Prokrastination

Surfen statt arbeiten

Ob Steuererklärung oder Abschlussarbeit: Viele Menschen schieben Unangenehmes gern auf. Die schlechte Angewohnheit kann viel Leid verursachen

Was du heute kannst besorgen....

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Foto: Anna Bizon / BM

Manchmal stellt er sich vor, wie es wäre, wenn er ein Kind hätte. Morgens um sieben Uhr aufstehen, Brote schmieren, das Kind in den Kindergarten bringen, es nachmittags wieder abholen. Sein Leben, es wäre plötzlich bis auf die Minute genau durchgetaktet. Keine Zeit für Ausflüchte. Und spätestens an dieser Stelle ertappt sich Tom* bei dem Gedanken, dass er mit dem Kinderkriegen vielleicht noch eine Weile warten sollte. Bis übermorgen, bis 2017 oder vielleicht bis in ein paar Jahren. Mal schauen.

Denn Tom und Pünktlichkeit, das sind zwei völlig verschiedene Welten. Und deshalb sitzt er jetzt hier, in der Teeküche der Villa Mittelhof in Zehlendorf. Es ist ein mondäner Prachtbau aus der Gründerzeit in einem verwunschenen Garten, Anlaufstelle für verschiedene Selbsthilfegruppen. Jeden Mittwochabend treffen sich hier die Prokrastinierer. Prokrastination kommt vom lateinischen Wort „procrastinare“, das bedeutet „aufschieben“ oder auch „verschieben“. Prokrastinierer sind Menschen, die dazu neigen, unangenehme Tätigkeiten aufzuschieben. Mitunter so lange, dass sie in Zeitnot geraten und sich beeilen müssen, um ihre Aufgaben überhaupt noch zu schaffen.

Warum das so ist und welche Prozesse dabei im Hirn ablaufen, ist noch nicht restlos erforscht. Hierzulande hat die Psychologie dieses Problem erst Ende des vergangenen Jahrtausends entdeckt. Dabei ist es so alt wie die Menschheit selbst, und die Liste prominenter Prokrastinierer liest sich wie das Who is Who der Weltgeschichte. Sie reicht von Leonardo da Vinci bis Walter Benjamin.

Aufschieberitis – eine Volkskrankheit

Prokrastinieren gilt beinahe als Volkskrankheit. Bei einer Umfrage von Emnid im Auftrag der Wochenzeitung „Die Zeit“ gaben vor einigen Jahren über 40 Prozent der Befragten an, sie hätten durch ihre Aufschieberitis schon einmal Ärger im Job bekommen. Und fast jeder hat das Phänomen schon mal selbst erlebt. Nehmen wir zum Beispiel die Steuererklärung. Es ist die reinste Strafarbeit, Rechnungen und Belege zu sammeln und abzuheften. Das schieben die meisten nur allzu gern vor sich her.

Man steckt in einer Zwickmühle. „An die Arbeit!“, befiehlt das Über-Ich. Aber das Unbewusste rebelliert. Da ist die neue Staffel der TV-Serie „Game of Thrones“. Man könnte erstmal einige Folgen anschauen, bevor man sich an die Arbeit macht. Man könnte endlich auch mal seine Playlists auf dem iPod aktualisieren, die Festplatte entrümpeln – oder, oder, oder. Und dann macht man erst das eine und dann das andere. Und vergisst darüber völlig, was man eigentlich vorhatte. Irgendwann fällt der Blick dann auf den Kalender. Das Ende der Abgabefrist ist bedrohlich nahe gerückt. Es bleiben gerade noch 24 Stunden. Man sucht die Unterlagen unter Hochdruck zusammen und stellt erstaunt fest: Es geht doch, wenn es gehen muss.

Das unterscheidet den Durchschnitts-Aufschieber von den Mitgliedern dieser Selbsthilfegruppe. Tom ist noch nicht lange dabei. Erst vor einigen Monaten ist er beim Surfen im Internet auf den Begriff Prokrastinierer gestoßen. Drei abgebrochene Studiengänge und einige Psychotherapien hatte er da schon hinter sich. Aber er hatte noch immer keine Antwort auf die Frage gefunden, was mit ihm nicht stimmt und warum ihm nichts helfen konnte, auch keine Medikamente.

