uns das Leben mit der vermeintlichen Weisheit doch nicht noch schwerer! Sorgt doch bitte nicht dafür, dass wir uns jedes Mal, wenn ihr einen solchen Satz sagt, innerlich wieder neu zusammensetzen müssen, weil uns so etwas regelrecht auseinanderfallen lässt“, rede ich mich in Rage und habe das Gefühl, die Menge der Leute, die auf so indiskrete Art und Weise nachgehakt hat, direkt bei mir in der Küche stehen zu haben.

Ich glaube, Andi ist etwas verunsichert durch meine Wutrede und beobachtet mich wachen Auges. Aber ich bin noch nicht fertig mit meiner Ansprache vor dem imaginären, aber in der Realität für mich sehr deutlich vorhandenen Publikum: „Serviert mir nicht den optisch zwar hübschen, aber in Wahrheit sehr giftigen Fliegenpilz der Anteilnahme. Ich nehme ihn nämlich an. Und ich brauche lange, bis ich die gehörte, wenn auch vielleicht oft nicht so gemeinte Gift-Sequenz wieder los bin. Denn ja, natürlich nehme ich beim Hören dieser Fragen und Thesen die Schultern zurück, hebe den geknickten Kopf hoch, kneife die Augen zu und denke: Puh! Durch! Und das Atmen nicht vergessen! Aber in meinem Inneren sieht es ganz anders aus! Macht es mir doch bitte leicht. Seid einfach nett zu mir und an schlechten Tagen nehmt mich doch bitte einfach in den Arm. Kommentarlos, fragenlos, wortlos. Das wäre eine wirkliche Unterstützung!“

Andi schaut mich noch immer an, zieht mich an sich und küsst mich auf die Stirn, während seine Arme mich fest umschließen. (...)

Befruchtet oder nicht befruchtet?

Die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen, weil ich in Gedanken bei den neun Eizellen war. Ich habe versucht, ihnen über die Distanz Kraft und Mut zuzusprechen, und ich habe doch eine ganz gehörige Zeit damit verbracht, ihnen zu erzählen, wie dankbar ich wäre, wenn sie sich befruchten ließen, und wie herzlich ich sie begrüßen würde, wenn sie den Weg zu mir zurückfänden.

Am Sonntag wache ich auf und bin immer noch in Gedanken in der Kinderwunschpraxis. Mich interessiert außer der Frage, wie es den Eizellen geht, rein gar nichts. Alle Aufmunterungsversuche von Andi gehen, höchstens mit einem kleinen Lächeln von mir beantwortet, direkt ins Leere.(...)

Neun Uhr siebenundfünfzig. Neun Uhr achtundfünfzig. Neun Uhr neunundfünfzig. Zehn Uhr! Ich habe einen Kloß im Hals. Einen sehr, sehr großen Kloß, als ich mein Handy in die Hand nehme, es entsperre und die lange, zuvor eingespeicherte Nummer für die „Befruchtungshotline“ anwähle. Die Nummer heißt natürlich nicht so, aber ich finde es eine passende Bezeichnung. Es ist eine Sondernummer nur für die Patientinnen, die nach einer Punktion am Folgetag anrufen dürfen, um zu erfahren, ob sich die Eizellen haben befruchten lassen und sich geteilt haben.

„Kinderwunschpraxis, guten Morgen!“, schallt es mir entgegen.

„Ja, äh, grüß Gott. Hier Franziska Ferber. Ich hatte gestern die Punktion und darf anrufen, um zu erfahren, wie es den Eizellen geht?“

„Ah. Ja. Einen Moment“, höre ich die Schwester sagen. Im Hintergrund klackert ihre Tastatur. „Oh, Frau Ferber, das tut mir leid“, dringt es an mein Ohr und mir wird ganz schlecht.

„Wie? Was tut Ihnen leid?“

„Keine Eizelle hat sich befruchten lassen.“

„Das ist doch nicht Ihr Ernst! Ich hatte zwölf; okay – drei unreife. Aber da bleiben doch noch neun übrig. Haben Sie wirklich alle angesehen? Wenigstens eine wird doch wohl …“ Mir versagt die Stimme.

„Ja. Ich weiß. Es tut mir leid. Aber keine der neun reifen Eizellen ist befruchtet worden.“

„O nein“, flüstere ich noch, bevor mir kurz schwarz vor Augen wird. Ich kann kaum noch atmen, der Kloß im Hals ist größer geworden und im gleichen Moment merke ich, wie mir die Tränen aus den Augen schießen.

