Bindungsangst

Nah und doch fern

Die schöne Frau an der Bar macht auf unnahbar, der neue Lover taucht plötzlich ab. Macht uns die Angst vor Nähe und Bindung beziehungsunfähig?

Die Angst vor Nähe schafft unsichtbare Grenzen zwischen Menschen

Die Angst vor Nähe schafft unsichtbare Grenzen zwischen Menschen

Foto: Getty Images / Erik Dreyer/Getty Images

Sie trafen sich auf einem Onlineportal. Markus*, 46, aus Sachsen-Anhalt, und Sabrina*, 45, aus Berlin. Beide Eltern, beide geschieden. Markus hatte Sabrina angeschrieben und gleich den richtigen Ton getroffen. Nicht zu forsch, nicht zu ernsthaft, aber auch nicht oberflächlich. Nach einer Woche E-Mail-Kontakt wechselten die beiden auf WhatsApp. Die Nachrichten wurden persönlicher, der Ton liebevoller. „Ich bin ein Bauchmensch“, schrieb Markus. „Ich höre auf meine innere Stimme und sie leitet mich selten in die falsche Richtung.“

Sabrina war begeistert. Ein Mann, der zu seinen Gefühlen steht und darüber sprechen kann: Das klang wie ein Sechser im Lotto. Zumal Markus nicht nur aufrichtiges und hartnäckiges Interesse zeigte, während sie sich nach einigen gescheiterten Beziehungen eher zurückhaltend verhielt. Zugleich zeigte er die Bereitschaft, sich trotz seines fordernden Alltags zu ihr auf den Weg zu machen. Zwei Wochen nach dem ersten Kontakt begegneten sich Markus und Sabrina das erste Mal auf der Museumsinsel – und verliebten sich ineinander.

Die Kennenlern-Geschichte klingt nach dem Beginn einer wunderschönen Beziehung, hätte nicht wenige Wochen später eine fatale Dynamik von Markus Besitz ergriffen. Dem ersten Treffen waren weitere gefolgt, die beiden hatten die neue Liebe sogar schon ihren jeweiligen Kindern vorgestellt. Markus hatte begeistert Urlaubspläne geschmiedet und überbordende Liebesbekundungen verschickt. Doch von einem Tag auf den anderen kam – nichts mehr. Kein Anrufe, keine Nachrichten, keine Erklärungen. Nicht einmal Ausflüchte.

„Wir müssen es nur wollen“

Sabrina versuchte, Markus zu erreichen, doch er war abgetaucht. Sie war ratlos angesichts des Schweigens, geradezu verzweifelt und außerdem voller Sorge. War etwas passiert? Hatte sie etwas falsch gemacht? Markus mit ihren eigenen Zweifeln angesteckt? Dabei war er es doch gewesen, der sie immer wieder beruhigt hatte. „Angst ist ein schlechter Wegweiser“, hatte er geschrieben. „Lebe heute und hier.“ Und: „Wir haben noch ganz viel gemeinsame Zeit vor uns, wenn wir es nur wollen und beide daran glauben.“

Was Sabrina erlebt hat, ist ein altes Phänomen. Jeder kennt die Geschichten von Männern, die vom Zigarettenholen nicht zurückkommen. Seltener auch von Frauen, die eines Tages die Tür der gemeinsamen Wohnung einfach zuziehen und alles zurücklassen – außer einer Erklärung für ihr Verschwinden. Neu ist allerdings die Häufigkeit, mit der ein solches Verhalten auftritt.

Vor allem, wer wie Sabrina im Internet nach einem Partner sucht, muss damit leben, von einer Minute auf die andere aus der Kontaktliste katapultiert zu werden. Aber auch offline greift ein Verhalten um sich, das mit dem Wort „Unverbindlichkeit“ nur unzureichend umrissen werden kann. Natürlich gibt es eine moderne Bezeichnung dafür, was Sabrina erlebt hat: „Ghosting“ nennt man es Neudeutsch, wenn jemand urplötzlich verschwindet, sich jeglichem Kontakt entzieht. Wie ein Phantom entfleucht, nicht mehr greifbar ist. Die dahinter liegenden Gründe sind allerdings komplex und nicht so leicht zu fassen, wie es das Schlagwort glauben machen lässt.

Zickzackkurs zwischen Nähe und Distanz

Sabrina hatte Glück. Sie stieß inmitten ihres Kummers auf ein Buch über Bindungsangst, in dem sie das Verhalten von Markus beschrieben fand, als würde die Autorin ihren Verflossenen kennen. Verfasserin ist die Psychotherapeutin Stefanie Stahl, Expertin für das Thema Bindungsangst.