Routine lähmt ihn

Tom ist 45, ein Zweizentner-Mann mit zartem Händedruck, der leise spricht. Ein eisgrauer Vollbart rahmt ein weiches Gesicht ein. Tom macht einen resignierten Eindruck. Wie die meisten anderen ist er nicht ganz freiwillig hier. Tom hat Angst, seinen Job zu verlieren, große Angst sogar. Er sagt, noch habe er zwar keine Abmahnung bekommen, aber insgeheim rechne er schon länger damit, dass ihn sein Chef irgendwann einfach vor die Tür setzt. „Ich bin ein Wackelkandidat.“

Tom arbeitet in der Marktforschung. Sein Job ist nicht besonders anspruchsvoll. Umfragen auswerten, Statistiken erstellen und für den Kunden aufbereiten, solche Sachen. Und genau das ist sein Problem. Tom langweilt sich.

Es ist ein Muster, das er schon aus seiner Kindheit kennt. Er sagt, an eine Situation könne er sich noch genau erinnern. Es war in der ersten Klasse. Tom sollte eine DIN-A4-Seite mit dem kleinen Buchstaben „e“ füllen. Der Horror, sagt er. Was andere in wenigen Minuten schafften, dafür habe er drei Stunden gebraucht. Wie gelähmt sei er gewesen. Seine Eltern konnten sich darauf keinen Reim machen. Sie dachten, er sei faul oder trotzig. Erst sehr viel später fand ein Psychologe heraus, warum er sich in solchen Situationen wie gelähmt fühlt. Tom sagt, er sei hochbegabt.

Das Internet als Droge

Das erklärt, warum er sich schneller langweilt als andere. Und warum er sich die Zeit lieber mit Dingen vertreibt, die ihm mehr Spaß machen als Routine-Übungen, die ihn unterfordern. Landkarten oder Stadtpläne studieren zum Beispiel oder Zeitung lesen. Später im Studium kam das Internet dazu. Es ist bis heute seine Droge – Rettung und Verhängnis zugleich. Mit einem Auge ist er immer auf Facebook oder auf Nachrichten-Portalen unterwegs. Tom sagt: „Es gibt Tage, da bin ich bis 14 Uhr total gut über die Weltlage informiert, aber mit meiner Arbeit noch keinen Schritt weitergekommen.“

Seinem Chef ist das nicht verborgen geblieben. Tom senkt den Blick auf die Tischplatte, wenn er davon erzählt. Einige Male habe er sich schon verrechnet und eilig zusammengetippte Statistiken abgegeben. Es gab Beschwerden von Kunden, ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Chef. Tom versprach, in Zukunft gewissenhafter zu arbeiten. Aber wohl, sagt er, wohl habe er sich dabei nicht gefühlt. Das schlechte Gewissen steht ihm auch jetzt ins Gesicht geschrieben.

Oft ist es schon fast zu spät

Tom ist kein Einzelfall. Es geht ihm wie vielen Studierenden, die der Berliner Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert in der Prokrastinierer-Sprechstunde der Freien Universität Berlin betreut. Seinen Rat suchen viele erst, wenn es schon fast zu spät ist, kurz vor Ende des Studiums. Sie kriegen ihre Abschlussarbeit nicht fertig, und wenn Rückert dann nach den Ursachen forscht, findet er manchmal heraus, dass die Abschlussarbeit nur symptomatisch für einen Irrtum ist.

Hans-Werner Rückert sagt, viele quälten sich jahrelang mit einem Studienfach herum, das sie sich gar nicht selbst ausgesucht hätten. Männer, die Pharmazie studierten, weil schon der Vater Apotheker war und einen Nachfolger suche. Frauen, die Medizin gewählt hätten, weil sich der Chefarzt-Papa das so gewünscht habe. Die Schwierigkeiten mit der Abschlussarbeit seien dann nur symptomatisch dafür, dass das eigentliche Problem jahrelang aufgeschoben wurde. Die Betroffenen trauten sich nicht, sich den Irrtum einzugestehen.