Da sitze ich in meinem Auto auf dem Parkplatz des großen Festzelts, wild entschlossen, da gleich mit guten Nachrichten zu Andi hineinzugehen … und jetzt das.

Ich weine. Mir ist schlecht. Ich bin allein im Auto und fühle mich allein auf der ganzen Welt, verlassen von allem und jedem.

Einsam und traurig.(...)

Andi! Ich muss Andi anrufen, denke ich, und es ist gleichzeitig ein Versuch, mich selbst zu retten. Ich weiß, dass Andi der einzige Mensch auf dieser Welt ist, mit dem ich jetzt sprechen möchte, und gleichzeitig der einzige Mensch, der jetzt einen Zugang zu mir finden kann. Durch die Tränen hindurch nehme ich mein Handy in die Hand und drücke die Kurzwahltaste. Es läutet. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann höre ich die vertraute Stimme. „Spatzl?“, fragt er.

„Ich …“, schniefe ich und werde schon wieder von der nächsten Tränenwelle geschüttelt. „Ich … ich habe angerufen. Nichts. Gar nichts. Keine einzige Eizelle!“

„O nein!“

„Keine einzige.“

„Liebling … das ist ja furchtbar“, höre ich Andi sagen und merke, dass auch er völlig benommen ist. Damit haben wir beide wirklich nicht gerechnet. Wir waren auf alles vorbereitet, wie wir dachten. Wir haben damit gerechnet, dass die Stimulation Probleme machen könnte, dass sich eine Eizelle nicht einnistet, dass es eine Fehlgeburt geben könnte … aber dass wir trotz der medizinischen Unterstützung keinerlei Befruchtung erreichen würden, das schien uns undenkbar. Nun ist genau dieser Fall eingetreten. Und es tut uns sehr weh.

Eigentlich sind wir so positive Menschen. Und wir sind beide mit dem Satz aufgewachsen: „Wenn du dich genug anstrengst, kannst du alles schaffen.“ Und jetzt, in diesem Moment, lernen wir, die wir sonst vom Schicksal im Leben so oft begünstigt waren und auf der Sonnenseite standen, dass dem nicht so ist. Nicht mehr – wir stehen nicht mehr in der Sonne, sondern im kalten dunklen Schatten unserer Hoffnung und Sehnsucht.(...)

Angekommen im neuen, kinderlosen Leben

Kinderlos zu sein, bedeutet nicht, die Chance auf ein glückliches Leben zu vergeben. Kinderlos zu sein, bedeutet für mich zu wissen, dass es dennoch ein glückliches Leben geben kann. Nicht selbst gewählt – aber selbst genutzt! Mit viel Sinn – den man selbst entdecken und gestalten kann und darf. Vielleicht sogar früher als andere Menschen, die sich diese Frage in der Regel erst in der sogenannten Midlife-Crisis stellen.

Wenn ich eines in den vielen Jahren meines Kinderwunsches, der bis heute unerfüllt, aber auch warmherzig verabschiedet ist, gelernt habe, dann ist es das: Glücklichsein ist lebbar, auch wenn sich die größten Träume nicht erfüllen. Es gilt, die bisherigen Träume durch neue Visionen zu ersetzen. Die alten, unerfüllten Wünsche behalten ihren Platz, genauso wie die Lücke ein Teil unseres Lebens bleiben wird. Aber ich richte meine Energie nicht mehr auf das aus, was fehlt, sondern auf das, was ich erreichen kann. Ich blicke nicht nur zurück, sondern gestalte die Zukunft, auch mit den Lücken, die das Leben uns beschert und mit auf den Weg gegeben hat.

Wenn ich ein glückliches Leben möchte, dann muss ich irgendwann eine Entscheidung treffen und dann entsprechend handeln: Ich habe mich dafür entschieden, lieber auf meinen Kinderwunsch zu verzichten, als noch mehr und noch länger alles – auch über meine Kräfte hinaus – zu tun, um womöglich doch noch ein Kind zu bekommen. Ich habe mich entschieden, mich nicht mehr dauerhaft unglücklich zu fühlen und unerfüllt zu leben. Deshalb habe ich mich auf das konzentriert, was mir Kraft gibt und mich stärkt. Und damit ich mich darauf konzentrieren kann, habe ich mehr und mehr das weggelassen und aus meinem Leben verabschiedet, was mir Kraft raubt. Ich habe entschieden, nicht mehr auf etwas zu warten, was mich dann – irgendwann – glücklich macht. Ob es nun das Wochenende und Zeit mit meinem Mann sind, ob es der nächste berufliche Erfolg ist oder was auch immer. Glücklich sein kann und will ich jetzt. Und aus mir heraus. Will sagen: Ich vergleiche mich nicht mehr mit anderen Menschen – schon gar nicht mit denen, die Kinder haben.