Sie beschreibt in ihrem Buch, wie Bindungsängstliche zwischen dem Wunsch nach Nähe und der Angst davor hin und her schwanken und daher nicht zu einer klaren Entscheidung für oder gegen eine Beziehung finden. Auf Momente inniger Leidenschaft und liebevoller Nähe folge daher häufig die abrupte Distanzierung. „Nach solchen Momenten taucht der Bindungsängstliche körperlich oder psychisch ab oder er bricht Streit vom Zaun“, schreibt Stefanie Stahl und ergänzt: „Für die Partner ist dieser Zickzackkurs von Nähe und Distanz extrem verunsichernd.“

Die Therapeutin erklärt das Auftreten von Bindungsangst (die sich nicht nur im „Ghosting“, sondern auch in vielen anderen Formen äußern kann) mit der kindlichen Prägung. Ihre These: Wenn Kinder keinen sicheren Bindungsstil erwerben konnten, zeigen sie auch im Erwachsenenalter einen anklammernden oder vermeidenden Bindungsstil. Das Kernproblem ist ihrer Ansicht nach ein labiles Selbstwertgefühl. Daher flüchteten viele Bindungsängstliche lieber, bevor sie als „unzureichend“ entlarvt würden.

Das Angebot überfordert

Doch könnte es sein, dass auch der Zeitgeist ein solches Verhalten fördert? Dieser Meinung ist zumindest der Kolumnist und Autor Michael Nast, dessen Buch „Generation Beziehungsunfähig“ wohl nicht durch Zufall weit oben auf der „Spiegel“-Sachbuch-Bestsellerliste rangiert. Durch die sozialen Medien und Dating-Agenturen hätten wir Zugang zu so vielen potenziellen Partnern, dass es einen schlichtweg überfordern könne, konstatiert er. „Noch nie war uns so bewusst wie heute, wie viele potenzielle Partner es gibt. Wir werden quasi überhäuft mit Angeboten, andere Menschen kennenzulernen – ob für eine ernsthafte Verabredung oder unverbindlichen Sex.“

Nast sieht darin durchaus Vorteile: Man könne Menschen treffen, die man früher in seiner kleinen, abgezirkelten Welt nie kennengelernt hätte. Doch die Gefahr bestünde darin, in einen Rausch zu verfallen, der es einem schwer mache, das richtige Maß zu finden. „Wenn man zu viele Möglichkeiten hat, fällt es schwer, sich zu entscheiden“, sagt Nast. Mit der Konsequenz, dass man sich meistens gar nicht entscheide.

Auf der Suche nach Perfektion

Hinzu kommt nach seiner Ansicht, dass wir zu sehr mit unserem Ego befasst sind. „Das eigene Ich ist unser großes Projekt. Wir sind mit uns selbst beschäftigt. Jedes Detail wird zum Statement, das unser Ich unterstreichen soll: Mode, Musikrichtungen oder Städte, in die man zieht, Magazine, wie man sich ernährt – und in letzter Konsequenz auch die Menschen, mit denen man sich umgibt.“ Es gelte in unserer Gesellschaft das Credo, das Ich fortwährend zu optimieren bis hin zur Perfektion – mit fatalen Konsequenzen. Denn das Problem mit dem Perfekten sei ja, dass man diesen Zustand tatsächlich nie erreichen könne.

Nach Ansicht von Nast ist die Beziehungs- oder Bindungsunfähigkeit, von der so viel geredet wird, nichts anderes als das Streben nach Selbstverwirklichung, nach vermeintlicher Perfektion. Man wisse einfach, dass es irgendwo noch jemanden gebe, der besser zu einem passe, und man wolle sich in seinem Selbstverwirklichungsprozess nicht eingeengt fühlen. Doch darüber verpasst man in Nasts Augen das, was eine Beziehung ausmacht: „Wenn das eigene Ego so groß ist, dass es unseren Partner ausblendet, wird schnell mal verdrängt, dass es in Beziehungen um eine gemeinsame Entwicklung der Persönlichkeit geht. Wenn man in einer Beziehung ist, lernt man sich selbst ja auch noch einmal neu kennen. Man sieht sich aus einer anderen Perspektive.“ Beziehungen seien daher „eine gute Möglichkeit, sich als Mensch zu verbessern“. Dabei müsse man sich natürlich auch Konflikten stellen. „Wir sind immer weniger bereit dazu“, bedauert Nast.

Daniel*, 33, würde die Aussagen von Michael Nast wohl ohne Abstriche bestätigen. Er gehört zu den Singles in Berlin, die schon lange und erfolglos nach einem Partner suchen. Daniel hat den Eindruck, dass es den Frauen in der Stadt am Interesse an einer echten Partnerschaft mangelt und sich die meisten – Frauen wie Männer – vor allem ausleben wollen. Auch Marion*, 62, ist bei ihrer Partnersuche häufig enttäuscht worden. Viele Männer sind sang- und klanglos wieder aus ihrem Leben verschwunden. Ein Feedback, sagt sie, bekam sie nie. „Viele Menschen sind sich nicht im Klaren über ihre Haltung. Deswegen können sie nicht sagen, was sie denken“, vermutet sie. Und sie seien ängstlich.