Auch Tom passt in dieses Raster. Eigentlich ist er Architekt. Er war schon 35, als er nach mehreren Anläufen endlich doch noch den Abschluss schaffte. Wenn er davon erzählt, klingt er, als könne er das selbst immer noch kaum glauben. „Es hat lange gedauert, bevor ich die Prüfungsordnung in die Hand nahm, um zu gucken, welche Scheine mir noch fehlen.“

Riesengroße Scham

Andere an seiner Stelle hätten sich jetzt mit Elan ins Arbeitsleben gestürzt. Tom sagt, dazu fehle ihm nicht nur das Selbstbewusstsein, sondern auch die Motivation. Er murmelt etwas von einer Depression und davon, dass er schon alle möglichen Medikamente ausprobiert habe, sämtlich ohne Erfolg. „Bei vielen habe ich gar nichts gespürt. Von einigen habe ich zugenommen, von anderen habe ich erst richtige Depressionen bekommen.“ Er lächelt gequält.

Der Leidensdruck ist beinahe unerträglich, das unterscheidet ihn von den Gelegenheitsprokrastinierern, die nur ab und zu etwas aufschieben, hier eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt, dort einen unangenehmen Geschäftstermin. Und deshalb hat er Anschluss an die Selbsthilfegruppe gesucht. Der Berliner Unternehmensberater Constantin Bartning hat sie 2012 gegründet. Eine schwere Krise lag da hinter Bartning. Ein jahrelanger Scheidungskrieg, eine schwere Depression, eine Odyssee von Therapeut zu Therapeut. Bartning sagt, er sei phasenweise so blockiert gewesen, dass er einfachste Dinge nicht mehr geregelt bekommen habe. Aus einem Bußgeldbescheid der BVG über 40 Euro wurden plötzlich 200 Euro, weil die Post ungeöffnet blieb.

Eher durch Zufall fand er heraus, dass es ihm leichter fiel, die liegengebliebene Post außerhalb seiner Wohnung abzuarbeiten. Seine Scheidungsanwältin hatte ihm Asyl in einem leerstehenden Büro gewährt. Und so sei er auf die Idee mit der Selbsthilfegruppe gekommen, sagt Bartning. Ihre Mitglieder kommen aus allen Berufen, sogar ein Kino-Manager war schon dabei. Viele sind es nicht, die zu den Treffen kommen, nur ein Dutzend. Aber für viele ist diese Gruppe ein Anker. Bartning sagt: „Wir helfen uns gegenseitig dabei, liegengebliebene Unterlagen zu sortieren.“

Sich auszusprechen ist eine Befreiung

Tom ist noch nicht sicher, ob ihn diese Gruppe weiterbringt. Aber sich auszusprechen, das sei befreiend, sagt er. Hier versteht man, was er meint, wenn er sagt, er führe in gewisser Weise ein Doppellleben. Außer mit seiner Freundin oder mit seinem Therapeuten könne er mit niemanden über seine Probleme sprechen, so sehr schäme er sich. Den anderen geht es ja genauso.

Tom sagt, er habe in seinem ganzen Leben keine einzige Bewerbung geschrieben. Schon die Vorstellung, ein Bewerbungsgespräch führen zu müssen, würde ihm Schweißausbrüche verursachen. Was solle ein Personalchef von ihm denken, wenn er ihm gestehen müsse, dass er erst im dritten Anlauf ein Fach zu Ende studiert und die Uni schon mit grauen Haaren verlassen habe? „Alle fragten sich: Wer ist dieser alte Mann?“

Er habe erleichtert aufgeatmet, als er das Angebot bekam, in der Marktforschung unterzuschlüpfen. Seinen derzeitigen Chef kannte er da schon. Er hatte bereits während seines Studiums aushilfsweise in dem Büro gejobbt.

Angst vor dem Absturz

Dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, ist ihm bewusst. Tom ist schon lange in psychotherapeutischer Behandlung. Er sagt, sein Therapeut versuche ihn zu ermutigen, sich seinen Ängsten zu stellen und eine Entscheidung zu treffen. Und einen kleinen Schritt sei er ja auch schon weitergekommen. Das Chaos in seiner Bude zum Beispiel sei gar nicht mehr so schlimm. Tom grinst. Zum Saubermachen kommt jetzt immer eine Fachkraft. Und damit sich gar nicht erst Geschirrberge in der Küche stapeln, trickst er sich selber aus. „Ich benutze immer nur zwei Tassen und zwei Teller.“

Seine Freundin hat es erleichtert registriert. Die beiden sind schon einige Jahre zusammen, sie lebt aber in einer anderen Stadt. Tom sagt, die Option Kinder sei noch nicht vom Tisch. Es klingt eher nach einer Frage als nach einer Feststellung. Tom wählt seine Worte jetzt mit Bedacht. Vielleicht sei so ein Kind eine Chance für einen Neuanfang. Vielleicht würde er wie andere Menschen funktionieren, wenn er funktionieren müsse, weil ihm ein Kind gar keine andere Wahl ließe.

