Prokrastination

Auf den letzten Drücker

Fast jeder schiebt hin und wieder unangenehme Aufgaben auf. Warum? Und wann wird es krankhaft? Wir fragten Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert

Hans-Werner Rückert leitet an der FU Berlin eine eigene Sprechstunde für Prokrastinierer

Hans-Werner Rückert leitet an der FU Berlin eine eigene Sprechstunde für Prokrastinierer

Foto: Klaus Mellenthin 2015 / BM

Zur „Aufschieberitis“ neigen viele, aber wann wird das zum echten Problem? Wir haben den Psychoanalytiker Hans-Werner Rückert gefragt. Der 65-Jährige leitet die Psychologische Beratungsstelle der Freien Universität Berlin mit einer eigenen Sprechstunde für Prokrastinierer und hat einen Ratgeber geschrieben: „Schluss mit dem ewigen Aufschieben. Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen.“

Berliner Morgenpost: Herr Rückert, gehören Sie auch zu den Menschen, die dazu neigen, unangenehme Dinge aufzuschieben?

Hans-Werner Rückert: Nee, eigentlich nicht. Wenn ich etwas aufschiebe, dann Dinge, die risikolos aufschiebbar sind. Ich könnte mal meinen Keller aufräumen oder meine Festplatte entrümpeln. Unangenehme Dinge wie Telefonate versuche ich zügig zu erledigen, damit sie mich nicht länger quälen.

Ist es nicht ein ganz normaler Reflex, unangenehme Aufgaben wie die Steuererklärung so lange vor sich herzuschieben, bis man sich beeilen muss, die Frist noch einzuhalten?

Doch, na klar. Es geht ja im Kern darum, unangenehme Gefühle zu vermeiden. Und warum sollte man nicht bis auf den letzten Drücker warten? Dann ist man motiviert und das Adrenalin läuft einem aus den Ohren. Es ist ja ein Unterschied, ob die Vorhaben von den Betroffenen als dringlich und wichtig empfunden werden oder nicht.

Das Aufschieben wäre nicht so problematisch, wenn man in der Zwischenzeit nicht andere Dinge machen würde, die Energie kosten, oder?

Genau. Sonst wäre man ja einfach nur faul. Dazu kommt das schlechte Gewissen. Man weiß, man sollte eigentlich etwas anderes machen. Stattdessen sitzt man am Schreibtisch und spitzt seine Bleistifte an. Dann löst man ein Kreuzworträtsel und dann geht in die Küche und isst was, und dann macht man den Abwasch, um sich zu bestrafen.

Bleistifte anspitzen oder abwaschen, das sind auch Sachen, die man sonst eher ungern erledigt. Ist das nicht paradox?

Nein, eigentlich nicht. Es geht nach einer inneren Rangreihe von unangenehmen Dingen. Dinge wie Rasenmähen oder Autowaschen kann ich dadurch attraktiver machen, dass ich eine noch schwierigere Aufgabe wie die Steuererklärung nach vorne schiebe.

Wo steht das Internet im Ranking der Tätigkeiten, die man lieber erledigt als Unangenehmes?

Bei jungen, internetaffinen Menschen steht das weit oben. Das ist ja immerhin noch eine Form von Aktivität, zu chatten, E-Mails zu checken oder zu gucken, ob man Likes bekommen hat. Ich kenne aber auch Leute, die ihre Festplatte defragmentieren, anstatt zu arbeiten. Die starren eine halbe Stunde auf den Schirm, während ein Balken den Fortschritt in Prozent anzeigt. Bei den Studierenden, die ich betreue, steht neuerdings das Gucken von TV-Serien an erster Stelle. Die ziehen sich eine ganze Staffel rein. Umso schlechter ist hinterher das Gewissen. Das zeigt, wie paradox das Aufschieben ist. Sie machen das, um schlechte Gefühle zu vermeiden – und fühlen sich am Ende noch schlechter.

Warum schieben wir eigentlich überhaupt auf?

Es gibt verschiedene Motive. Unlust ist das, was subjektiv spürbar ist. Nehmen wir eine Abschluss-Arbeit. Die erfordert einen langen Atem. Man muss Entwürfe machen und wieder verwerfen. Für Leute, die perfektionistisch sind, kann das unangenehm und sogar kränkend sein. Manche Unlust hat aber auch unbewusste Motive.

Zum Beispiel?

Es können Ängste im Spiel sein vor Misserfolg oder auch vor Erfolg. Wenn Leute im Management einmal erfolgreich ein Projekt abgewickelt haben, wissen sie: Das nächste muss noch erfolgreicher werden.

Sie haben die Erregungsaufschieber vergessen...

Genau, die versuchen Spannung in ihr Leben zu bringen, indem sie alles auf den letzten Drücker machen. Diese beiden Typen halten sich die Waage. 15 bis 20 Prozent der Menschen sind Erregungsaufschieber und 15 bis 20 Prozent Vermeidungsaufschieber. Man kann aber auch beides sein.

Nach Freud balanciert das Ich die Triebe (Es) und die Befehle des Über-Ichs aus. Leiden Prokrastinierer an einer Ich-Schwäche?