Rat vom Single-Coach

Es sind Menschen wie Daniel und Marion, die die Hilfe von Jochen Meyer in Anspruch nehmen. Der 54-Jährige ist seit fast zehn Jahren in Berlin als Single-Coach tätig. Die Frage nach der Bindungsfähigkeit sei in den Beratungsgesprächen oft Thema, sagt er. Viele Singles fragten sich, ob sie nach Jahren des Alleinseins überhaupt noch beziehungsfähig sind – und wenn ja, warum es ihnen dann nicht gelingt, einen Partner zu finden, der ihnen gut tut.

Tatsächlich, gibt Meyer zu, gebe es in Berlin eine große Chance, auf Menschen zu treffen, die sich nicht einlassen können, nur eine Affäre wollen oder sich mehrere Beziehungen gleichzeitig wünschen. Von einer Generation von Bindungsunfähigen zu sprechen, hält er allerdings für zu hoch gegriffen. „Das ist kein Trend, das Phänomen gab es schon vor 30 Jahren, als ich nach Berlin kam, weil es in dieser Millionenstadt für jedes Bedürfnis eine Nische gibt“, sagt er.

Der Single-Coach gibt Ratsuchenden Tipps, woran man integre Beziehungsangebote erkennt. Das Gegenüber müsse sich klar und eindeutig bekennen, sein Interesse am ganzen Menschen bekunden und sich wohlwollend und unterstützend zeigen, sagt er. Vor allem aber hilft Meyer seinen Klienten, Klarheit über die eigenen Bedürfnisse zu gewinnen und eine Strategie zu entwickeln, wie diese erfüllt werden können.

Raus aus der Komfortzone

„Wem der Wunsch nach einem Partner wirklich wichtig ist, muss raus aus seiner Komfortzone“, betont Meyer. Singles müssten ihre Prioritäten überprüfen und vielleicht auch mal anderes zurückstellen, um überhaupt Zeit und Energie für die Partnersuche zu gewinnen. Vor allem aber sollten sie etwas Neues ausprobieren. „In Berlin bewegt man sich in seinem Kiez, baut Routinen auf. Aber der neue Partner soll ja etwas Neues ins Leben bringen, er soll bereichern und inspirieren. Daher sollte man sich fragen: Nach wem suche ich eigentlich und wo muss ich hingehen, um so jemanden zu finden?“

Meyer berichtet, wie eine Klientin einen Partner fand, indem sie ganz gegen ihre Gewohnheiten allein ein Jazzkonzert besuchte. Andere hätten sich eine Stilberatung gegönnt oder mit Sport angefangen. Das habe ihre Ausstrahlung und die Resonanz von außen deutlich verändert. Auch Online-Dating kann diesen Zweck erfüllen. „Ein Profil auszufüllen, andere anzuschreiben und auf ihre Post zu antworten ist ein Aktivator“, sagt Meyer. Er hat erlebt, wie Klienten durch diese Prozesse offener wurden und sie plötzlich ganz unkompliziert eine neue Liebe fanden.

Vertrauen kann man lernen

Natürlich gibt es auch schwierigere Fälle, gibt Jochen Meyer zu. Aber wie Psychotherapeutin Stefanie Stahl ist er überzeugt, dass vielen Menschen mit Selbstzweifeln und unsicherem Bindungsverhalten gut geholfen werden kann, indem man sie darin bestärkt, sich auf das Abenteuer Liebe einzulassen. „Raus aus der Komfortzone, sich verlieben – das bedeutet auch, dass einem mulmig wird, dass man wagt, mehr zu vertrauen. Und das kann man lernen“, so Meyer.

Eine solche Ermutigung hätte vielleicht auch Markus geholfen, dem Mann aus dem Internet, der seine Freundin Sabrina ohne Vorwarnung schweigend zurückließ. Im Nachhinein waren Sabrina sogar einige Situationen eingefallen, in denen Markus bereits während ihres Zusammenseins unsicher, überfordert und außergewöhnlich schweigsam gewirkt hatte. Immerhin: Monate später, zu ihrem Geburtstag, bekam Sabrina eine Glückwunschkarte von Markus. Sie sei und bleibe eine wunderschöne Erinnerung und er wünsche ihr alles Gute, schrieb er. Sabrina freute sich, dass Markus seine Sprache wiedergefunden hatte. Nun kann sie einen Punkt setzen. Und neu beginnen.

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