Er sagt, er habe das schon häufiger an sich beobachtet. Dass ihm immer dann Sachen gelungen seien, wenn er den Kopf abgestellt und nicht darüber nachgedacht habe. „Verrückt, oder?“ Die eigentliche Entscheidung aber steht ihm noch bevor. Bleibt er in einem Job, für den er sich täglich quält und der auch nicht besonders gut bezahlt wird? Oder schafft er es, neu durchzustarten? Tom wirkt unentschlossen. Er sagt, besser ein doofer Job als gar keiner. Das werde ihm jedesmal bewusst, wenn er in der U-Bahn obdachlose Männer treffe, die ihn um Kleingeld anschnorrten. „Die Wand zwischen mir und denen ist hauchdünn.“

Fall 2: Die Trennung führte zur Krise

Wer Constantin Bartning begegnet, kann sich kaum vorstellen, dass es Phasen in seinem Leben gegeben hat, in denen er das Gefühl hatte, er habe die Kontrolle über sich verloren. Constantin Bartning, 67, ist ein Macher. Organisiert, strukturiert, pragmatisch. Ein kleiner Mann mit Röntgenblick, der seine Worte mit Bedacht wählt.

Man trifft ihn in seinem Haus in Dahlem. Er teilt es sich mit langjährigen Freunden. Drei Familien, drei Etagen. Das Interieur strahlt etwas Beruhigendes aus. Helle Räume, Dielen, frische Blumen auf dem Tisch. Bartning wohnt oben alleine, seit seine Frau ausgezogen ist. Damit habe alles angefangen, sagt er. Seine Krise. Sie führte dazu, dass er, der Unternehmensberater, seinen Job vorübergehend nicht mehr ausüben konnte. Er sagt: „Ich habe einfachste Dinge wie meine Post nicht mehr geregelt bekommen. Ich war wie blockiert. Statt zu arbeiten, habe ich mich mit Zeitunglesen betäubt.“

Aufschieben als Folge einer schweren Depression? So würde das ein Psychologe formulieren. Doch Bartning traut solchen Diagnosen und den Empfehlungen der Fachleute nicht mehr. Er sagt, er wäre ihren Ratschlägen gerne gefolgt. Den riesigen Berg unerledigter Arbeiten Stein für Stein abzubauen, in kleinen Schritten zu denken, sich immer auf den nächsten Moment zu fokussieren. Geholfen hat es ihm nichts, sagt er. „Mir hat es mehr geholfen, wenn sich jemand neben mich gesetzt und gesagt hat: „Los, ich helfe dir jetzt beim Sortieren.“

Schon in der Schule schob er Aufgaben vor sich her

Einen selektiven Prokrastinierer, so nennt sich Bartning selber. Das klingt nicht so bedrohlich wie Depression. Seit sich der Blogger Sascha Lobo in seinem Buch „Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin“ als Prokrastinierer geoutet hat, gilt Prokrastination fast schon als Trendsport.

Bartning sagt, in dem Buch habe er sich wiedergefunden. Unangenehme Aufgaben habe er schon als Schüler vor sich hergeschoben. Griechisch lernen oder Latein zum Beispiel. Stattdessen habe er lieber Theater gespielt. Die kreative Seite der Prokrastination, sie werde viel zu wenig gewürdigt. Auch darum hat er die Selbsthilfegruppe gegründet.

Organisieren und anderen zu helfen, das ist für ihn wie Medizin. Heute stellt er den anderen Prokrastinierern ein leeres Arbeitszimmer in seiner Wohnung zur Verfügung. Dort können sie in Ruhe ihre Unterlagen sortieren, fernab des Chaos in den eigenen vier Wänden. Wenn sie mögen, hilft er ihnen dabei. Er sagt: „Ich glaube, ich habe das Schlimmste überstanden.“

Fall 3: Eine Chance, neu zu beginnen

Eine reißfeste Tasche von Ikea, randvoll mit Post. Das ist ihr Pensum für die nächsten drei Wochen. Alex* hat sie auf einem Schreibtisch in der Wohnung von Constantin Bartning abgestellt. Briefe, Rechnungen, Mahnungen, Bußgeldbescheide und was sonst noch so alles liegengeblieben ist in den vergangenen Monaten und Jahren.