Irgendwann auf diesem Weg, irgendwann während all der vielen Gespräche, ist mein Mann aufgestanden, hat sich ganz nah zu mir gesetzt und mich angeschaut. „Wir haben eine große Chance“, hat er zu mir gesagt. „Und die werden wir nutzen, um unser Leben so zu gestalten, wie wir es gut finden. Mir ist es nicht wichtig, was andere sagen. Sollen sie erst einmal in unseren Schuhen gehen, bevor sie sich eine Meinung bilden. Wir zwei, wir gehen los. Lass uns dahin schauen, wo wir in Fülle und ohne Mangel leben können. Ja, wir haben kein Kind bekommen. Wir haben es probiert. Es hat nicht geklappt. Wir wissen unser Leben lang, dass wir alles versucht haben. Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Lass uns das genießen, was wir haben und was gut ist. Komm – wir konzentrieren uns jetzt bewusst darauf!“

Dann nahm er meine Hand und küsste meinen Handrücken. Dabei schaute er mir tief in die Augen und ich war einfach nur dankbar, ihn an meiner Seite zu haben.

Er sprach mir aus der Seele, wie so oft. Seit diesem Tag weiß ich, dass wir auch ohne Kind glücklich sein können und sein werden. Wir werden uns immer wieder in unserem Leben mit der Kinderlosigkeit beschäftigen müssen. Wenn die Menopause kommt, wenn bei unseren Freunden die Kinder aus dem Haus gehen, wenn wir ins Alter des Ruhestands kommen, wenn andere die Enkel bekommen, wenn es um die letzte Lebensphase geht.

Ich weiß, dass uns das Thema beschäftigen wird. Aber das macht nichts, wenn wir dann jeweils auf erfüllte Phasen in unserem Leben blicken können, wenn wir gelebt und nicht nur vermisst haben. Dann werden wir einen Weg finden, damit umzugehen. Weil wir es auch bis hierher ohne Kind geschafft haben.

Jahre später räume ich mein Medizinschränkchen auf.Und finde Progesteron-Kapseln, die Fruchtbarkeit fördernden Vitaminpräparate und verschiedene Spritzen. Ich nehme sie in die Hand und betrachte sie. Jahrelang habe ich sie nicht mehr gesehen. Ich nehme sie, betrachte sie und wiege sie in der Hand. Ich denke daran, wie wichtig sie mir über so viele Jahre waren und welch großen Platz sie in meinem Leben eingenommen haben. Und wie wenig wir es letzten Endes in der Hand hatten, dieses Wunschkind zu bekommen.

Aber es lag sehr wohl in unserer Hand, das Beste aus der Situation und unserem Leben zu machen. Wir haben die Wahl zu entscheiden, wie wir mit unerfüllten Träumen und Sehnsüchten, Hoffungen und Wünschen umgehen. Jeder Mensch hat die Wahl zu bestimmen, mit welcher Haltung er Lebenskrisen begegnen will.

Ich werfe die Medikamente in den Mülleimer, der neben mir steht. Ich brauche sie nicht mehr – weder die Medikamente noch die Sehnsucht nach einem Kind. Ich habe mein Leben akzeptiert. Ich habe beschlossen, dass ich auch ohne Kind glücklich sein darf. Und ich habe für die Lücken in meinem Leben einen zu mir passenden Umgang gefunden. Ich lebe mein Leben – kinderfrei, aber mit viel Sinn. Ich werde geliebt: von dem wunderbaren Mann an meiner Seite und von meiner Familie. Aus dem tiefen Leid, das mir kein Kind gebracht hat, lasse ich heute Gutes erwachsen. Und ich werde gebraucht, nicht zuletzt von den Frauen, die ich als Kinderwunsch-Coach begleiten darf. Ich werde gebraucht, ich habe eine Aufgabe und ich hinterlasse Spuren im Sand des Lebens.

Buchauszüge aus: Franziska Ferber: Unsere Glückszahl ist die Zwei. Wie wir uns von unserem Kinderwunsch verabschiedeten und unser neues, wunderbares Leben fanden. Eden Books, 2016, 240 Seiten, 14,95 Euro

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