Diese Sicht ist in der westlichen Welt stark verbreitet. Man geht davon aus, dass man die Kontrolle über sich hat. Das erfordert ein starkes Ich und einen ausgeprägten Willen. Diese Sicht ist aber nicht die einzige. Andere Forscher sagen, wir überschätzen das Ich maßlos. Wir sollten stärker nach verinnerlichten Konflikten gucken. Und das machen wir ja auch, wenn wir das Problem therapeutisch angehen.

Wie groß muss der Leidensdruck sein, damit sich Betroffene Hilfe suchen?

Oft reicht es nicht aus, wenn man nur seine Ziele nicht erreicht. Motivierender ist es, wenn man darunter leidet, nicht Frau oder Herr im eigenen Haus zu sein.

Sie haben in Ihrer Praxis schon Hunderte Menschen beraten. Mit welchen Problemen kommen die Leute zu Ihnen?

Bevor man sich zum Psychotherapeuten schleppt, muss man schon das Gefühl haben, am Ende zu sein. In der Uni sind das in erster Linie Studierende, die verzweifelt sind, weil sie ihre Abschlussarbeit nicht fertigkriegen. Die erleben jeden Morgen, wie sich ihr Magen umdreht und sie nur wegwollen vom Schreibtisch. Das Leiden wird dann massiv, wenn man das Gefühl hat, die Kontrolle verloren zu haben.

Über die Arbeit oder das Leben im allgemeinen?

Es kann sich in vielen Bereichen widerspiegeln. Denken Sie nur an das Thema Gesundheit. Wenn man Symptome beharrlich ignoriert oder die verschriebene Medizin nicht nimmt, kann man sterben. Die Frage ist aber immer, ob der Kontrollverlust eine Folge des Aufschiebens ist oder ob er nicht ganz andere Ursache hat wie zum Beispiel eine Depression.

Gibt es Persönlichkeitsmerkmale, die Menschen besonders anfällig machen für Prokrastination?

Studien haben ergeben, dass Prokrastination zusammenfällt mit dem Persönlichkeitsfaktor „Gewissenhaftigkeit“. Das gilt für Menschen, die alles aufschieben, nicht nur ihre Steuer und ihre Abschlussarbeit, sondern auch das Öffnen von Rechnungen und das Aufräumen der Wohnung. Wenn das Aufschieben nur bei bestimmten Aufgaben auftritt, ist es eher eine Frage der Motivation. An dieser Schnittstelle zwischen Persönlichkeit, Motivation und Aufgaben würde ich das Thema auch verorten.

Mangelnde Motivation klingt nach Null Bock. Mitglieder einer Berliner Selbsthilfegruppe sagen aber, sie fühlten sich manchmal so blockiert, dass sie gar nicht könnten, selbst wenn sie wollten.

Ja, es gibt diesen Hintergrund der depressiven Störungen. Wenn ich einem Depressiven sage, nun reißen Sie sich mal zusammen, kann ich mir das auch sparen. Depressiv sein heißt, ich habe die Fähigkeit zur Selbststeuerung verloren. Ich kann keine Energie mobilisieren. Ich fühle mich gelähmt.

Inwiefern können Sie Betroffenen helfen?

Nehmen wir mal die, die wir in der Uni behandeln. Für die haben wir zwei Formate, ein verhaltenstherapeutisches und ein tiefenpsychologisches. Im ersten Fall müssen die Menschen erstmal eine Woche lang aufzeichnen, wann und wie lange sie arbeiten. Und dann wird mit ihnen vereinbart, die Arbeitszeit zu reduzieren und die Arbeit besser zu planen. Das führt dazu, dass sie einerseits effektiver arbeiten, andererseits aber auch die freie Zeit wieder genießen können.

Wonach entscheiden Sie, wer für welches Programm in Frage kommt?

Im Vorgespräch stellt sich schnell heraus, ob die Betroffenen sich ein solches Vorgehen zutrauen und auch Lust dazu haben. Mit denen machen wir dann Workshops, die über zwei Monate gehen. Die anderen kommen in die tiefenpsychologische Gruppe. Bei denen gehen wir davon aus, dass sie die Selbstkontrolle verloren und Konflikte haben, die wir erstmal rausfinden müssen. Das ist für viele durchaus sehr unangenehm.

Warum?

Weil Aufschieben als Kompromiss bislang dazu führte, dass man sich die Frage gar nicht stellte: Warum willst du überhaupt den Abschluss machen? Da kommen dann unter Umständen familiäre Probleme hoch. Zum Beispiel, dass jemand nur deshalb Pharmazie studiert, weil er die elterliche Apotheke übernehmen soll.

Woran messen Sie den Erfolg Ihrer Arbeit?

Einerseits daran, ob wir helfen können, den Abschluss oder realistische Ziele zu erreichen. Zum anderen daran, ob wir einen Beitrag dazu leisten können, dass sich jemand seinen Konflikten stellt und eine neue, tragfähige Entscheidung treffen kann. Das kann auch bedeuten, dass er erkennt: Dieses Fach wollte ich gar nicht. Das tue ich mir nicht mehr an.

Noch gibt es keine ICD-Nummer, wie sie die Weltgesundheitsorganisation für Krankheiten vergibt. Wäre den Betroffenen geholfen, wenn es so eine Nummer gäbe?

Dem Kind einen Namen zu geben, macht es manchmal handhabbarer. Wer sagen kann, er hat Prokrastination, ist schon mal besser dran als andere, die ihr Leiden nicht benennen können.