Alex, 42, sagt das betont unbekümmert. Sie ist eine Frau, die Gelassenheit ausstrahlt. Und wer ihre Geschichte kennt, den wundert es nicht, dass sie so cool bleibt. Alex ist alleinerziehende Mutter zweier Jungs im Grundschulalter. Das Timing für die Kinder war denkbar ungünstig. Alex studierte noch und stand kurz vor dem zweiten Staatsexamen als Juristin, als der erste Sohn geboren wurde. Neun Monate später war sie wieder schwanger und der Vater der Kinder verschwunden. Er zahlt bis heute keinen Unterhalt. Das zweite Kind kam mit einer schweren Stoffwechselkrankheit zur Welt. Mukoviszidose.

Sie war am Ende ihrer Kräfte

Alex spricht von einer „Kette von Katastrophen“, und vielleicht beschreibt das die Ursache für ihre Aufschieberitis besser als jede psychologische Diagnose. „Es begann damit, dass ich anfing zu arbeiten“, sagt sie. Der Job in der Erwachsenenbildung und die Kinder, das ging nicht lange gut. Irgendwann, sagt Alex, habe sie es nicht mehr geschafft, den Briefkasten zu öffnen. Aus Zahlungserinnerungen wurden Mahnungen, aus Mahnungen wurden Pfändungen. Ein kräftezehrender Papierkrieg mit Behörden, Finanzämtern und der Polizei begann. Alex sagt, ihre Kinder seien ihr einziger Halt gewesen. Für sie habe sie noch funktioniert. Aber vor ein paar Monaten war sie am Ende ihrer Kräfte. Sie schmiss ihren Job, um Ordnung in ihr Leben zu bringen.

Constantin Bartning hilft ihr beim Sortieren. Er muss dabei gar nicht neben ihr sitzen. Sie sagt, die Ordnung und Ruhe in seiner Wohnung helfe ihr schon, sich besser zu konzen-trieren. Im Anschluss will Alex das zweite Staatsexamen nachholen. Sie sagt, es sei ihre letzte Chance auf einen Neuanfang.

Fall 4: Sie will es durchziehen

Sie weiß nicht, wie oft sie diese Frage schon beantwortet hat. Aber sie fürchtet sich jedes Mal mehr davor: „Na, Franziska, wie läuft’s im Studium?“ Franziska* ist 27 Jahre alt, sie studiert seit 14 Semestern BWL mit Schwerpunkt Marketing. Sie ist eine hochgewachsene Frau. Eine Frau, die weiß, was sie will. So tritt sie auf. Doch der Eindruck täuscht. Der Selbsthilfegruppe hat Franziska anvertraut, dass dieses Fach die falsche Wahl war und sie jetzt schon wisse, dass sie niemals im Marketing arbeiten werde. „Der Job erfordert ja, dass man Strategien entwirft und zeitnah umsetzt, und das habe ich schon in der Schule nie gelernt.“

Franziska sagt, schuld daran sei ihr chronisches Prokrastinieren. Sie spricht dieses Wort aus, als handele es sich um eine angeborene Krankheit. Eine Diagnose, die alle Fragen beantwortet und alle Widersprüche auflöst. Sie sagt, schon in der Schule habe sie sich immer weggeduckt, wenn es irgendwie unangenehm wurde. Vor Klausuren meldete sie sich regelmäßig krank, Hausaufgaben blieben unerledigt. Doch niemand habe ihr Problem erkannt, weder ihre Eltern noch ihre Lehrer. „Ich bin ja auch immer gerade so durchgerutscht.“ Im Studium setzte sich das Muster fort.

Drei Jahre werde sie wohl noch brauchen, sagt sie. Die Selbsthilfegruppe hat sie ermutigt, das Studium zu Ende zu bringen. Franziska scheint zu ahnen, dass auch das ihr eigentliches Problem nicht löst. Sie knetet nervös die Hände, ihre Stimme zittert ein wenig. Sie sagt, ihr bleibe keine andere Wahl. Abbrechen und noch einmal neu anfangen, das gehe jetzt nicht mehr. Ihre Eltern finanzierten ihr schließlich das Studium. „Das bin ich mir und ihnen schuldig.“

*Namen von der Redaktion geändert